Analyseblog: Spätes Pech – Von einer Niederlage, die vielleicht ganz heilsam sein könnte

Das war’s mit der Serie: Der 1. FC Kaiserslautern wird nicht acht Mal hintereinander ungeschlagen in die Rückrunde starten. Zudem schlug es nach nur zwei Gegentoren in zehn Treffer beim 1:2 in Nürnberg nun gleich zwei Mal in 90 Minuten ein. Ist vielleicht besser so. Denn wenn die Niederlage zum Jahresabschluss irgendeine Erkenntnis gebracht hat, dann diese: Zu-null-Spiele tun vielleicht gut, um nach einem verpatzten Saisonstart das Selbstvertrauen zu stärken, sich darauf aber zu fixieren, lähmt den Offensivgeist. Erst, als der FCK in Rückstand geriet, spielte er wieder beherzt nach vorne. Anders war er offenbar wohl nicht mehr wachzurütteln.

Lautern in Nürnberg, das wird gern als „Traditionsduell“ angekündigt. In der nüchternen Zweitligarealität 2016/17 sollte es eher so formuliert werden: Zwei, die zur Unlust ihrer Fans auf grauen Mittelfeldplätzen dümpeln, aber vor recht unterschiedlichen Hintergründen. Die Nürnberger, weil es bei ihnen ständig vorne und hinten rappelt – Torverhältnis vor dem Spiel: 28:28. Die Lauterer, weil sie hinten nicht viel zulassen, aber aber auch vorne nicht viel bis gar nichts geht: 10:13. Eigentlich ist es dieser Widerspruch, der dieses Spiel interessant macht.

„FCK DRÜCKT DEM SPIEL DEM STEMPEL AUF“ HEISST: KAUM GEPFLEGTE LANGEWEILE

Und siehe da: In den ersten 50 Minuten „drücken die Lauterer dem Spiel ihren Stempel auf“, wie der Fußballreporter der alten Schule gerne metaphert. Der Haken ist nur: In der Fußballrealität des Jahres 2016 bedeutet dies für den Betrachter leider nichts als ätzende Langeweile – oder „Magerkost“, wie es FCK-Trainer Tayfun Korkut nach der grausligen 0:0-Darbietung gegen Aue vor Wochenfrist formulierte.

Der FCK überlässt den Gastgebern den Ball, das Sturm-Duo Osawe/Zoua beginnt ungefähr am äußeren Ende des Mittelkreises mit ersten Störaktionen, dahinter stehen zwei dicht gestaffelte Viererketten, durchaus konzentriert, das schon. Die Hoffnung, dass sich durch das Fehlen des defensiv soliden, aber spielerisch unbedarften Patrick Ziegler schneller und präziser eingeleitete Umschaltaktionen durch das zentrale Mittelfeldduo Christoph Moritz und Alexander Ring ergeben, erfüllt sich jedoch nicht.  Es dauert ungefähr eine halbe Stunde, bis Philipp Mwene und Lukas Görtler mal eine Aktion über mehrere Stationen vortragen, die tatsächlich mit einer Flanke in den Strafraum endet.

Überhaupt ist die rechte Seite die stärkere beim FCK. Was insofern Glück ist, als dass der FCN seine langen Bälle, die er mangels anderer Ideen irgendwann nach vorne bläst, vorzugsweise auf links dirigiert, wo Torjäger Guido Burgstaller wartet. Auf der linken Seite wirken Zoltan Stieber und Marcel Gaus defensiv weit weniger stabil, offensiv fällt Stieber durch einen missglückten Freistoß und einen Schussversuch auf, der an eine Rückgabe erinnert. Ansonsten schockiert allenfalls die Erkenntnis, dass selbst technisch eigentlich versierte Spieler wie Stieber, Moritz und Ring nicht einmal saubere Seitenwechsel freistehende Spieler hinbekommen.

MIT DEM SCHIRI MUSS NÜRNBERG NICHT HADERN

Wenn die Nürnberger mit ihren nominell drei Stürmern mal ins Angriffspressing gehen, stiften sie sofort in Unruhe in der auf dem Papier stärksten Zweitligadefensive, allerdings fehlt ihnen der rechte Antrieb, dies mal über einen längeren Zeitraum versuchen. Größter Aufreger in Hälfte eins bleibt ein Treffer von Dave Bulthuis, der nach einem vom langen Eck in den Fünfer aufgelegten Freistoß-Flugball den Ball über die Linie drückt. Schiedsrichter Markus Schmidt pfeift da ein Abseits, das nicht ganz schlüssig scheint.

Grund zum Hadern haben die Nürnberger aber nicht, denn dafür ist der Eckball, der kurz nach der Pause zu ihrem Führungstreffer führt, unberechtigt. Burgstaller, nicht Mwene, hat den Ball zuletzt berührt, als er die Torauslinie überschreitet. Die Ecke schlägt Tobias Kempe auf den kurzen Pfosten, wo Hanno Behrens sich das Leder über den Scheitel rutschen lässt und es in den Kasten flutscht.

