Bücherblog: Ob dem FCK nicht einfach nur ein Talent wie Mrosko fehlt?

Hat sich schon mal jemand gewundert, wie der 1. FC Kaiserslautern 2012 als gerade abgestiegener Bundesligist einen ehemaligen spanischen U-21-Nationalspieler mit 164 Einsätzen in der Primera Division unter Vertrag nahm – nach dem er zuvor und danach nie auf dem iberischen Spielermarkt aktiv war? Die Antwort steht in einem Buch, das jetzt von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur als „Fußball-Buch des Jahres“ ausgezeichnet wurde: „Mroskos Talente“ von Ronald Reng.

Marc Torrejon war eine der besten Verpflichtungen, die Stefan Kuntz in seiner Ära als Vorstandschef mit Sportdirektorenverantwortung tätigte – vielleicht der letzte wirklich gute Transfer, der ihm glückte, denn nach der Sommertransferperiode 2012 häuften sich seine Fehlschläge dramatisch. Dabei hatte er einfach nur Glück, dass Torrejons spanische Berater gleichsam findig wie hartnäckig waren.

Sie hatten sich für ihren Klienten Kaiserslautern ausgeguckt,  damit er sich in dort in Deutschland bekannt machte, nur: Sie bekamen Kuntz einfach nicht als Telefon. Also kontaktierten sie zuerst Lars-Wilhelm Baumgarten, einen der bevorzugten Berater von Kuntz, dessen Telefonanrufe er stets anzunehmen pflegte – und als er Torrejon am Betze anbot, war der Deal schnell perfekt. Für den glücklichen Umstand, eine Telefonnummer zu besitzen, die auf Kuntz‘ Handy-Display mit seinem Namen erschien, strich Baumgarten selbstverständlich einen Teil der Provision ein.

SPORTDIREKTOREN UND SPIELERBERATER: EINE FRAGE DER AUSLESE

Das mag sich jetzt vielleicht lesen, als wolle der Blogwart dem ohnehin genug gebeutelten Kuntz partout noch was aufs Brot schmieren, aber darum geht es gar nicht. Die Episode wird in „Mroskos Talente“ einfach nur als beispielhaft für Geschäftsabwicklungen im deutschen Fußball erwähnt. Zwischen 100 und 1000 Spielervermittler versuchen den Sportdirektor eines Profiklubs pro Tag zu erreichen, da kommt er mit der Zeit gar nicht umhin, eine Auswahl zu treffen, wessen Anrufe er entgegennimmt und wessen Emails er öffnet.

„In der Regel wählte jeder Sportdirektor die Agenturen mit den ewig langen Spielerlisten als bevorzugte Gesprächspartner aus und dazu ein paar, zu denen er aus der Vergangenheit eine Art persönliche Verbindung aufgebaut hatte“, erzählt Ronald Reng. „Unter diesen exklusiven Beratern bestimmten viele Sportdirektoren und Trainer noch den einen Vertrauensberater, den Spezialagenten. Ihn setzten sie als Unterhändler bei komplizierten oder heiklen Transfers ein.“

Scheint also doch was dran zu sein an der schlagzeilenträchtigen Formulierung, dass die Spielerberater heutzutage die wahren „Paten der Bundesliga“ wären, als die sie nicht nur die „Bild“, sondern längst auch der „Spiegel“ gerne mal bezeichnet. Doch Reng erzählt nicht die Geschichte eines Impresarios von Reus, Götze, Hummels und Co., sondern eines Berliner Jungen namens Lars Mrosko, der den Fußball liebt wie kein zweiter, eigene Karrierepläne aber früh begraben muss, sich daher erst als Spielersucher, dann als Spielerberater verdingt, und dabei sein Glück eben nicht findet.

WIE DER MODERNE PFOFIFUSSBALL FUNKTIONIERT

Worum es ihm in „Mroskos Talente“ exakt geht, bringt der Autor selbst am besten auf den Punkt: „Bücher, die einen Blick in solch eine abgeschottete Szene werfen, blasen oft gewollt oder ungewollt die unerhörten und niederträchtigen Ereignisse auf. Dieses Buch will alles andere als eine Skandalschrift sein. Lars Mrosko nimmt uns mit in den Alltag der Bundesliga, zu Startrainern und Hilfsarbeitern, und hoffentlich wird dabei beiläufig klar, wie der moderne Profifußball funktioniert.“ Und das ist so spannend erzählt, mal Schelmen-, mal Entwicklungsroman und dabei immer fundierter Hintergrundbericht, dass das Buch jedem Fußballfreund wärmstens zu empfehlen ist als Lektüre an den nun länger werden Abenden.

Auch FCK-Fans. Auch wenn ihr Verein, von der Torrejon-Episode mal abgesehen, nicht allzu oft vorkommt, amüsanter als das Studium der aktuellen Zweitligatabelle ist „Mroskos Talente“ jederzeit. Kaiserslautern wird bevorzugt dann erwähnt, wenn Reng darstellen will, wie weit die Wege sind und in welche entlegenen Ecken des Landes sie den nimmermüden Mrosko führen, um was zu werden in der Welt, in der er so gerne was wäre. Eine seiner ersten Dienstfahrten als Scout von Tennis Borussia Berlin etwa unternimmt er in seinem Rover 400 von Neukölln in die Pfalz. Dort beobachtet er das Stürmertalent, das seinerzeit als das größte seines Jahrgangs gehandelt wird: Benjamin Auer.

