Extrablog: Mensch, Meier – Auf den zynischen Lieblingsonkel warten am Betzenberg nun einige Kopf-Nüsse

Offiziell bestätigt ist es zwar nach wie vor nicht, immerhin aber hat der 1. FC Kaiserslautern nun für morgigen Dienstag, 11 Uhr, zur PK geladen, zu der der neue Cheftrainer vorgestellt wird. Gehen wir also davon aus, dass fix ist, was schon heute Mittag von sämtlichen Medien gemeldet wurde: Norbert Meier (58)  wird neuer Trainer des 1. FC Kaiserslautern. Der Erste, dessen Name nach der Bekanntgabe des Rücktritts von Tayfun Korkut in den Gerüchtekessel geworfen wurde, ist somit nun auch der, der aus dem   Topf gezogen wird. Doch auch bei näherem Hinsehen handelt es ich hier um keine überraschende Lösung, sondern eine, die gut zu dem Verstandesmenschen Uwe Stöver passt.

Er vertraut bei einem Trainerwechsel mitten in der Saison auf einen erfahrenen Mann, der bereits einige Erfolge vorweisen kann – und zwar unter sportlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, wie sie auch beim FCK mittlerweile gegeben sind. Der Anhang fremdelt dennoch, auch wenn sich in den Fanforen mittlerweile auch ein paar besonnene Stimmen zu Wort gemeldet haben. Als ob es eine unabdingbare Voraussetzung für Erfolg wäre, in seiner Vita einen Berührungspunkt zum FCK vorweisen zu können.

EINFACH NICHT ABZUSCHÜTTELN: DIE KOPFNUSS ALS „PAIN IN THE ASS“

Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist, wie weit vorne der Name Ciriaco Sforza auf den verschiedenen Trainerwunschlisten rangierte, die im Netz kursierten. Hat der Schweizer, als Spieler ohne Frage eine Ikone auf dem Betze, doch in den vergangenen zehn Jahren, in denen er nun als Trainer unterwegs ist, absolut nichts Nennenswertes erreicht. Und wie schon öfter in den vergangenen Jahren gibt es auch diesmal keine konkreten Anhaltspunkte, dass er ernsthaft in der Verlosung war. Es scheint viel mehr, als hätte sich der clevere Eigen-PR-Profi wieder einmal selbst durch geschickt  lancierte Veröffentlichungen über befreundete Journalisten und sportliche Weggefährten ins Gespräch gebracht.

Den ehemaligen FCK-Trainer Friedel Rausch nervt es bis heute, dass, nach rund 600 Profi-Spielen als Aktiver und Trainer, sein Name nach wie vor in erster Linie mit einem Biss in den Allerwertesten verbunden wird, den ihm ein Polizeihund einst am Rand eines Bundesligaspiels mit Schalke 04 verpasste. Norbert Meiers „Pain in the Ass“ wird zeitlebens die „Kopfnuss“ bleiben, die er am 6. Dezember 2005 dem Kölner Albert Streit verpasste und die er anschließend mit einer verzweifelten Schwalbe zu kaschieren versuchte.

Zwei Sekunden Kontrollverlust in einer emotionalen Stresssituation. Dafür gab es 12.500 Euro Geldstrafe und ein dreimonatiges Berufsverbot. Meier verlor seine aktuelle Anstellung und bekommt die Nummer seither bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufs Brot geschmiert. Er hat für diese Kurzschlussreaktion längst doppelt und dreifach bezahlt. Doch was wird es nutzen, darauf einmal hingewiesen zu haben?

EIN MANN MIT VERGANGENHEIT: WARUM EIGENTLICH SOLL DER NICHT PASSEN?

Immerhin: Da kommt jetzt einer, der mit Fug und Recht von sich sagen kann, die Höhen und Tiefen seines Geschäfts zu kennen, die Tiefen sogar noch ein bisschen besser. Was ihn doch eigentlich recht geeignet für die Mission Betzenberg erscheinen lassen sollte. Mal ganz abgesehen von der sportlichen Betrachtung seiner Karriere.

Schon seine Spieler-Vita ist ungewöhnlich. Er gehört zu Otto Rehhagels erfolgreicher Bremer Truppe der 1980er Jahre, doch wird er in diesen insgesamt neun Spielzeiten von König Otto, dem Eigenwilligen, zunehmend zur Teilzeitkraft degradiert und vornehmlich vor eigener Kulisse eingesetzt, weswegen die Reporter-Koryphäe Heribert Fassbender den überaus originellen Spitznamen „Heimspiel-Meier“ für ihn ersinnt. 281 Einsätze für Werder werden es dennoch, dabei erzielt er stolze 82 Treffer. Und 111 Mal ist er am Ende seiner Karriere ausgewechselt worden. Auch ein Rekord.

Mit 31 wechselt der wendige, nur 1,73 Meter große linke Flügelspieler zu Borussia Mönchengladbach, wo ihm auch der Einstieg ins Trainergeschäft ermöglicht wird. In seinen fünf Jahren als Amateur- und Jugendtrainer darf er auch mal für vier Monate das Profiteam als Zwischenlösung übernehmen.

2003 tritt er seine erste Trainerstelle beim Zweitligisten MSV Duisburg an – und steigt mit diesem 2005 überraschend in die Bundesliga auf. Im Dezember folgt dann der Kopfnuss-Break. Erst im September 2006 tut sich für ihn wieder eine Chance auf, ins Geschäft zurückzufinden, doch es passt nicht so recht mit ihm und Dynamo Dresden.

