Analyseblog: Endlich… endlich! Drei Treffer für geschundene Seelen

„Endlich… endlich“. Eine Wortwiederholung zu Beginn seines Statements zum Spiels, und  die dann erst mal sacken lassen, bevor es weitergeht: „Wir haben so angefangen, wie wir uns das vorgestellt haben.“ Das ist in der Situation nicht nur rhetorisch effektiv, da spricht sich Tayfun Korkut wohl tatsächlich aus der Seele. Schließlich hat keiner solange auf ein Erfolgserlebnis warten müssen wie er. Denn er war nicht nur mit dem 1. FC Kaiserslauten seit sechs Pflichtspielen sieglos,  auch bei seinem vorherigen Arbeitgeber Hannover 96 war er 13 Spiele ohne Erfolg, ehe er im April 2015 gehen musste. Ob diese Negativserie rekordverdächtig ist, mögen jetzt Statistiker herausfinden. Der FCK hat Dynamo Dresden 3:0 geschlagen, das ist es, was im Moment interessiert.

Die Überraschung zunächst: Korkut bleibt der Rautenformation treu. Obwohl mit Daniel Halfar nach Christoph Moritz ein zweiter zentraler Mittelfeldspieler verletzt ausfällt und Marlon Frey sich am Samstag gegen Stuttgart auf die Bank gespielt hat. Statt dessen präsentiert der Trainer den etatmäßigen linken Außenverteidiger Naser Aliji als linken Eckpunkt seiner Raute, während Marcel Gaus den defensiven Part an der Seite behält, obwohl auch er gegen Stuttgart da nicht wirklich glücklich agierte. Und Aliji macht seine Sache richtig gut. Davon aber später.

ERST DIE QUALEN, DANN DAS VERGNÜGEN

Zunächst wird der Anhang unter den 19606 Zuschauern gequält. Der hat diese Saison noch kein Tor am Betzenberg gesehen, und erst einmal muss er weiter warten, warten, warten…

Dass nach fünf Minuten Lukas Görtler es nicht schafft, zum in der Mitte mitgelaufenen Alexander Ring zu passen, als er in der Linksaußenposition durchstarten kann – das ist noch einigermaßen zu verschmerzen. Dass Görtler nicht unbedingt der Mann  ist, der sich im Laufduell gegen Fabian Müller durchsetzen kann, weiß der durchschnittliche FCK-Fan.

In der 7. Minute wird’s schon schmerzhafter. Zoltan Stieber, der den Ruf genießt, in diesem Team der abgezockteste Offensivspieler zu sein, dringt halbrechts in den Strafraum ein – und schießt lieber Keeper Marvin Schwäbe an, statt auf den frei mitgelaufenen Jacques Zoua zu legen.

Minute 12 tut dann richtig weh: Diesmal startet Ring in ähnlicher Position wie zuvor Stieber, der macht diesmal nichts falsch, legt mustergültig zum abermals mitgelaufenen Zoua rüber, der schiebt den Ball zwar an Schwäbe vorbei, gibt ihm aber nicht genügend Schmackes, so dass Dresdens Defensivspieler Manuel Konrad ihn noch vor der Torlinie erwischt.

Selbst auf der Pressetribüne macht sich blanke Verzweiflung breit: „Die werden nie mehr ein Tor schießen, nie, nie, nie…“ Gut, dass einige Kollegen gelegentlich Krankenhausserien konsumieren: „Noch kann alles gut werden. Ihr müsst nur fest dran glauben. Ganz fest.“

Und: Es wird tatsächlich alles gut. Obwohl einige garantiert nicht mehr dran geglaubt haben, schon gar nicht fest.

16. Minute: Vucur glückt ein kurzes vertikales Anspiel aus der Abwehrreihe auf Alexander Ring, der leitet weiter auf Aliji, dem der entscheidende Move am Gegner vorbei Richtung Tor gelingt. Am Strafraum legt er auf den abermals mitgelaufenen Zoua ab, und der… und der… schießt… doch… tatsächlich ein Tor.

