Gegnerblog: „Nochmal auf dem Betze, das hätte ich mir nie träumen lassen“ – Im Gespräch mit Christian Tiffert

Laut „Transfermarkt.de“ betrug sein Marktwert am 29. Juni 2011 satte 3,6 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor war Christian Tiffert vom MSV Duisburg an den Betzenberg gewechselt – ablösefrei. 17 Torvorlagen hatte der 25-fache U21-Nationalspieler im Aufstiegsjahr des FCK geliefert, war damit Assist-König der Liga neben Franck Ribery und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der Bundesliga-Rückkehrer die Saison auf einem überragenden siebten Tabellenplatz abschloss. FCK-Boss Stefan Kuntz hatte mit Tiffert also wieder mal einen echten Coup gelandet. Leider war die Herrlichkeit ein Jahr später vorbei, die siebenjährige Ära Kuntz startete in ihre zweite, unerfreuliche Hälfte. Mit einem nach diversen Abgängen kaum konkurrenzfähigen Kader stand der Abstieg schon im März des darauffolgenden Jahres so gut wie fest, bei der Planung des Wiederaufbaus fiel Tiffert durchs Sieb. Er wechselte in die USA, beendete nach einem weiteren Gastspiel in Bochum seine Karriere, und kehrte, nach einem Jahr Pause, als 33-jähriger beim FC Erzgebirge Aue wieder ins Profigeschäft zurück. Er war eben nie ein Profi von der Stange, wie sich auch im Gespräch mit dem Blogwart zeigt.

Herr Tiffert, hätten Sie sich das träumen lassen, nochmal auf dem Betze aufzulaufen?

Niemals, jedenfalls nicht bis zu unserem Aufstieg im Sommer. Da dachte ich, wenn, dann komme ich bestenfalls nochmal als Zuschauer ins Fritz-Walter-Stadion.

Sie hatten Ihre Karriere mit 32 Jahren eigentlich schon beendet, und sind dann, nach einem Jahr Pause, wieder in den Profifußball zurückgekehrt. Wie ist das möglich?

Ich hatte nach meinem letzten Jahr in Bochum eigentlich die Lust am Fußball verloren, mich darüber dann mit Trainer Peter Neururer ehrlich ausgetauscht, worauf mein Vertrag einvernehmlich aufgelöst wurde. Anschließend hielt ich mich fit, hatte aber abgeschlossen, mich auch nirgends mehr angeboten. Ich hatte aber  immer noch mit Nicky Adler Kontakt, mit dem ich früher in Duisburg zusammenspielte und der jetzt in Aue war. Irgendwann sagte der zu mir: Wir könnten noch einen Sechser gebrauchen, wie siehts aus? Ich sagte, wie stellt du dir das denn vor, nach einem Jahr Pause? Ich sagte aber auch nicht nein. Kurz darauf rief der Sportdirektor von Aue an: Ich sollte doch einfach mal beim Training vorbeischauen, einfach nur, um zu  gucken, ob mir’s noch Spaß macht. Eine Woche später hab mich tatsächlich ins Auto gesetzt und bin nach Aue gefahren. Und es hat Spaß gemacht.

Das ist schon erstaunlich. Zur Saison 2015/2016 sind sie dann wieder eingestiegen, so ab Spieltag 12 waren sie wieder Stammspieler.

Dass es so gut läuft, hatte ich selbst nicht erwartet. Aber ich habe offenbar gute Gene, ich war in meiner Karriere ja auch nie ernsthaft verletzt. Wir haben uns dennoch Zeit gelassen mit den ersten Pflichteinsätzen. Ich hab da ja meine Erfahrungen, ich weiß, die Leute interessiert es nicht, ob du ein Jahr Pause hattest, du musst fit sein, wenn du wieder auf den Platz gehst. Dass es dann sogar mit dem Aufstieg endete, ist umso schöner. Und dass ich jetzt wieder auf dem Betze spiele, erst recht.

Egal, mit wem man über Christian Tiffert spricht oder wo man nachschlägt, überall heißt es: Höhepunkt seiner Karriere war die Saison 2010/11, das Aufstiegsjahr mit Kaiserslautern…

Ja, das war meine beste Saison. Da hat einfach sehr viel zusammengepasst. Der Verein, in dem ich spielen durfte, die Zuschauer, das Stadion, und es ging uns auch privat gut. Wir waren Aufsteiger und haben tolle Spiele abgeliefert.

Können Sie sich noch an den Satz erinnern: „Champions League war am Mittwoch, heute war Betzenberg“?

Das habe ich nach unserem 2:0-Sieg gegen Bayern München gesagt…

Nicht ganz. Nach dem 5:0-Sieg gegen Schalke.

Das wär auch mein nächster Tipp gewesen. Ja, die Saison hatte viele Highlights. Und wir haben unsere Gegner nicht nur niedergekämpft, sondern auch richtig guten Fußball gespielt.

