Bücherblog: „FSV oder FCK?“ – Ein Buchtipp für den Gabentisch zum Wiederentdecken

Gibt es Profi-Fußballer, die in ihren komischen „Dolce & Gabbana“-Klamotten aussehen wie lebende Comic-Figuren? Gibt es Spielerfrauen, die sich „Model“ nennen, weil sie einen  Wet-T-Shirt-Contest in einer Disco gewonnen haben? Gibt es Trainer, die dauernd über „Fußballphilosophie“ daherfaseln? Gibt es „Sportpsychologen“, die für Spieler T-Shirts drucken lassen, auf denen so ein Blödsinn steht wie „Totale Dominanz“? Gibt es Klubs, die sich lieber von hirnlosen Spielern und kriminellen Beratern erpressen lassen, anstatt aufrecht abzusteigen? Ist Fußball kein Sport mehr, sondern nur noch ein aufgeblasener „Markenartikel“, ein lachhaftes „Top-Produkt“ oder sogar ein „Premium-Produkt“ des medialen Schwachsinns?

Okay, okay – diese Fragen wollen und müssen anno 2016 nicht mehr ernsthaft beantwortet werden. Dieter Schmidt hat sie dennoch gestellt, und zwar schon 2008. In seinem Kriminalroman „FCK oder FSV?“, in dem er den schlechtnachbarschaftlichen Beziehungen der beiden rheinland-pfälzischen Profifußballvereine nachspürt. Dabei handelt es sich um den fünften Fall des Mainzer Hausmeisters und Privatdetektivs Karl Napp, eine Art rheinhessischer Philipp Marlowe, der freilich lieber mit der Weinschorle als mit der Knarre in der Hand ermittelt. Aktuell ist übrigens gerade der zehnte Krimi um den durstigen Hutsimpel erschienen, „Die Mainzer Mumie“, der in einem Fußballblog allerdings schwerlich besprochen werden kann.

MAINZ, WIE’S SCHMIERT, KUNGELT UND LACHT

Doch auch der Blick – oder auch das Wiederlesen – in dieses nunmehr acht Jahre alte Werk lohnt sich, auch wenn manch damals aktuellen Bezüge nicht mehr so ganz funktionieren. Da liegen 05 und FCK sportlich nämlich noch gleichauf und werden beide von anhaltendem Misserfolg geplagt, nachdem sie sich durch den Bau neuer Stadien weitgehend ruiniert haben und ohnehin bescheuert geführt werden. Diese Darstellung könnte den Lautrer Leser wehmütig stimmen, während der Mainzer sie brüsk zurückweisen wird.

Worauf freilich auf die aktuelle Posse um ihren selbstherrlich abzockenden Präses verwiesen werden könnte, doch Selbstreflexion war noch nie des Mainzers Stärke. Der   strutzeitle Berufsfunktionär und Alibi-Anwalt könnte nämlich ein trefflicher Leistungsträger der so genannten „Handkäsmafia“ sein, deren Umtriebe in so ziemlich allen Karl-Napp-Romanen der Kern allen Übels sind. In „FCK oder FSV?“ beschreibt sie Schmidt aus der Perspektive eines übergewichtigen Geistlichen in gehobener Position, hinter dem sich, wie in den meisten Schmidt-Figuren, eine reale Persönlichkeit zu verbergen scheint:

WIE IMMER DIE WURZEL ALLEN ÜBELS: DIE HANDKÄSMAFIA

„Seit Jahrzehnten beäugte der Kardinal misstrauisch das satanische Treiben der Mainzer Handkäsmafia. Wie hasste er dieses Syndikat aus Fassenacht, Wirtschaft und Politik, das seit Jahrzehnten die Landeshauptstadt im eisernen Würgegriff ihrer gierigen Krallen hielt. Diese dreisten Teufel, die sich im Mainzer Bermudadreieck zwischen Rathaus, Dom und Staatskanzlei fröhlich Aufträge, Posten und Geld zuschoben. Und jetzt hatte sich die Handkäsmafia auch noch den FSV unter den Nagel gerissen.“

Für Außenstehende mag sich das als satirische Überzeichnung lesen, Wahleinheimische wie der aus der Pfalz stammende Blogwart erkennen in dieser Beschreibung eine journalistische Exaktheit, die an Truman Capotes „Kaltblütig“ erinnert. Dass die „Handkäsmafia“ sich im Roman die „Nullfümfer“ erst in der Jetztzeit unter die Nagel reißt, ist lediglich der Dramaturgie geschuldet. Tatsächlich macht der strutzige Rheinhessentrump den Verein schon seit 30 Jahren zu seinem persönlichen Selbstbedienungsladen, wie sich jüngst gezeigt hat.

