Gegnerblog: Geld ist doch nicht alles – Die Eisernen punkten im Kollektiv

Ein Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung betrachtete sich unlängst die Bundesligatabelle – und glaubte, Erstaunliches analysieren zu dürfen. Hinter den wie eh und je einsam oben kreisenden Bayern versammeln sich nicht die kostspielig zusammengestellten und qualitativ entsprechend hochwertigen Kader von Dortmund, Schalke und Wolfsburg, sondern die mit weniger Budget formierten Teams von Köln, Hoffenheim und Berlin. Mannschaften, die, so der schreibende Betrachter, sich nicht über die Klasse ihrer Einzelspieler definieren, sondern als Kollektive funktionieren, welche geradezu „paramilitärisch“ organisiert seien.

Von der eigenartigen Wortwahl mal abgesehen: Dieses „Phänomen“ ist in der Zweiten Liga schon seit Jahren zu beobachten. In die Phalanx der finanzstärksten Aufstiegsanwärter brechen dort Jahr für Jahr Teams ein, die mit geringeren Etats gebildet worden sind, aber in kleinen Schritten zu starken Einheiten geformt wurden. Bisweilen gelingt ihnen sogar der ganz große Wurf, zuletzt Darmstadt, in den Jahren davor etwa Paderborn.

AUCH DIE EISERNEN HABEN AN WIRTSCHAFTSKRAFT ZUGELEGT

Und mit Braunschweig segelt auch heuer nach dem 11. Spieltag eine Truppe vorneweg, die weniger von der Kraft des Geldes, sondern von der Geschlossenheit lebt. Dahinter haben sich mit Hannover und Stuttgart nun endlich die erwarteten Verdächtigen zusammengefunden. Mit Heidenheim und Union Berlin, Lauterns nächstem Heimgegner am kommenden Samstag (13 Uhr), mischen allerdings nach wie vor Teams des anderen Schlages oben mit.

Freilich: Auch die „Eisernen“ haben an Wirtschaftskraft zugelegt. Das hat in jüngster Zeit auch mitbekommen, wer sich hauptsächlich dem FCK widmet. Im Sommer 2015 etwa wechselte Bobby Wood, auf den Lautern ein Auge geworfen hatte, lieber nach Berlin, mittlerweile ist der US-Stürmer nach Hamburg weitergezogen, für fette 3,5 Millionen Euro Ablöse. Vor dieser Saison schloss sich Philipp Hosiner den Eisernen an, an ihm sollen die Pfälzer ebenfalls interessiert gewesen sein.

IM MARKTWERT-RANKING LIEGT UNION VOR LAUTERN

Emanuel Pogatetz, der Innenverteidiger, den Konrad Fünfstück im Winter 15/16 gerne an den Betzenberg geholt hätte, ist ebenfalls an die Alte Försterei gewechselt. Wir erinnern uns: Wegen seiner Verpflichtung hatte es in der FCK-Führung Differenzen gegeben, die mit ausschlaggebend für die Demission von Stefan Kuntz waren. In diesem Zusammenhang soll daher auch das ergänzt werden: In dieser recht vielversprechend angelaufenen Runde spielt Pogatetz in Berlin noch keine Rolle, wurde erst einmal für 66 Minuten eingesetzt.

Im „Marktwert“-Ranking von „transfermarkt.de“ rangiert Union Berlin nunmehr einen Platz vor dem 1. FC Kaiserslautern. Für Kontinuität und Stabilität soll im Verein auch die Besetzung der Trainerbank stehen. Den Maßstab dafür gesetzt hat Uwe Neuhaus, der von 2007 bis 2014 die Eisernen coachte, in der Zweiten Liga etablierte und dabei immer mal kurzzeitig die Tabellenspitze ins Visier nahm.

