Gegnerblog: Braunschweig marschiert wie 12/13 – mein lieber Knecht!

Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn, der nach Hause zurückkehrt, ist schon etliche Male nacherzählt und mit wechselndem Personal neu interpretiert worden. Die Version, die in der Pfalz viele gerne erzählen würden, wird jedoch weiterhin ohne Happy End bleiben. Mindestens zwei Heimholungsaktionen des FCK sind bereits gescheitert, die letzte im vergangenen Sommer, und die nächste wird nun wohl noch drei Jahre warten müssen. Vergangene Woche hat  Torsten Lieberknecht seinen Vertrag als Trainer von Eintracht Braunschweig bis 2020 verlängert.

Und so, wie es im Moment für den Klub läuft, sieht es nicht nach vorzeitiger Trennung aus:  Der nächste Gastgeber des FCK am kommenden Montag (20.15 Uhr) ist gegenwärtig Tabellenführer der Zweiten Liga, hat sechs von acht Spielen gewonnen, und nicht wenige fühlen sich an die Saison 2012/13 erinnert, als die Braunschweiger sich mit einem furiosen Start so weit nach oben absetzten, dass es für die favorisierten Erstligaabsteiger, die sich erst neu formieren und in Tritt kommen mussten, zu spät war, als es bei ihnen endlich lief.

GEBALLTER SACHVERSTAND MIT STALLGERUCH

Lieberknecht verkörpert mit seiner Mischung aus Leidenschaft, akribischem Arbeiterfleiß und geballtem Sachverstand im Sinne der modernen Fußballlehre genau den Typ, den sie am Betzenberg seit Jahren suchen. Und er hat den „Stallgeruch“, der in der Pfalz so geschätzt wird.

1991 ist der gebürtige Bad Dürkheimer, der in Hassloch groß geworden ist, mit der A-Jugend des FCK Juniorenmeister geworden. In den anschließenden ersten Profijahren kommt der Außenverteidiger, der, ähnlich wie Philipp Lahm, später zum Mittelfeldspieler wird, allerdings nur 13 Mal zum Einsatz. 1994 wechselt er, bleibt jedoch bodenständig, geht zuerst zu Waldhof Mannheim, dann zu Mainz 05. Und erfährt dort bereits die entscheidende Inspiration für seinen späteren Trainerjob.

Mitte der 1990er Jahren macht der rheinhessische Zweitligist das erste Mal bundesweit auf sich aufmerksam. Trainer Wolfgang Frank lässt ein Raumdeckungssystem mit Viererkette spielen, die damals in Deutschland noch mit so sinnigen Begründungen abgelehnt wird wie der, deutsche Abwehrspieler seien zu tumb, um sie zu lernen.

FRANK: DIE INSPIRATION, DIE BEI ZEBEC UND SACCHI LERNTE

Die hintere Linie hoch aufrücken zu lassen, die Mannschaft in Richtung des Balles eng zusammen zu ziehen, um dem Gegner keinen Raum zu bieten, weder zum Dribbeln noch zum Passen, zu „pressen“ – das hat Frank bei Arrigo Sacchi studiert, der mit diesen Stil beim AC Milan perfektioniert und die Italiener so zu einem europäischen Spitzenteam gefordert – zu denken, man könne im Ausland etwas über Fußball lernen, ist in Deutschland damals generell noch nicht en vogue.

Frank hat aber auch selbst schon in den 1970er Jahren unter einem Trainer gespielt, der mit Eintracht Braunschweig ein 4-4-2 im Raum praktizierte, ohne dass es gebührend gewürdigt wurde: Branco Zebec, der später in Hamburg eines der großen Trainervorbilder für seinen Spielmacher Felix Magath werden sollte.

