Vorschaublog: Personalpuzzle und ein Rauten-Exkurs

Keine Atempause: Nach dem ersten Saisonsieg gegen Dynamo Dresden muss der 1. FC Kaiserslautern am Samstag (13 Uhr) beim FC Heidenheim ran. Im Personalstamm von Trainer Tayfun Korkut ist derzeit so viel in Bewegung, dass sich kaum sagen lässt, mit welcher Formation der FCK in der Voith-Arena beginnt. Zumal sich der Trainer, wie gehabt, bei seinem Personalpuzzle nicht in die Karten gucken lässt.

Erfreulich: Christoph Moritz kehrt nach seiner Verletzung früher als zunächst erwartet in den Kader zurück. Ein Einsatz von Beginn an ist allerdings eher unwahrscheinlich. Kapitän Daniel Halfar und der Brasilianer Ewerthon werden dagegen wohl nicht mal auf der Bank Platz nehmen. Sie fehlen weiter verletzt, beziehungsweise wegen Trainingsrückstand.

KEHRT WEIS ZURÜCK? UND WAS IST MIT ALIJI?

Spannend dagegen die Frage: Kehrt André Weis nach abgebüßter Rotsperre ins Tor zurück?Vertreter Julian Pollersbeck hat nicht nur seine Sache gut gemacht, sondern sich auch jede Menge Sympathien in den Fanlagern verschafft, die in ihren Netzforen regelrechte Pro-Pollersbeck-Initiativen starteten. Und abgesehen davon, präferiert der wertkonservative FCK-Anhänger ohne das gute alte „Never change a winning team“, oder?

Das wiederum ließe sich in Heidenheim nur realisieren, wenn Naser Aliji wieder fit wäre. Der Linksfuß musste gegen Dresden nach einem Schlag auf den Fuß raus. Zuvor hatte der 22-jährige, der eigentlich als Nachfolger Chris Löwes für die Linksverteidigerposition geholt ist, gleich auf zwei ungewohnten Positionen gefallen. Zunächst als linker Eckpunkt der Korkutschen Mittelfeldraute und dann in einem flach angeordneten Vierer-Mittelfeld auf der rechten Außenbahn.

KLEINER EXKURS: DIE RAUTE ALS REMINISZENZ AN FELIX

Fiele er aus, könnte eigentlich nur Marlon Frey ähnlich eingesetzt werden, es sei denn, Korkut bringt Moritz doch von Anfang an. Andernfalls müsste sich der Trainer von der neuen Anordnung, mit der auch schon im Spiel gegen Stuttgart überrascht hatte, wieder lösen.

Die Raute. Oder auch: Das 4-3-1-2.

Sie gilt eigentlich als aus der Mode gekommen. In Deutschland war sie in der ersten Dekade des 21. Jahrhundert angesagt. Ihr wichtigster und erfolgreichster Verfechter hierzulande war Felix Magath. Sowohl die „jungen Wilden“ des VfB Stuttgart, mit denen er überraschend Vizemeister wurde, als auch den FC Bayern, mit denen er das Doppel-Double holte, und den VfL Wolfsburg, mit dem er 2009 überraschend die Deutsche Meisterschaft gewann, zeichneten jeweils starke Mittelfeldrauten aus. Vor allem die Zahlen, die das Offensivtrio der Wolfsburger in der Meistersaison produzierte, sind legendär: Grafite erzielte 28 Treffer, Edin Dzeko 26, und der „Zehner“ Zvjedzan Misimovic bereitete allein 20 Buden vor, sieben schoss er selbst. Vor allem er kam nie wieder an vergleichbare Werte heran.

DIE RAUTE: SCHÖN FÜR DIE ZEHNER, ANFÄLLIG AUF DEN FLÜGELN

Was bereits andeutet: In der Raute kann vor allem der Zehner glänzen, weiß er doch zwei Mitspieler als Anspielstationen vor sich und drei hinter sich – insofern hat Zoltan Stieber da durchaus noch Luft nach oben.

Darin sehen viele auch den Grund, weswegen sich „Sir Felix“ (Credo: „Qualität kommt von Quälen.“) so sehr für sie erwärmte: Er war in seinen aktiven Zeit selbst ein genialer Zehner. Andere verweisen auch darauf, dass Magath leidenschaftlicher Schachspieler ist: Dabei komme es entscheidend darauf an, die zentralen Felder in der Mitte zu beherrschen, und eben das habe der Coach auch für den Fußball antizipiert. Mit der Raute, die ein anderer ehemaliger Erfolgscoach, Louis van Gaal, sogar einmal „mathematisch genial“ nannte.

Dennoch wird sie seit 2010 kaum noch gespielt. Eben, weil sie zu sehr das Spiel durch die Mitte forciert und ein Team über die Flügel anfällig macht, vor allem bei schnellen Kontern nach Ballverlust. Weshalb Korkut sie dennoch wieder ausgegraben hat?

LAUTERNS SYSTEM DER SAISON? ABWARTEN

Vielleicht, weil er erkannt hat, dass es in seinem Kader an Flügelspielern mit wirklicher Qualität fehlt. Und das Osayamen Osawe als einzige Spitze in einem 4-2-3-1 überfordert ist. Sobald Sebastian Kerk und Halfar fit sind, und sich auch der begabte Flügeldribbler Max Dittgen für Einsätze aufdrängt, kann sich diese Einstellung auch wieder ändern.

Überhaupt scheint Korkut mit Formationen und Spielweisen wesentlich flexibler und pragmatischer zu verfahren als sein Vorvorgänger Kosta Runjaic. Wie schon gegen Stuttgart und Dresden wird die Raute, wenn überhaupt, auch in Heidenheim kaum über die 90 Minuten zur Anwendung kommen. Wenn die Flügel dicht gemacht werden sollen, bietet sich ein Umstellen auf die flache Vier an, wie schon gegen die Sachsen praktiziert.

DER GAUCHO, DER AUS DER KÜCHE KAM

Zum Schluss noch ein wenig Fußballgeschichte. Als „Erfinder“ der Raute gelten übrigens die Argentinier. Jonathan Wilsons „Revolutionen auf dem Rasen“ zufolge haben die Gauchos die Formation schon 1966 in England praktiziert. Ausgedacht hat sie sich Coach Juan Carlos Lorenzo, der in seiner Trainerkarriere immer auch mal in Spanien arbeitete. Dem Leser hier auf mit auf den Weg gegeben soll ein Ausspruch, mit dem Lorenzo die Frage beantwortete:

„Wie schlägt man eine Elf mit einem starken Stürmer?“

Und dieser Meister der Metaphern verkündete: „Ganz einfach. Wenn man nicht will, dass jemand isst, muss man verhindern, dass das Essen aus der Küche kommt. Ich schicke dann keinen los, um den Kellner zu decken. Stattdessen muss ich mich um den Koch kümmern.“

 

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