Extrablog: Wer die Zukunft gestalten will, darf die Vergangenheit nicht leugnen – Gastkommentar von Johannes Remy zur Jahreshauptversammlung des FCK

Früher war halt alles besser. Da musste der FCK vor einer Jahreshauptversammlung nur sein Spiel davor gewinnen, und schon war ein ruhiger Ablauf vor einer zufrieden gestimmten Mitgliederschar gewährleistet. Erzählen zumindest die Alten. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Es wird wieder hitzig werden am kommenden Samstag, 12. November, ab 12.30 Uhr auf dem Betzenberg, das steht jetzt schon fest.

Die neue Vereinsführung hat bereits vorab Zahlen veröffentlicht, die erschrecken: 2,6 Millionen Euro Fehlbetrag im aktuell abgeschlossenen Geschäftsjahr, insgesamt 13 Millionen Euro Verbindlichkeiten, gegenwärtig befinden sich rund acht Millionen Euro zu wenig im Lizenzspieleretat, um mit breiter Brust Aufstiegsansprüche stellen zu können, und die Schere klafft zunehmend weiter auseinander. Konsolidierung in Liga 2 gebe es nicht, in fünf Jahren müsse entweder der Aufstieg geschafft sein oder die Zukunft heißt Regionalliga, so der Vorstand im Interview mit der „Rheinpfalz“.

Wie es soweit kommen konnte? Die abgelöste Vereinsführung gibt sich unschuldig, verweist auf weiter zurückliegende Sünden – in offen geführten Interviews, aber auch als Stichwortgeber in zweifelhaften, mehr oder weniger verdeckt lancierten „Enthüllungberichten“. Unter anderem steht am Samstag auch ihre Entlastung an.

Wie sollen sich die Mitglieder verhalten? „Deckel druff“ auf das, was war, nach vorne schauen und weiter das zarte Pflänzchen Hoffnung gießen, das nach einigen sportlichen Startschwierigkeiten nun ja auch wieder blüht – das ist der allzu verständliche, erste Impuls. Aber ist dieses Verhalten tatsächlich geboten?

Der Blogwart schreibt lieber über Fußball – und sieht sich mit der Beantwortung dieser Frage dementsprechend überfordert. Daher hat er Johannes „Ben“ Remy gebeten, seine Gedanken zur anstehenden JHV wiederzugeben. Remy hat auf der JHV im vergangenen Jahr mit seinem Antrag, Finanzvorstand Fritz Grünewalt die Entlastung zu verweigern, für Aufsehen gesorgt, davor und danach mit aktuellen und ehemaligen Verantwortlichen sowie aufmerksamen Beobachtern im Umfeld intensive Gespräche geführt. Hier sein Statement.

AM ANFANG WAR DER WUNSCH, MITGESTALTEN ZU WOLLEN

Es ist 20 Jahre her, dass ich zum ersten Mal zu einer JHV ging. Damals war ich schon fünf Jahre im Verein. Mein zwanzig Jahre jüngeres Selbst war zu der Auffassung gelangt, dass sich etwas ändern müsse. Und ich gab meine Stimme, um zu verändern. Ich war damals sicher, dass das richtig war. Und ich bin mir bis heute noch nicht sicher, ob es falsch war.

Angefangen, schief zu laufen, hat es in diesem Verein erst, als der unglaubliche Erfolg zur Regel gemacht werden sollte. Viel, sehr viel ist seitdem geschehen und aus einem Verein, der einst die unmöglichen Siege zu feiern wusste, ist einer geworden, der seine Niederlagen zelebriert. Und seine „Rettungen“.

Negativ prägend bleiben für mich aber die Prozesse, die Jäggi im Namen des FCK gegen seine ehemaligen Leitfiguren geführt hat. Die Gräben, die in unserer vormals als untrennbar empfundenen FCK-Familie damals entstanden sind, waren tief. Und sie sind  jetzt wieder da. Vielleicht tiefer denn je.

Deshalb muss jeder Wunsch nach Aufklärung aus meiner Sicht auch immer ein anderes Gut im Auge behalten: Den Vereinsfrieden.

Aber rechtfertigt der Wunsch nach Frieden auch den Mantel des Schweigens?

Oder relativiert der Wunsch nach Aufklärung das Chaos?

Halt.

Ist der FCK denn überhaupt ein „Chaosverein“? Ich widerspreche. Und zwar vehement.