In Mainz begeistert Frank mit seinem neuen Stil fast eine komplette Mannschaft, es später auch selbst als Trainer zu versuchen. Christian Hock etwa, Sven Demandt, einen gewissen Uwe Stöver, der nunmehr Sportdirektor in Kaiserslautern ist, eben Lieberknecht und einer eher mäßig begabten Zweitligakicker, der es gar nicht mal regelmäßig in die Startformation schafft: Jürgen Klopp. Der große sportliche Erfolg bleibt Frank und seiner Truppe jedoch versagt: Am 34. Spieltag der Saison 1996/97 unterliegen die 05er im entscheidenden Duell mit dem VfL Wolfsburg in einem legendär gewordenen Kick mit 4:5.

VON MAINZ NACH BRAUNSCHWEIG

Lieberknecht bleibt bis 2002 in Mainz, erlebt in seiner letzten Saison seinen ehemaligen Mitspieler Klopp noch selbst als Coach, wechselt dann zum Regionallisten Braunschweig, mit dem er in die Zweite Liga auf- und wieder absteigt. Anschließend wird er zunächst Nachwuchstrainer. 2008 wirft Cheftrainer Benno Möhlmann drei Spieltage vor Saisonende das Handtuch. Lieberknecht rückt nach und nutzt seine Chance.

2010 erwirbt er die Fußballlehrer-Lizenz, der Titel seiner Abschlussarbeit lautet: „Der Spagat zwischen Tradition und Moderne bei Eintracht Braunschweig“ – auch der hätte gut nach Kaiserslautern gepasst. Gemeinsam mit Sportdirektor Marc Arnold führt er den Klub von der Dritten in die Erste Liga. Obwohl von vorneherein als Absteiger Nummer eins gehandelt, bewahren sich die Braunschweiger zumindest rechnerisch die Chance auf den Klassenverbleib bis zum letzten Spieltag, haben aber kein Glück.

ZWEI JAHRE WIEDERAUFBAU NACH DEM ABSTIEG

Nach dem Abstieg haben sie zwei Jahre gebraucht, um wieder eine Truppe zu formen, die oben mitspielen kann. Und, nein, der Blogwart wird Braunschweig jetzt nicht als den souveränen Gegenpol zu Kaiserslautern rühmen, in dem auch mal abgewartet werden kann, bis sich was entwickelt. Auch in Niedersachen rumorte es in den mageren Jahren, wurden zwischenzeitlich mal Arnold, dann auch Lieberknecht in Frage gestellt. Der Trainer soll unter anderem von Werder Bremen umworben gewesen sein.

Fakt ist aber: Am Ende blieben sie zusammen und haben nach guter Braunschweiger Sitte wieder mit wenig Geld ein Mannschaftsgerüst aufgebaut, mit dem sowohl sportlich was möglich ist, sich perspektivisch aber auch einiges an Ablösesummen auf dem Transfermarkt generieren lässt.

DIE EINTRACHT 2016: GUTER KADERMIX MIT TAKTISCHEN OPTISCHEN

Der für 750.000 Euro verpflichtete Abwehrhüne Gustav Valsvik ist erst 23, sein Nebenmann Saulo Decarli 24, der ablösefrei aus Dresden geholte Quirin Moll, der sich innerhalb kürzester Zeit als wichtiger Umschaltspieler im defensiven Mittelfeld etabliert hat, 25. Zudem steht mit Ken Reichel, Mirko Roland und den beiden Ex-Lau Marcel Correia und wiedererstarkten Torjäger Domi Kumbela auch jede Menge Erfahrung im Kader.

Nach dem Heidenheimer Frank Schmidt ist Lieberknecht nunmehr der dienstälteste Trainer der Liga. Die Dreierkette, mit der Braunschweig in der vergangenen Saison aufhorchen ließ, ist heuer noch nicht zum Einsatz gekommen, der Coach lässt sie aber weiterhin in Testspielen üben, um sie sich als Option offen zu halten.

Torsten Lieberknecht hat seine Truppe, wie man hört, aber auch menschlich voll im Griff: Wenn es was zu feiern gibt, grölt er mit seinen Jungs, von Cola-Whisky aus der Dose befeuert, auch schon mal Helene Fischer-Lieder. Obwohl er eigentlich Van Morrison-Fan ist. Mann, würde der gut nach Kaiserslautern passen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s