Gegnerblog: Macher Minge steht fürs neue Dresden – und fürs alte

Der Platz, den er bei Heimspielen im DDV-Stadion einnimmt, hat Symbolkraft. Ralf Minge sitzt direkt unterm Tribünendach, auf der Pressetribüne. Alle anderen Vereinskräfte – Funktionäre, Trainer, Mannschaft, agieren unter ihm. Könnte bedeuten: Minge ist der, der alle und alles im Blick hat. Aber auch: Er ist oben angekommen in dem Verein, der nach eigener Aussage „sein Leben“ ist. Und aus dem er, so wie es derzeit aussieht, jetzt auch sein Lebenswerk macht.

Seit 2014 ist der 55-jährige bei Dynamo Sportvorstand. Der Verein war gerade wieder abgestiegen, zerstritten, verschuldet. Er übernimmt, und nach personellem Totalumbruch und Neuaufbau mit jungen Spielern wird Dynamo in der folgenden Saison Sechster der Dritten Liga. Ein Jahr später steigt der Klub als souveräner Tabellenführer in die Zweite Liga auf. Hat dort bislang einen fulminanten Start hingelegt, Aufstiegs-Topfavorit Hannover geschlagen, RB Leipzig, die neue Übermannschaft im Osten, aus dem DFB-Pokal geworfen.

VIEL MEHR GEHT NICHT IN ZWEI JAHREN

Saisonübergreifend war die Mannschaft 21 Spiele lang ungeschlagen, ehe die Serie am vergangenen Sonntag mit einem 0:3 gegen den anderen Ostrivalen Aue jäh endete. Und: Ende August hat der Verein gemeldet, dass er nach Zahlung einer letzten Rate in Höhe von 1,1 Millionen Euro an den Medienunternehmer Michael Kölmel nun offiziell schuldenfrei ist.

Viel mehr geht wirklich nicht in zwei Jahren. Minge ist der Macher, der Erneuerer, gleichzeitig aber auch Ikone. Der 55-jährige steht nicht nur für das neue, sondern auch für das alte Dresden, das aus den glorreichen DDR-Zeiten. In den 1980er Jahren gewann der Junge aus dem brandenburgischen Elsterwerda vier nationale Pokale und zwei Meisterschaften mit dem Klub, sorgte als Offensivspieler nicht nur für Ergebnisse, sondern vor allem auch für das schöne Spiel, das Dynamo beherrschte wie kein anderer DDR-Klub.

MIT DER WENDE KAM DAS ENDE

Dass seine Karriere fast zeitgleich mit der Wiedervereinigung endete, ist in gewisser Weise ebenfalls symbolisch. Mit ihr nämlich kam auch der Niedergang. Stadt und Klub wurden von westdeutschen Wendegewinnlern ausgebeutet wie kaum andere im Osten, dem Abzug von vier Punkten folgten Lizenzentzug, später Insolvenz – und bilden vermutlich auch die Wurzel des Hasses, der sich noch heute in sattsam bekannten Aktionen besonders extremer Teile des Fanlagers Bahn bricht.

1995 stieg Dynamo Dresden aus der Ersten Liga ab und kehrte bis heute nicht mehr zurück. Der Jungstar Matthias Sammer war schon nach dem Mauerfall in den Westen gewechselt, ein gewisser Olaf Marschall 1994 nach Kaiserslautern gegangen, um dort zum Fußballgott aufzusteigen. Letzter Trainer der Abstiegsmannschaft war Ralf Minge, der nach seiner aktiven Laufbahn als Co begonnen hatte und am Ende vergeblich zu retten versuchte, was nicht mehr zu retten war.

