Kohlis Arschkarte: Von Revolution träumen sie schon lange nicht mehr, aber die Kinder fressen sie trotzdem

Gries und Klatt haben es neulich vorgerechnet: Um einen Zweitligakader zu formieren, der mit Fug und Recht Aufstiegsansprüche stellen könnte, bräuchte es einen Lizenzspieleretat von rund 18,5 Millionen Euro. „Organisch“, also ohne Aufforstung durch Transferüberschüsse, Kredite oder Sponsoren, kann der FCK aber nur noch einen Etat von 8,5 Millionen Euro generieren. Fehlen also rund zehn Millionen, um die „Aufbruchstimmung“ dauerhaft am Leben zu erhalten…

Das ist die Realität beim Deutschen Meister von 1998 im Jahr 2016, also 18 Jahre nach dem Triumph. Von der Tabellenspitze der Bundesliga ins Mittelmaß einer Zweiten Liga, in der die Liegeplätze an der Sonne nunmehr zehn Millionen Euro entfernt sind.

Wie es soweit kommen konnte?

Es hilft nichts, da nur mit dem Finger auf andere zu zeigen. Der Misthaufen ist unterm eigenen Dach aufgetürmt worden, und zwar nach und nach, über Jahre hinweg. Vielleicht hat es sogar schon unmittelbar nach dem Titelgewinn angefangen, als der frischgebackene Deutsche Meister sich mit mäßig begabten Kickern wie Samir und Rösler für seine erste Champions League-Saison rüstete. 34 Spieltage später war der Platz an der damals noch jungen Gelddruckmaschine verzockt, während die, die gerade in diesen Anfangsjahren mehrmals hintereinander ins Dukatenbad steigen durften, bis heute mit dem Geld zählen nicht fertig werden.

Anschließend lebten zwei sinistre Gestalten mit den Decknamen „Atze“ und „Lenin“ ihre Altherrenphantasie aus, junge, dralle Australierinnen in engen, nassen T-Shirts im Lautrer Kaiserbrunnen planschen sehen zu wollen. Nun, sie hatten ihren Spaß, dem Verein aber einen Schuldenberg errichtet, den abzutragen es eigentlich Sisyphus gebraucht hätte.

Statt dessen aber kam der als smarter Weltunternehmer fehletikettierte Abwickler Renee-Tscharl, der es irgendwie schaffte, noch mehr Scheiße zu bauen als die beiden Lustgreise, die mittlerweile vom Berg gejagt worden waren. Ein Sieben-Millionen-Geschenk ans Finanzamt, das selbst die zuständigen Beamten, weil Pfälzer, gerne abgelehnt hätten, und ein Stadionpachtvertrag ohne Anpassungsmöglichkeit an mögliche Zweitligaufenthalte sind nur zwei Belege geballter schweizerischer Inkompetenz. Einem gelernten Polizeibeamten, der seine als Ballspieler erworbene Popularität zunächst gekonnt in die Waagschale warf, kam das anfangs glückliche Händchen nach drei Jahren abhanden.

Es ist und bleibt die Tragik dieses Vereins, dass er fast eine Generation lang „Denver-Clan“ ausgerechnet in einer Zeit spielte, in der im Fußballgeschäft groteske Geldumverteilungsprozesse einsetzten, die sich auch jetzt noch weiter dynamisieren – hätte der FCK sich rechtzeitig an sein Plätzchen weiter oben in dieser Tret–Leiter geklammert, sähe heute alles anders aus.

Selbst schuld, werden die sagen, denen der FCK nichts bedeutet, aber die, an ihm hängen, werden wohl auch mal über Fehlentwicklungen ablästern dürfen, die der Klub nicht zu verantworten hat.

Zumal auch klügere Köpfe, deren Gaumen noch nie eine Teufelswurst von Härting geschmeckt hat, sich zunehmend mit Grauen dem Geschehen zuwenden.

Der große Kollege Christof Biermann etwa hat in seiner aktuellen Titelgeschichte für „11Freunde“ beschrieben, wie das wachsende wirtschaftliche Ungleichgewicht im Fußball einen wirklich spannenden sportlichen Wettbewerb immer unmöglicher macht, und das, obwohl man das Adjektiv „unmöglich“ ja eigentlich nicht steigern kann. Die Überschrift lautet treffender Weise „Der Untergang“.

