Analyseblog: 0:3! Heidenheim wird zu Sandhausen 2.0 – Jetzt heißt es, Nerven behalten

Ein Schritt vor, einer zurück… Es will sich einfach nichts weiterentwickeln beim FCK. So wie bereits vor Wochen auf dem 0:0 gegen Düsseldorf „aufgebaut“ werden sollte, sollte auch Heidenheim nach dem souveränen 3:0 gegen Dresden einen weiteren Step nach vorne bringen. Am Ende ist es nur ein Sandhausen 2.0 geworden. Konkret: ein fettes 0:3. In dem sich nahezu alle Fehler, die auch bislang ein Vorwärtskommen in der Tabelle verhinderten, wiederholten. Den Trainer zu entlassen, wär trotzdem ein Fehler.

Gegentreffer 1. Nach einem Abschlag von Julian Pollersbeck gibt sich der Lauterer Defensivverband ohne ersichtlichen Grund optimistisch, dass Lukas Görtler den herunterfallenden Ball für die Seinen festmachen kann und orientiert sich bereits nach vorne. Die Heidenheimer Marc Schnatterer und Bard Finne dagegen warten erst mal ab, ob das Leder nicht vielleicht doch in ihre Richtung läuft – und liegen richtig. Der frei stehende Schnatterer passt auf den noch freier stehenden Finne, der dringt in den Strafraum ein, hat dann, zugegeben, auch mal Glück, dass er in Ballbesitz bleibt, nachdem er Stipe  Vuvur angeschossen hat, und schlenzt ins lange Eck. Die Reaktionszeit nach dem Abpraller hätte für Vucur, aber auch Tim Heubach und Patrick Ziegler durchaus noch ausgereicht, wenigstens noch ein, zwei Schritte auf den Schützen zuzumachen – hätte zum Abblocken vielleicht noch gereicht.

Gegentreffer 2. Wieder mal ein verlorenes Kopfballduell: Ein Freistoß-Flugball von Schnatterer. Heubach verliert gegen Timo Beermann. Dass hinter ihm auch noch Kevin Kraus frei stand, muss eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Hätte der aufs Tor köpfen dürfen, hätte man wenigstens die Abseitsposition anführen können, die er im Moment des Abspiels einnahm.

Gegentreffer 3. Für Tore, die der Gegner über die rechte Seite einleitet, wird der Blogwart demnächst die Copy & Paste-Taste benutzen. Diesmal spritzt Robert Strauß in ein kurzes Zuspiel, das Marcel Gaus an Alexander Ring richten wollte. Der setzt daraufhin Tim Kleindienst ein, welcher einen vollendeten Flankenlauf zeigen darf und dann das kurze Eck anvisiert – okay, normaler Weise sind die Lauterer am langen Eck noch anfälliger. Strauß ist mittlerweile an den Fünfmeterraumr gewieselt, Ziegler lässt ihn den Fuß ans Leder halten, Tor.

UND WIEDER MAL BESTÄTIGT SICH: LAUTERN MACHT DIE ERFOLGLOSEN STARK

Straußens erster Treffer seit neun (!) Jahren bestätigt übrigens einmal mehr, was die FCK-Freunde, die zu gepflegtem Sarkasmus neigen, bei allem Schmerz schon wieder grienen lässt. Denn der Ruf ihres Teams, schwächelnde Gegner das Aufpolieren negativer Bilanzen zu gestatten, ist legendär. Auch der in Heidenheim zuletzt kritisierte Finne durfte gegen Lautern mal so richtig was für sein Selbstbewusstsein tun.

Waren es also wieder mal die schon so oft beschworenen „Momente“, die gegen den FCK liefen? Davon gäbe es in der Tat noch einige aufzuzählen. Den von Marcel Gaus etwa, als er nach einer wirklich schönen Kombination frei vorm Tor auftauchte, von Keeper Kevin Müller aber gestoppt wurde. Die Diskussion, ob das ein Elfer gewesen sein könnte, verbittet sich schon allein dadurch, dass später ein absolut strafstoßwürdiges Foul von Vucur ebenfalls nicht geahndet wurde.

