Gegnerblog: Das nächste „Trainer-Endspiel“ – diesmal mit Lienen, dem letzten Linken?

Am Montag ist er 63 geworden, was ihn zum ältesten amtierenden Trainer der Zweiten Liga macht. St. Pauli ist bereits seine 15. Station als Coach. In Kaiserslautern ist sein Name noch nie intensiver gehandelt worden, obwohl beim FCK in den vergangenen 18 Jahren öfter als anderswo die Übungsleiter wechselten. Der Anhang könnte sich einen wie ihn wohl auch nur schwer am Betzenberg vorstellen.

Dieser notorisch mies gelaunte  Altlinke, der seine Interviewpartner ständig anpampt, was hat der schon vorzuweisen nach gefühlten 100 Trainerjahren? Dass er mit Köln mal aufgestiegen ist, ist eine Ewigkeit her, dass er in Griechenland mal „Trainer des Jahres“  war und weshalb, interessiert doch den deutschen Fußballfan nicht.

Tatsächlich ist Ewald Lienen ein gutes Beispiel dafür, wie oberflächlich das Bild ist, das sich die Öffentlichkeit von den handelnden Personen im Profifußball zurechtlegt. Klar wirkt „Zettel-Ewald“ ziemlich oft angefressen, wenn ihm kurz nach dem Abpfiff ein Mikrofon ins Gesicht gerammt wird, aber ist es nicht nachvollziehbar, dass es nach Niederlagen schwerer fällt, etwas Intelligentes zu sagen, zumal ja auch die Fragen nicht immer die intelligentesten und obendrein immer die gleichen sind – und dann ja auch alles in zwei, drei Sätzen erklärt werden soll?

WIRKLICH WAHR: IN ZETTEL-EWALD ATMET NOCH DER GEIST FRITZ WALTERS

Wenn Lienen sich dagegen mal Zeit nimmt für ein Statement, wird’s inhaltlich schon interessant, wie seine Wutrede neulich zeigte. Und mit den Mannschaften der Vereine, die ihn in den vergangenen Jahren verpflichtet haben, hätte auch Pep Guardiola seine Trophäensammlung nicht vervollständigen können.

Tatsache ist, dass in Lienen mehr Fritz Walterscher Geist schlummert als in irgendeinem seiner zeitgeistigen Nerdkollegen. Statt auf Feng Shui steht er beispielsweise auf gemeinsame Zoobesuche mit Spielern, Frauen und Kindern. Und auf Mannschaftsessen nach dem Spiel im Stadion – weil er tatsächlich noch daran glaubt, dass ein familiäres Zusammengehörigkeitsgefühl eine Mannschaft stärker macht. Was seit den Zeiten des alten Fritz nicht mehr viele tun.

So dünnhäutig er nach außen auftritt, so väterlich und verständnisvoll gibt sich Lienen seinen Spielern gegenüber. Nachdem Robert Enke aufgrund seiner Depressionen seinem Leben 2009 ein Ende gesetzt hatte, rief er völlig aufgelöst bei Enkes Vertrautem Jörg Neblung an und fragte verzweifelt: „Wieso habe ich denn nie etwas gemerkt?“

LIENEN UND ROBERT ENKE: EIN KAPITEL FÜR SICH

Nachzulesen in Ronald Rengs „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“. Andere meldeten sich lieber öffentlich zu Wort, Christoph Daum etwa wollte in den gerade mal acht Wochen, in denen er Enkes Trainer bei Fenerbahce Istanbul war, gleich geblickt haben, was mit dem Profi los war – und mutmaßte, wohl der einzige gewesen zu sein.

Lienen war von 2004 und 2005 Enkes Coach in Hannover – und derjenige, der ihm nach sportlich unbefriedigenden Jahren im Ausland wieder eine Chance als Nummer 1 in einem deutschen Fußballverein geben wollte. Gerade Enkes schnelle Flucht aus Istanbul war dem Spieler, wie es bei Reng heißt, als „unprofessionell, als Kneifen und Schwäche“ ausgelegt worden, Lienen dagegen habe „den Schritt als Zeichen von Stärke eines couragierten, empfindsamen Mannes“ empfunden. Von Enkes Depression hatte er deswegen nichts ahnen können, weil die Erkrankung bei ihm zwischen 2003 und 2009 keine Symptome zeigte.