WANDERJAHRE BEI TOPPI UND DFB, DANN RÜCKKEHR

Während Dresden anschließend zur Fahrstuhlmannschaft zwischen Zweiter und Dritter Liga mutierte, ging Minge auf Wanderschaft, coachte in Aue und Köln, dann lange in Leverkusen, wo er zeitweise auch Klaus Toppmöller assistierte. Der machte ihn später nochmal zum Co, als er Georgiens Nationalteam übernahm. 2006 ließ Minge sich in den Aufsichtsrat seines Herzensklubs wählen, 2007 wurde er dessen Geschäftsführer, wollte Konzepte entwickeln, mit denen sich Dynamo langfristig im Profifußball halten kann. 2009 gab er konsterniert auf, nachdem er im Verein, aber auch bei der Stadt die nötige Rückendeckung vermisst hatte, wurde U19-Trainer beim DFB, dann wieder Coach der Zweiten Mannschaft von Leverkusen.

Als die Dresdner 2013 nach dem Abstieg erneut darniederlagen, holten sie ihn zurück, diesmal als Sportvorstand, also als ganz starken Mann. Die Position hat er bislang optimal ausgenutzt. Seit 2015 unterstützt ihn mit Uwe Neuhaus ein kongenialer Partner auf der Trainerbank, der zuvor sieben Jahre lang bei Union Berlin zeigte, wie sich ein Verein sportlich konsolidieren lässt, wenn man Verantwortlichen Zeit gibt.

JUGENDLICHER SCHWUNG PLUS PUNKTUELLE ERFAHRUNG

Gemeinsam formierten sie ein junges, begeisterungsfähiges Team, das punktuell mit Erfahrung angereichert wird, und das geschieht in der Regel, ohne dass Ablösen fließen. Unter anderem holten sie 2015 die Düsseldorfer Kultfigur „Lumpi“ Lambertz nach Dresden, liehen sich zu Saisonbeginn Stürmer Stefan Kutschke von Nürnberg, holten den Ex-Hallenser Akaki Gogia aus England zurück, den defensiven Mittelfeldspieler Manuel Konrad vom FSV Frankfurt. Der Ex-Lauterer Fabian Müller, mittlerweile 29, ist eine feste Größe auf der linken Verteidigerposition.

Den Abgang von Jungstar Marvin Stefaniak am Ende dieser Saison – er geht nach Wolfsburg – hoffen sie ähnlich gut wegzustecken wie den von Drittligatorjäger Justin Eilers nach Bremen im vergangenen Jahr. Gerade wurde das tschechische U17-Toptalent Vasil Kusej bis 2019 an den Klub gebunden, ein weiterer Beleg für die umsichtige Nachwuchsarbeit.

NACH HAUE VON AUE KEINEN FRUST SCHIEBEN – UND WEITER BALLERN WIE BALLAS

Die derbe 0:3-Schlappe gegen Aue soll ebenfalls schnell weggesteckt werden, zumal sie nicht nur aus Sicht des Trainers höher ausfiel, als sich aus dem Leistungsbild ableiten ließe. „Wir hatten eine überragende Anfangsphase, waren sehr gefährlich, haben dann aber dem Gegner riesen Felder geboten. Das darf uns nicht mehr passieren“, bilanzierte Dresdens Kapitän Marco Hartmann.

Zu welchem Selbstbewusstsein die Mannschaft mittlerweile gefunden hat, offenbart sich in dem Treffer, den Innenverteidiger Florian Ballas beim 2:0-Sieg gegen Aufstiegsfavorit Hannover 96 in der vorvergangenen Wochen erzielt hat. Von derart beherzt-entfesselten Hammerschüssen aus der zweiten Reihe träumen FCK-Fans derzeit nur. Neuhaus‘ Markenzeichen ist ein offensives 4-3-3-System. In diesem Spiel hatte er es durch Zurückziehen der Außenstürmer in ein 4-1-4-1 modifiziert.

Seinen Vertrag hat der Trainer (Credo: „Arbeit macht Spaß“) mittlerweile bis 2019 verlängert. Der von Minge läuft derzeit nur noch bis 2017. „Irgendwann will ich mal weiter unten auf der Tribüne sitzen, bei den anderen Dynamo-Ikonen Dixie Dörner, Hans-Jürgen Kreische oder Klaus Sammer“, hat er angekündigt. Dass das schon im kommenden Jahr der Fall sein soll, kann sich in Dresden jedoch niemand vorstellen. Noch wird Minge auf seinem Platz unterm Dach gebraucht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s