Gegnerblog: Heidenheim punktet auch mit seinen Ultra-Frauen

Jubelnde Frauen sind in Fußballstadien längst nichts Ungewöhnliches mehr, richtig angenehm ist das Leben auf den Rängen für sie aber immer noch nicht. Die dumpfen sexistischen Gesänge und Sprechchöre, die von Zeit zu Zeit durchs Rund hallen, sind das eine Problem, das andere, dass die Versuche der sich gerne kreativ und hip gebenden Vermarktungsmaschinisten, dieser neuen, wachsenden „Zielgruppe“ gerecht zu werden, häufig eher peinlich aussehen. Da werden in Fanshops mit Strasssteinchen besetzte Basecaps und pinkfarbene Pullis mit Vereinsemblem angeboten, die Frauen wollen sollen…  Dass Frauen im Stadion einfach nur ihrer Fußballleidenschaft frönen wollen, ohne dass ihr Frausein dabei irgendeine Rolle spielt, scheint das Vorstellungsvermögen des durchschnittlichen Marketingmenschen zu sprengen.

Weibliche Ultras sind erst recht die Ausnahme, Fanforscher schätzen ihren Anteil auf unter zehn Prozent – doch sei auch da auf jeden Fall Wachstumspotenzial vorhanden. Einige besonders engagierte Ausnahmen stehen bei Lauterns nächstem Gegner im Fanblock: Die „Societas“, eine Untergruppierung der „Fanatico Boys“, die ausschließlich aus Frauen besteht, die nicht nur ihren Herzensverein nach Kräften unterstützen, sondern auch gegen Vorurteile kämpfen, anderen Frauen den Weg in die aktive Szene erleichtern und vor allem dazu beitragen wollen, dass „der weibliche Fan nicht mehr als Seltenheit, sondern als selbstverständlich angesehen wird.“

Der Blogwart hat sich mit zwei von ihnen unterhalten, Sarah und Lea.

Ihr wollt nicht mit vollem Namen in den Medien genannt werden, auch nicht so fotografiert werden, dass man Eure Gesichter sieht. Weshalb?

Wir tun, was wir tun, für uns. Wir müssen nicht damit prahlen und es muss auch niemand wissen, der nicht danach fragt. Außerdem könnten sich Nachteile im Beruf oder bei der Jobsuche ergeben, das ist aber nicht geschlechtsspezifisch, so denken auch viele Jungs in der Ultraszene. Wenn die Firmenchefs von ihren Freizeitaktivitäten wüssten, hätten sie sofort das Bild im Kopf, das die Medien von Ultras zeichnen: saufende, pöbelnde Krawallmacher.

Wie seid Ihr mit dem Fußballvirus infiziert worden?

Gegründet haben wir uns Anfang 2015, also ein paar Monate nach dem Aufstieg unseres Klubs in die Zweite Liga. Für Fußball begeistern wir uns aber schon länger, das hat sich aber bei jeder von uns anders entwickelt, da gibt es keine bestimmte Konstellation oder ein „Schlüsselerlebnis.“

Wie viele seid Ihr mittlerweile und für welche Altersgruppe steht Ihr?

Wir sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, zum Teil schon berufstätig, zum Teil aber auch noch in der Ausbildung oder im Studium. Aktuell sind wir noch die sieben Gründungsmitglieder, drei weitere Frauen machen bei uns derzeit probeweise mit.

Auf Eurer Homepage sagt Ihr, Ihr wollt Ansprechpartner für weibliche Fans sein. Wie wird diese Angebot bislang angenommen?

Leider nicht so, wie wir uns das gern wünschen. Direkt auf uns zu kommt kaum jemand. Vielmehr sprechen wir Leute an, die uns auffallen, die Potenzial haben. Ansonsten werben wir gelegentlich in unserem Stadionheft „Blockgschwätz“ und natürlich auf unserer Website.

Habt Ihr Kontakte zu bereits bestehenden weiblichen Fangruppen anderer Vereine?

