Analyseblog: „Ich habe gewusst, heute wird wenig Fußball gespielt“ – Wären die 21.463 Stadionbesucher doch genauso schlau gewesen…

Hätten die Auer diese grauslige Nullnummer auf dem Betzenberg doch für sich entschieden, wäre jetzt wahrscheinlich die Rede davon, dass Erzgebirge-Coach Pavel Dotchev seinen Kollegen Tayfun Korkut „ausgecoacht“ hätte. Und zwar lehrbuchmäßig, im wahrsten Sinne des Wortes. In „Matchplan Fußball“ von Timo Jankowski etwa heißt es sogar wortwörtlich, ein 4-1-4-1-System sei „oft erfolgreich“ gegen ein 4-4-2 mit Raute. Weshalb, ist zumindest theoretisch leicht zu erklären: Durch den Abräumer im hinteren Mittelfeld wird die Mitte, durch welche die Raute den Erfolg sucht, wirkungsvoll verdichtet, und bei Ballbegewinn bieten sich direkt Abspielmöglichkeiten auf die äußeren Mittelfeldspieler.

Dennoch wollen wir von „Auscoachen“ nicht reden, denn dazu boten auch die Gäste über 90 Minuten zu wenig nach vorne. Obwohl die wenigsten darauf verweisen können, dass es bei ihnen volle Absicht war. Nach zuletzt fünf Niederlagen in sechs Spielen wollte Dotchev die schwächste Defensive der Liga (32 Gegentreffer) nicht noch einmal ausgekontert sehen.

„DIE HÄTTEN DOCH NUR GEGUCKT, WIE DIE BÄLLE HIN- UND HERFLIEGEN“

Der Trainer hatte seine Akteure Mario Kvesic und Mirnes Pepic sogar extra draußen gelassen, weil sie in Verdacht stehen, technisch gepflegten Fußball zu präferieren. „Die hätten doch nur hin- und hergeguckt, wie die Bälle fliegen“, lieferte Pavel Dotchev hinterher nicht nur die Begründung, sondern auch eine begnadet treffende Beschreibung des Spielverlaufs.

Der ihn im übrigen nicht überraschte. „Ich habe gewusst, heute wird wenig Fußball gespielt“. Dumm nur, dass die 21.463 Zuschauer nicht schon vorher so schlau waren, sonst hätten sie diesen kalten, aber sonnigen Wintertag zu einem schönen Spaziergang im Pfälzer Wald nutzen können. Oder einem Kessel Buntes zusehen, wie er in der Trommel der heimischen Waschmaschine rolliert. Wär billiger gewesen, hätte aber den gleichen Unterhaltungswert gehabt.

WIE WAHR: „WIR MACHEN KEINEN SCHRITT NACH VORNE“

Überhaupt: Hätten die Mannschaften so viele spielerische Brillanz gezeigt wie ihre  Übungsleiter analytische, was wäre das für ein großartiger Fußballnachmittag geworden. „Ein Ergebnis, das mit der Leistung verbunden okay ist, aber ich bin mit der Leistung nicht zufrieden“, erklärte Tayfun Korkut. Ein Satz, der fraglos länger im Kopf nachwirkt als irgendeine Aktion, die zuvor auf dem Rasen zu sehen war.

Noch ein Beispiel gefällig? „Wir stehen im Moment. Das nervt mich, dass wir keinen Schritt nach vorne machen.“ Damit meinte der Trainer eigentlich die tabellarische Situation des FCK, der nach dem vierten Unentschieden in Folge einfach nicht weiter nach oben klettern will. Der Satz taugt aber ebenso blendend zur Beschreibung der Spielanlage seiner Mannschaft.

GENAUSO WAHR: „WENN DER BALL ZURÜCKKOMMT, BIST DU WEIT WEG“

Die er im übrigen exakt beobachtet hat. „Wenn du mit fünf, sechs Mann hinterm Ball stehst, schlägst du irgendwann mal einen langen Ball – doch wenn der dann zurückkommt, bist du zu weit weg.“ Genaus so sah es aus. Die Frage ist nur: Warum sind Moritz, Halfar und Co. nicht agressiver auf die zweiten Bälle gegangen? Warum hat die Elf es nicht wenigstens phasenweise mal mit risikofreudigem Angriffspressing versucht? Sie hat doch schon gezeigt, dass sie das kann.

Und vor allem: Wo waren die Systemumstellungen während des Spiels, mit denen Tayfun Korkut im bisherigen Saisonverlauf immer wieder mal erfolgreich neue Reizpunkte setzte?

„Dazu hatten wir heute nicht die Spieler auf dem Platz“, so der Trainer.

Hhm.

KEINE VARIATIONEN MÖGLICH – ECHT NICHT?

Okay, hätte der erkrankte Ewerton statt Tim Heubach gespielt, wär der ein oder andere lange Ball präziser aus dem Abwehrverband gespielt worden. Aber ob unter denen der entscheidende gewesen wäre?

Und der verletzt fehlende Lukas Görtler lässt sich während des Spiels aus dem Sturm auf die rechte Seite ziehen, was die Umstellung auf ein flaches 4-4-2 oder ein 4-2-3-1 ermöglicht und das Spiel breiter gemacht. Wär in diesem Spiel sogar nötiger gewesen denn je, da der Gästetrainer, siehe oben, fürs 4-4-2 mit Raute ja mit der Schulbuchlösung aufwartete.

Aber nur, weil für Görtler Zoua spielte, waren keine Variationsmöglichkeiten möglich?

„Ich kann den Jaques nicht auf rechts stellen“, sagt Korkut. Zoua sollte der Stürmer sein, der die Bälle festmacht, Osayamen Osawe der, der steil geht. Aber dazu braucht er Raum, und den hatte er nicht.

EIN SCHWACHER TROST: DIE EINZIG GUTE SZENE ALS CLIP

Einen Wechsel in seiner zuletzt sechs Mal identischen Startformation hatte der Trainer freiwillig vorgenommen. Kapitän Daniel Halfar war zum ersten Mal seit dem 5. Spieltag von Anfang an dabei, kam aber gar nicht ins Spiel. Für ihn musste Naser Aliji auf die Bank, Marcel Gaus rückte dafür nach hinten auf die linke Abwehrseite, was ihm gegen einen tiefstehenden Gegner mehr Raum nach vorne geben sollte. Richtige Überlegung eigentlich. Hätte halt nur was bringen müssen.

Mehr über dieses Spiel zu schreiben, wäre Zeitverschwendung. Um die Leser aber nicht vollkommen deprimiert in den Sonntag zu entlassen, hier der Clip von der einzigen Szene, in der tatsächlich mal Fußball gespielt wurde. Wäre Osawe ein ähnlich präziser Schlenzer geglückt wie in Fürth, wär am Ende vielleicht doch alles gut geworden.

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