Die Analyse: Erst wirkungsloses Klein-Klein, dann erlebt München die Renaissance der feinen, langen Flugbälle

„Kleine Schritte“ will FCK-Trainer Tayfun Korkut mit seiner Mannschaft machen, das hat er gerade auf der jüngsten Spiele-PK einmal betont. Und er meint natürlich welche nach vorne. Positivdenker dürfen daher auch im 1:1 von München einen kleinen Schritt nach vorne. Erstmals in dieser Saison hat FCK nach einem Rückstand nicht verloren, „ist zurückgekommen“, wie der Coach sagt.

Okay.

Andererseits: 5:0 Ecken, 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe, ein Torchancenverhältnis von 5:1 in der zweiten Halbzeit – das ist keine statistische Bilanz, nach der man sich über ein Unentschieden freuen sollte. Zumal sich die Pfälzer auch ein paar Unarten bewahrt haben, für die noch ein paar kleine Schritte getan werden sollten, um sie auszumerzen. Zum Beispiel die, sich nach einem souveränen Start erst einmal mehr oder weniger selbst einen Tiefschlag zu versetzen.

IVICA OLIC: ALTER SCHÜTZT VOR TOREN NICHT

Diesmal dominieren die Pfälzer die Partie vom Anpfiff weg neun Minuten lang, ehe 60-Keeper Jan Zimmermann den Ball nach vorne drischt und der linke Flügelmann Levent Aycicek sich diesen erlaufen darf – sorry, aber dass muss sich Rechtsverteidiger Philipp Mwene ankreiden lassen. Zumal Aycicek das Leder direkt in die Mitte schlägt, wo die Innenverteidiger Robin Koch und Ewerton noch unsortiert sind.

Ivica Olic schiebt seinen Körper so geschickt zwischen sich und den Brasilianer, dass dieser einen Elfer riskieren müsste, um den Oldie vom Ball zu trennen. Olic nimmt sich einen Moment Zeit und tickst die Kugel dann am herausstürzenden Julian Pollersbeck vorbei. Gelernt ist eben gelernt.

Die nächste Unart: Nach dem Gegentreffer erst einmal völlig den Faden verlieren. Nur sechs Minuten leistet sich Naser Aliji einen haarsträubenden Fehlplass, der erneut Olic allein vor Pollersbeck in Schussposition bringt. Diesmal aber endet das Treffen der Generationen – 37 gegen 22 Jahre – zugunsten des Jüngeren, der allerdings so cool und abgezockt reagiert wie ein Alter.

LÖWEN MAUERN GEGEN TEUFEL: ANGST ESSEN SEELE AUF

Danach aber kämpft sich der FCK in die Partie zurück, sieht sich aber einem gestaffelten weiß-blauen Löwenblock gegenüber. In die Vierer-Abwehrkette verzahnt sich ein enges Fünfermittelfeld, eigene Ballbesitzphantasien hat der um seinen Job bangende Löwen-Coach Kosta Runjaic offenbar völlig aufgegeben, nach der jüngsten 2:3-Pleite gegen Sandhausen sechs Wechsel in der Startelf vorgenommen, dem etatmäßigen Beauftragten für Spielkultur, Michael Liendl, nicht einmal einen Platz auf der Bank gelassen. Als Runjaic noch FCK-Trainer war, mag nicht jedes Heimspiel ein Fest gewesen sein, doch so zurückgezogen hat er am Betzenberg nie agieren lassen. Es ist und bleibt halt so: Angst essen Seele auf.

Lautern sucht in langen Ballstafetten den Weg ins Glück – und landauf, landab melden die Ticker und Live-Kommentatoren: Lautern fällt nichts ein, ist ideenlos… Was eigentlich soll heißt das genau? Gut, der Ball läuft ein paar Mal zu oft hintenrum, das ist nun mal, was Leute nervt, wenn sie sich über „Ballbesitzfußball“ mokieren. Im Großen und Ganzen aber kombiniert sich der FCK aber ganz ordentlich ins Angriffsdrittel – was dann fehlt, ist Handlungsschnelligkeit, der direkte und exakte Zug, der den Mann, der den Abschluss erledigt, in Position bringt. Da hapert es, ist aber auch nicht einfach in der Enge, die die Münchner herstellen.

Vor allem Osayamen Osaswe könnte ruhig noch einmal die fußballerische Grundschule durchlaufen, um sich mit dem Basic „Doppelpass“ vertraut zu machen. Dafür ist der Engländer eine Waffe, wenn er mit Tempo eingesetzt werden kann. Ein Sprint von ihm über die linke Seite mit anschließender flacher Flanke beschert Lukas Görtler die beste Ausgleichschance.