Oder den, als Jaques Zoua allein vor Müller auftauchte, beim Versuch, ihn zu tunneln, aber scheiterte. Oder den, als Ring nach Rechtsflanke Philipp Mwenes an den Pfosten köpfte… Das darf man bei aller Kritik auch schon mal sagen: Einfach mal Glück hatte der FCK in dieser Saison tatsächlich auch noch nicht.

ES SIND EBEN NICHT NUR DIE MOMENTE

Also alles nur „Momente“? Nicht nur. Das Spiel offenbarte auch fast schon lehrbuchmäßig die Vorteile und Schwächen der Mittelfeldraute, in der Trainer Tayfun Korkut die Mannschaft seit dem Stuttgart-Spiel beginnen lässt.

Nach dem 0:1 agierte der FCK für eine runde Viertelstunde damit sehr gefällig, nicht zuletzt resultierte Gaus‘ Großchance aus dem Kombinationsspiel durch die Mitte, das die Raute fördert. Nach dem der Gegner seine Zentrale jedoch dicht bekommen hatte, offenbarten sich schonungslos die Schwächen dieser Formation – auf den unterbesetzten Flügeln nämlich. Sowohl in der Defensive, wie das 0:3 am eindrucksvollsten zeigt, aber auch im Spiel nach vorne, dem zunehmend die Breite fehlte, erst recht, wenn man einem Rückstand hinterher läuft.

Exemplarisch dafür sei dieser Screenshot eingefügt.

ring-stieber

Hier lohnt sich vor allem der Vergleich mit dem Screenshot aus der Dresden-Analyse. Sie zeigt die Situation vor dem 2:0: Ring ist am Ball, hat sechs Mitspieler vor sich, die sich auf der gesamten Breite des Spielfelds anbieten. Dieser Screenshot dokumentiert eine Szene kurz nach Rings Pfostentreffer zu Beginn der zweiten Halbzeit, der FCK rennt, wohlgemerkt, einem 0:2-Rückstand hinterher: Ring ist ähnlich positioniert, hat aber nur drei Mitspieler vor sich, und auf den Außenpositionen tut sich gar nichts. Die Passwege zu Zoua und Görtler sind zugestellt, also wird Ring auf Stieber passen, der versucht, mit links abzuziehen – und wird abgeblockt.

FAKT IST: LAUTERN BLEIBT IM KELLER

Ehe Korkut mit der Einwechslung der Flügelspieler Robert Pich und Sebastian Kerk wieder Breite herstellen kann, schlägts dann zum 3:0 ein. Die beiden machen anschließend allerdings auch nicht unbedingt den Eindruck, als ob sie noch was gerissen hätten, wenn ein Punktgewinn noch in Reichweite gewesen wäre, aber auch das ist müßig zu erötern.

Fakt ist: Der FCK dümpelt nun mit fünf Punkten auf Relegationsplatz 16, und wenn das Kellerduell Bielefeld gegen Nürnberg heute einen Sieger hat, rutscht er noch einen Rang weiter nach hinten. Die Stimmung in Fanlagern und -foren ist dementsprechend bescheiden – und höchst gereizt. Nach mageren drei Punkten aus der zurückliegenden englischen Woche wird lautstark die Entlassung des Trainers gefordert – und verstärkt an das angebliche „Ultimatum“ erinnert, das es angeblich vor Wochenfrist gegeben haben soll: Wenn Korkut aus den jüngsten beiden Spielen nicht mindestens vier Punkte holt, ist er weg…

TRAINER RAUS? BRINGT NICHTS

Der Blogwart meint: Dass es bei einem Sportdirektor Uwe Stöver ein solches Ultimatum gegeben haben soll, ist äußerst unwahrscheinlich. Eine Trainerentlassung zu diesem Zeitpunkt der Saison bringt auch nichts. Korkut hat bewiesen, dass er bereit ist, seine Ideen den Möglichkeiten seiner Spieler anzupassen, mit der Installation der Raute, mit der Umstellung auf das in der Liga übliche „tief stehen und abwarten“ nach der erlösenden 1:0-Führung gegen Dresden. Die Kopfball- und Konzentrationsschwächen in der Defensive, die Stellungsfehler, die mangelnde Qualität auf den Flügeln – da könnte auch ein neuer Trainer nicht unmittelbar was ausrichten, da hilft in der Tat nur Warten auf die noch nicht fitten Neuzugänge.

