Extrablog: Hart, aber herzlich – Erinnerungen an Hans-Günter Neues

Hans-Günter Neues ist tot.

Dieser Blog ist eigentlich nie als Platz für Nachrufe gedacht gewesen. Doch einem FCK’ler der Generation Kalli drängen sich mit seinem Namen unweigerlich so viele Bilder ins Bewusstsein zurück, die er seinen Lesern unmöglich vorenthalten kann.

Denn kaum einer steht so sehr für die erste FCK-Ära des Karl-Heinz Feldkamp auf dem Betzenberg wie Hans-Günter Neues. Erstaunlich, wie wenig sich über einen Spieler, der seine große Zeit vor Beginn des Internetzeitalters hatte, heute im Netz recherchieren lässt. Daher muss der Blogwart jetzt viel aus dem Gedächtnis referieren. Egal, die notorischen Verbesser werden sich schon melden, wenn’s irgendwo was zu meckern gibt.

Es war der 12. August 1978. Der FCK eröffnete die neue Bundesliga-Saison wegen Umbauarbeiten am Betzenberg in Ludwigshafen. Stuttgart kam, die Bude war voll. Bei Lautern saß ein neuer Trainer auf der Bank, „Sir“ Erich Ribbeck hatte abgedankt. Der Neue kam von Bielefeld, einem Zweitligisten, weswegen damals kein FCK-Fan die Nase rümpfte. Der Verein führte damals ein mausgraues Dasein in der Bundesliga, meist nur in der unteren Tabellenhälfte präsent. Da verirrte sich kein „renommierter“ Trainer hin.

BESTIMMT GING ES IHM NICHT UMS GELD – DER NEUE KAM AUS BIELEFELD

Kallis Haar war damals noch nicht weiß, sondern rostbraun, und auch die Feldherrenposen hatte er sich noch nicht angewöhnt. Mit dem Brustkorb eines Maikäfers und seinen muskulösen Oberarmen wirkte er eher wie ein ehemaliger Gewichtheber als wie ein Ex-Fußballer. Er hatte auch nichts Oberlehrer- oder Dirigentenhaftes, wenn er an der Seitenlinie Anweisungen erteilte. Er hatte eher den Habitus eines Baustellen-Poliers, der ab und an gerne die Dachlatte hervorgeholt hätte, um auf dem Platz Dinge in Ordnung zu bringen, die ihm nicht gefielen.

In der Ludwigshafener Ersatz-West, der in Richtung Pfalz ausgerichteten Tribüne, staunten die Fans über die Umstellungen, die der Neue in der Sommerpause vorgenommen hatte. Dieses Frankenstein-Monster, über das die ganze Bundesliga den Kopf schüttelte, präsentierte er nun als Vorstopper. Dieser ehemalige Leichtathlet, an dem „Experten“ rumkrittelten, der sei nichts außer schnell, hatte zunächst als Stürmer am Betzenberg angefangen, Ribbeck hatte ihn zuletzt als linker Verteidiger ausprobiert, weil er einen linken Fuß hatte, den er ausschließlich benutzte, auch beim Dribbeln, sofern man das bei ihm so nennen konnte. Hans-Peter Briegel hieß der Typ.

Und hinter ihm spielte nun Hans-Günter Neues Libero. Den hatte Ribbeck schon im Januar aus Essen geholt, sonderlich aufgefallen war er noch nicht, und überhaupt war der doch gelernter rechter Verteidiger, oder?

Egal. Anpfiff.

Nach 20 Minuten erzielte der Benny Wendt das 1:0. Okay, das konnte vorkommen, der VfB war keine Übermannschaft. Neun Minuten später aber hielt das Südwest-Stadion die Luft an.

DER TAG, AN DEM EINE NEUE MENTALITÄT AM BETZENBERG EINZUG HIELT

Der Mann, den sie Pferd nannten, schnappte sich an der Mittellinie den Ball und begann, Richtung Tor zu galoppieren, das Leder mal mit der Innen-, mal mit der Außenseite seines linken Hufs antippend. Das sah nicht filigran aus, war aber von solcher Dynamik, das die Stuttgarter keinen Weg fanden, den sie ihm verschließen konnten. Am Sechzehner zog die Walz aus der Pfalz ab, mit dem Linken natürlich, er hatte ja keinen anderen.

2:0.

Der FCK-Tross rieb sich die Augen – und fühlte: Hier nahm etwas was seinen Anfang, was vorher noch nie zu sehen gewesen war von Spielern im Dress der Roten Teufel. Hier wuchs was, hier entstand ein neuer Geist, eine neue Mentalität. Zur Halbzeit stand es 4:0.

