Analyseblog: Die einen versuchen es mit Hirn, die anderen mit Adrenalin – am Ende gewinnt keiner

Es genügt nicht, die cleverere Mannschaft sein zu wollen. Die aggressivere zu sein, ist und bleibt – mindestens – genauso wichtig. Das ist noch die brauchbarste Erkenntnis, die sich aus dem 0:0 des 1. FCK Kaiserslautern auf St. Pauli gewinnen lässt. Ansonsten war’s nicht nur vom Ergebnis her ein Nullsummenspiel.

Die Gastgeber kassierten immerhin zum ersten Mal in dieser Saison keinen Gegentreffer. In Lauterns Statistik dagegen steht die rundeste aller Ziffern nun schon zum achten Mal in 15 Spielen hinten, allerdings auch schon zum neunten Mal vorne. So langsam darf gezweifelt werden, dass sich diese Offensivschwäche in der gegenwärtigen Formation beheben lässt. Davon abgesehen, bringt das torlose Remis beide Mannschaften auch in der Tabelle „null“ weiter.

BEZEICHNEND: AUSGERECHNET HALFAR GIBT DEN GEFÄHRLICHSTEN TORSCHUSS AB

Andere statistische Werte tendieren zumindest gegen null: Beispielsweise holt der FCK gerade mal zwei Ecken in 90 Minuten heraus, was ebenfalls als Beleg für zu zaghafte Offensivbemühungen gewertet werden darf. Mal ganz abgesehen davon, dass es Bände spricht, wenn der notorisch torungefährliche Daniel Halfar, zur Pause für Naser Aliji eingewechselt, den gefährlichsten Torschuss in Hälfte zwei abgibt. Ansonsten bringt sich Pauli durch einen riskanten Rückpass lediglich selbst in die Bredouille.

Okay, auch die Zahl der Torchancen, die der Tabellenletzte herausspielt, ist nicht gerade beeindruckend. Ein Kopfball von Lasse Sobiech an die Latte, einer von Bernd Nehrig, den FCK-Keeper Julian Pollersbeck glänzend pariert. Überhaupt mutiert der 22-Jährige zunehmend zum absoluten Rückhalt, wirkt auch in punkto Strafraumbeherrschung immer souveräner. Lauterns Bester am Millerntor, gemeinsam übrigens mit Philipp Mwene, der als Rechtsverteidiger wieder sehr agil agiert und diesmal noch dazu mit einigen für einen 22-jährigen erstaunlich abgeklärten Abwehraktionen gefällt.

KANN MAN SO SAGEN: „NUR EINE MANNSCHAFT HÄTTE DEN SIEG VERDIENT GEHABT“

In Hälfte zwei noch einmal Alu für St. Pauli, ein abgefälschter Ball von Aziz Bouhaddouz springt an den Pfosten. Später darf Sobiech noch einmal einen Eckball ziemlich unbedrängt aufs Tor köpfen. Und sonst? Ach so: Bereits in der dritten Minute hat Richard Neudecker ziemlich knapp am Tor verschossen.

Das ist es dann aber auch, wobei klar gesagt werden muss: St. Pauli ist über 90 Minuten einfach die aggressivere Mannschaft, wacher, heißer, entschlossener. So dass Trainer Ewald Lienen hinterher durchaus recht hat, wenn er sagt: „Nur eine Mannschaft hätte den Sieg verdient gehabt.“

n Der FCK hat sich zu sehr darauf beschränkt, die besonnenere Mannschaft sein zu wollen. Hat bestenfalls mal ansatzweise geklappt. Versuchte Rhythmusbrechungen, beispielsweise, indem für kurze Phasen mal früh, auch gegen Torwart, attackiert wird, ein paar vielversprechende vertikale Zuspiele auf den schnellen Osayamen Osawe, der nur sehr knapp am Durchbrechen gehindert werden kann – aber auch damit hat es sich bereits.

Fast.

Denn dann ist da natürlich noch der Elfmeter.

KEIN GUT GESCHOSSENER ELFER, ABER DAS IST NICHT DAS PROBLEM

Vollkommen berechtigt, sicher, nachdem einer der wenigen gelungenen Pässe in die Tiefe Marcel Gaus über den linken Flügel angreifen lässt, der in den Strafraum eindringt und von Sören Gonther höchst ungestüm rasiert wird. Zoltan Stieber führt aus – und schießt rechts am Tor vorbei. Selbst wenn der Ball auf die andere Seite des Torpfostens gekommen wäre: Philipp Heerwagen wäre zur Stelle gewesen, da irgendwie zu erahnen war, was Stieber vorhatte.