Nach ihm sollte Norbert Düwel eine union-typische, eigene Lösung für den Trainerposten werden, doch der ehemalige Damenfußballtrainer fand systemisch nie zu einer Linie und scheiterte schließlich auch wegen seiner raubautzigen Art. Um Sascha Lewandowski kam es anschließend zu der sattsam bekannten Tragödie.

DIE NEUE DAUERLÖSUNG? SCHWABE KELLER SCHÄTZT DAS SOLIDE UMFELD

Seit diesem Sommer trainiert Jens Keller die Eisernen, und bislang sieht es so aus, als ob die Union-Verantwortlichen wieder eine Lösung gefunden hätten, der dauerhaft passt. Keller hatte zuletzt pausiert, sich zum Sportmanager weitergebildet, und davor als Schalke-Trainer von sich reden gemacht. Beziehungsweise: Eben nicht, das war ja sein Problem. Der Schalker Führung erschien er zu dröge und unglamourös, obwohl es an seiner Arbeit und den erzielten Ergebnissen nicht viel auszusetzen gab. Bislang hat keiner von seiner Nachfolgern auf Schalke mehr erreicht als Keller in den zwei Jahren seines Schaffens.

 Von daher weiß der akribische Schwabe ein solides Umfeld zu schätzen. Der Mannschaft verordnete er zu Saisonbeginn ein komplexes 4-3-3 mit einem Sechser und zwei Achtern. Und nach drei sieglosen Partien zu Rundenbeginn lief es richtig gut: Vier Dreier in Folge. Auf die anschließende Niederlage in Nürnberg folgte direkt ein 2:1-Sieg gegen Topfavorit Hannover als Reaktion, kurz darauf ein großartiger Auftritt in Dortmund im DFB-Pokal, der erst im Elfmeterschießen mit einem 1:4 endete.

Zuletzt gab es mit einer 0:1-Heimniederlage gegen Friedhelm Funkels Düsseldorfer einen Rückschlag. Mit einem Sieg hätten sich die Eisernen in den Nacken des Tabellenführers setzen können. Der Knick soll gegen Lautern nun wieder gerichtet werden.

ZWEI KOMMEN LANGSAM, ABER GEWALTIG: QUANER UND SKRZYBSKI

Gegen Düsseldorf fehlte Torjäger Collin Quaner, in dessen Werdegang sich ebenfalls die Union-Politik der kleinen Schritte widerspiegelt. Vergangene Saison kam der 2015 auf Aalen geholte Stürmer nur zu einem Einsatz über 90 Minuten, seit Sommer rockt er die Liga: Sieben Treffer und fünf Vorlagen in acht Spielen sprechen für sich, ob Quaner gegen Lautern wieder dabei ist, ist noch nicht raus. Die als Königstransfers angesehenen Hosiner und Simon Hedlung dagegen kommen nur langsam in Tritt.

Vielversprechend entwickelt sich auch das Eigengewächs Steven Skrzybski. Der 23-jährige, bislang mit fünf Goals und drei Assists auffällig, präsentiert sich als bewegliche Offensivkraft zwischen Zehner-Position und Spitze.

„Aktuell sind wir sehr gut aufgestellt, wir spielen einen sehr offensiven Fußball. Man spürt bei Union den Hunger auf Erfolg, und wie froh jeder ist, wenn die Spiele endlich losgehen. Und wirklich jeder im Team will gewinnen. Das ist die innere Überzeugung der Mannschaft, die uns aktuell so stark macht“, erklärte Skrzybski im Interview mit „tranfermarkt.de“.

Ohne Quaner, aber Skrzybski variierte  Keller sein 4-3-3 zuletzt in ein 4-4-2 mit Raute. Schon allein das verspräche das Duell am Samstag zu einer interessanten Partie werden zu lassen: Raute gegen Raute. Auf jeden Fall wartet auf die Lautrer nach zwei Siegen gegen eher instabile Gegner jetzt eine echte Nagelprobe, die ihr Publikum verdient hat.

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