Extrablog: „Die Fans spüren, ob du mit dem Herzen dabei bist“ – Der Blogwart im Gespräch mit Horst Schömbs

Alles ist neu beim FCK. Alles? Na, ja: Eines hat sich der Betzenberg auch in der Saison 2016/17 bewahrt – seine Stimme. Seit 22 Jahren sitzt Horst Schömbs am Stadionmikrofon. Geholt worden ist der gelernte Bankkaufmann, der in Bingen lebt, seinerzeit noch von Norbert Thines, bei vielen immer noch der beliebteste Präsident, den der FCK je hatte. Die Führungskräfte danach hat der 59-jährige aus nächster Nähe erlebt: Jürgen Friedrich, René C. Jäggi, Stefan Kuntz. „Abrechnungen“ sind von ihm allerdings nicht zu erwarten, dazu sind Loyalität, Diskretion und Fairness für ihn zu bedeutende Werte. Eigene Gedanken macht er sich dennoch, wie sich im Gespräch mit dem Blogwart zeigt.

Herr Schömbs, wie viel Aufbruchstimmung ist denn bei Ihnen noch vorhanden, nach drei Saisonspielen ohne Sieg und dem Aus im Pokal?

Sie ist auf jeden Fall noch da. Man muss im Moment ganz vorsichtig sein und darf nicht zu früh denken, das geht alles schon wieder in eine falsche Richtung. Unser Verein erlebt gerade einen kompletten Umbruch, in der Führung, im Management – und vor allen Dingen in der Mannschaft. Uwe Stöver, den ich persönlich sehr schätze, hat da eine schwierige Aufgabe zu lösen. Die Mannschaft ist erst jetzt, zum Schluss des Transferfensters, komplettiert worden. Sie kann einfach noch nicht eingespielt sein, die Mechanismen greifen noch nicht. Sie ist aber auf dem richtigen Weg, und ich glaube, gerade im Spiel gegen Düsseldorf hat auch unser Publikum gespürt, dass sie will.

Gegen Düsseldorf kamen aber nur noch 20.000, zum ersten Heimspiel gegen Hannover waren es noch so doppelt so viele. Das spricht nicht gerade dafür, dass sich die Aufbruchstimmung gehalten hat.

Ich glaube, das kann man nicht vergleichen. Hannover war ein Freitagabendspiel, Düsseldorf am Montagabend, da ist es für viele, die arbeiten müssen, einfach schwierig zu kommen, gerade, wenn sie von weiter her anreisen müssen. Ich bin sicher, gegen Stuttgart am Samstag, 17. September, werden wieder um die 40.000 im Stadion sein.

Was macht Sie da so sicher?

Dass unsere Fans sehen, wie hart hier gearbeitet wird. Trotz der vielen Zu- und Abgänge sind wir dabei, wieder eine Einheit zu werden. Der Slogan „Nur zusammen sind wir in Lautern“ passt sehr gut uns, genau wie die Herzblut-Kampagne von Stefan Kuntz damals. Den müssen wir jetzt leben, und das werden unsere Fans, wenn sie eine Mannschaft auf dem Platz sehen, die unbedingten Willen zeigt. Das war letzte Saison nicht immer der Fall, daher konnte ich den Unmut auf den Rängen auch verstehen.

Die vergangene Saison markierte ja lediglich das Ende der siebenjährigen Ära Stefan Kuntz. Die ersten drei Jahre liefen prächtig, dann kam es zu ersten unglücklichen Entscheidungen, die schnell eine Eigendynamik entwickelten. Wie erlebt das jemand, der so nah dabei ist, wenn eine Lichtgestalt nach und nach an Strahlkraft verliert? Steht man da einfach nur dabei und kann nichts tun?

Wenn man sich das ganze Leben mit Fußball beschäftigt, sieht man einiges. Und einiges gefällt einem auch nicht. Ich persönlich hatte und habe immer ein gutes Verhältnis zu Stefan Kuntz, aber zu versuchen, Einfluss auf ihn zu nehmen, hätte mir nicht angestanden. Ich denke, dass in der letzten Saison die Zusammensetzung der Mannschaft nicht gepasst hat, war für jeden ersichtlich. Da war kein Leader, der unserem Spiel Akzente geben konnte. Und den hätten wir gebraucht, um erfolgreich zu sein.

Und im jetzigen Kader sehen Sie einen?

Christoph Moritz hat auf jeden Fall das Potenzial dazu, auch Marlon Frey. Und Zoltan Stieber, wenn er wieder zu alter Stärke findet. Gegen Düsseldorf war ich übrigens auch von Philipp Mwene sehr angetan, der zuletzt sehr in der Kritik stand. Ich bin überzeugt, dass alle, die geholt worden sind, uns perspektivisch weiterbringen. Wir spielen unter Tayfun Korkut wieder einen sehr anspruchsvollen Fußball, doch braucht es Spielpraxis, um das umzusetzen. Aber: Wir brauchen jetzt auch mal ein Erfolgserlebnis. Fußball ist ein Ergebnissport. Wenn du immer nur gut spielst und nicht gewinnst, wird’s schwierig.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Stadionsprecher, wenn es darum geht, die Stimmung hochzuhalten?

Ich versuche schon, mit Emotion zu moderieren und meinen Beitrag zu leisten, um eine positive Grundstimmung zu überzeugen, vor allem vor dem Spiel. Aber Gäste müssen immer wie Gäste behandelt werden, das habe ich gelernt. Wir haben in den Neunzigern mal im UEFA-Cup gegen Glasgow Rangers gespielt, da sind wir beim Hinspiel im Ibrox-Park wahrlich nicht gut behandelt worden. Unter diesem Eindruck habe ich dann versucht, im Rückspiel die Stimmung auf unseren Rängen anzuheizen, dabei auch derbe Worte benutzt. Okay, der Betze hat dann auch gebrannt, wir sind weitergekommen, aber ich habe auch erlebt, was ich mit meinen Worten anrichten kann, und bin hinterher dafür zurecht kritisiert worden. Seitdem steht für mich Fairplay an oberster Stelle.

