Analyseblog: Ein Team, ein Tor, ein Man of the Match – und ein Spiel mit mindestens fünf Gesichtern

War’s das Fritz-Walter-Wetter? Der Vorteil, zum dritten Mal hintereinander mit der gleichen Besetzung beginnen zu können? Die Systemumstellung, die FCK-Trainer Tayfun Korkut in der Pause vornahm? Oder haben am Ende nicht irgendwelche taktischen Sperenzchen den Pfälzern ihren dritten Sieg in Folge beschert, sondern die klassischen Pfälzer Tugenden – weil tatsächlich nicht der zum Man of the Match wurde, der das feinste Füßchen oder das klügste Köpfchen hatte, sondern der, der am unermüdlichsten rackerte?

Stimmt alles irgendwie. Für den 1:0-Sieg des 1. FC Kaiserslautern über Union Berlin gibt es viele Gründe, die sowohl den nüchternen Analytiker zufrieden stimmen als auch den klassischen Betzenberg-Romantiker glücklich machen.

Es kostet eben ein wenig Selbstüberwindung, sich in Zeiten von „sky“ und Live-Tickern allerorten bei Sauwetter zum Fritz-Walter-Stadion hochzuschaffen. Diesmal waren es nur 21.446 Zuschauer, die den Regen statt der Couch wählten. Doch sie haben ihr Kommen nicht bereut. Und haben ein Spiel gesehen, das fast so viele Gesichter hatte wie Erfolgsgründe.

Aber der Reihe nach.

ZUNÄCHST: ERINNERUNGEN AN HANNOVER – IM GUTEN WIE IM SCHLECHTEN

Phase 1: Die ersten zehn Minuten. Lautern startet mit dem Selbstbewusstsein, das zwei Siege in Folge einem Team verleihen können, und der Geschlossenheit, zu der es nun gefunden hat. Zum dritten Mal in Folge startet die gleiche Besetzung, Tayfun Korkut hat sich wieder fürs 4-4-2 mit Raute entschieden, keine Überraschung eigentlich, obwohl der Trainer in der PK vorm Spiel angedeutet hatte, die Grundordnung vielleicht mal zu ändern.

Der FCK zeigt beherztes Pressing, drückt den Gegner schon in dessen Hälfte diagonal gegen die Seitenlinie. Nach Ballgewinn folgen diagonale Seitenwechsel, die für Gefahr sorgen, Marcel Gaus hat eine erste Torchance. Sieht alles sehr gut aus, erinnert an die erfrischende erste Viertelstunde aus dem Saisonauftaktspiel gegen Hannover 96, die dann aber jäh beendet wurde – 0:4 hieß es am Ende.

Phase 2: Hannover reloaded? Nach zehn Minuten endet der euphorische Auftakt des FCK. Union übernimmt das Heft des Handelns – und gibt es nicht mehr. Die Eisernen zeigen, dass sie zurecht vorne in der Tabelle stehen. Drängen die Pfälzer entschlossen in die eigene Hälfte, gestatten ihnen keine Räume mehr, sich nach Ballgewinn freizuspielen. Die Folge: Sie versuchen es mit langen Bällen.

EWERTON: DER RUHENDE POL – BALLSICHER UND UMSICHTIG

Was einmal sogar fast zum Erfolg führt. In Minute 28 drischt Lukas Görtler einen Ball aus der Drehung nach vorne, Union-Innenverteidiger Toni Leistner unterläuft ihn, Osayamen Osawe darf allein Richtung Tor ziehen, scheitert aber an Keeper Busk. Kurz darauf flankt Gaus wunderschön auf den freien Zoltan Stieber, doch dessen Kopfbällchen bereitet Busk keine Probleme.

Immerhin keimt auf den Rängen kurz die Hoffnung, dass Lautern wieder ins Spiel zurückfindet, doch der Schein trügt. „Die sind in der Entwicklung einen Tick weiter“, hat Korkut vor dem Spiel über Union gesagt. Und genau so sieht es jetzt aus.

Wieso in der Phase dennoch nichts passiert? Weil sich beim FCK nunmehr eine spielstarke Hintermannschaft zusammengefunden hat. Den ruhenden, ballsicheren Pol bildet Ewerton – am Ende wird die Statistik gerade mal einen Fehlpass von ihm ausweisen. Vor allem Torjäger Collin Quaner stellt die Viererkette immer wieder geschickt abseits. Gegen Felix Kroos‘ Freistoßschlenzer an die Latte wäre allerdings kein Kraut gewachsen gewesen. Doch ein bisschen Glück gehört eben auch immer dazu. Und darum steht’s zur Pause weiterhin 0:0.

IN DER PAUSE: UMSTELLUNG AUF 4-2-3-1, DIE ZEIT DER KURZEN ECKEN BEGINNT

Phase 3: Die 20 Minuten nach der Pause. Korkut stellt auf ein 4-2-3-1 um. Osawe bleibt allein vorne, dahinter positionieren sich von rechts nach links Görtler, Stieber, Gaus. Die Wirkung ist verblüffend. Lautern findet wieder ins Spiel zurück. Die ersten Pässe nach dem Ballgewinn kommen wieder über die Mittellinie und werden auf der gesamten Spielfeldbreite weiterverarbeitet.

