Kohlis Arschkarte: Zum Teufel mit „sky“ – Fußball ohne Kondom gibt’s nur im Stadion

„Ich hasse Fernsehen. Ich hasse es so sehr wie Erdnüsse. Aber ich kann es nicht lassen, Erdnüsse zu essen.“

Hat mal einer gesagt, der in seiner Zunft mal ein ganz Großer war, sich mit zunehmendem Alter aber nur noch zum Horst machte.

Nein, Kohli redet nicht von Felix Magath.

Sondern von der selbstquälerischsten Speckbacke, die das Kino je hervorgebracht hat. Die, die einst mit bestenfalls vollschlanken Wangen  „Citizen Kane“ gedreht hat, später mit „Im Zeichen des Bösen“ immerhin einmal noch  zeigte, dass sie es auch als Moppel noch drauf hat, am Ende aber, körperlich wie seelisch vollkommen verfettet, ihre drei Zentner Schwabbel nur noch in Kulissen von Schinken wie „Kampf um Rom“ hievte, wo sie ein paar Sätze von einer Texttafel sabberte, um sich anschließend wieder auf ihrer heimischen Louis Catorce-Chaiselongue abzuladen. In dieser Phase ihres Daseins muss sie  wohl auch den Erdnuss-Spruch kreiert haben.

Weshalb Kohli dieses Zerrbild des einst genialen Orson Welles vor Augen gekrochen ist? Weil er sich ihm gerade nahe fühlt, und zwar nicht seinem Genie, sondern dem Erdnüsse fressenden Abgesang seiner selbst. Bewusst gemacht hat ihm das ein Schreiben des Bezahlsenders, mit dem Kohli Ballsport konsumiert, seit dieser verderblichste Trieb des Profifußballs seine ersten Keime bildete.

Die „sky“-Treiber wollen jetzt drei Euro mehr von Kohli. Im Monat. Weil doch halt alles teurer wird. Und die DFL sie doch so geschröpft hat beim jüngsten Abschluss der neuen TV-Verträge. Weil sie doch auch nur leben wollen. Und überhaupt: Weil der Kohli schon seit Anbeginn der bezahlten Fußballglotzindustrie dieselbe mitsubventioniert, werde sein Beitrag zum Irrsinn mit diesen lächerlichen drei Euronen doch nur sehr moderat „angepasst“, andere Erdnussfresser latzten noch viel mehr.

Kohli reagierte erst so, wie die „sky“-Vermarkter sich das vorstellen. Was solls, sind doch nur drei Euro. Dann aber dachte er sich: Moment mal – ab kommender Saison bieten die doch weniger Spiele an? Für 43 Live-Spiele des so genannten Bundesligapakets hat „Eurosport“ die Rechte ersteigert! Die verlangen also jetzt schon mal mehr Geld für ein Produkt, das sie in einem Jahr nur noch – Tschuldigung, Orson – abgespeckt präsentieren können?

Erinnert irgendwie an den Elektronikladen, der erst die Preise erhöht, bevor er großkotzig für seine Rabattaktionen trommelt. Hauptsache, die haben Spaß.

Ist das denn gerecht?

Komm, Kohli, hör auf. Wer fragt denn sowas noch. Da kannst du ja gleich darüber nachdenken, ob es nicht sittenwidrig ist, dass du ein „Fußballpaket“ nur gemeinsam mit einem „Spielfilmpaket“ abonnieren kannst. Dass du also den neuesten Schweiger-Schweighöfer-Scheiß mitbuchen musst, obwohl du doch nur Schweini gucken willst. Darf Aldi dich eigentlich zwingen, ein Glas Marmelade mitzukaufen, wenn du nur eine Leberwurst willst?

Jetzt aber. Das sind doch Gedanken, da wird einem schwindlig.

Dann stiegen in Kohli Bilder hoch. Verblasste Erinnerungen an seine frühen Fanjahre. Wie er einst in der Westkurve stand, Leuten wie Reinhard Meier und Peter Schwarz bei ihren Bemühungen zuschaute, Fußball zu spielen. Das war ästhetisch nicht hochwertig, aber es war echt und intensiv.

Wie er das erste Mal mittendrin statt nur dabei war, als Ronnie Hellström einen Elfer hielt. Gegen Dortmund war das, Lautern führte 1:0, Lothar Huber schoss. Kohli, der pubertierende Depp, hatte sich nicht getraut hinzusehen, ist dafür aber anschließend Gestalten um den Hals gefallen, neben denen er es in einem vollbesetzten Bus keine zehn Sekunden aushielte. Diese Melange aus Schweiß und Tränen, Testosteron und kalten Kippen, Krakeel und Gesang, wabernden Bier- und wehenden FCK-Fahnen nahm ihn ein für allemal gefangen. Kohli lernte, für Fußball zu empfinden, wie Hemingway einst über Stierkampf schrieb.

Unvergessen geblieben ist ihm der Schwabe, den ein Kumpel mal mit in die West gebracht hat, als der VfB auf den Betze kam. Die Schäufele kickten damals noch im Neckarstadion, also noch in einer Arena mit Aschenbahn um den Rasen, die die Fans auf unwürdige Distanz zum Geschehen hielt. So eng, so laut, so verschwitzt wie auf dem Betzenberg hatte der Junge aus dem Ländle Fußball noch nie erlebt. Irgendwann, in der zweiten Halbzeit, Lautern führte bereits, stammelte er völlig entgeistert: „Dech… Dech… Dech isch Fußball ohne Kondom.“

Worte für die Ewigkeit. Eigentlich.

