Analyseblog: 0:1 – Wieder eine Pleite, aber eine etwas andere Geschichte

Ja, ja, ja – wieder gut angefangen, wieder die erste Topchance gehabt, wieder irgendwann den Faden verloren, wieder den entscheidenden Moment dem Gegner überlassen, wieder verloren, weiter Tabellenletzter… Dass der Anhang des 1. FC Kaiserslautern das alles nicht mehr hören oder lesen mag, ist verständlich. Dennoch hat auch die neuerliche Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart ihre eigene Geschichte, auch wenn sie ein paar Parallelen zu bereits erzählten aufweist.

Trainer Tayfun Korkut hatte jedenfalls einiges getan, um dafür zu sorgen, dass sie diesmal anders laufen sollte. Erstmals in dieser Saison agierte der FCK mit einer Mittelfeldraute. Wenn der Blogwart sich recht erinnert, wurde die Mannschaft zum letzten Mal von 15-Spiele-Trainer Michael Henke im Jahr 2005 und anschließend von dessen Nachfolger Wolfgang Wolf so formiert, mit denen der FCK erst abstieg und dann den direkten Wiederaufstieg nicht schaffte – Achtung, schlechtes Omen?

Schlecht ausgewirkt hat sich die neue Anordnung allerdings nicht. Zumal sie vom Coach interessant gestaltet wurde. Die Zehnerposition der Raute übernahm nicht etwa Daniel Halfar, sondern Zoltan Stieber, der Kapitän rückte statt dessen auf  halblinks, ihm Gegenüber agierte nicht Alexander Ring, sondern Marlon Frey, den man aufgrund seiner höheren körperlichen Robustheit eher in der zentralen Defensivrolle vermutet hätte. Den Part aber überließ der Coach Ring.

FREYS GROSSCHANCE NACH FÜNF MINUTEN: NICHT SEIN SCHWÄRZESTER MOMENT

Der VfB Stuttgart kam mit der überraschenden Formation in den ersten Minuten gar nicht zurecht. Vor allem Stieber war im Zehnerraum erstaunlich gut anspielbar – und leitete nach nicht einmal fünf Minuten die größte Torgelegenheit des gesamten Spiels ein. Frey kam aus halbrechter Position aus zehn Metern vorm Stuttgarter Gehäuse völlig frei zum Schuss, jagte das Leder aber am langen Eck vorbei. Es sollte jedoch nicht der schwärzeste Moment der Leverkusener Leihgabe an diesem rabenschwarzen Tag sein.

Nach etwa 20 Minuten bekam der in einem gängigen „flachen“ 4-4-2 angeordnete VfB das Spiel dann zunehmend in den Griff. Hajime Hosogai engte die Kreise von Stieber nun deutlich ein, und die Lauterer Flügel offenbarten einmal mehr ihre Schwächen. Der überraschend für Naser Aliji auf der linken Verteidigerposition aufgebotene Marcel Gaus ließ sich vom jungen Takuma Asano mehrmals empfindlich düpieren, dennoch erschien seine Seite einen Tick stabiler als die rechte, auch, weil Stürmer Osayamen Osawe links hinten unterstützte.

POLLERSBECK – EIN ECHTER FLUGSCHÜLER EHRMANNS

Auf der rechten Abwehrseite des FCK kombinierten sich Tobias Werner und sein Hintermann Emiliano Insua noch öfter durch. Lauterns Innenverteidigung zeichnete sich bei seinen bis zur Pause erfolgreichen Klärungsaktionen eher durch vorbildliches Engagement denn durch geordnetes Handeln aus. Wobei der erstmals über 90 Minuten aufgebotene Keeper Julian Pollersbeck einen sicheren Eindruck machte, ohne dass er große Gelegenheiten bekam, mit Paraden zu glänzen. Dafür gefiel sein geistesgegenwärtiges Mitspielen, wenn er als „letzter Mann“ gefragt war – ein echtes Gerry-Ehrmann-Produkt, wie’s ausschaut.

Die Verletzung und Auswechslung Daniel Halfars nach 28 Minuten soll auch nicht unerwähnt bleiben. Sie schreibt die viel zu lange Geschichte von Verletzungen potenzieller Stammspieler fort, die für die gegenwärtige Misere sicher ebenfalls erheblich ist. Wie der Trainer später ausführte, war der Kapitän schon lädiert ins Spiel gegangen, habe aber auf keinen Fall fehlen wollen, dann aber habe „der Muskel zugemacht“.

Freilich hatte auch Halfar, für den die Saison auch ohne Blessuren bislang alles andere als rund läuft, zuvor schon zwei Mal Gelegenheiten versäumt, durch einen exakten Pass einen vielversprechend positionierten  Mitspieler einzusetzen. Patrick Ziegler, der für ihn kam, rückte auf die Sechs in der Raute und bildete ein durchaus stabilisierendes Element. Die Halfar-Rolle halblinks übernahm Ring, der sein vielleicht bestes Saisonspiel machte, was jetzt auch nicht viel heißen mag, aber immerhin ein Lichtblick ist.