4:0.

Und am Ende 5:1.

Der FCK setzte sich am ersten Spieltag an die Tabellenspitze der Bundesliga. Was ja bekanntlich noch kein Aussagekraft hat. Nur: Nach 24 Spieltagen stand er immer noch da. Die ersten 14 Spieltage waren sie ungeschlagen geblieben, die Riesen aus dem Pfälzer Wald, die keiner auf dem Plan hatte: Hellström, Briegel, Toppmöller. Und Neues.

Dann gab’s in Gladbach eine 5:1-Klatsche, und das coachende Ekel Gyula Lorant, das eine Woche zuvor mit seinen Bayern eine 1:2-Niederlage am Betzenberg noch nicht verschmerzt hatte, jubelte lauthals: „Ich Prophet, ich habe Zusammenbruch prophezeit, FCK ist Masselmannschaft.“

Pustekuchen.

Bis es am 25. Spieltag zum Tabellenzweiten nach Hamburg ging, hatte die Innenverteidigung Neues/Briegel trotz der fünf Treffer in Gladbach nur 26 Gegentore ingesamt kassiert. Der fußballspielende Gaul war mittlerweile Nationalspieler. Kalli fragte im „Kicker“ mal nach, wieso auch Neues nicht mal in Erwägung gezogen wurde, aber Ansichten eines Lautern-Trainers waren für den unsäglichen Jupp Derwall nicht relevant, da konnte der Tabellenführer sein, solange er wollte.

Dann Hamburg. Mit seinem Superstar Kevin Keagan.

Nach 19 Minuten flog Hans-Günter Neues vom Platz. Nicht, weil er zu kräftig zugelangt hatte, auch wenn er das oft und gerne tat – er hatte gemeckert. Und ausgerechnet Walter Eschweiler angepampt, die schiedsrichterliche Reizfigur dieser Jahre, die aufgrund ihrer tuntigen Art ja auch schon wieder ein Original war in diesem harten Männersport.

KALLI UND GÜNTER: ALS DIE PFALZ LERNTE ZU TRÄUMEN

In Unterzahl verlor der FCK 0:3. Neues musste anschließend drei Spiele pausieren, und als er zurückkehrte, war sein Team die Tabellenführung los. Die fußballkommentierenden Arschlochästheten hatten es natürlich vorher schon gewusst: Mit Kraft allein kann man nicht Meister werden… der übliche Scheiß halt.

Der Fußballpfalz war’s egal. Typen wie Kalli und Neues ebenso. In den nächsten Jahren kam der Provinzklub ins DFB-Pokalfinale, im UEFA-Cup bis ins Halbfinale. Die ganz großen Triumphe sollte sich Kalli für seine zweite FCK-Ära ab 1990 aufheben. Aber er hatte einer ganzen Region gezeigt, dass Träume nicht nur geträumt, sondern auch gelebt werden können. Dass Wunder geschehen können – und es manchmal nur an Kleinigkeiten hängt.

Günter Neues war für diese Jahre vielleicht sogar mehr Symbolfigur als Briegel. Er war ohne Frage Leistungsträger und Führungsfigur. In der Saison 79/80 schoss er elf Tore. Als Libero, wohlgemerkt. Freistöße, Elfer, aber auch aus dem Feld heraus. Meist hämmerte er mit rechts, konnte aber auch mit links ganz gut. Seine Torschüsse waren wie Briegels Antritte: Eruptiv, gewaltig, brachial.

Aber er war auch immer der, der dran schuld oder zumindest mitbeteiligt war, wenn der Höhenflug, den er mit eingeleitet hatte, dann doch kurz vor dem ganz großen Erfolg endete, dass der ganz große Traum dann doch nicht wahr wurde – siehe oben. Er war, wie’s im Phrasenbuch heißt, immer für einen Bock gut.

Jetzt aber – muss man das in einem Nachruf schreiben?

Müssen nicht, aber wollen.

Dies ist kein offizieller Nachruf, das sind persönliche Erinnerungen. In einem offiziellen Nachruf würde jetzt auch so Scheiß stehen wie „untadeliger Sportsmann“. Der Blogwart hat Günter Neues nicht persönlich gekannt, wagt aber zu behaupten: Über solche Formulierungen hätte er sich verömmelt. Und wer weiß, vielleicht tut er’s ja auch gerade.