AUTHENTISCHER GEHT’S NICHT: AUF RECHERCHE IM ZACK-ZACK

Doch auch der FCK bekommt Schmidts volle Breitseiten ab.

„Wer in Kaiserslautern wichtig sein wollte, der musste irgendeine Funktion beim Betze haben. Oder wenigstens über geheime Informationen aus der Mannschaftskabine und Geschäftsstelle verfügen, damit er abends in der Kneipe glänzen konnte. Und deshalb war der Betzenberg ein schmieriger Sumpf aus Wichtigtuerei und Neid, Vettern- und Misswirtschaft, Größenwahn und kleingeistigem Provinztheater.“ Einen geharnischten Abriss der Vereinsgeschichte hält Schmidt ebenfalls bereit, darüber hinaus wird das fragwürdige Engagement eines durchgeknallten französischen Nationalspielers beleuchtet, und im Lauf des Geschehens wird ein gewisser „Bario Fasler“ Cheftrainer auf dem Betze, dem ein cholerischer Zwerg namens „Bolfram Buttke“ assistiert. Okay, mit originelleren Namensgebungen hat es Schmidt nicht so.

Eine Handlung hat der Roman natürlich auch: Karl Napp soll im Auftrag des neuen 05-Präsidenten Bretzelmüller, der gleichzeitig auch Pate der Handkäsmafia ist, herausfinden, ob der 05-Star Michi Raffzahn tatsächlich, wie man munkelt, auf den Betzenberg wechseln will. Im Rahmen ihrer Ermittlungen gegen Karl Napp und sein Assistent Herbert Dickmilch dann auch in Kaiserslautern dahin, wo’s wehtut, unter anderem ins berühmte „Zack-Zack.“

VOLSKUNDE-STUDIUM MIT ECHTEM REALITÄTSBEZUG

Milieuschilderungen zählen im übrigen seit jeher zu den großen Stärken des Pfälzers, den einst das Studium der Volkskunde nach Mainz geführt hat. Die atmosphärische Dichte, mit der er vor allem die Kneipenszene der Domstadt zeichnet, belegt eindrucksvoll, dass er dieses stets  als Aufforderung zur persönlichen Feldforschung begriffen hat.

Auch sonst ist Schmidt ein Literat der gänzlich unabgehobenen Art. Er vertreibt seine Bücher im Selbstverlag und nimmt dafür nicht nur immerfort nervige Verhandlungen mit Buchhändlern in Kauf, um seine Ware in deren Auslagen zu bringen. Mit einem zum „Karl-Napp-Mobil“ umgebauten Piaggio-Kastenwagen besucht er übers Jahr Volksfeste in der Region, um „Direktmarketing“ zu leben, aber solch neudeutsches Bullshit-Denglish sollte in seiner Gegenwart besser nicht gebraucht werden.

KAUFEN? AM BESTEN BEIM AUTOR PERSÖNLICH – MIT „HANDSIGNIERTEM SCHNAPS“

„FCK oder FSV?“ sei als Geschenkempfehlung für alle Fußballfans ausgesprochen, die genug Humor haben, um auch mal ein paar unangenehme Wahrheiten über ihren Klub zu ertragen, die vielleicht weniger überzeichnet sind, als man wahrhaben will. Es sei auch auf die Karl-Napp-Homepage und die diversen Möglichkeiten verwiesen, die Romane im regionalen oder im Online-Buchhandel zu erwerben.

Wer einen Karl-Napp-Krimi jedoch stilecht erstehen will, der sollte den Autor persönlich aufspüren, wenn er mit seinem mobilen Verkaufsstand irgendwo auf einer Kerwe, einem Weinfest oder sonst einem „Event“ in Mainz oder Rheinhessen präsent ist. Im Zuge des Kaufabschlusses  besteht nämlich die Möglichkeit, mit dem Autor einen „handsignierten Schnaps“ zu konsumieren. Früher hat er mal Kümmerling ausgeschenkt, heute gibts nur noch Wildbrunner Jagdbitter von Aldi. Denn der Karl-Napp-Verlag muss sparen, wie alle.

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