DIE SCHLÜSSELSZENE: FREY VERLIERT BALL – UND DAS UNHEIL NIMMT SEINEN LAUF

Das Genick gebrochen wurde dem FCK nicht durch diese Umstellung, sondern wieder einmal durch einen der vielen „Momente“, von denen in dieser Saison schon so häufig die Rede war. Ausgangspunkt war diesmal, wie schon angedeutet, ein Fehlverhalten des jungen Frey.

Und da der Screenshot im letzten Analyse-Beitrag so viel Anklang fand, soll auch diese Schlüsselszene mit Standbildern veranschaulicht werden. Bild 1 zeigt die Situation unmittelbar nach dem Ballverlust, den sich der 20-jährige leistet, als Insua seinen Passversuch abblockt. Das aber ist gar nicht mal das Problem, sondern das, was danach geschieht:

frey1

Frey orientiert sich  sofort dem Ball hinterher, statt sich weiter um Insua zu kümmern. Der wird gleich jede Menge Platz haben, da Rechtsverteidger Mwene, wie rechts im Bild zu sehen ist, sich vorne anbieten wollte, was ihm jedoch nicht zum Vorwurf gemacht werden sollte – denn bliebe Frey an Insua, wäre alles gut. Nur zwei Sekunden später ist bereits deutlich zu sehen, wie schnell und unerbittlich das Unheil seinen Lauf nimmt.

frey2

Frey hat sich an die Verfolgung von Ball und Maxim gemacht, der aber auch von Ziegler in Empfang genommen werden könnte. Am oberen Bildrand bietet sich bereits Gentner als Anspielstation an. Der wird gleich den Diagonalball auf Insua spielen, der schon jetzt jede Menge Platz hat und anschließend mit dem Leder bis zum Sechzehner laufen darf. Innenverteidiger Vucur hat dann nochmal die Chance, Insua zwei, drei Sekunden früher zu attackieren, als er es tatsächlich tut, versäumt diese aber. So kann der VfB-Linksverteidiger ungehindert flanken, und dies macht er so präzise, dass weder der zweite Innenverteidiger Heubach noch Keeper Pollersbeck die Chance haben, Simon Terodde am Kopfballtreffer zu hindern.

Was dann geschieht? Der FCK reagiert auf einen Rückstand besser als zuletzt, aber eben auch nicht gut genug, weil nicht erfolgreich. Jacques Zoua kommt, Korkut stellt auf ein 4-3-3 um, was auch zu durchaus strukturierten Angriffen führt. In den vergangenen Spielen wirkte Lautern nach der Einwechslung von weiteren Offensivkräften eher konturlos.

GÖRTLER UND ZOUA HÄTTEN AUSGLEICHEN KÖNNEN – ABER WIEDER NICHTS

Lukas Görtler hat nach einem abgefälschten Zoua-Schuss die Chance, aus vier Metern einzunetzen, versagt aber. Später sieht er bei einem sauberen Linksschuss aus 20 Metern deutlich besser aus, doch streift der Ball am rechten Torpfosten vorbei. Ebenso hat Zoua die Gelegenheit nach Brustannahme und Drehschuss, bekommt aber keine Power hinter den Ball. Das war’s dann aber auch, und abgesehen davon hat auch Stuttgart noch einige Chancen, auf 2:0 zu erhöhen.

So eine richtig unglückliche Niederlage ist es also nicht, und auch Trainer Korkut verspricht hinterher, nicht zu jammern, sondern im nächsten Spiel zu versuchen, „den Bock endlich umzustoßen“. Die Gelegenheit dazu kommt auf jeden Fall schneller als sonst: Schon am Mittwoch tritt der FCK zuhause gegen Dynamo Dresden (17.30 Uhr) an.

UND NOCH EIN SCREENSHOT ZUM SCHLUSS

Damit der Beitrag jetzt nicht ganz wie ein einziges Marlon Frey-Bashing ausschaut, hier noch ein Screenshot, um zu zeigen, dass auch noch andere in der Mannschaft viel an sich arbeiten müssen. Eine Szene aus der 44. Minute – Sie ist keiner Torschussstatistik verzeichnet und hat es nicht einmal in den „kicker“-Ticker geschafft, dabei ist sie haarsträubend.

44-minute Osawe schafft es in dieser Situation nicht, den Ball mit der Innenseite ein paar Meter in die Mitte zu passen, wo Stieber ihn vollkommen ungehindert in Richtung Tor mitnehmen könnte… Solange solche Basics nicht funktionieren, ist es wirklich müßig darüber zu diskutieren, ob die Spielidee des Trainers vielleicht zu anspruchsvoll ist für den aktuellen FCK-Kader.

 

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