WILLKÜR UND INTRIGEN SIND MÄCHTIGER ALS FLEISS UND KÖNNEN

Später im Buch wird er nochmal in den Südwesten unterwegs sein, um für Wolfsburg einen Lautrer A-Junior zu begutachten. Er hat zu Cheftrainer Felix Magath eine besondere Beziehung aufgebaut, und es läuft gerade gut für ihn, als ihn, als er fast schon in Mainz ist, ein Anruf erreicht, er könne umdrehen, die Sichtung übernehme ein anderer. Mrosko ist Opfer von Willkür und Intrigen geworden, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.

Zuvor hat er in Lautern bereits Alexander Esswein gescoutet und ihn seinem Chef empfohlen. Esswein wird später in Interviews erklären, er habe sich deswegen für Wolfsburg entschieden, weil Magath sich immer persönlich um ihn bemüht habe. Lars Mroskos Name oder Gesicht wird ihm niemals geläufig sein. Und als Spielerberater trifft der glücklose Berliner in der Türkei das gescheiterte und verzweifelte Talent Bilal Çubukçu, das hadert, es hätte von Hertha nach Kaiserslautern wechseln sollen, als sich die Gelegenheit bot…

Doch, wie gesagt: Das sind nur Randepisoden. Was „Mroskos Talente“ zum großen Wurf macht, sind die Einblicke in ein Geschäft, in dem der Fußballfan sich jeden Tag aufhält und über das er doch so wenig weiß. „Rund 100 Millionen Euro an Provision zahlen die Bundesligisten jedes Jahr den Beratern“, schreibt Reng. Der Betrag dürfte nach den finanziellen Explosionen der jüngsten Zeit sogar noch in die Höhe geschnellt sein.

DER TRAUM VOM GROSSEN DEAL

„Davon müsste man sich doch nur 0,25 Prozent sichern, um stattlich zu leben“, rechnet sich Lars Mrosko aus, als er ins Spielerberatergewerbe wechselt. „Mrosko dachte daran, wie er den einen Jugendspieler finden und aufbauen würde, der richtig durchstartete. Er dachte an den einen Profivertrag, der ihm mit einem Schlag 250000 oder 300000 Euro Provision einbringen würde.“

Doch die Rechnung geht nicht auf, wie im übrigen auch beim Gros seiner sogenannten Berufskollegen. Reng weiter: „481 deutsche Firmen zur Spielerberatung sind allein beim Weltverband FIFA registriert. In den drei deutschen Profiligen gibt es rund 1400 Stellen für Fußballer. Das heißt, auf jeden dritten Profispieler kommt ein Berater. Das bedeutet vor allem, dass ein Großteil der fast 500 Agenturen nicht einmal drei Profispieler findet, die sie vertreten können. Von den 481 Firmen werden jedes Jahr wieder 300 bis 400 weniger als 10000 Euro verdienen. Manche gar nichts.“

WIE MROSKO DEN BULLEN VON GIFHORN ENTDECKTE

Doch selbst wenn es für Mrosko kein Happy-End gibt, auch einer wie er hat im deutschen Profifußball seine Spuren hinterlassen. Eine besondere einprägsame ist die des Bielefelder Stürmers Fabian Klos. Den hat Mrosko vor Jahren in Gifhorn entdeckt. „Gifhorn? Auf der Landkarte des Fußballs existierte der Ort nicht“, schreibt Reng. Mrosko hat ihn dennoch gefunden. Fünfte Liga spielte der Klub. Und Mrosko nervte seine Vorgesetzten Lorenz-Günther Köstner und Felix Magath so lange, bis dieser Klos, der ihm dort aufgefallen war, für Wolfsburgs Zweite Mannschaft verpflichtet wurde.

Reng lässt Köstner sich erinnern, wie er den 1,94 Meter-Koloss das erste Mal sah: „Er wog gut und gerne 98 Kilo und erinnerte Köstner an einen Schutzmann, so felsenfest stand er auf seiner Position, Arme hoch, ich regle den Verkehr. Der Junge war auch schon 21, bis 19 hatte er bei einem Kreisligisten gespielt, eine konzeptionelle Fußballausbildung genoss man dort eher nicht. Doch unter seinem massigen Körper verbarg der Junge eine besondere Gabe, argumentierte, bat, forderte Mrosko: Er beherrschte die Kunst des Stürmens wie des Lebens, im rechten Moment am rechten Ort zu sein. In 58 Spielen hatte er 49 Tore für Gifhorn erzielt. Sie mussten ihn in einer höheren Liga erproben, argumentierte, bat, forderte Mrosko, es gab diese ganz seltene Spezies des Mittelstürmers, der unförmig wirkte, aber einfach immer und überall Tore schoss.“

BRAUCHT LAUTERN EINFACH NUR MEHR MROSKO?

Dass er schlussendlich auf Mrosko hörte und so einem bis heute erfolgreichen Zweit- und Drittligatorjäger auf die Karrierebahn half, hat Köstner auch eine Selbsterkenntnis beschert: „Als Trainer hast du über die Jahre zwangsläufig so viele Enttäuschungen mit Spielern hinter dir, dass du einen skeptischen Blick auf Fußballer bekommst: Was kann der nicht, ist der nur auf dem Egotrip, ist das bloß wieder einer, der Ärger macht, wenn er mal auf der Ersatzbank sitzt. Lars dagegen hatte noch einen erfrischend positiven Blick auf Fußballer, nur so konnte er in Fabian Klos dessen Potenzial sehen.“

Und weiter heißt es: „Diese Skepsis, diese Verbitterung musste er ein Stück weit loswerden, hatte ihm Mrosko gezeigt. Auch um sich von dessen Begeisterung für das Spiel und die Spieler wieder ein wenig anstecken zu lassen, war Köstner gerne in Mroskos Nähe.“

Wer weiß: Vielleicht fehlt dem 1. FC Kaiserslautern dieser Tage ja nur ein Lars Mrosko.

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