Gegnerblog: Korkuts Stindl heißt jetzt Halfar

Von wegen, Tayfun Korkut hätte in Hannover nichts bewirkt. Er hat zum Beispiel zwei 96-Fans inspiriert, eine Homepage zu gestalten, die weit mehr ist als die übliche Abladestelle für Anhänger-Emotionen. Die Seite niemalsallein.de analysiert den kickenden Mikrokosmos Hannovers so akribisch, wie man es ansonsten nur von gesamtfußballerisch betrachtenden Internetpräsenzen wie spielverlagerung.de kennt. „Wir hatten die Idee schon länger, aber als Tayfun Korkut kam, haben wir uns entschlossen, sie umzusetzen, weil wir den Fußball mögen, den er spielen lässt“, erzählt Marius Kunte alias „Jaime“.

Der 24-jährige Student der Politikwissenschaften investiert gemeinsam mit dem PR-Fachmann Gunnar Lott alias „Kaliban“ pro Woche bis zu sechs Stunden Freizeit in seine Intensivbetrachtungen – „wie lange wir das durchhalten, weiß ich allerdings nicht“. Zurzeit macht’s den beiden wieder richtig Spaß. Sie sehen 96 für die kommende Zweitligasaison gut aufgestellt, und sind vor der Saisonpremiere gegen Lautern entsprechend optimistisch. Im Gespräch mit dem Blogwart widmet sich Marius Kunte allerdings auch ausführlich der Personalie, die die Klubs vor dem Auftaktspiel in besonderer Weise verbindet: Tayfun Korkut.

Marius, FCK-Fans sind auf Euch aufmerksam geworden, als Tayfun Korkut Lautern-Trainer wurde. Zunächst war das Entsetzen groß: Das ist doch der Trainerfrischling, den 96 nach elf sieglosen Spielen gefeuert hat… Auf Eurer Seite war dann zu lesen, für was für eine Art Fußball er steht – und welche Parallelen sich da zur Amtszeit Kosta Runjaics beim FCK auftun. Er hat eine neue Spielkultur etabliert, die über weite Strecken auch erfolgreich war. Doch als es dann nicht mehr lief, wurde sie ihm direkt um die Ohren gehauen…

So ein bisschen habe ich die Runjaic-Zeit in Kaiserslautern auch verfolgt. Gerade, weil ich es ungewöhnlich fand, dass er so einen Fußball in der Zweiten Liga spielen ließ, wo es da doch meistens nur darum geht, hinten dicht zu machen und einfach abzuwarten, was nach vorne geht. Zu sagen, da machen wir mal was anderes, das hat mir gefallen. Da gibt es durchaus auch Parallelen zu Korkut. Beiden geht es um Spielkontrolle. Das unterscheidet sie ein wenig von dem, was Klopp in seinen Anfangszeiten in Dortmund gemacht hat, oder was Schmidt in Leverkusen oder Rangnick in Leipzig praktizieren . Sie wollen Dominanz ausüben, indem sie den Gegner zu Fehlern zu zwingen und das entstehende Chaos ausnutzen. Bei Korkut und Runjaic sieht das bisweilen ähnlich aus, ihre Idee ist aber eher, ihre Mannschaft die Kontrolle behalten zu lassen, sie durchgehend bestimmen zu lassen, was passiert.

Sind dir auch Unterschiede zwischen Runjaic und Korkut aufgefallen?

Ich denke, Runjaic ist medienaffiner. Korkut hält sich in der Öffentlichkeit immer sehr zurück. Das wurde ihm zuerst positiv ausgelegt, in der Art: Endlich mal einer, der keine großen Worte macht und sich aufs Wesentliche fokussiert. Als es dann nicht mehr lief, hieß es: Wie soll diese Schlaftablette Hannover retten? Es ist wahrscheinlich besser, ab und an mal einen coolen Spruch rauszuhauen, um die Bedürfnisse der Medien zu befriedigen. Aber da macht Korkut nicht mit.

Als Hannover-Fans habt Ihr schlimme Jahre hinter Euch. Vor der ersten Zweitligasaison seit 14 Jahren scheint die Stimmung jetzt aber wieder richtig gut. Worauf gründet sich Euer Optimismus?

