Gegnerblog: Rock me, Gertjan – Wie der fliegende Holländer auf der Harley gegen Bochums Schlingerkurs kämpft

Er redet ein bisschen wie der in Lautern nicht so erfolgreiche, aber beliebte Erik Gerets. Er ist ein autoritärer Knochen – wie der in Lautern erfolgreiche und vergötterte Kalli Feldkamp. Er leistet sich einen grandiosen Kleinkrieg gegen die Springer-Presse. Er fährt Harley. Er steht auf Classic Rock. Verdammt, es gibt so viele gute Gründe, Gertjan Verbeek, Trainer des FCK-Gegners VfL Bochum am kommenden Montag (20.15 Uhr), zu mögen. Aber auch eines, was sein Beispiel die derzeit unglücklichen FCK-Fans lehrt.

Und das ist: Selbst ein „harter Hund“, wie er von so vielen am Betzenberg gerade im Moment gefordert wird, vermag keine Stabilität in ein Team zu bringen, das ständig personellen Umbrüchen ausgesetzt ist. Der VfL befindet sich in der laufenden Saison bislang auf Schlingerkurs. Wenn die Jungs aus dem Ruhrpott siegen, dann spektakulär. 5:4 haben sie den 1. FC Nürnberg geschlagen, in Aue haben sie 4:2 gewonnen – doch es setzte auch schmucklose Niederlagen in Düsseldorf (0:3) in Würzburg (0:2).

KEIN VERGLEICH ZUM SAISONSTART 15/16

Kein Vergleich zum Saisonstart vergangenen Jahres. Am 8. Spieltag standen die Bochumer an der Tabellenspitze, nach fünf Siegen in Folge, unter anderem hatten sie beim Topfavoriten SC Freiburg gewonnen, und es sah so aus, als hätte der Holländer, der  kurz vor Weihnachten 2014 gekommen war, dem Team nun eine Struktur verpasst, mit der sich endlich wieder nach höheren Zielen streben ließ.

Der Traditionsklub aus dem Ruhrpott kickte nunmehr im fünften Jahr nacheinander in der Zweiten Liga, nach dem er sich selbst Anfang der 1990er Jahre in der Ersten Liga noch das Etikett „unabsteigbar“ verpasst hatte und in der anschließenden Dekade zum Synonym für eine „Fahrstuhlmannschaft“ zwischen Ober- und Unterhaus geworden war. Ein Musterbeispiel für langsames Absinken, wenn die eigenen Möglichkeiten Jahr für Jahr  geringer werden, während sich gleichzeitig immer mehr Wettbewerber formieren, die mit immer mehr Konzernmillionen gepusht werden – gerade FCK-Fans dürfte diese Entwicklung vertraut verkommen.

ANALYTIKER ERKENNEN: VERBEEK SPIELT WIE GUARDIOLA

Nun aber schien Verbeek einen neuen Geist geweckt zu haben. Die Kollegen des westfälischen Fußball-Magazins „westline“ holten sich sogar Verstärkung bei den Analytikern von „spielverlagerung.de“, um die taktische und systemische Prägung des neuen Bochumer Spiels zu beschreiben – und entdeckten viel Guardiola im Revier.

Exakt einstudierte Laufwege ohne Ball, schnellere Ballzirkulationen in Gegners Hälfte, geschickte Überlagerungen einer Seite – bei Verbeek war’s gerne die linke – um im richtigen Moment mit einem Diagonalpass auf die andere den Durchbruch zum Tor einzuleiten, flexibles Umstellen von Vierer- und Dreierkette, sekundenschnelles Reagieren auf Besonderheiten, die beim Gegner erkannt wurden, und, und, und.

ERST VERWÖHNT, DANN ENTTÄUSCHT: DAS FÜHRT ZU GEMECKER

Ein gewisser Konrad Fünfstück sorgte mit seinem Debüt als Cheftrainer beim FCK am 9. Spieltag dann für einen ersten Nadelstich, als er Bochum die erste Heimniederlage (1:2) beibrachte. Das Team reagierte darauf mit einem brachialen 5:0 in Fürth, ehe dann bis Ende der Hinrunde gar kein Sieg mehr glückte.

