Analyseblog: 0:4! Das ist bitter – aber Omen sind was für Omas

Die Frage war unmittelbar nach dem Abpfiff überall auf den Tribünen zu hören und selbstverständlich wurde sie auch auf der Pressekonferenz erwartet: „Wie wie wäre das Spiel gelaufen, wenn Marcel Gaus in der 6. Minute, als er frei vor dem Tor steht, das 1:0 macht?“ Die Antwort war, zumindest von Beobachtern, die dem FCK wohlgesonnen sind, ebenso schnell gegeben und wurde auch von Trainer Tayfun Korkut nicht anders erwartet: „Dann hätte das Spiel eine ganz andere Richtung genommen.“

Nun ist der neue Mann an Lauterns Seitenlinie keiner, dem die einfachen Antworten liegen. Er mag es differenzierter. „Ich glaube nicht“, sinnierte er hinterher ins Mikrofon des Medienzentrums auf die Frage, ob im Falle eines frühen Tores für seine Mannschaft mehr drin gewesen als diese deprimierende 0:4-Abfuhr. „Denn dann wären immer noch 85 Minuten zu spielen gewesen. Ob das sich das Spiel dann in andere Richtung entwickelt, eine andere Dynamik angenommen hätte – kann sein. Wir waren aber auch so die gesamte erste Hälfte gut im Spiel.“ Entschieden hätten mehrere Momente – und in denen „hat Hannover eiskalt zugeschlagen.“

„EISKALT ZUGESCHLAGEN“ REICHT NICHT ALS ERKLÄRUNG

Dass es in der 30. Minute, als Gaus Osayamen Osawe fast schon freigespielt hatte, und unmittelbar vor dem 0:2 zu zwei Abseitsentscheidungen gekommen, beziehungsweise nicht gekommen war, die vielleicht nicht einwandfrei waren, bemerkte der Coach auch, aber längst nicht mit dem verbitterten bis beleidigten Nachdruck, den diverse Berufskollegen an Tag zu legen pflegen. Öffentliches Hadern scheint also auch nicht seine Sache zu sein. Fragt sich nur, wie lange, wenn’s für seine Mannschaft so weiterläuft…

„Eiskalt zugeschlagen“ – das beschreibt es dann doch nicht so richtig umfänglich. Die Szene in der 16. Minute, als der Hannoveraner Kenan Karaman sich in der Spielfeldmitte energisch, aber erlaubt gegen den Neu-Lauterer Christoph Moritz den Ball errempelt und das 0:1 einleitet, sollte exemplarisch werden für die folgenden 74 Minuten: Die Hannoveraner waren von da an in den besagten entscheidenden Momenten eben nicht nur cooler, sondern auch körperlich robuster und fixer bei der Sache.

Wobei Korkuts Elf spätestens nach dem 0:3 in der 62. Minute auch mental gebrochen war, sich augenscheinlich zwar noch bemühte, aber eben nicht mehr mit dem wirklichen Glauben daran, dass hier noch gepunktet werden könnte. Von daher muss die letzte halbe Stunde nicht unbedingt für eine Betrachtung herangezogen werden, die Rückschlüsse auf den weiteren Saisonverlauf erlauben soll.

AUFFÄLLIGE SCHWÄCHEN IM KOPFBALLSPIEL

Eher schon das Verhalten im Kopfballspiel bei den beiden Treffern nach dem 0:1. Der FCK kassiert sie nach verlorenen Duellen in der zweiten Etage. Der erste mag eher zu entschuldigen sein. Der 1,96-Hüne Salif Sané im 96-Dress, der Patrick Ziegler und Alexander Ring überspringt, ist ein echtes Kopfballmonster, das sich auch gegen die Konkurrenz in Liga eins durchsetzen wird – nicht von ungefähr wird er aktuell vom VfL Wolfsburg umworben.

Beim 0:3 allerdings hat Stipe Vucur, Lauterns Kopfballabräumer Nummer eins eigentlich, gegen Artur Sobiech das Nachsehen, unmittelbar zuvor Ziegler gegen Karaman… Dass Sportdirektor Uwe Stöver bis Transferschluss am 31. August noch einen Innenverteidiger sucht, ist bekannt, nur stehen bislang Fähigkeiten im Aufbauspiel an erster Stelle seiner Arbeitsplatzbeschreibung. Qualität im Kopfballspiel noch dazusetzen, wär vielleicht kein Fehler.

WAS, WENN DAS 0:1 NICHT FÄLLT?

Tore, insbesondere das erste, markieren in Fußballspielen immer eine Zäsur, sie können, müssen aber nicht zu taktischen Neuausrichtungen und einer Änderung des Spielverlaufs führen – das hat Tayfun Korkut mit seinem „Kann sein“ vermutlich zum Ausdruck bringen wollen. Aus diesem Gedanken lässt sich aber auch die Frage ableiten: Was wäre geschehen, wenn Hannover nicht bei seiner ersten gelungenen Aktion den ersten Treffer markiert?