Online verlinken lässt sich der Artikel leider nicht, weil die Menschen ab und zu gezwungen werden müssen, für Qualitätsjournalismus auch mal ein paar Euro auszugeben. Dafür ist schließlich dieser Kohli umsonst.

Unter anderem vergleicht Biermann darin die aktuellen Personalkosten der Klubs. „Hertha BSC hat das Doppelte von Darmstadt zur Verfügung, Schalke 04 das Doppelte von Hertha und der FC Bayern wiederum das Doppelte von Schalke.“ Wir notieren: Redete man vor langer Zeit noch von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Oberhaus, war’s später eine Drei-Kasten-Gemeinschaft: Bayern, drei, vier Mittelreiche und der Rest, der ab Rang 7 um den Abstieg spielte. Mittlerweile sind es also vier Klassen, Tendenz steigend. Und die Abstände zwischen den Abschnitten klaffen immer weiter auseinander.

Zumal die, die sich in einer Kaste eingenistet haben, mit Eifer versuchen, sich nach unten abzuschotten, damit ja niemand mehr zu ihnen aufschließt – siehe die etwa vor Jahresfrist gegründete „Mittelstandsvereinigung“, über die Kohli schon zur Genüge hergezogen ist. Diese  versucht bekanntlich, die Zweite Liga von wachsenden TV-Einnahmen auszugrenzen.

Denn es sind die Fantastilliarden aus der Glotzindustrie, die die Wettbewerbsverzerrung dynamisieren, indem grundsätzlich auf die größeren Haufen geschissen wird. Müssten sich die Klubs wie in guten, alten Zeiten in erster Linie von dem ernähren, was echte Fußballfans in die Stadien tragen, sähe es für den FCK in der Zweiten Liga blendend aus und würde auch locker für den Wettbewerb im Oberhaus reichen.

Die fett gewordenen Champions League-Vereine versuchen permanent, den Speck-Verteilungsschlüssel des TV-Molochs so zu manipulieren, dass die schlankeren nicht mehr fetter werden können. Und die gleiche Masche wird auch innerhalb der Deutschen  Fußball-Liga (DFL) gefahren, die Dachorganisation der Profivereine von Liga 1 und Liga 2. Wer Solidarität fordert, ist einfach nur ein schlechter Verlierer.

Doch soll hier nicht nur über den traurigen Platz lamentiert werden, den der FCK in dieser Fresskette mittlerweile eingenommen hat. Die große Verarsche setzt sich nämlich noch weiter nach unten fort. Die Amateurvereine, die noch im „Deutschen Fußball-Bund“ (DFB) organisiert sind, sind noch viel schlimmer dran.

Zwischen DFL und DFB existiert ein Grundlagenvertrag, der gerade bis 2023 verlängert worden ist. Und für den sich Rauball & Grindel – klingt nach neuer Reality-Soap, bezeichnet aber die zuständigen Funktionsträger dieser geriatrischen Institutionen – in einer gemeinsam veröffentlichten Presseerklärung gegenseitig liebkosen: Das neue Papier  unterstreiche „die Einheit des Fußballs und das beispielhafte Miteinander von Amateur- und Profibereich“ und so weiter.

Sogar ein Zusatzprogramm ist vereinbart worden, das allen Ernstes „Masterplan Amateurfußball“ getauft worden ist. Kein Witz: „Masterplan“. 2,5 Millionen Euro spendieren die professionellen Fußballbetriebe den Freizeitkickern. Nachdem sie gerade einen neuen TV-Vertrag abgeschlossen haben, der ihnen 1,16 Milliarden Euro pro Jahr garantiert. Dazu haben die deutschen Profi-Klubs dank den noch bescheuerter blechenden Engländern mal eben Ablösesummen in dreistelliger Millionenhöhe kassiert.

Und jetzt drücken sie 2,5 Millionen für ihre fußballernden Amateurfreunde ab, partauz, partauz. Bei 25.000 Amateurvereinen in Deutschland rafft da jeder Klub im Schnitt glatt vollfette 100 Euro. Da wird bei der anstehenden Weihnachtsfeier sicher eine ganze Busladung Stripperinnen auf dem Tisch des Vereinsheims tanzen.