Und, wie es so ist, wenn das Umfeld erst einmal verwöhnt, dann aber enttäuscht worden ist, setzte darauf schnell Gemecker ein – auch diesen Prozess kennen Lautern-Fans zur Genüge. Dabei wiederum offenbarte sich Verbeek als so ziemlich das exakte Gegenteil eines Diplomaten, in dem er zunehmend die so genannten  „Meinungsmultiplikatoren“ brüskierte und auch noch pfeilgrad die mächtigsten unter diesen ins Visier nahm. In einer Kult gewordenen Wutrede bezeichnete der wild gewordene Holländer „Bild“-Reporter als A-Löcher, und selbst Vertreter moderater arbeitender Medien müssen sich nach weniger intelligenten Fragen schon mal die Replik gefallen lassen: „Bist du dumm?“

DIE ANTWORT DER A-LÖCHER: „KAPUTTTRAINER, SOZIOPATH, STARRER HUND“

„Objektiv gesehen, steht der Verein besser da als in den 4 bis 5 Jahren zuvor, auch ein Verdienst des Trainers, der seine Arbeit gut macht, aber sich auch manchmal selbst im Wege steht. Doch durch seine rüde Art bekam Verbeek diese Woche nach dem lahmen 1:1 gegen Union auf die Mütze: Bild, Sportbild und westline zeigten dem Trainer die gelbe Karte und er wurde gewissermaßen als Kaputttrainierer, Soziopath und starrer Hund  dargestellt“, kommentierte der Blogger Tom MacGregor  in „westline“, erkannte aber auch: „Der Freak in ihm wird gemocht, die Presse ist der Feind; die Leute identifizieren sich mit dem erfolgreichen Außenseiter.“

Der Zwiespalt zwischen ungünstiger Medienwahrnehmung und Beliebtheit bei den Fans zog dann auch seine anstehende Vertragsverlängerung zu Jahresbeginn in die Länge. In diesen Tagen mehrten sich in FCK-Fanforen die Stimmen, dass man sich da doch einmal einklinken könne, ein solch harter Hund mit einer solchen Fußballvision sei doch genau das, was die Pfalz mal wieder dringend bräuchte; faktisch hätte sich in dieser Richtung aber kaum was in Bewegung setzen lassen. Vorstandschef Kuntz agierte in dieser Zeit bereits als „lame duck“, ein neuer Sportdirektor war noch nicht gefunden.

NICHT ZU VERHINDERN: DER ADERLASS IM SOMMER

Wie auch immer: Verbeek agiert weiter in Bochum, und musste im Sommer einmal mehr spürten, dass Fußball heutzutage nun einmal gelebter Kapitalismus in Reinkultur ist. Die Abgänge von Top-Torjäger und „Zielspieler“ Simon Terodde und dem starken Flügelmann Önur Bulut ließen sich einfach nicht verhindern, auf ihren Positionen mühen sich nun vornehmlich Peniel Mlapa und Tom Weilandt, und auch wenn beide ihre Momente haben, lässt sich auf Sicht nicht kaschieren, dass der Qualitätsverlust enorm ist. Linksaußen Marco Terrazzino musste sogar ablösefrei abgegeben werden.

Dank der Kohle, die Terodde und Bulut brachten, konnte sich der VfL mit dem 850.000 Euro teuren Marco Stiepermann von Fürth für Zweitligaverhältnisse so etwas wie einen Königstransfer leisten. Er komplettiert jetzt gemeinsam mit Anthony Losilla und Thomas Eisfeldt das für Verbeek unablässige, spielstarke Mittelfeldtriangel, das nun allerdings gesprengt ist: Losilla fehlt wegen eines Meniskusschadens für Erste aus.

DAS GLEICHNIS VOM HOTELKLO

Von seiner Spielphilosophie wird sich der charakterstarke Holländer aber auch weiterhin nicht abbringen lassen. Der Weg geht nach vorne: „Die beste Verteidigung immer die, wenn man selbst den Ball hat und nach vorne spielt. Wenn man sich in der Hälfte des Gegners aufhält, ist man weit weg vom eigenen Sechzehner.“ Taktische Disziplin und das Einstudieren von Laufwegen bestimmen auch weiterhin das Bochumer Spiel, hat sich ihr Trainer doch für deren Notwendigkeit eine besonders grandiose Metapher einfallen lassen:

„Wenn man in einem Hotel schläft und nachts aufs Klo gehen muss, macht man das Licht an, die Augen auf und geht zur Toilette. Zu Hause dagegen geht es ohne Licht und mit geschlossenen Augen. Was ich damit sagen will: Wer etwas machen muss, das er nicht kennt, wird unsicher und kann dann nicht an sein maximales Leistungslevel kommen. Rückt man von seiner fußballerischen Philosophie demnach nicht ab, wächst meiner Ansicht nach auch der Glaube der Spieler daran, damit erfolgreich sein zu können.“

Wie eingangs schon gesagt: Wer an diesem Sport noch das wenige Unverfälschte, Ungeschliffene, Unberechenbare liebt, das er sich erhalten hat, der muss Gertjan Verbeek einfach mögen. Auch wenn er beispielsweise Motörhead nicht mag. Andererseits aber hat ihn Lemmy Kilmister fasziniert, weil er „trotz seines Lebensstils mit all den Drogen und dem Alkohol 70 Jahre alt geworden ist“. Darauf einen Genever.

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