„STEH AUF…“: FORTUNA, DIE TOTEN HOSEN UND MEIER – DAS HAT GEPASST

Auf seiner nächsten Station fängt er, ebenso wie nun am Betzenberg, in der Winterpause an: Fortuna Düsseldorf, damals Drittligist. Der Verein bedient sich gerne der ihm zuneigten „Toten Hosen“ als musikalischem Einheizer, unter anderem der Weise: „Steh auf, wenn du am Boden bist.“ Das wiederum passt. Im Sommer 2009 steigen Fortuna Düsseldorf und Meier in die Zweite auf, 2012 in die Erste. Nach denkwürdigen Relegationsspielen gegen Hertha BSC, bei der wer auf der Trainerbank sitzt? König Otto, der Selbstgerechte. Meiers Teilzeitarbeitgeber von einst.

Ob es eine Genugtuung für ihn ist, ihn nun zu besiegen? Solche Fragen lässt Meier nicht an sich ran: „Ich habe in meiner Karriere nicht ansatzweise irgendwelche Dinge mitgenommen, die mich belasten. Wie lange hätte ich denn negativen Stress haben sollen, über Jahre, um dieser Genugtuung gerecht zu werden?“

In Liga eins spielt Fortuna eine exzellente Hinrunde, bricht in der Rückrunde jedoch brutal ein. Zum Saisonende trennen sich Meier und Düsseldorf einvernehmlich.

KEINE SÜNDEN AUF DER ALM: DIREKTER WIEDERAUFSTIEG UND TOLLE POKALERFOLGE

Nächste Station: Arminia Bielefeld, akut abstiegsbedrohter Zweitligist. Übernahme: Ende Februar 2014. Meier führt das Team wenigstens noch auf den Relegationsrang, scheitert aber an Darmstadt 98, schafft anschließend jedoch den direkten Wiederaufstieg. Und bemerkenswerte Erfolge im DFB-Pokal: Die Erstligisten Berlin, Bremen und Mönchengladbach müssen auf der Alm die Segel streichen, erst im Halbfinale ist gegen den späteren Pokalsieger Wolfsburg Schluss.

In der anschließenden Zweitligasaison schafft der Aufsteiger souverän den Klassenverbleib, wird Zwölfter, ohne im Lauf der Spielzeit einmal auf einem Abstiegsplatz gestanden zu haben. Und mit der viertbesten Abwehr der Liga. Im Sommer 2016 folgt  Meier dem Ruf aus Darmstadt in die Erste Liga. Trotz laufenden Vertrages, weswegen ihm aus Bielefeld nicht nur freundliche Töne hinterher gerufen werden.

„SCHEITERN“ IN DARMSTADT? DAS SOLLEN ANDERE ERST MAL BESSER MACHEN

In Darmstadt ist jedoch schon am 5. Dezember wieder Schluss, nach fünf Niederlagen in Folge und einem Pokalaus gegen den Regionalligisten FC Astoria-Walldorf. Und kurzzeitig, wie das öffentliche Bewusstsein nun einmal erinnert, hallt dieses „Scheitern“ natürlich am lautesten nach.

Hilft’s was, darauf hinzuweisen, dass Darmstadt 98 seit Jahren über dem oberen Ende seines Limits agiert, und dass die Rolle des den sportlich und wirtschaftlich Übermächtigen trotzenden Underdogs sich nicht ewig spielen lässt? Und dass mit Sulu und Niemeyer gleich zu Saisonbeginn zwei defensive Stabilisatoren fehlten, die Darmstadt für sein Spiel geradezu lebensnotwendig braucht?

FAST SCHON KULT: „SUCHEN SIE SICH LIEBER NE FREUNDIN“

Es wird auf jeden Fall spannend sein zu beobachten, wie sich ein Typ wie Meier am Betzenberg behaupten kann. Er ist keiner, der um Sympathien buhlt, schon gar nicht bei Journalisten – ob er den besonders FCK-nahen Korrespondenten auch so schnell das „Du“ anbietet wie Tayfun Korkut? Meiers Empfehlung an einen Bielefelder Jungreporter, sich doch lieber eine Freundin zu suchen, statt sich immerfort durch Fanforen im Internet zu klicken, ist in einschlägigen Kreisen Kult („Ich hab doch aber schon ’ne Freundin“ – „Das arme Kind…“) .

„Er erinnert ein wenig an den zynischen Lieblingsonkel, der beim Familienessen sitzt und leicht spöttisch auf die Sperenzchen der Jugend schaut“, hat Kollege Philipp Schmid für hessenschau.de über Meier getextet. Passt irgendwie. Zumal es unterstellt: Das in Reinbek geborene Nordlicht Meier hat durchaus Humor, nur ist der nicht jedermanns Sache.

Und seinen Frieden mit der DFB-Gerichtsbarkeit hat er auch längst gemacht. Bei einem seiner wenigen Erfolgserlebnisse mit Darmstadt, dem 3:1-Sieg über Wolfsburg, umarmte er nach Kleinheislers Treffer spontan den vierten Offiziellen. Der zeigte sich zwar not amused, ließ sich aber auch zu keiner Gegenwehr hinreißen. Und schon gar nicht zu einer Kopfnuss.

Meier dagegen hat am Betzenberg nun ein paar ganz andere Nüsse zu knacken.

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