WENN SCHWEIGENDE LÄMMER ZU CHAOTEN WERDEN

Der FCK-Anhänger hält nach meiner Erfahrung, zumindest in seiner überwiegenden Mehrheit, Ruhe für die erste Bürgerpflicht. Und das lässt sich beim näheren Hinsehen auch leicht nachvollziehen.

Waren es die Mitglieder, die „Atze“ stürzten oder der Kontrollverlust des Aufsichtsratsvorsitzenden? Haben die Vereinsmitglieder Jäggi vielleicht daran gehindert, gegen den Rat mehrerer Experten, darunter sogar Finanzbeamte, seinen Millionendeal mit dem Finanzamt abzuschließen, der uns praktisch zum zweiten Mal das Genick gebrochen hat? Kaum. Wie lange konnten Kuntz und Grünewalt „auf Risiko“ mit der Zukunft des Vereins jonglieren, ohne dass es einen Aufschrei gegeben hätte?

Selbst als Millionen Schulden angehäuft, die angeblich unantastbare Fananleihe längst für jeden ersichtlich zweckentfremdet war, und das Märchen von der Konsolidierung allenfalls noch in der Demenzabteilung des örtlichen Altersheims uneingeschränkt geglaubt wurde, blieb es auf den Mitgliederversammlungen erstaunlich ruhig.

Da bleibt nur die überraschende Erkenntnis: Der FCK ist kein „Chaosverein“. Im Gegenteil. Während dem Pfälzer Fußballfreund im Stadion schnellstmöglich der Kamm schwillt, wandelt er sich auf Jahreshauptversammlungen gern zum freundlichen Partner des Vorstandes. Wie ein Schaf, das unbeirrt dem Hirten folgen will, selbst wenn der gerade einen Ausflug in die Metzgerei plant. An sich nicht unsympathisch, aber immer dann wenig hilfreich, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Der „Chaosverein“ ist eine Erfindung der jeweils Mächtigen. Sie benötigen dieses Konstrukt, wenn ihre eigene Arbeit schwache Ergebnisse liefert. Denn wer allein durch seine Anwesenheit verhindert, dass der Verein im Chaos versinkt, ist von Natur aus stark. Und unersetzlich.

JAHRESHAUPTVERSAMMLUNGEN SIND KEINE KRÖNUNGSMESSEN

Bezeichnender Weise ist bei Erfolg und zu Beginn einer Amtszeit nie vom „Chaosverein“ die Rede.

Und deshalb sollten wir uns auch davon verabschieden. Jahreshauptversammlungen sind keine Krönungsmessen, sie sind das Forum für das höchste Gremium des Vereins: die Mitglieder. Und die sollten Fragen stellen dürfen. Hätten wir diese Kultur im Verein früher gepflegt, wäre uns vermutlich einiges erspart geblieben.

Der Grundkonflikt, um den es aktuell geht, ist immer noch nicht geklärt.

Dass Kuntz, der einst seinen Freund Grünewalt gegen jedes Bewerbungsverfahren und die Bedenken zu dessen Qualifikation im Aufsichtsrat als Finanzvorstand durchsetzte – und dies sogar mit einer Rücktrittsdrohung versah –, erneut öffentlich versucht, die Klärung der Vorwürfe gegen Grünewalt und ihn in die Nähe des vereinsschädigenden Verhaltens aus persönlicher Eitelkeit zu rücken, verwundert mich nicht. Viel Belastendes ist mittlerweile beweisbar. Doch nicht alles, was sich beweisen ließe, bliebe auch ohne Folgen für den FCK.

Ein bitteres Dilemma für die Antragsteller, die Aufklärung fordern, zumal die Recherche vor einer solchen Beweisführung wahnsinnig zeitaufwändig ist.

Wie soll man sich da verhalten?

EIN UNTERSUCHUNGSAUSSCHUSS? FÜR MICH EINE GUTE LÖSUNG

Ich habe mich in dieser Frage intensiv mit dem Vorstand ausgetauscht. Denn niemand will Michael Klatt das Leben zusätzlich und unnötig schwerer machen. Und wie ich von ihm hörte, war ich nicht der einzige, der ein solches Gespräch suchte.

Der elegante Ausweg aus diesem Dilemma wäre aus meiner Sicht der vorgeschlagene Untersuchungsausschuss. Die meisten Anträge zu den finanziellen Ungereimtheiten könnten statt auf der Jahreshauptversammlung dort abgearbeitet werden.