Der geilste Satz in der nämlichen Presseerklärung lautet aber: „Dabei verzichtet die Liga im neuen Vertrag auf eine stärkere Partizipation an den gestiegenen Einnahmen aus der Vermarktung der Nationalmannschaft, während der DFB im Gegenzug darauf verzichtet, mehr als bisher an den gestiegenen Medienerlösen der Liga zu partizipieren.“

Den Satz haben alle Redaktionsstuben von Nord bis Süd genau so abgepinnt, und keiner hat gefragt, was das eigentlich in absoluten Zahlen bedeutet. Die Steigerungsrate aus dem neuen TV-Vertrag ist bekannt, sie liegt bei 85 Prozent plus gegenüber dem Vorgängerpapier – und in welche Höhe sind die Einnahmen aus der Vermarktung von Jogis Löwen geklettert? Wollt keiner wissen, im Netz lässt sich die Zahl ja auch nicht recherchieren und selbst Kohli ist es zu blöd, bei der Pressestelle des DFB anzurufen.

Kohli vertraut da lieber auf das Stilmittel des guten, alten Fratzenstudiums. Okay, es ist unseriös und gemein, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Macht aber Spaß.

Daher aufgepasst, liebe Kohli-Community, folgt diesem Link – und blickt abwechselnd und jeweils etwa fünf Sekunden lang in die Gesichter der beiden Herren auf dem Begleitfoto dieser Presseerklärung. Und jetzt die Preisfrage: Welche der abgebildeten Nasen wird bei der hier dokumentierten Vertragsunterzeichnung gerade von der anderen abgezockt?

Die feist und unbedarft in die Kamera  giggelnde Speckbacke oder das alerte, die Augen zusammenkneifende Weißhaar, das aussieht, als würde es gerade einen Beratervertrag bei Donald Trump gegenzeichnen?

Zu gewinnen gibt’s leider nichts, und Zuschriften will Kohli eigentlich auch keine.

Vertreter der Rheinlandliga und von Oberliga-Vereinen des Fußballverbandes Rheinland haben sich Text und Bild bereits angesehen und eine gemeinsame Resolution an den DFB verfasst.

Darin weisen sie unter anderem daraufhin, dass sich „die Finanzierung ihres Spielbetriebs in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert“ hat. Dass es „praktisch nicht möglich ist, Spieltermine zu finden, an denen nicht gleichzeitig Live-Übertragungen der Profiligen gesendet werden. Die Zuschauereinnahmen bei Spielen der Amateurmannschaften sind mittlerweile so erbärmlich, dass meistens die Schiedsrichterkosten davon nicht mehr gezahlt werden können.“ Und dass „in unseren Vereinen, wie in tausenden anderen Vereinen auch, Jugendarbeit geleistet wird“. Die vollständige Resolution gibt’s hier zu lesen.

Dass viele Fußballvereine keine Jugendarbeit mehr leisten können, ist nicht deswegen schlimm, weil das eine Talent, das alle 20 Jahre auf dem Dorf aufwächst und das Zeug zum Profi hat, nun vielleicht nicht entdeckt wird, weil es keine Alten hat, die es drei Mal in der Woche mit dem Familien-SUV 50 Kilometer hin und zurück ins B-Jugendtraining in der nächsten Stadt kutschieren.

Es ist deswegen schlimm, weil selbst die untalentiertesten Bolzer den Fußball in eben diesen Vereinen lieben lernen. Sie werden in ein paar Jahren zunächst auf den Stehrängen und später auf den Sitzplatztribünen der Bundesligastadien mitfiebern und für Atmosphäre und Stimmung sorgen. So war’s jedenfalls bislang.

Aber vielleicht planen die TV-Anstalten ja auch schon längst Fußballübertragungen ohne Publikum. Applaus, Jubel und Fangesänge lassen sich ja auch einspielen. Und zwar mit Tonaufnahmen aus Zeiten, in denen der Fußball noch Volkssport war, dem man persönlich beigewohnt hat.

Es ist nicht das Geld, das den Fußball kaputtmacht, das stinkt nach wie vor nicht. Es sind die Ungeheuer, die im Geldrausch ihre eigenen Kinder fressen. Von einer Revolution träumt da schon langer keiner mehr.

 

2 Gedanken zu “Kohlis Arschkarte: Von Revolution träumen sie schon lange nicht mehr, aber die Kinder fressen sie trotzdem

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