AUCH ZURÜCKZIEHEN WILL GELERNT SEIN

Nach gerade mal einer Viertelstunde aus der vierten Topchance das erste Tor, das schafft Erleichterung. Auch darüber, dass man als FCK-Blogwart kein Dresdner Abwehrhalten sezieren muss. Mit ihrer weitaufgerückten Abwehrkette wollten die Sachsen anscheinend demonstrieren, dass sie mit der 0:3-Heimschlappe am Sonntag gegen Aue ihre Mut zum Vorwärtsdrang nicht verloren haben, doch in den Köpfen hat sich wohl mehr Unsicherheit breit gemacht, als Trainer Uwe Neuhaus vermutet hat.

Der FCK tut mit der erlösenden Führung im Rücken nun das, was am Betzenberg nicht gerne gesehen wird, bei einem noch sieglosen Tabellenletzten aber angezeigt ist: Er zieht sich zurück. „Die Partie verflacht“, melden die notorischen Ticker. Festgehalten werden darf aber auch: Der FCK bewegt sich erstmals in dieser Saison über einen längeren  Zeitraum geschlossen und konzentriert gegen den Ball, ohne eklatante Konzentrations- oder Abstimmungsfehler zu offenbaren, kontrolliert die Partie so im Grunde auch bei Ballbesitz des Gegners.

DENNOCH: ZWEI SCHRECKMOMENTE BLEIBEN

Bis zur Halbzeit gibt es nur zwei Szenen, in denen Rückfälle in die Horrorphase drohen. In Minute 27 schlägt Akaki Gogia eine Rechtsflanke, die noch viel, viel länger in der Luft ist als die, mit der Philipp Klingmann den Führungstreffer Sandhausens vor zehn Tagen eingeleitet hat. Und dennoch findet sie wieder einen Kopf am langen Eck. Marco Hartmann nickt die Kugel in die Mitte, diesmal steht aber kein Lucas Höler da, sondern Innenverteidiger Tim Heubach, der klärt. Da hätte auch Keeper Julian Pollersbeck zuvor schon aktiv werden müssen.

Zwei Minuten später schiebt sich Dynamo-Stürmer Stefan Kutschke nach einem an sich banalen, ruhenden Diagonalball von Marvin Stefaniak seelenruhig zwischen linkem Verteidiger und Linksverteidiger der Lauterer Viererkette durch und stünde völlig frei vor der Kiste, würde ihm die Ballannahme gelingen. Ein technisch stärkerer Spieler hätte das auch gekonnt, ohne dabei über Lewandowski-Format verfügen zu müssen.

ALIJI VERLETZT RAUS – KORKUT WÄHLT VON DREI ALTERNATIVEN DIE BESTE

Und während der Betrachter noch sinniert, ob die Renaissance der Mittelfeldraute nun zum Markenzeichen der Lauterer in dieser Saison wird, schafft Korkut sie auch schon wieder ab. Nach knapp 25 Minuten wird auf eine flache Viererreihe umgestellt, die vor der Abwehrkette agiert. Macht das Verschieben halt einfacher, um auf die Chance zum Ballgewinn und zum schnellen Pass nach vorne zu warten.

Die neue taktische Allzweckwaffe Aliji übernimmt nun die rechte Außenbahn. Möglicherweise, weil Korkut in ihm den fähigeren Assistenten für Philipp Mwene sieht, der sich auf dieser Seite mit dem künftigen Wolfsburger Stefaniak auseinander setzen muss. Der defensiv weniger stringent operierende Stieber ist unter diesem Gesichtspunkt links besser aufgehoben.

Schade nur: In der Pause muss Aliji raus. „Er hatte einen Schlag auf den Fuß bekommen und Schmerzen“, begründet Korkut nach dem Spiel. Er hat nun drei Möglichkeiten: Robert Pich oder Robin Koch bringen – oder Lukas Görtler auf die rechte Seite ziehen und dafür mit Osawe einen weiteren schnellen Spieler fürs Konterspiel einwechseln. Korkut entscheidet sich für Variante 3 – und hat Erfolg.

GÖRTLER, DER KÄMPFER, UND SEIN GROSSER MOMENT

Osawe ist sechs Minuten auf dem Platz, als Ring eine wunderbare Spielverlagerung auf Stieber glückt und der mustergültig aufs kurze Eck flankt, wo der Engländer den Ball ebenso souverän abpflückt – 2:0. Nochmal fünf Minuten später hat Görtler seinen großen Auftritt. Er mag nicht das offensive Toptalent für die genialen Momente sein, aber er ist einer, der seine nicht optimalen Möglichkeiten im Dienst der Mannschaft zu nutzen weiß. Die Statistik wird ihn am Ende als Lauterns besten Zweikämpfer ausweisen – und in diesem Moment stellt er das für alle sichtbar unter Beweis. Er erkämpft sich am Strafraum den Ball, flankt gefühlvoll auf Zoua – und der schnürt seinen Doppelpack.