Und nun? Vorträge halten, wie Elfmeter zu schießen sind? Erklären, es wäre statistisch längst nachgewiesen, dass die beste Methode wäre, einfach auf den Kopf des Torhüters oder knapp darüber zu zielen – und fragen, warum dies so selten einer tut? Geschenkt. Elfmeter sind halt eine undankbare Sache. Einer muss halt schießen. Trifft er, ist es keine Kunst gewesen, trifft er nicht, ist er der Depp.

WENN DIE ZENTRALEN TECHNIKER GESTOPPT SIND, GEHT NICHT MEHR VIEL

Halten wir Stieber zugute, dass es ziemlich nervenzermürbend gewesen sein muss, fast vier Minuten auf die Ausführung zu warten, nachdem sich Stammkeeper Robin Himmelmann unmittelbar vor dem Elfmeterpfiff verletzt hatte und erst der Austausch gegen Heerwagen vorbereitet werden musste.

Und mindestens ebenso ärgerlich wie das Verschießen ist die Tatsache, dass die Aktion wieder Adrenalin in Anhang und Mannschaft St. Paulis pumpte, nachdem sie nach einer knappen halben Stunde gerade im Begriff war, ein wenig an Spannung zu verlieren.

Wenn, dann ist Stieber unter einem anderen Blickwinkel zu kritisieren, gemeinsam mit Christoph Moritz nämlich. Nach dem KSC-Spiel am Sonntag hat sich am Freitag erneut gezeigt, dass der FCK lahmgelegt ist, wenn seinen feinen Füßchen in der Mittelfeldzentrale von kompromisslos aggressiven Gegenspielern die Nägel gestutzt werden. Denn auch über die Flügel geht dann nichts, weil es an Dribblern fehlt, die sich auf engstem Raum an zwei, drei Kontrahenten vorbeiwinden können.

STIEBER UND MORITZ: VERGLEICH ZWISCHEN 60- UND PAULI-SPIEL

Verdeutlichen lässt sich dies mit einem Vergleich der Ballbesitzphasen und erfolgreichen Pässe von Stieber und Moritz aus dem Spiel bei 1860 München. Das zwar auch nur 1:1 endete, in dem die beiden aber die Glanzlichter setzten. Moritz verzeichnete 84 Ballkontakte, 56 seiner Abspiele kamen an. Gegen St. Pauli waren es nur 63 Ballbesitzphasen und 35 erfolgreiche Pässe.

Stiebers Daten lesen sich noch dramatischer. Nur 35 Ballkontakte und 14 gute Pässe am Millerntor. In München: 61 Kontakte, 34 Pässe. Das ist gerade mal halb so viel Wirkung.

Daher hilft es auch nicht viel, jetzt wieder nach dem seit Jahren vermissten „Knipser“ zu plärren, um die eklatante Offensivschwäche zu beheben. Denn diesmal trifft auch die schon öfter von Trainer Tayfun Korkut geäußerte These nicht zu, Chancen würden ja genug herausgespielt, es fehle nur „der letzte Punch“.

VIELLEICHT IST ES AN DER ZEIT, NACH VORNE MAL WAS NEUES ZU PROBIEREN

Es gilt, eine insgesamt effektivere Offensivformation zu finden, vielleicht mal etwas anderes zu entwickeln als 4-4-2 mit Raute, das während des Spiels dann in ein 4-2-3-1 oder 4-4-2 variiert wird. Die Lienen-Truppe jedenfalls zeigte sich von diesen Manövern jedenfalls nicht mehr sonderlich überrascht.

Zuletzt sechs Mal hintereinander mit gleichen Startelf begonnen zu haben, mag richtig, wichtig und gut gewesen sein, um Stabilität in die schlecht  gestartete Mannschaft zu bringen. Jetzt braucht es vielleicht mal wieder neue Ideen.

Mal wieder mit einem Zentrumsspieler vorne zu starten statt mit breit aufgestellter Doppelspitze – das sollte im kommenden Heimspiel gegen Aue (Samstag, 13 Uhr) eine Überlegung wert sein. Der könnte Jaques Zoua heißen. Oder Robert Glatzel.

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