Was zwei entscheidende Vorteile hätte: Zum einen könnten die Ergebnisse, wo nötig, nicht allzu detailliert im Abschlussbericht erscheinen. Zum anderen würde die Verschiebung dieser Themen in einen noch von allen Mitgliedern zu wählenden Untersuchungsausschuss die Versammlung selbst enorm verkürzen.

Und so für Entspannung sorgen. Das hätte zwar aus Sicht des Autors den Nachteil, dass Kuntz & Grünewalt womöglich entlastet würden. Aber es geht am Ende zuallererst um den Verein.

Natürlich hat jedes Mitglied seine eigene Stimme. Und auch seinen eigenen Kopf. Aber ein simples „Deckel druff“ wäre aus meiner Sicht grundfalsch.

Denn niemand kann Vertrauen für die Zukunft zurückgewinnen, wenn er die Sünden der Vergangenheit leugnet.

Richtig ist aber auch: Niemand kann eine Zukunft gestalten, wenn er sich ausschließlich mit der Vergangenheit beschäftigt. Und die Folgen für den FCK von Seiten der Medien und nicht zuletzt der DFL wären nicht abzusehen. „Mit dem Kopf durch die Wand“ ist demnach auch nicht wünschenswert.

Wenn wir die berühmte Kuh auf diese Art und Weise vom Eis bekommen könnten, ist es leichter, wieder gemeinsam nach vorn zu blicken.

WIE ES WEITERGEHEN SOLL? AUSGLIEDERUNG IST ZUMINDEST EINE IDEE

Neben der neuen Satzung soll es da auch erste Überlegungen zu einer Ausgliederung geben. War es mir im Jahr 2014 noch wichtig, die Ausgliederung auf einer regulären JHV zu verhindern, was dann mit Hilfe einer überwältigenden Mehrheit der Mitglieder auch gelang, gehe ich heute ohne Ziele in eine offene Diskussion. Ich würde mich derzeit in dieser Frage keinem Lager zurechnen.

Nur eines gilt es zu bedenken: Den Verein kann man nur einmal verkaufen. Das sollte dann im Fall der Fälle aber auch verdammt gut geplant sein.

Es gilt nun, Themen abzuarbeiten um eine Zukunft möglich zu machen. Dazu gehören vermutlich auch ein paar Kontroversen.

Dass wir aber überhaupt noch über eine Perspektive im Profifußball diskutieren und nicht längst über einen Neustart in der Regionalliga sprechen müssen, ist aus meiner Sicht immer noch ein kleines Wunder. Damit das so bleibt, müssen noch ein paar Hürden übersprungen werden. Eine ist die kommende JHV. Aber ich bin und bleibe zuversichtlich.

Mit teuflischen Grüßen

Johannes B. Remy

3 Gedanken zu “Extrablog: Wer die Zukunft gestalten will, darf die Vergangenheit nicht leugnen – Gastkommentar von Johannes Remy zur Jahreshauptversammlung des FCK

  1. Ich gehe mit, dass der FCK kein Chaosverein ist, weil die Mitglieder ein tosender Mob fackelschwingender Sichelmörder ist. Im Gegenteil, die Mitglieder sorgen sich sehr um ihren Verein. Das Chaos entsteht meiner Meinung auf einer höheren „politischen“ Ebene, was gerade wieder Leute wie Grünewalt oder Buchholz – mit freundlicher Unterstützung von Konzock und Ashelm – exerzieren. Die Mitglieder waren in den letzten 20 Jahren leider immer wieder dazu gezwungen, sich das Elend von Profilierungskämpfen auf dem Rücken ihres Vereins anzusehen. Wer es ehrlich mit dem Verein meint und wem es um die eigenen Pöstchen ging, war da nie so richtig zu erkennen. Wohl deshalb hielten sich die Mitglieder oft vornehm zurück – leider.

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  2. Es wird bzw. wurde ja auch heute wieder deutlich, dass es keine Alternative dazu gibt, Geld in die Hand zu nehmen, dass mit einem gewissen Risiko behaftet ist. Kuntz‘ diesbezügliche Philosophie ist also auch rückblickend nicht falsch gewesen…dieses Bekenntnis würde ich gerne auch von denen lesen bzw hören, die Kuntz nicht entlastet haben. Was mir allerdings tierisch auf den Zeiger geht, ist das widerliche Geschachere um z. B. bfw tailormade. Hier bitte ich Ben um Entschuldigung und hierfür alleine hat sich Kuntz die Nichtentlastung fast schon alleine verdient.

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