Ewald Lienen, der schon als aktiver Profi in seiner Freizeit behinderte Kinder betreute, gegen Pershing-Raketen und Atomkraftwerke demonstrierte, ist auch als nunmehr 63-jähriger Fußballlehrer der letzte Sozialromantiker des Ballsportgewerbes. Der aber nie irgendwo Wurzeln schlagen konnte. Im Schnitt blieb er nur 15 Monate bei einem Klub. Auf St. Pauli aber sollte alles anders werden.

ST. PAULI, DIE SPÄTE LIEBE: ALLES BEGANN SO VIELVERSPRECHEND

Der Verein, der sich ganz bewusst noch als familiär, links, schräg und auch sonst immer irgendwie anders inszeniert, schien ideal für einen wie ihn zu sein. Der vierte Platz, auf den er ihn im vergangenen Jahr führte, wurde dafür als Bestätigung genommen, und die Vorfreude auf das, was da noch kommen sollte, war groß. Lienen war ausgeguckt, der neue Holger Stanislawski zu werden, der dem Klub 18 Jahre lang ein Gesicht gegeben hatte. Sogar Ewald-Lienen-Honig kam auf dem Kiez in den Handel.

Die Realität Ende November 2016 sieht jedoch so aus: 18. Tabellenplatz, nur sechs Punkte auf dem Konto, in 14 Spielen nur acht Treffer erzielt, bereits sechs Punkte Abstand auf Rang 15. Am Freitag (18.30 Uhr) geht’s gegen Kaiserslautern. Wieder mal ein „Trainer-Endspiel“? Fürs Kosta Runjaic ist das FCK-Gastspiel in München vor zehn Tagen ein solches gewesen, KSC-Trainer Tomas Oral war es am Sonntag auf dem Betzenberg  prophezeit worden, doch er hat es überstanden. Und Lienen?

DAS GLEICHE MUSTER WIE BEI ANDEREN KELLERKINDERN – DOCH WAS HILFT’S?

Betrachtet man sich den Saisonverlauf auf St. Pauli, lassen sich leicht Muster entdecken, die sich auch bei anderen Kellerkindern, egal in welcher Liga, wiederfinden. Ein in weiten Teil starker Saisonauftakt gegen Topfavorit Stuttgart, der jedoch unglücklich verloren ging, danach immer wieder Ausfälle wegen Krankheit und Verletzung, die es unmöglich machten, ein stabiles Mannschaftsgerüst zu bilden, anschließend zunehmend Verunsicherung und Unruhe. Sieben der jüngsten acht Spiele gingen verloren, das eine Remis glückte immerhin gegen Nürnberg.

Bei der Ursachenforschung rückte der Trainer erst allmählich in den Fokus. Zunächst stellten die, die hinterher immer betonen, schon vorher alles geblickt zu haben, fest, dass bereits der vierte Platz der Vorsaison nicht das wahre Leistungsbild der Mannschaft widergespiegelt hatte, die von ihrem eigentlichem Vermögen eher auf zweistelligen Tabellenrängen zuhause sein müsste. Vergleichbar etwa mit der Situation des FCK nach dem Aufstiegsjahr 2011, als die erste Bundesligasaison auf einem einfach zu guten siebten Tabellenplatz abgeschlossen wurde.

Dann wurde die zaghafte Transferpolitik kritisiert. 2,45 Millionen Euro Überschuss hatten die Hamburger aus Verkäufen von Leistungsträgern wie Rzatkowski und Budimir erlöst – warum wurden die nicht reinvestiert?

Möglicherweise ist auch St. Pauli mittlerweile in der gleichen Situation wie andere Zweitligisten und muss Gewinne aus Transfereinnahmen fest mit einkalkulieren, um den Etat auszugleichen. Ein Balanceakt, der, wenn er nicht ganz glückt, aus einem Tabellenvierten schnell ein Kellerkind macht, den aber nicht unbedingt der Trainer verantworten muss. Insofern scheint es folgerichtig, dass auf St. Pauli erst Sportdirektor Thomas Meggle seinen Hut nehmen musste.

LANGSAM WIRD’S AUCH FÜR LIENEN ENG – WIE LANGE NOCH?

Hinter Lienen stehen Präsident Oke Göttlich und Geschäftsführer Andreas Rettig weiterhin. Wie lange sie dem zunehmenden Druck aus dem Umfeld noch standhalten? Darüber mag der Blogwart nicht spekulieren. Denn auch am Trainer wird die Kritik lauter.