Müssen Sie sich manchmal zurückhalten?

Und ob. Der Gästetrainer sitzt ja nur ein paar Meter von mir entfernt, der versteht auch Worte, die ich nicht ins eingeschaltete Mikrofon spreche. Da muss ich mich im Griff haben, denn ich bin natürlich nicht emotionslos, fiebere mit, würde auch gerne jubeln – darf das in dem Moment aber nicht. Ich denke, die Fans spüren, wenn da jemand vor der Kurve steht, der selbst mit dem Herzen dabei ist und seinen Teil zum Erfolg beitragen will. Daher engagiere ich mich auch in der Fanbetreuung. Um unseren Anhängern zu zeigen, dass ich einer von Ihnen bin – und einfach nur dankbar, dass ich diesen Job machen darf.

Abgesehen davon, dass Sie auch in der Fanbetreuung unterwegs sind: Im Rahmen ihrer Tätigkeit für die Mainzer Volksbank waren sie viel im rheinhessischen Hinterland und in der Rhein-Nahe-Region unterwegs, klassischen FCK-Einzugsgebieten eigentlich. Doch mehren sich die Stimmen, die sagen, dass der FCK da zunehmend der Verein der Alten wird, die Jungen wenden sich verstärkt Mainz 05 zu…

Das nehme ich durchaus auch wahr. Aber was will man machen? Es lässt sich nun mal nicht leugnen, dass die Mainzer in den vergangenen Jahren an uns vorbeigezogen sind, weil sie vieles richtig gut gemacht haben. Die spielen Erste und wir Zweite Liga. Wir haben, auch das muss man sagen, nicht immer attraktiven Fußball geboten und vor zwei Jahren den Aufstieg schlicht und ergreifend verschenkt. Das registriert der junge Fußballfan, der auch Erfolgserlebnisse mit seinem Klub teilen will.

Kann man denn da sonst nichts tun? In der Vergangenheit gab’s beispielsweise Freikartenaktionen an Kaiserslauterer Schulen, die eher zu Unmut bei den jungen Fans führten, die sich ihr Ticket bereits vom Taschengeld abgespart hatten und dann erlebten, wie ihre Mitschüler für lau ins Stadion kamen. Warum startet man solche Aktionen nicht gezielt in „bedrohten“ Fanregionen?

Klar muss man in der Fanszene immer präsent sein, unabhängig von der sportlichen Situation. Ich bin sicher, dass unser aktueller Vorstand das erkannt hat und auch aktiv in dieser Richtung ist – so, wie es übrigens auch Stefan Kuntz war. Die Leute draußen müssen spüren, die sitzen nicht einfach nur oben auf dem Berg, die kommen auch zu uns.

Suchen Sie als ehemaliger Banker auch mal das Fachgespräch mit dem neuen Finanzvorstand Michael Klatt?

Nein. Ich habe mich nie um finanzielle Dinge beim FCK gekümmert, das ist dort auch nicht meine Aufgabe. Ich kann nur sagen: Auf mich machen unsere beiden neuen Vorstände einen sehr kompetenten und authentischen Eindruck – und sie suchen die offene Kommunikation. Das ist richtig und wichtig, denn das macht uns glaubwürdig.

Wann, denken Sie, werden Sie wieder Spiele eines Erstligisten moderieren?

Das ist sehr schwer zu sagen. Diese Saison wird es darum gehen, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen, und ich bin überzeugt, dass wir das auch schaffen. Wir haben da jetzt eine sehr interessante Truppe mit viel Potenzial. In der Transferperiode vor der nächsten Saison müssen Tayfun Korkut und Uwe Stöver es dann schaffen, die Mannschaft so zu verstärken, dass sie vorne mitspielen kann.

Das Problem ist doch aber: Du hast doch heute gar keine Zeit, in der Zweiten Liga über zwei, drei Jahre was aufzubauen, da am Ende einer Spielzeit immer die besten Spieler weggekauft werden.

Es gibt aber auch Vereine, die es schaffen, mit einer Elf von Namenlosen – und das meine ich nicht negativ – aufzusteigen. Braunschweig hat das schon vorgemacht, auch Paderborn. Wenn eine Mannschaft in sich passt, ist vieles möglich.

Sie sind jetzt 22 Jahre Stadionsprecher, 59 Jahre alt, im Hauptberuf bereits in Altersteilzeit. Überlegt man sich da auch schon mal, wie lange man den Job noch machen will?

Da sage ich mir ganz einfach: Solange ich kann und man mich will, bleibe ich dabei. Das ist mein Herzensverein, dem ich immer treu bleiben werde. Ich hoffe, dass sich bei mir nie das Gefühl einstellt, es werde hinter meinem Rücken darüber geredet, wann ich endlich gehe. Den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören will ich für mich selbst finden. Mein 25-jähriges als Stadionsprecher will ich aber auf jeden Fall noch feiern.

Herr Schömbs, vielen Dank für dieses Gespräch.

Ein Gedanke zu “Extrablog: „Die Fans spüren, ob du mit dem Herzen dabei bist“ – Der Blogwart im Gespräch mit Horst Schömbs

  1. Bitte auch beim Stadionsprecher einen Neuanfang. Bei allem Respekt, aber es wäre echt nötig mal jemand am Micro zu haben der nicht bloß moderiert sondern auch mal deftig die Stimmung anheizt.

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