Gegnerblog: Lautern gegen Stuttgart, ein ungleiches Duell – auch in der VfB-Führungsriege

Zwei Vereine mit großer Vergangenheit. Zwei gewaltige personelle Umbrüche im Sommer, über ein Dutzend Zu- und Abgänge auf beiden Seiten. Zwei neue Trainer. Zwei neue Sportchefs. Zwei missglückte Saisonstarts. Unruhe in beiden Lagern. Am Samstag treffen sie aufeinander. Der 1. FC Kaiserslautern und der VfB Stuttgart.

Die Unterschiede: Der VfB hat sechs Punkte auf dem Konto, der FCK zwei. Doch die Anprüche der Schwaben sind höher. Da ist nach dem Bundesliga-Abstieg der direkte Marsch zurück gefordert, nicht mehr und nicht weniger. Und: Die Stuttgarter konnten ihren Frust nicht mehr unterm Deckel halten. In den vergangenen Tagen zofften sich Trainer und Sportvorstand erstaunlich öffentlich. Ein Duell mit einer interessanten Typenkonstellation, ohne Frage.

SCHINDELMEISER: DER HEIMLICHE BAUMEISTER AUS HOFFENHEIM

In der einen Ecke: Jan Schindelmeiser, der Sportdirektor. 52 Jahre alt, hat einst Sport, Publizistik, Politik und Betriebswirtschaft in Göttingen studiert und mit einem Notendurchschnitt von 1,7 abgeschlossen. Später Manager in Braunschweig, bei Tennis Borussia Berlin und in Augsburg. Daneben immer wieder Auslandsstudien in Sachen Fußball. Erkenntnis: „Mensch, warst du arrogant, dass du gedacht hast, Deutschland wäre im Fußball der Nabel der Welt.“

Von 2006 bis 2010 erst Geschäftsführer, dann Sportlicher Leiter bei der TSG Hoffenheim. Der Projektverein des millionenschweren Förderers Dietmar Hopp marschiert von der Regionalliga bis in die Bundesliga durch. Die Medien personifizieren den Aufstieg der gemeinhein ungeliebten TSG mit Hopp und dem smarten Fußballprofessor Ralf Rangnick, nur die Frankfurter Rundschau benennt einmal Schindelmeiser als den „heimlichen Baumeister.“ Dabei sagt selbst Hopp: „Ich habe Schindelmeiser noch vor Rangnick eingestellt, so beeindruckt hat er mich.“ Nach seiner Kündigung 2010 war Schindelmeiser sechs Jahre raus aus dem Geschäft. Sechs Jahre – eine Ewigkeit in der Branche.

JOS LUHUKAY: DISZIPLINFANATIKER, MENSCHENFREUND, AUFSTIEGSGARANT

In der anderen Ecke: Jos Luhukay, der Trainer. 53 Jahre alt. Stuttgarts atmende Aufstiegsgarantie. Sohn eines indonesischen Stahlarbeiters, der aus seiner Heimat vertrieben wurde. Zuletzt 20 Monate Cheftrainer in Gladbach, 40 Monate in Augsburg, 30 Monate in Berlin. Mit allen dreien in die Erste Liga aufgestiegen, mit Augsburg und Berlin im Folgejahr den Klassenverbleib gesichert, auch Gladbach ist in der Saison, in der er ging, nicht wieder abgestiegen. Disziplinfanatiker und Menschenfreund zugleich, hat in Stuttgart als eine seiner ersten Amtshandlungen den Ernährungsberater gefeuert: „Ich halte nichts davon, den Spielern dies und das beim Essen zu verbieten. Führt doch nur dazu, dass sie um 22 Uhr heimlich beim Pizza-Service anrufen.“ Einer, der ganz viel auf Teamspirit gibt, weswegen er auch mal Stars über die Klinge springen lässt. Prominenteste Beispiele: Wesley Sonk in Gladbach, Michael Thurk in Augsburg.

Ein Kader mit Spielern aus 15 Nationen – keine idealen Voraussetzungen, um Mannschaftsgeist heraufzubeschwören. Das hat Luhukay so auch anklingen lassen, nach zwei Niederlagen in vier Spielen zum Saisonauftakt. Punkt zwei: Die Verpflichtungen, die Schindelmeiser noch kurz vor Transferschluss tätigte. Innenverteidiger Benjamin Pavard, 20, für drei Millionen Euro aus Lille geholt, Rechtsaußen Carlos Mané, 22, für stattliche 1,65 Millionen von Sporting Lissabon geliehen, und Mittelstürmer Takuma Asano, 21, von Arsenal London geleast. Ziemlich wenig Erfahrung für die Mission Wiederaufstieg. Luhukay wörtlich: „Es ist schon richtig, bei uns ist es wenig harmonisch.“

AM MITTWOCH MACHTWORT VOM MERCEDES-VORSTAND – WAR’S DAS JETZT?

Schindelmeiser kontert: Mit Mittelfeldspieler Tobias Werner, 31, aus Augsburg, Zweitliga-Torjäger Simon Terodde, 28, vom VfL Bochum, und Flügelspieler Hajime Hosogai, 30, Hertha BSC Berlin, sei dem Kader auch Erfahrung zugeführt worden, zudem seien Langerak, Insua, Sunjic, Klein, Gentner und Großkreutz ebenfalls gestandene Profis. Zu ergänzen wäre noch Neuzugang Jean Zimmer, der mit seinen erst 22 Jahren immerhin schon 66 Mal für den  1. FC Kaiserslautern angetreten ist – als er in Stuttgart unterschrieb, dachte er eigentlich, er wechsle zu einem Erstligisten.

Am Mittwoch stellt der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Wilfried Porth fest: „Der Trainer ist Angestellter des Vereins und sein Vorgesetzter ist der Sportvorstand.“ Alles Weitere sei von nun an intern zu klären. Am wenigsten Verständnis hat der Funktionär für die Kritik an der Nationalitätenvielfalt des Kaders: „In Sindelfingen haben wir 145 Nationen und bauen trotzdem die besten Autos.“ Man ahnt es: Porth ist im Hauptberuf beim ortsansässigen, nicht unbedeutenden Automobilkonzern beschäftigt.

Soviel Zoff zwischen zweien, die erst vor knapp zwei Monaten zueinandergefügt worden sind – da muss man kein VfB-Insider sein, um zu mutmaßen: Das wird auf Dauer nicht gutgehen – selbst wenn in Kaiserslautern fürs Erste die Wende eingeläutet werden kann.

UPDATE: Dieser Beitrag war gerade eine Stunde online, als die Meldung einschlug: Jos Luhukay ist zurückgetreten! Das Duell ist entschieden. So schnell kann das gehen.

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