Extrablog: „Die Zukunft wartet nicht auf uns. Es ist höchste Zeit, die Weichen selbst zu stellen“ – Dann mal los, Herr Gries!

Keine Entlastung für Stefan Kuntz, Fritz Grünewalt und Dieter Rombach, aber auch (noch) kein Gremium gebildet, das deren Handeln in der Vergangenheit eingehender beleuchtet, so dass daraus eventuell Konsequenzen oder Ansprüche entstehen könnten – das Einsetzen eines internen Untersuchungsausschusses oder eines externen Gutachters wurde abgelehnt. Die einstige „FCK-Familie“ präsentiert sich nicht nur weiterhin uneins, sie handelt, dadurch bedingt, auch nicht unbedingt stringent. Angesichts der komplexen Materie, die es zu bewerten und zu beurteilen galt, ist das bei rund 1000 anwesenden Mitgliedern allerdings nicht zu erwarten gewesen.

Wohltuend in Erinnerung bleiben wird von der Jahreshauptversammlung des 1. FC Kaiserslautern, wie ungeschönt und plastisch der neue Vorstand den Vereinsmitgliedern die unangenehme Realität darstellte: 2,6 Millionen Euro Fehlbetrag im abgelaufenen Geschäftsjahr, nunmehr negatives Eigenkapital in Höhe von 3,5 Millionen Euro, fürs laufende Geschäftsjahr zwei Millionen Euro Verlust kalkuliert, „organisch“, also ohne zusätzliche Geldspritzen wie Kredite oder Transferüberschüsse, ist nur noch ein Lizenzspieleretat von 8,5 Millionen Euro möglich, um Aufstiegsansprüche stellen zu können, müssten es zehn Millionen mehr sein… Die Zahlen waren und sind überall nachzulesen, die brauchen hier nicht nochmal aufgedröselt zu werden.

AUSSER EIN PAAR SOTTISEN KEINE POLEMIK – GUT SO

Wohltuend auch, wie sich die neuen Verantwortlichen nach wie gegenüber ihren Vorgängern zurückhalten. „Wenn Sie meinen, Sie wären Mitglied in einem soliden und ligaunabhängig finanzierten Verein, sind Sie im falschen Film“, war der härteste Kommentar von Finanzvorstand Michael Klatt zur geradezu enthusiastischen Darstellung Grünewalts seines eigenen Schaffens in seinem am Vortag publizierten „offenen Brief“.

Auch die Sottise von Aufsichtsratsprecher Matthias Abel hielt sich im Rahmen: „Wir brauchen hier keinen Finanzvorstand, der neue Herausforderungen sucht, weil er glaubt, dass er hier alles erreicht hat. Und keinen Vorstandsvorsitzenden, der seit Januar mit Konrad Fünfstück die Spieler trainierte, vielleicht, um sich auf seinen Job vorzubereiten.“ Schmecken wird dem nunmehrigen Coach der U21-Nationalelf ein solcher Seitenhieb freilich nicht, nötig war er auch nicht: Kuntz war als scheidender Vorstand bereits eine „lame duck“, als er anfing, lieber auf dem Trainingsplatz herumzuhängen als in seinem  Büro, und dort war er sicher besser aufgehoben als in einem Sternelokal, um aus Langeweile Spesen zu verprassen.

FAKT IST: DIE ABWÄRTSSPIRALE DREHT SICH UND DREHT SICH

Selbst für die härtesten Kuntz-Kritiker darf und muss stehenbleiben: Bis einschließlich der Saison 2014/15 hat er in seiner Zweitfunktion als Sportdirektor im Unterhaus stets Spielerkader formiert, die mit Fug und Recht um den Aufstieg mitspielten, und dass dieser in der gerade genannten Spielzeit nicht klappte, ist einigen unglücklichen Umständen geschuldet, die Kuntz am allerwenigsten vertreten muss – über die Sinnhaftigkeit des ein oder anderen Transfers lässt sich in jedem Klub  trefflich streiten.

Und hätte Kuntz die Rückkehr in die Erste Liga bewerkstelligt, der Anhang hätte ihm alles verziehen, denn so ist er nun einmal gestrickt. Da können kritische Geister noch so oft – und durchaus glaubwürdig – darauf  verweisen, dass einige „Hämmer“ aus der Kuntz-Ära im Interesse des Vereins bislang unter Verschluss gehalten werden mussten und wohl auch weiterhin gehalten werden.

Geschenkt. Jetzt ist Zeit, die Zukunft ins Visier zu nehmen.

Längst stecken die Roten Teufel in einem wahren Teufelskreis. Weiterhin fern von Aufstiegsplätzen vor sich hindämmern, kostet zunehmend mehr Zuschauer, beschert zunehmend weniger TV-Gelder und Werbeeinnahmen, verringert zunehmend die Möglichkeiten, den Kontakt zur Spitze der Zweiten Liga zu halten… Die Abwärtsspirale dreht sich und dreht sich, und ohne „frisches Geld“ kann sie nicht gebrochen werden. Punkt.