Die „Welt“ warf ihm gerade „Realitätsverlust“ vor. Er habe sich in dieser Saison schon öfter „vercoacht“, ohne dass es ihm bewusst geworden sei, insbesondere seine Einwechslungen seien nicht immer nachvollziehbar. Ab einem gewissen Punkt den Schiedsrichtern die Schuld zu geben, gilt ebenfalls als Symptom für schwindende Wirklichkeitswahrnehmung. Unlängst meinte Lienen, sein Team sei diese Saison bereits sieben Mal Opfer eindeutig falscher Entscheidungen geworden, bei denen es um Strafstöße ging – eine Rechnung, die kaum jemand nachvollziehen kann.

Möglich, dass auch Ewald Lienens St. Pauli-Engagement bald endet. Möglich auch, dass er danach nicht mehr allzu oft auf der Trainerbank zu sehen sein wird, vielleicht auch gar nicht mehr. Aber wenn dann, in einer nicht mehr allzu fernen Zukunft, die Abgesänge über ihn angestimmt werden, wird irgendeiner schreiben, die ganz großen Erfolge wären ihm versagt geblieben, weil er in dem Geschäft „zu wenig Drecksau“ war. Wetten?

 

3 Gedanken zu “Gegnerblog: Das nächste „Trainer-Endspiel“ – diesmal mit Lienen, dem letzten Linken?

  1. Sehr schönes Portrait von Linen.
    In Bezug auf den FCK würde ich aber einwenden, dass die familiären Zeiten dort nicht mit Fritz Walter sondern mit Norbert Thines‘ Präsidentschaft zu Ende gingen.

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  2. Ich mag Lienen. Weil er nicht geradegebürstet ist. Weil er eine Meinung vertritt. Nein, keine Meinung vertritt, weil er eine Haltung hat! Und in der heutigen Zeit ist das eine seltene Eigenschaft bei in der Öffentlichkeit stehenden Personen.

    Außerdem sollte jeder Profifußballer Ewald Lienen dankbar dafür sein, dass er vor 30 Jahren einer der Gründungsväter der VdV gewesen ist. Etwas, dass ihm dieser Berufszweig nicht hoch genug anrechnen kann.

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  3. Da ich hier in HH wohne, will ich – auch als nicht FCSP Fan- meinen Senf dazugeben.
    FCSP ist ein „normal“ geführter Fussballclub. Allein schon, dass Rettig an der Spitze steht, zeigt dass die Fussballromantik im Club nicht (mehr) das vorherrschende Motiv ist. Zugegeben, die Fans haben eine Tendenz „gegen Rechts“, sie aber generell als „Links“ einzustufen … ich weiss ja nicht. Dazu kommt, dass der Merchandising Umsatz (Kapitalismus, eh?) zu den Top Clubs in Deutschland gehört.
    Ich will das Verhalten aber nicht Kleinreden! Ein Verein der sich gegen Homophobie, Rassismuss, Ausgrenzung etc. einsetzt darf und soll damit auch gerne Werbung machen.

    Grundsätzlich gilt hier aber auch das Leistungsprinzip: Wenn man nicht mehr liefern kann, wird zusammen geschaut was es für Möglichkeiten gibt. Der Sportdirektor Meggle war gefühlt auch 67 Jahre bei St. Pauli zugange – es gab aber keine Schlammschlacht sondern man versuchte eine gute Lösung zu finden (Ob es nun eine zufriedenstellende Lösung für beide Parteien ist, vermag ich nicht zu beurteilen).

    Warum Lienen aber eben hier passt (oder gepasst hat?) – Er ist kein Wendehals, kein angepasster. Coaches mit Meinung sind rar gesät. Immer ist der Gegner Super, das eigene Team phantstisch und die Stadt, Fans etc eh die besten. Die Antworten sind so weich und dehnbar und immer makelos. Bei Lienen nicht. Und genau DAS ist der Geist, den FCSP in sich trägt: Sich nicht verbiegen lassen! Bei welchem anderen Club feuert das Fan Volk das Team weiter an, auch wenn Sie unten drin stehen – teilweise mit haarsträubenden EInzelfehlern? Wo wird der Gegner nicht als erstes Verspottet, sondern das eigene Team gepusht? Nicht alles wird in den Dreck gezogen, wenn es nicht läuft. Und wenn es in die 3. Liga geht? Nun ja … dann steigen Sie eben das nächste Jahr wieder auf.

    Ich denke daher, dass – wenn beide Seiten sehen, dass Lienen das Ruder nicht herumreissen kann, wird es Gespräche und eine Lösung geben. Und ich bin mir noch sicherer, dass es nicht am Ergebnis oder dem Tabellenstand festgemacht wird, sondern an dem Auftreten morgen im Stadion. We’ll see….

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