Umso heftiger war der Einbruch ein Jahr später. Wie haben Sie den erlebt?

Da hat man gesehen, wie schnell es im Fußball gehen kann. Wir hatten einige wichtige Spieler verloren, wie Lakic und Ilicevic. Das hat unser Kader nicht verkraftet. Wir haben dann Tore nicht gemacht, auch schlecht gespielt, sind dann verkrampft und waren irgendwann vollkommen chancenlos. Das war schon frustrierend. Es heißt immer, mit Kampf geht noch immer was, aber kämpfen allein reicht eben auch nicht. Man muss einen Gegner auch bespielen können.

Nach dem Abstieg war dann Neuaufbau angesagt, dazu braucht man Säulen in der Mannschaft, zum Beispiel einen zentralen Mittelfeldspieler, der ein Jahr zuvor noch überragende Leistungen gezeigt hatte. Sie sind dennoch gegangen. Hatten Sie keine Lust auf Zweite Liga?

 Das war nicht der Grund. Ich hatte ja noch Vertrag, und es war auch nicht unbedingt mein Wunsch, den Verein zu verlassen. Ich war im Abstiegsjahr Kapitän gewesen, aber als Alleinverantwortlicher habe ich mich deswegen nicht gesehen und ich glaube, die Fans auch nicht. Aber einige Leute im Verein wohl doch. Ich bin nun mal kein Weltklassespieler, der Spiele allein entscheiden kann. Ich hab dann unter dem neuen Trainer Franco Foda noch einen Teil der Vorbereitung mitgemacht, das lief auch nicht schlecht, aber mit der Zeit entwickelt man eben so ein Gespür für gewisse Dinge. Ich hatte irgendwann nicht mehr das Gefühl, dass man sich gefreut hätte, wenn ich geblieben wäre.

Sie sind dann nach Amerika gegangen, zum Sounders FC nach Seattle, der aktuell übrigens im Finale um die US-Fußballmeisterschaft steht. Damals waren sie grade mal 30. Die USA heben sich viele bis zum Ende ihrer Karriere auf…

Ich konnte ja damals nicht ahnen, dass ich auch mit 34 noch spielen werde. Warum hätte ich diesen Schritt also nicht auch mit 30 schon gehen sollen? Das Angebot war da, der Trainer hatte sich wirklich sehr um mich bemüht und ich hatte mir das Ganze vorher auch schon mal angeschaut. Natürlich gibt es da vieles, an das du dich als Europäer  erst einmal gewöhnen musst. Der Kunstrasen, die langen Flüge zu den Spielen, die Wetterumschwünge. Die Playoffs gegen L.A. haben wir bei 30 Grad Hitze gespielt, als hier in Deutschland tiefster Winter war. Aber da hat niemand gemotzt, und Neid unter den Profis gab es auch nicht, das war eine tolle Erfahrung, dieses  Zusammenleben mit Spielern aus allen Teilen der Welt, und auch sportlich lief es gut. Ich möchte diese Zeit nicht missen.

Und jetzt, mit 34, also Aue. Ihr seid gut in die Saison gestartet, aber in den letzten sechs Spielen gab’s nur ein Unentschieden und fünf Niederlagen. Woran hängt’s?

Wir sind letzte Saison auf einer Welle geschwebt, da ging vieles von allein, zumindest hatte man irgendwann das Gefühl. Das ist diese Saison anders, auch, weil die Qualität der Gegner viel höher ist. Wir haben im Prinzip noch den gleichen Kader, mit dem wir aufgestiegen sind, und auch schon den Aufstieg hatte uns kaum jemand zugetraut. Wir wussten, dass es schwer werden würde und dass es bis zum letzten Spieltag um den Abstieg geht. Aber ich hab noch kein Spiel erlebt, in dem die Mannschaft sich hängen ließ oder ängstlich war. Auch gegen Stuttgart haben wir zuletzt eine starke eine erste Hälfte geboten, auch wenn wir am Ende 0:4 verloren. Das macht mir Mut.

Wenn man sich euer Torverhältnis anschaut, scheint euer Problem offensichtlich: Ihr habt nach 15 Spielen schon 32 Treffer kassiert. Fehlt euch Keeper Martin Männel, der sich am 6. Spieltag am Ellbogen verletzt hat? Der hat auch den FCK in den vergangenen Jahren immer mal zur Verzweiflung gebracht.

Wenn man gesehen hat, was der im Aufstiegsjahr für unmögliche Dinger rausgeholt hat… Klar fehlt der, auch, weil er unser Kapitän hat. Aber es liegt ganz bestimmt auch nicht an Daniel Haas, der ihn jetzt vertreten muss. Unser Problem ist viel mehr, dass zur Zeit wirklich jeder Fehler, den wir machen, zu einem Gegentor führt. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir noch die Kurve kriegen.

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