Zum einen darauf, dass es für uns eine ganz neue Situation ist, als Favorit in eine Saison zu gehen, nach 14 Jahren, in denen es überwiegend um den Abstieg ging. Jetzt gehen wir davon aus, mal in einer Saison viele Siege unserer Mannschaft zu sehen, allein diese Perspektive stimmt optimistisch. Auch meine Eindrücke von den Testspielen sind bislang positiv, es gab viele offensive Aktionen zu sehen, auch Torabschlüsse, allerdings noch zu wenig Tore. Ich finde auch, dass wir die individuelle Qualität unserer Mannschaft sogar gesteigert werden, was nach einem Abstieg ziemlich ungewöhnlich ist.

Wer genau bewirkt denn diese spielerische Steigerung?

Daniel Stendel hat ja schon gegen Ende der Vorsaison Salif Sané in die Innenverteidigung zurückgezogen, da bleibt er jetzt auch – sofern er Hannover nicht noch verlässt. Mit ihm sind wir hinten technisch viel stärker als mit dem Personal zuvor. Auch im zentralen Mittelfeld agieren mit Manuel Schmiedebach und Iver Fossum zwei spielerisch sehr gute Leute. Fossum, der im Winter zu uns kam, hat jetzt seine erste komplette Vorbereitung mitgemacht und entwickelt sich prächtig, der wird in der Zweiten Liga richtig gut aussehen. Und unser Mittelstürmer Artur Sobiech ist jetzt endlich mal längere Zeit verletzungsfrei und genießt das Vertrauen des Trainers – in den vergangenen Jahren hat immer eins von beidem gefehlt. Und für Zweitligaverhältnisse ist Sobiech ein sehr guter Stürmer.

Mit Daniel Stendel setzt 96 jetzt, wie im Dezember 2013 mit Korkut, wieder auf einen jungen, unverbrauchten Trainer. Wie kommt er an?

Bislang sehr gut. Ehemalige 96-Spieler genießen im Umfeld immer hohes Ansehen. Außerdem hat er im Nachwuchsleistungszentrum des Klubs gearbeitet, auf dessen Talente die Vereinsspitze jetzt wieder mehr setzen will, nachdem es lange Zeit vernachlässigt wurde – insofern ist Daniel Stendel der ideale Typ, um diesen Weg auch nach außen gut zu verkaufen. Und erste gute Ansätze sind klar zu erkennen, aber ob das auf Dauer so bleibt – da muss man abwarten.

Du hast in den vergangenen Wochen auch Spiele von Kaiserslautern gesehen. In Eurem Überkreuzgespräch auf niemalsallein.de sagst du, du erkennst bereits die Handschrift von Tayfun Korkut. Wie sieht die aus?

Ich habe zu Beginn der Vorbereitung die FCK-Spiele gegen Luzern und St. Gallen gesehen, das war so früh, da ging es ihm wohl nur darum, die Mannschaft kennenzulernen. Vor ein paar Tagen habe ich mir dann das Testspiel gegen Brentford angeschaut, da waren große Fortschritte zu erkennen, vor allem, was die defensiven Abläufe angeht. Die Organisation in den verschiedenen Spielphasen war für diesen Zeitpunkt der Vorbereitung erstaunlich gut, ich muss sagen, in Hannover war Korkut nach so kurzer Zeit noch noch nicht soweit, aber da war die Situation auch eine andere.

Genauer, bitte.

Es wurde hohes Pressing gespielt, wie Korkut es sehen will. Weil man dadurch auch das Spiel kontrollieren kann, wenn man den Ball nicht hat. Das zu beherrschen, kann in der Zweiten Liga ein Riesenvorteil sein, denn es gibt nicht viele Mannschaften, die das selber spielen – und die auch nicht damit umgehen können, wenn sie früh im Spiel gestört werden. Natürlich steht die Mannschaft nicht mehr so kompakt, wenn die Stürmer vorne drauf gehen, da muss noch gefeilt werden, mit Halfar und Osawe in vorderster Front und einem der beiden Sechser, der dann je nach Bedarf aufrückt. Typisch für Korkut sind auch die beiden sehr aktiven Außenverteidiger, die den gegnerischen Spieler zum Teil schon in dessen Hälfte anlaufen.

Kann man das überhaupt „Ballbesitzfußball“ nennen, was Korkut spielen lässt?