Auffallend vor allem Görtler. Er hat nach 90 Minuten nach Christoph Moritz (57) die meisten Ballkontakte (54), und ist der Spieler, der die meisten angekommenen Pässe verzeichnet (30). Großchancen ergeben sich in dieser Phase zunächst mal nicht, doch die Musik spielt jetzt wieder vorm Sechzehner der Eisernen.

Eine kleine Eckballserie in diesen Minuten verrät, wie das Trainerteam derzeit versucht, die eklatante Schwäche bei Standardsituationen zu bekämpfen. Bislang geht da in dieser Saison nämlich noch gar nichts. Osawe hat beim DFB-Pokalspiel in Halle mal ein Tor erzielt, nachdem Patrick Ziegler ihm eine Stieber-Ecke aufgelegt hatte, aber das war’s auch schon. Wenn Stipe Vucur auf der Bank sitzt, ist auch kein überragender Kopfballspieler da, auf den Ecken gezielt werden könnten.

Korkut versucht daher, die kurze Ecke zu kultivieren. Moritz und Stieber spielen sich den Ball zu, ziehen dann erst mal nach innen, um die Flanke erst spät oder gar den Torschuss zu suchen. Oder aber in den Rückraum zu passen. Ziegler bringen sie dadurch sogar zwei Mal in Schussposition, die zweite davon ist sogar richtig gut.

Das Resultat?

Sind wir mal gnädig, sagen wir, dass es am nassen Ball und dem schweren Geläuf liegt, dass er die Dinger beide verzieht. Und dass die Kurze-Ecken-Nummer insgesamt noch ausbaufähig ist.

AUSGERECHNET GAUS? NATÜRLICH GAUS!

Phase 4: Das Tor und die 18 Minuten danach. In Minute 71 landet der über die rechte Seite vorgetragene Ball auf der Zehner-Position bei Stieber, der legt nach halblinks auf den mitlaufenden Gaus – und der zieht aus elf Metern ab. Hart, flach und mit nassem Leder, das ist auch schwer zu halten, wenn es nicht sauber ins lange Eck gezielt ist. Busk kommt nicht dran. 1:0.

Ausgerechnet Gaus. Oder aber: Natürlich Gaus. Denn was passt besser zum Mythos Betzenberg, als dass ein solches Regen-Matsch-Spiel von einem Kicker entschieden wird, dem spielerisch zuvor nicht viel gelungen war, der aber nie aufgab? Wie sagte doch die Legende Harry Koch unlängst im Gespräch mit dem Blogwart? „Mit Kampfgeist und Laufbereitschaft geht immer noch was.“  Kurz vor Schluss rettet Gaus auch nochmal im eigenen Strafraum per Kopf. Harry sitzt auf der Tribüne und grinst zufrieden.

Anschließend der Klassiker nach einem erstem Treffer auf dem schweren Geläuf: Die zurückliegende Mannschaft muss sich trotz nachlassenden geistigen wie körperlichen Kräften vorne reinhauen, die führende freut sich an den freigesetzten Endorphinen und kontert fröhlich, aber auch ein wenig übermütig. Osawe und der eingewechselte Przybylko vergeben Großchancen, die richtig sauer machen könnten, so Union denn noch der Ausgleich glückte.

UND AM ENDE GIBT’S WIEDER FÜNFERKETTE

Nach Przybylkos Einwechslung für Linksverteidiger Naser Aliji stellt Korkut wieder um: auf ein 4-4-2 mit flach angeordnetem Mittelfeld. Gaus jetzt links hinten, vor ihm Stieber, daneben Moritz, Ziegler, Görtler. Auf dem Papier also viel Bewegung im Gefüge, am Bild auf dem Platz ändert sich aber nichts. Lautern kontert, Berlin verzweifelt.

Phase 5: 89. Minute bis Abpfiff. Vucur kommt für Osawe, Korkut stellt auf 5-4-1 um, wie schon in den vergangenen Spielen, wenn er hinten dicht machen will. Klappt auch diesmal, allerdings auch mit der gleichen Nebenwirkung wie zuletzt: Nach vorne geht nun gar nichts mehr. Abpfiff nach drei Minuten Nachspielzeit.

Das Schlusswort soll natürlich der Man of the Match haben: „Auf diesem Boden war mir klar, dass ich den Ball direkt nehmen und gegen die Laufrichtung des Torhüters schießen muss. Ich bin einfach nur glücklich“. Vor allem, weil die FCK-Spieler am heutigen Sonntag in den Fanregionen unterwegs sind und Rede und Antwort stehen müssen. Marcel Gaus: „Vor vier Wochen wären wir da noch mit ganz schön Bauchweh hingefahren. Jetzt sehen wir das ganz locker.“

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