Vor einem Jahr waren wir  bei einem Fantreffen in Babelsberg dabei. Dort haben wir weibliche Fans der ehemaligen Ultragruppierung „Seniorithas“ kennengelernt. Die Struktur ihrer Gruppe war unserer sehr ähnlich und es war sehr interessant, sich mit ihnen austauschen zu können. Engere Kontakte sind dadurch aber nicht entstanden.

Wie entwickelt sich Euer Standing im immer noch männlich dominierten Ultra-Block? Habt Ihr beispielsweise auch Einfluss, welche Gesänge angestimmt werden?

Von unseren Jungs werden wir absolut akzeptiert. Ausnahmen gibt es immer mal, aber die sind nicht nennenswert. Die Lieder werden bei uns immer vom Vorsänger angestimmt, da werden wenig Vorschläge von anderen gemacht, egal, ob männlich oder weiblich. Lieder, die diskriminierend sind, werden bei uns eh nicht angestimmt, daher sehen wir auch keinen Anlass, darauf Einfluss zu nehmen.

Habt Ihr auch schon mal Ideen zu Choreos entwickelt, die umgesetzt wurden?

Wir machen unsere eigenen Choreos, bringen auch Ideen für die der Youngstars ein, das ist die Nachwuchsgruppe der Fanatico Boys. Deren Choreos planen sie alleine, bei der Umsetzung helfen aber natürlich alle mit.

Wurde schon einmal eine bestimmte Fan-Aktion auf Eure Initiative gestartet?

Fan-Aktion würde ich nicht sagen, aber durch uns wir der Sexismus in den Stadien immer wieder mal Thema bei unseren Treffen, so dass jeder aufgefordert wird, sein Verhalten und seine Ansichten zu überdenken.

Wie ist es, wenn Ihr in anderen Stadien auftaucht? Oder bewegt Ihr Euch so anonym in Eurem Ultrablock, dass Ihr gar nicht gesondert wahrgenommen werdet?

Wir haben unser eigenes Material, sind also nicht wirklich anonym. Richtig beleidigend wurde es lediglich einmal, beim Derby gegen Aalen, dieses Spruchband richtete sich aber gegen unsere Gruppe als Ganzes. Von persönlichen Beleidigungen ist mir bislang nichts bekannt.

Was ist das blödeste Fanutensil „für Frauen“, das Euch bislang untergekommen ist? Wird öfter mal versucht, Euch sowas anzudrehen?

Im Fanshop gab’s neulich einen pinkfarbenen Pulli zu kaufen. Das ist schon ziemlich unnötig. In den Stadien wird gelegentlich versucht, uns Sky-Abos zu anzudrehen, wie Euch Jungs halt auch.

Ist auch schon mal versucht worden, Euch  PR-mäßig vor den Karren zu spannen, seitens des Vereins oder des Sponsors?

Bislang nicht.

Zum Spiel: Heidenheim ist prima in die neue Saison gestartet, aktuell Fünfter, mit erst einer Niederlage… 

Ziel sollte aber nach wie vor der Klassenerhalt sein. Wenn wir gleich zu Anfang die Punkte dafür hollen, brauchen wir am Ende nicht zittern. Das weiß die Mannschaft auch und dafür legt sie sich ins Zeug.

Euer Trainer Schmidt soll im Sommer Angebote anderer Klubs abgelehnt haben mit der Begründung, er sei in Heidesheim noch nicht fertig. Was ist perspektivisch drin in Heidenheim?

Naja, den Aufstieg in die Bundesliga wirds wohl in den nächsten Jahren nicht geben. Dafür fehlt uns die konstante Leistung. Frank versucht, uns stabil in Liga 2 zu etablieren und, ja, vielleicht irgendwann auch mal den Sprung nach oben zu schaffen.

Wie schätzt Ihr den FCK nach dem missgeglückten Saisonstart ein?

Ein Platz in der oberen Tabellenhälfte ist für Euch ganz sicher noch drin, wenn Ihr jetzt anfangt, Punkte zu holen. Es muss ja noch nicht in Heidenheim sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s