DIE AUSGLIEDERUNG MUSS KOMMEN – JETZT!

Von daher muss das Thema Ausgliederung jetzt offensiver angegangen werden, als es auch am Samstag der Fall war. „Wir werden nur Investoren ansprechen, die auch zum FCK passen“ – das hat so, beinahe wörtlich, auch René C. Jäggi 2004 schon gesagt, die Worte helfen heute niemandem mehr, jetzt müssen Taten folgen. Auch Äußerungen wie die von Marketing-Vorstand Thomas Gries sind nicht länger nötig: „Wir müssen Strukturen schaffen, ohne dabei den Einfluss zu verlieren.“

Denn: Solange die  „50 plus 1“-Regel im deutschen Fußball noch ihre Gültigkeit hat, ist die Kontrolle durch den Verein und seine Mitglieder auch nach einer Ausgliederung gewährleistet. Und ob die verbleibenden 49 Prozent Anteile gleich komplett an Investoren verscherbelt werden, liegt ebenfalls in deren Ermessen.

DER FCK VERKAUFT SICH NICHT, ER VERPENNT DIE ENTWICKLUNG

Es geht nicht um die Frage, ob der Verein sich „verkauft“, es geht um die Frage, ob der FCK nicht eine Entwicklung verpennt, die im deutschen Profifußball längst Fahrt aufgenommen hat. In der Ersten Liga sind nur noch Schalke, Mainz, Freiburg und Darmstadt „eingetragene Vereine“, sogar die Profiabteilung – Achtung, jetzt wird’s witzig – der Schimäre RB Leipzig ist offiziell bereits ausgegliedert worden. Gelsenkirchen hat mit seinem Vereinsstatus dank des „Gazprom“-Engagements gut lachen, und beim rheinland-pfälzischen Nachbarn wird ebenfalls schon laut über eine Ausgliederung diskutiert.

In Liga zwei sind neben 1860 München und Hannover 96 auch Eintracht Braunschweig, Arminia Bielelefeld und Kickers Würzburg bereits keine eingetragenen Vereine mehr, in Nürnberg und Stuttgart ist die Ausgliederung ebenfalls schon konkret angedacht, beim VfB ist diese wohl nur aufgrund des Wechsels in der Vereinsführung nach dem Abstieg noch nicht finalisiert.

Es ist also Zeit, dass sich auch in Lautern etwas tut. Zur Einführung und Vertiefung sei hier der hervorragende Kommentar von Autor „Thomas“ auf „Der-Betze-Brennt“ empfohlen.

AUSGLIEDERN ERST NACH ERFOLGEN? WÄR OPTIMAL, ES GEHT ABER AUCH ANDERS

Der Blogwart gestattet sich hierzu allerdings noch ein paar Anmerkungen. Es ist absolut richtig, dass ein Verein Anteile von sich am besten dann zum Verkauf anbieten sollte, wenn er gerade auf einer Erfolgswelle reitet – Erfolg macht bekanntlich sexy, und Sex sells nun mal. Es ist auch richtig, dass der HSV und der TSV 1860 München gegenwärtig keine rühmlichen Beispiele für eine Ausgliederung darstellen.

Allerdings sind zwei Beispiele für negative Umsetzungen kein Beleg, dass ein dritter Verein es nicht doch besser könnte. Dass aus den Millionen, die die Investoren in die Klubs gepumpt haben, bislang nichts Gutes entstanden ist – liegt das wirklich daran, dass Leute wie Kühne und Ismaik den sportlich Verantwortlichen ständig reinquatschen? Oder nicht vielleicht doch eher daran, dass die sportlich Verantwortlichen mit dem vielen Geld einfach nichts zu Wege bringen?

ERST AUSGLIEDERN, DANN NACH OBEN: BEISPIEL BRAUNSCHWEIG

Im Frühjahr 2016 hat mit Hansa Rostock auch ein Drittligist seine Profiabteilung ausgegliedert – und kann für seine Anteile gegenwärtig sicher auch keine Premiumpreise verlangen. Eintracht Braunschweig hat die Ausgliederung im April 2008 durchgezogen, damals war noch nicht einmal die Qualifikation für die gerade gegründete eingleisige Dritte Liga geschafft. Anschließend führte der Weg bis in die Bundesliga – und aktuell stehen die Niedersachsen an der Tabellenspitze von Liga 2.

Es gibt also auch Beispiele für eine Ausgliederung, die einem derzeit mausgrauen Traditionsverein Mut machen sollten. Schließen wir mit einem Zitat aus der JHV von Thomas Gries:

„Die Zukunft wartet nicht auf uns. Es ist höchste Zeit, die Weichen selbst zu stellen.“

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