„Wir haben gesehen, dass Lautern Eckbälle im Raum verteidigt und den kurzen Pfosten ungedeckt lässt. Wir wussten, wenn wir da geschickt reinlaufen, geht was“, erklärt FCN-Trainer Alois Schwartz hinterher – und bedankt sich bei seinen Spielern, dass sie „endlich mal zugehört“ hätten. Tja, das ist dann wohl typisch Schwartz: Er mag kein Temperamentsbolzen sein, der seine Jungs permanent zu Powerfußball peitscht, aber er gilt wohl zurecht als einer der akribischsten Späher seiner Zunft: Bis zu drei Mal vor jedem Spiel soll er jeden Gegner persönlich beobachten.

RÜCKSTAND IM RÜCKEN – UND AUF EINMAL GEHT’S NACH VORNE

Und was geschieht dann? Mit dem Rückstand im Rücken beginnt der FCK auf einmal Fußball zu spielen. Okay, keinen sonderlich hochwertigen, aber immerhin einen engagierten. Die Nürnberger werden nun in der eigenen Hälfte attackiert, wovon sie sich prompt beeindruckt zeigen. Warum gab’s in den vergangenen Partien nicht wenigstens mal phasensweise Angriffspressing beim Stand von 0:0? Anfang November, bei 1:0-Heimsieg gegen Union Berlin, war’s doch noch zu sehen…

Nach 70 Minuten bringt Korkut Max Dittgen für Ring und formiert das Team in einem 4-1-3-2. Das ist nicht die klassische Raute, da die linken und rechten Eckpunkte nicht von Achtern, sondern von Flügelspielern gebildet werden. Das eröffnet dem Club nun zwar Räume in den Halbpositionen, aber vor allem Dittgen ist auf der linken Seite ein richtiges  belebendes Element – hoffentlich gibt’s in der Rückrunde von dem Jungen mehr zu sehen. Zuvor hatte es der 21-jährige am Betzenberg erst auf zwei Kurzeinsätze gebracht, nachdem er vergangene Saison beim Drittligisten Großaspach immerhin schon Leistungsträger war.

JA, IST DENN HEUT SCHO WEIHNACHTEN? ZOUA TRIFFT NACH STIEBER-ECKE

Die 78. Minute fühlt sich dann fast schon wie eine frühe Weihnachtsbescherung an: Jacques Zoua köpft den Ausgleich – und zwar nach einer Ecke von Stieber! Der erste Treffer nach einem ruhenden Ball in dieser Saison! Das und Dittgens Leistung, da fängt der geplagte FCK-Fan direkt an, schon jetzt dem Beginn der Rückrunde entgegenzufiebern.

Zumal es danach noch zehn Minuten lang wirklich munteren Zweitligafußball zu sehen gibt. Der Schwerpunkt des Spiel in die Nürnberger Hälfte verlagert, die Glubberer aber können durch breit gestaffelte Dreierkette recht leicht Konter inszenieren. „Ein Duell mit offenem Visier“, steht da im Reporterhandbuch. Und wer und was entschiedet diese der reinen Lehre gemäß dann doch?

Richtig: Die viel zitierte „individuelle Qualität“, ohne die geht doch heut gar nichts mehr.

Okay, stimmt insofern, als dass es tatsächlich Burgstaller ist, der die Sache für den Club doch noch klarmacht – nicht nur der erfolgreichste, sondern womöglich auch fußballerisch der beste Stürmer, den die Zweite Liga derzeit zu bieten hat.

DER SIEGTREFFER: SO, WIE DIE DA STEHEN, IST DAS GAR NICHT GUT

Bei allem Respekt allerdings: Es wäre recht leicht zu verhindern gewesen – die dieser Screenshot beweist:

FCK FCN.jpg

Es ist der Moment, unnmittelbar bevor Burgstaller den Ball annimmt und schießt. Und wie da acht Lauterer gegen vier Nürnberger positioniert sind, das ist gar nicht gut. Burgstaller hätte sogar noch die Möglichkeit, nach der Annahme zum in den Strafraum startenden Kempe zu passen, um den sich ebenfalls niemand kümmert. Dass der Schuss anschließend für Julian Pollersbeck nicht ganz unhaltbar ist – geschenkt.

Schon klar: Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob Ewerton drei Schritte näher an Burgstaller gewesen wäre, hätte er noch für Heubach auf dem Platz gestanden. Der Brasilianer war jedoch nach 62 Minuten verletzt ausgeschieden. Doch wer schon mitverfolgt hat, wie aufmerksam und vorausschauend Ewerton agiert, weiß, dass diese Spekulation nicht so ganz weit hergeholt ist.

Hoffentlich fällt er jetzt nicht länger aus. Denn dann darf man sich dennoch auf die Rückrunde freuen. Wenn der FCK die richtigen Erkenntnisse aus dieser Niederlage zum Jahresabschluss zieht. Wie schon gesagt: Die könnte heilsamer sein, als sich in dem trügerischen Bewusstein, acht Spiele ungeschlagen geblieben zu sein, unter den Christbaum zu setzen.

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