Zwei Kopfballtreffer aus dem Fünfmeterraum in fünf Minuten – wie schon gesagt: Gut, dass der Blogwart kein Dresdner Abwehrverhalten bewerten muss.

Angesichts der klaren Führung ist der Rest analytisch weniger interessant. Daher die  Kurzfassung: Der eingewechselte Iacob köpft nach Ring-Flanke an den Pfosten, darf auch noch einmal allein Richtung Tor ziehen und verdaddeln. Gleiches tut Osawe. Mit der Chancenflut am Anfang hätten es also getrost zwei, drei Treffer mehr sein dürfen für Lautern. Auf der Gegenseite zeigt Pollersbeck noch einen irren Reflex, als er einen Kopfball aus sechs Metern abwehrt. Ohne Zweifel gut fürs Selbstvertrauen des 22-jährigen, der damit auch sein zweites Spiel als Vertreter des gesperrten André Weis tadellos gemeistert hat.

„WIR SIND NOCH NICHT STABIL, HABEN NOCH VIEL ARBEIT“

„Das Wichtigste war, dass alle ruhig geblieben sind“, bilanziert Korkut hinterher. „Und zwar alle, die an diesem Umbruch beteiligt sind, vom Vorstand bis zur Mannschaft.“ Aber auch: „Wir sind noch nicht stabil, haben noch viel Arbeit.“ Die Mannschaft werde nach diesem Erfolgserlebnis nun sofort wieder „runtergeholt“, schließlich warte schon am Samstag das nächste Spiel in Heidenheim. Das wäre in der Tat dringend zu empfehlen. Schließlich galt schon das 0:0 gegen Düsseldorf an Spieltag 3 als Schritt nach vorne, auf den weitere gesetzt werden sollten. Dann kam Sandhausen.

Und da sich die Blogwart-Screenshots so großer Beliebtheit erfreuen und dieses Mittel nicht nur angewandt werden soll, wenn es Fehler aufzuzeigen gilt, hier mal was Erfreuliches:

ring

Der Moment vor dem 2:0: Ring passt auf Stieber, der dann auf Osawe flanken wird. Wir sehen: Dem Finnen präsentieren sich Anspielmöglichkeiten auf der gesamten Spielfeldbreite. So macht Fußball Spaß – nicht nur Ring, der im übrigen erneut einer der besten Lauterer war.

Und noch ein kurzer Ausflug in den Schweinejournalismus:

kutschke-heubach

Dass Schiedsrichter Robert Schröder hier nicht sieht, wie Kutschke Heubach mit dem Ellenbogen traktiert – später wird er noch die flache Hand einsetzen –, ist verständlich: Dazu hätte er halt mal in Richtung des Balles gucken müssen. Doch einer seiner Assistenten hätte ruhig hinschauen können. Dass danach Zoua und Gogia als „Rudelsführer“ Gelbe Karten bekommen und Kutschke ungeschoren bleibt, ist ein Witz.

Ein Gedanke zu “Analyseblog: Endlich… endlich! Drei Treffer für geschundene Seelen

  1. Mir hat nicht nur das Spiel des FCK imponiert, insbesondere die Aussagen des Trainers auf der PK sind es, die ich als bemerkenswert empfinde. Auf Fragen nach der guten Leistung einzelner Spieler lenkte Korkut sofort dem Blick auf das Genze und insbesondere darauf, dass die Mannschaft noch nicht dort sei, wo sie zur Entfaltung ihrer wahren Stärke sein müsste.

    Da wird nicht um den heßen Brei geredet, sich nicht die Eier geschaukelt, da wird ehrlich analysiert und dieser Erfolg als das gesehen, was er ist: eine Momentaufnahme. Die macht zwar Mut, muss aber auch bestätigt werden. Und das ist uns als Fans, dem Verein, aber vor allem auch diesem grundsympathischen Trainer(gespann) zu wünschen.

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