WENN DIE STANDARDS ZU NICHTS FÜHREN, BRAUCHT ES DEN GROSSEN MOMENT

Es ist eigentlich so ein Kick, in dem man sich mit einem ruhenden Ball zurück ins Spiel bringen müsste. Diesbezüglich arbeitet das dynamische Duo, das Korkut in den jüngsten Spielen gebildet hat, weiter an sich: Christoph Moritz und Zoltan Stieber führen alle Ecken kurz aus und stecken vor Freistößen die Köpfe zusammen. Erfolge gibt’s auch weiterhin nicht zu vermelden, auch wenn die beiden einmal der Sache zumindest nahe kommen. Marcel Gaus bekommt an eine scharfe Stieber-Flanke nach kurzer Moritz-Ecke die Rübe dran, kann der Kugel aber nicht wirklich Kraft und Ziel geben.

Wer auch mit Standards nichts reißt, braucht eben den einen, großen Moment, in dem klappt, was sonst nicht klappt… und den erlebt Lautern in der 44. Minute. Der lange, präzise Pass in die Spitze feiert Renaissance, einer von der Sorte, wie sie Jerome Boateng oft an gleicher Stelle schlägt, wenn die Allianz Arena rot illuminiert ist.

In der Tat hat sich Moritz auch in dessen rechte Innenverteidiger-Position fallen lassen, als er gaaanz gefühlvoll gegen den Ball tritt – und endlich, endlich nutzt der Zehner Stieber einmal den Raum in die Spitze, den das breit aufgestellte Sturmduo Osawe/Görtler ihm lässt. Die Ballannahme des Ungarn ist vom Feinsten, der gefühlvolle Heber über Zimmermann hinweg nicht minder – 1:1. Doch, genau so sehen große Momente aus.

SYSTEM-UMSTELLUNG IN DER PAUSE SCHAFFT ENDGÜLTIG DOMINANZ

Zweite Hälfte. Korkut tut, was sich auch in den jüngsten Spielen bewährt hat: Er stellt in der Pause das Spielsystem um, um den Gegner vor neue Aufgaben zu stellen. 4-4-2 flach statt mit Raute. Lautern dadurch einfacher, aber auch stabiler strukturiert – des genügt, um über die nächsten 45 Minuten klar zu dominieren.

Kleine Überraschung: Nicht Stieber, sondern Görtler rückt auf den rechten Flügel raus. Macht insofern Sinn, als dass Stieber durch sein Tor offenbar hungrig geworden ist. Er wird am Ende der Offensive sein, der die meisten Torschüsse versucht hat – und ist nach 60 Minuten mit einem 20-Meter-Rohr ganz knapp am zweiten Treffer. Görtler dagegen ist als Flügeldribbler nicht so der Bringer.

Dafür blüht die linke Seite nun auf. Gaus ist jetzt auf seiner angestammten Position, spielt mit einem starken Antritt Stieber frei, der mit einer flachen Hereingabe Moritz eine Topchance eröffnet, Sebastian Boenisch kann den Schuss jedoch aus acht Mettern  abblocken. Als Doppelsechs agieren nun Moritz und Abräumer Patrick Ziegler. Womit sich die Frage, wer bleibt, wer geht, im Grunde von selbst beantwortet. Im Wechselspiel praktiziert, ist die Doppelsechs ungleich schwerer auszurechnen.

UM IMMER WIEDER SEGELN FEINE LANGE BÄLLE

Für die übrigen Highlights sorgen in Hälfte zwei jedoch – und das ist bei der Löwen-Dichte in ihrer eigenen Hälfte interessant – gefühlvolle lange Pässe, in die die Adressaten mit gutem Timing hineinstarten. Aliji etwa schlägt von links einen klasse Diagonalball in die halbrechte Bahn, der nur einen Tick zu hart ist, so dass ihn nicht einmal Toptechniker Moritz korrekt annehmen kann. Moritz wiederum lässt einen diagonal geschlagenen Freistoßball auf den ebenfalls gut gestarteten Görtler segeln, der kriegt ihn aber auch nicht über die Linie.

Görtler eröffnet mit einem schönen Flugball dem sich halblinks im Strafraum lösenden Osawe die Chance zu schneller Annahme und Drehschuss – klappt auch nicht, allerdings wäre die perfekte Ausführung aus der Position die ganz hohe Schule gewesen. Und in der Nachspielzeit probiert sich der eingewechselte Daniel Halfar in Vertretung des dynamischen Duos noch einmal an einer hohen Freistoßflanke – die landet irgendwie vor den Füßen des ebenfalls eingewechselten Jaques Zoua, der aus kurzer Distanz Zimmermann anschießt.

Münchens einzige gefährliche Aktion in Hälfte zwei ist ein Freitoß durch Aycicek, den Ziegler ein wenig unnötig veursacht hat. Ansonsten dominiert klar der FCK. Kosta Runjaic und die meisten Medienvertreter wollen am Ende dennoch „ein gerechtes Remis“ gesehen haben. Na, ja.

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