Später, die Jahre auf der Sitztribüne mit seinem Kumpel Krickzik. Das Dummgebabbel um sie herum. Die Vorderpfälzer hinter ihnen, die sich schon vor dem Spiele mit Weinschorle dichtgetankt hatten und sich während des Spieles nebenbei auch mal über kostengünstige Erwerbungen aus dem Internet austauschten, die ihr Leben verändern sollten: Etwa eine Paste, die sich auf den „Päjniss“ schmierten, um „vierezwanzich Stunne am Stick hagge“ zu können. Der etwa 125 Kilo schwere Vollbart namens Walter, der stets im Adidas-Trainingszug auf der Tribüne erschien, als rechne er mit seiner Einwechslung, und der während des Spiels laustark mit seinem etwa sieben Reihen diagonal vor ihm platzierten Kumpel darüber fachsimpelte, wie scheiße etwa die Flanken von Martin Wagner wieder mal wären.

Der Typ, den wir „Goldbaek-Syndrom“ tauften, weil er jedes Mal einen cholerischen Anfall erlitt, wenn der Däne an den Ball kam. Oder „The Voice“, die schon zu Beginn des Spiels total heiser war, aber nie nachließ, selbst mit ihrer zerstörten Reststimme die Roten anzufeuern. Der junge Ami, der mit bestenfalls 16 Jahren bereits über mindestens drei Kinne verfügte, in 90 Minuten acht Cola-Schoppen inhalierte und jede Schiedsrichterentscheidung mit einem ohrenbetäubendem „Bullshit“ kommentierte.

Die steif gefrorenen, schmerzenden Zehen, mit denen wir spätestens ab November vom Betzenberg hinunterstiegen, nicht ohne zuvor noch ein paar Biere bei einem Standbetreiber zu nehmen, den wir aufgrund seiner ausgesuchten Höflichkeit selbst gegenüber Schweralkoholisierten „Mr. Service“ tauften.

Legendäre Zeiten. Kohli möchte sie nicht missen.

Und doch hat er sie eingetauscht, gegen Fußball auf der Couch. Und Erdnüsse. Um sich von Halsabschneidern schröpfen zu lassen, die unserem Fußball weiß Gott schon genug angetan haben. Immerhin haben sie nun einst geschafft: Sollte der FCK tatsächlich irgendwann mal wieder in die Erste Liga aufsteigen, brauchen wir Fans uns in einem Punkt nicht mehr umzugewöhnen: Die Anstoßzeiten werden genauso bescheuert sein wie in der Zweiten Liga. Künftig wird es auch in der Bundesliga einen Sonntagtermin um 13.30 Uhr geben. Und Montagsspiele. Tell me why I don’t like mondays…

Was die Büttel der Glotzindustrie von der ohnehin verlogenen Dienstleisterphrase halten, der Kunde sei König, lässt sich auch an dem Umstand erkennen, dass „sky“ lieber auf 43 Bundesligaspiele in seinem TV-Angebot verzichtete statt auf die Internetrechte, dank derer sie Spiele auch auf „Sky go“ anbieten dürfen. Das nämlich war die Wahl, vor der der Bezahlsender stand, verschiedenen Medien wie etwa „rp-online“ zufolge.

Kohli wird jetzt keine repräsentative Umfrage starten, wettet aber: Narrenkönig Kunde hätte sich lieber klar für ein Medium – Internet oder TV – entschieden, um auf diesem dann ein komplettes Fußballpaket abonnieren zu können. „sky“ aber wollte nicht den Fuß aus der Tür ins World Wide Web nehmen, in dem noch einiges an Potenzial zum Reibachmachen steckt. Daher muss der Fußballglotzer nun hinnehmen, dass zwei Geier sein Konto plündern, wenn er gerüstet sein will, die Spiele seines Vereins auf jeden Fall sehen zu können, egal, wer überträgt. Hauptsache, die haben Spaß…

Doch, mal ehrlich: Haben wir Erdnussfresser es wirklich besser verdient? Warum sollten die „sky“-Melker Respekt vor uns Couchkürbissen haben, die ja ohnehin alles mit sich machen lassen? Sie nehmen’s uns doch einfach nur von da, wo wir’s ihnen hinschieben.

Wenn wir Kerle wären, gäbe es nur einen Weg: Glotze aus, Arsch hoch, runter von der Couch und zurück ins Stadion. Dahin, wo alles angefangen hat.

Haben sich die Vorderpfälzer mittlerweile totgehaggt? Sitzen Walter und seine Kumpel mittlerweile näher beieinander? Packt der Acht-Schoppen-Ami mittlerweile zehn? Welche Reizfigur hat das einstige Goldbaek-Syndrom im aktuellen Kader ausgemacht?

Das sind Fragen, die endlich beantwortet werden wollen. Gehen wir doch einfach mal nachsehen. Und genießen wieder Fußball ohne Kondom.

 

 

 

3 Gedanken zu “Kohlis Arschkarte: Zum Teufel mit „sky“ – Fußball ohne Kondom gibt’s nur im Stadion

  1. Was für eine grandiose Mischung aus Pay-TV-Kritik und Offenbarung kostbarer Erinnerungen! Vielen Dank! Vor allem bei dem Abschnitt mit den speziellen Stadionbesuchern und den zugehörigen Spitznamen musste ich herzlich lachen.

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