Das ist so ein Klischee, das Korkut vorauseilt. Er ist kein Dogmatiker, sondern er kann sich auch ganz pragmatisch an den Möglichkeiten seiner Mannschaft ausrichten. Im Grunde geht es ihm nicht einfach nur um Ballbesitz, sondern um Aktivität in allen Spielphasen, das heißt, auch dann, wenn es gegen den Ball geht. Wenn die Mannschaft selbst den Ball hat, soll sie allerdings etwas damit anfangen können. Wie das in Kaiserslautern aussehen soll, hat man gegen Brentford schon gesehen: Enge Abstände zwischen den drei Spielern im zentralen Mittelfeld, und ein sehr aktiver Halfar, der sich weit zurückfallen lässt, um den Abwehrspielern Passoptionen anzubieten. Seine Rolle lässt sich gut vergleichen mit der, die Lars Stindl bei Hannover unter Korkut spielte. In Lautern wird Halfar sein Schlüsselspieler werden, zusammen mit Ring und Moritz.

Was ist mit dem Vorwurf, 96 sei unter Korkut Weltmeister im Quer- und Rückpassspielen gewesen?

Dazu muss man ein anderes Detail seines Spiels betrachten: Die Außenverteidiger stehen bei der Spieleröffnung erst mal relativ nah an den Innenverteidigern, damit sie angespielt werden können, und sie lassen den Ball auch gerne mal durch Kette laufen, um den Gegner rauszulocken. Wenn dann sonst nichts im Spiel zusammenläuft, führt das eben zu solchen Vorwürfen. Auf den ersten Blick mag das ja auch einfallslos aussehen, aber Sinn dieser Aktion ist, den Ball erst mal auf die andere Seite zu verlagern, um den Gegner in Bewegung zu bringen. Öffnet sich dann Platz im Mittelfeldzentrum, kann der zurückfallende Zehner mit den beiden Sechsern Dominanz schaffen und in die Tiefe gehen. Die Außenverteidiger rücken ebenfalls auf und schaffen Breite, während die Flügelstürmer einrücken.

Du sagst aber auch, wenn Korkut mit diesem Kader Neunter wird, ist er ein Zauberer…

Na ja, ich kann das Mittelfeld der Zweiten Liga vielleicht noch nicht so gut einschätzen, möglicherweise sind auch noch ein paar Plätze weiter vorne drin…

Hat sich Lautern mit dem Verkauf Bödvarssons weiter geschwächt?

Den sehe ich gar nicht mal so problematisch. Ich finde sogar, es wäre schwierig gewesen, ihn in Korkuts 4-2-3-1 einzubauen, weil er im Vergleich zu Osawe nicht so eine Brachialität mitbringt, sondern eher ein unterstützender Spieler ist. Als einzige Spitze hätte er wohl nicht so gut funktioniert. Insofern ist es für Lautern eigentlich ganz gut, dass da nochmal ordentlich Geld reingekommen ist. Aber das muss man jetzt investieren, denn gerade was die Flügelpositionen angeht, bin ich sehr skeptisch, insbesondere, was Technik und Spielverständnis des vorhandenen Personals angeht. Bei Pich glaube ich, einige gute Ansätze gesehen zu haben, aber wenn man mit einem Gaus als Stammlinksaußen in die Saison geht, wirds schwer, höhere Ansprüche zu stellen.

Ich denke, das Problem ist bereits erkannt. Ein Außenstürmer ist eine von mindestens drei Positionen, die Sportdirektor Uwe Stöver noch verstärken will… Habt Ihr nicht noch einen überzählig? Was ist mit Felix Klaus?

Wenn der FCK in der Sommerpause angefragt hätte, hätte er ihn wahrscheinlich haben können. Jetzt aber hat Klaus eine recht gute Vorbereitung gespielt und da am Freitag Füllkrug wohl ausfällt, hat er gute Chancen auf einen Platz in der Startelf… Also, ich denke nicht, dass er jetzt noch die Freigabe erhält. Davon abgesehen, glaube ich aber auch nicht, dass er in Tayfun Korkuts Profil gepasst hätte.

Die voraussichtliche Aufstellung von Hannover 96

Tschauner – Sorg, Sané, Anton, Albornoz – Schmiedebach, Fossum – Maier – Harnik, Sobiech, Klaus

Ein Gedanke zu “Gegnerblog: Korkuts Stindl heißt jetzt Halfar

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