EIN DRECKSACK, ABER EINER MIT HERZ

Günter Neues war vieles. Nett war er nicht, untadelig erst recht nicht. Auf dem Platz, wohlgemerkt. Denn, es sei nochmal betont: Der Blogwart schreibt hier nur über den Spieler, nicht über den Menschen. Fußballer wissen das: Mit lauter netten Jungs gewinnst du gar nichts. Umso besser, dass der FCK Günter Neues hatte. Einen echten Drecksack, aber einen mit Herz.

Der Frankfurter Trainer Lothar Buchmann – der Typ Oberlehrer, bei dem man vor Beginn einer neuen Schulzeit betet, dass man ihn nicht in Mathe bekommt – beklagte sich einmal, Neues hätte ihm während dem Spiel mit einer obszönen Geste bedeutet, er solle Hand an sich legen. Neues meinte dazu, er habe dem Coach nur per Handzeichen erklärt, er solle sich davonmachen. Als FCK-Fan dachte man erst gar nicht darüber nach, wem man zu glauben hatte.

Der spätere Dschungelcamp-Insasse Jimmy Hartwig – in Fan-Kreisen damals meist nur „Stinkfinger-Jim“ genannt – klagte Neues mal per „Bild“-Schlagzeile an, dieser habe ihn während eines Spieles gebissen. Richtig gelesen: gebissen. Als Beleg ein Foto, dass Zahnspuren auf dem Hartwigschen Oberkörper abbildete. Die Sache wurde kriminaltechnisch nicht weiter untersucht. Als FCK-Fan aber dachte man erst gar nicht… hatten wir schon.

Bei irgendeinem Heimspiel – der Blogwart glaubt, gegen den HSV – kickte die FCK-Hintermannschaft in den Schlussminuten 20 Meter vorm eigenen Tor den Ball hin und her, um den Gegner zu provozieren, hinten rauszukommen, damit sich Räume nach vorne auftaten, doch, so wurde damals noch Fußball gespielt. Als sich der Gegner nicht provozieren ließ, stellte Neues sich mit beiden Füßen auf den Ball und salutierte.

DIE POSE, DIE UNVERGESSEN BLEIBT: ICH WOLLT NUR ANZEIGEN, ICH WAR DAS

Manchmal, wenn er gerade in höchster Not gerettet hatte, bekreuzigte Neues sich auch – aber halt so, dass die West es mitbekam, denn die wollte schließlich ihren Spaß. Und er  war sich nie zu schade, mal den Ball übers Stadiondach zu rotzen, wenn Zeit geschunden werden musste – damals hat da noch niemand gemeckert.

Der Blogwart wird sich Günter Neues jedoch in einer anderen Pose in Erinnerung behalten:  Wenn er ein Tor geschossen hatte, jubelte er niemals entfesselt, sondern hob lediglich den rechten Zeigefinger in Kopfhöhe und schüttelte diesen ein wenig. Eine Geste, die so etwas sagte wie: Ich wollt nur kurz anzeigen, ich war das.

Kallis erste Ära am Betze endete 1982, Neues blieb noch ein Jahr länger. Später war er Trainer in Neustadt und Edenkoben, Offenbach und Eisenhüttenstadt, dann Fanbeauftragter des FCK, bis der heutige Pressesprecher Stefan Rosskopf ihn ablöste. Die vielen Menschen, die seinen Weg gekreuzt haben, werden ein anderes Bild von ihm im Kopf zurückbehalten. Das ist richtig und gut so, denn ein Mensch hat viele Gesichter. Der Blogwart kann nur über das schreiben, das ihm bleibt.

„Ruhe in Frieden“ steht meist am Ende von Nachrufen, egal ob offiziellen oder nicht-offiziellen.

Zu dem Bild, das der Blogwart von Günter Neues hat, will auch das nicht passen.

Daher das:

Ein paar werden, wie immer, gemeckert haben, aber am Ende werden sie Dich genommen haben da oben. Weil sie Typen wie Dich brauchen, wenn sie das nächste Mal gegen die da unten gewinnen wollen.

Zieh jetzt einfach Dein Ding durch.

Ein Gedanke zu “Extrablog: Hart, aber herzlich – Erinnerungen an Hans-Günter Neues

  1. Ich liebe diese Geschichten, Eric! Vielen Dank!

    Neues hat mich von seiner Art zu spielen ein bisschen geprägt, fürchte ich 🙂 Ich habe es als Kind aufgesogen, wie er auf dem Platz agiert und sich von nichts und niemandem etwas gefallen gelassen hat. Heute würde man sagen „schlechtes Vorbild“. Was sind wir nur für Weicheier geworden….. 😀

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