Natürlich: Auch andere Trainer mit guter Ausstrahlung und den richtigen Ideen im Kopf sind schon gescheitert, ob beim FCK oder anderswo. Am Ende kommts eben nur darauf an, ob ein Coach das, was er sich so ausdenkt, einer multikulturell und intellektuell höchst heterogenen Gemeinschaft so vermitteln kann, dass sie es auf dem Rasen organisiert und konzentriert umsetzt. Das kann ihm mal mit einer Mannschaft gelingen, mit einer anderen nicht.

Ob Korkut dies beim FCK schafft, lässt sich noch nicht sagen, sein Standing in der Mannschaft ist dem Vernehmen nach gut, hundertprozentig beurteilen können das nur wirkliche Insider, nicht solche, die nur behaupten, welche zu sein.

Dass die Mannschaft nach dem personellen Umbruch nicht eingespielt ist, liegt natürlich auch daran, dass einige so genannte Verstärkungen bereits verletzt oder noch nicht fit an den Betzenberg gewechselt sind. Da wiederum darf die Personalpolitik des Sportdirektor hinterfragt werden.

DER BERÜHMTE „MUT ZUM RISIKO“ – EINE ZWEISCHNEIDIGE SACHE

Der Blogwart meint: Ist es schon mal jemandem aufgefallen? Die Wendung „Mut zum Risiko“ wird immer dann gebraucht, wenn damit eine Erfolgsgeschichte eingeleitet wird. Wird „Mut zum Risiko“ nicht belohnt, wird schnell von „Vabanguespiel“ oder „Hasardieren“ gesprochen. „Mut zum Risiko“ wird nur positiv konnektiert, wenn er ein Happy End nach sich zieht, dabei beinhaltet er doch eigentlich immer auch, dass auch was schiefgehen kann, sonst wär ja kein Risiko dabei.

Schon klar: Christoph Moritz, Ewerton, Mensur Mujdza und Sebastian Kerk waren/sind Spieler, denen der Ruf der Verletzungsanfälligkeit anhaftete (Moritz) oder die bereits angeschlagen oder mit Trainingsrückstand antraten (der Rest der Genannten). Andererseits: Nur aufgrund dieser Mängelbehaftung waren sie für den FCK überhaupt erschwinglich. Potenzial, die Mannschaft über den Zweitligadurchschnitt zu erheben, haben sie ohne Frage. Stövers Mut zum Risiko kann also noch belohnt werden.

Was allerdings auch zu konstatieren ist: Die Probleme in der zweiten Etage sind nicht so ganz unvorhersehbar gewesen. Mit Markus Karl wurde ein echter Kopfballabräumer abgegeben, Antonio Colak und Jon Dadi Bödvarsson waren in der vergangenen Saison Offensivspieler, die bei Freistößen und Eckbällen auch Defensivaufgaben im Luftraum übernahmen. Da sieht es im Moment mau aus, und wenn sich Ewerton nicht gerade als Kopfballmonster entpuppt, ist auch nicht abzusehen, dass sich das ändert.

8 PUNKTE NACH 8 SPIELTAGEN? WÄR NICHT GUT, ABER AUCH KEINE TRAGÖDIE

Die Alternative wäre gewesen, sich verstärkt im Reservoir der Zweitliga-Absteiger und der Dritten Liga zu bedienen, und auch deren Toptalente sind für Lautern oft schon zu teuer, wie sich vor Jahresfrist bei der Personalie Hauke Wahl zeigte. Die viel zitierte „Aufbruchstimmung“ wäre auf diesem Weg wohl auch kaum erzeugt worden.

Außer bei Mujdza besteht durchaus die Hoffnung, dass die Neuen in absehbarer Zeit den erforderlichen Fitnessstand erreichen. Wird am nächsten Sonntag gegen Bielefeld gewonnen, steht der FCK nach acht Spieltagen mit acht Punkten da – und hat anschließend über die Länderspielpause Gelegenheit, sich weiter zu regenerieren.

Das ist sicher keine berauschende Zwischenbilanz, aber auch nicht so desaströs, als dass der Sprung in die obere Tabellenhälfte nicht noch anvisiert werden könnte. Und von mehr war in dieser Saison nie die Rede.

 

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