Der FCK war bis dato so herzerfrischend aufgetreten, dass sich die Anhänger auf den Tribünen entzückt die Augen rieben – und die ersten tatsächlich schon vom Beginn einer neuen Ära träumten. Wie von Korkut angekündigt, attackierten die Pfälzer die Niedersachsen schon im vorderen Drittel, gewannen dabei sogar ein paar Mal den Ball, was natürlich sofort für Leben auf den Rängen sorgte – und bei über 40.000 Zuschauern im Stadion besonders Laune macht. Dabei schoben sich die Betze-Buben keinesfalls blindwütig, sondern bestens organisiert auf den Gegner, mit dem viel zitierten „hohen Pressing“.

EGAL, WIE’S AUSGING: OSAWE IST EIN LICHTBLICK

Toll auch, wie schnell und direkt nach den Ballgewinnen in die Spitze gepasst wurde, wie die hinteren Reihen vor allem den eminent schnellen und beweglichen Osayamen Osawe in Szene setzten. Der Neuzugang aus Halle kann angesichts des deprimierenden Ergebnisses zwar schlecht als „Gewinner des Spiels“, wohl aber als großer Hoffnungsträger bezeichnet werden, der sogar nach einem solchen Abend einen Lichtblick für den weiteren Saisonverlauf darstellt.

Die Frage ist nur: Wer kommt, wenn das explosive Kraftpaket mal ausfällt? Im Kader ist weit und breit keiner zu sehen, der die neue Korkutsche Spielanlage in vorderster Front so passend unterstützen könnte.

WAS AUSSERHALB DER PRESSINGPHASEN WOHL GESCHIEHT?

Fakt ist allerdings auch, dass eine Mannschaft nicht über 90 Minuten so agieren kann, wie der FCK es in der ersten Viertelstunde tat. Wenn das Tor, das selbstredend auch dem Teamspirit einen Stich versetzte, nicht gefallen wäre, hätte die Elf sich nach 15 Minuten ein wenig zurücknehmen müssen, um vermutlich gegen Ende der Halbzeit die nächste intensive Pressingphase einzuläuten.

Die Frage sei ebenfalls erlaubt: Wie hätte die Mannschaften in diesen ruhigen Phasen reagiert? Wie bei Fünfstück mit zwei tiefstehenden Viererketten und zwei ab der Mittellinie ins gegnerische Aufbauspiel pieksenden Stürmern? Oder mit dem Versuch, das Match mit eigenem Passspiel zu kontrollieren?

Schon klar: Unter Korkut ist die zweite Variante zu erwarten. Wie gut diese in der Wettkampfpraxis aussieht, müssen die nächsten Spiele zeigen. Denn in diesem Kick konnte es angesichts der Torfolge zu keinen Ballbesitzphasen mehr kommen, zumal sich auch Hannover, bis das Spiel nach 60 Minuten entschieden war, auf den harten Verdichtungsfight einließ, zu dem sich der FCK entschieden hatte. Zeitweise bewegten alle 20 Feldspieler auf etwa einem Viertel des Grüns.

PROGNOSE: WIRD’S RUHIGER WIRD AUCH MORITZ BESSER

In den kontrollierenden Momenten dürfte auch Neuzugang Christoph Moritz besser zur Geltung zu kommen. Das gnadenlose Gepresse am Freitag war gar nichts für den Freund des gepflegten Passes, folgerichtig erhielt er danach die vernichtendsten Noten in den üblichen Bewertungsrankings. Seinen beiden Kollegen in der Mittelfeldzentrale, Ring und Daniel Halfar, gelang spielerisch zwar auch nur hin und wieder etwas, doch konnten sie wenigstens ihre Rackerqualitäten einbringen.

Welche Erkenntnisse bleiben noch? Stövers Agenda, neben dem besagten Innenverteidiger auch noch einen Rechtsverteidiger und einen Flügelspieler zu verpflichten, ist genau die richtige. Für Verteidiger Philipp Mwene waren die gehobenen Zweitligaansprüche, die Hannover 96 darstellt, am Freitag einfach noch zu hoch, und mit Gaus und Robert Pich auf Außen ist auf Dauer kein Staat zu machen.

SCHLECHTES OMEN? IST DOCH ALLES KÄSE…

Für die Flügel scheint eine Lösung in Sicht: Laut „sky“ steht der Ungar Zoltan Stieber vom HSV vor der Unterschrift beim FCK. Außerdem wurde gestern noch eine Personalie öffentlich: Offensivspieler Maurice Deville wird für ein Jahr zum FSV Frankfurt verliehen.

Noch was? Ach ja: Der letzte FCK-Trainer, dessen Premiere mit einer Niederlage endete, hieß Wolfgang Wolf. Am 27. November 2005 war das, 1:5 in Nürnberg, ähnlich fett also. Milan Sasic, Franco Foda und Konrad Fünfstück starteten in den Jahren danach mit Siegen in ihren Ligaalltag, Kjetil Rekdal und Kosta Runjaic mit Unentschieden. Die Ära Wolf verlief und endete, wie jeder weiß, gar nicht gut. Ob das jetzt ein Omen ist? Kann sein. Aber nur für die, die irgend etwas auf Omen geben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s