Bücherblog: „Vollgasfußball“ – Was der FCK von Jürgen Klopp lernen könnte

Zugegeben: Für einen FCK-Fan ist es nicht leicht, zu einem Buch über Jürgen Klopp zu greifen. Erst recht, wenn es auch noch „Vollgasfußball“ heißt und den „Menschenfänger“ (BVB-Chef Watzke über seinen ehemaligen Coach) mit einer für ihn typischen Grimasse auf dem Cover abbildet: Die Zähne gebleckt, der Unterkiefer verschoben, der Blick leicht irre, die Faust geballt – so mögen die Fans seines jeweiligen Vereins den Schwaben lieben, den distanzierteren Fußballbetrachter befremdet solch unkontrolliertes Mienenspiel eher.
Sogar die mutmaßlich eher untenrum inkontinenten Vertreter der DFB-Gerichtsbarkeit haben Klopp bekanntlich schon aufgefordert, seine Gesichtszüge am Spielfeldrand besser im Zaum zu halten. Und FCK-Fans ist er als ehemaliger Übungsleiter des nur mäßig geliebten Nachbarn Mainz, der immer so wunderbar besonders und stets gut drauf sein will, ohnehin suspekt.

Da auch der Name des Autors – Martin Rafelt – dem noch nicht näher eingeweihten  Lektüresuchenden erst einmal nichts sagt, vermutet dieser zunächst mal spontan: Da hat ein lokaler Sportjournalist, der Klopps Jahre bei Borussia Dortmund begleitete, sich mal einen Herzenswunsch erfüllt und ein gaanz tolles Buch über einen gaaanz tollen Typen schreiben wollen, bevor diesen Job in ein paar Jahren, wenn der heute 49-jährige in Liverpool Erfolge gefeiert hat, ein englischer Kollege erledigt. Denn auf der Insel erfreuen sich Fußballbücher größerer Beliebtheit als hierzulande, drum werden dort viel öfter welche geschrieben.

DER ZWEITE BLICK LOHNT SICH – UND DER DRITTE UND VIERTE ERST RECHT

Doch wie so oft im Fußball lohnt es sich auch hier, nicht vorschnell zu urteilen, sondern einen zweiten Blick zu riskieren – und sogar, das ganze Buch zu lesen. Gerade auch als Fan des 1. FC Kaiserslautern. Der zwar nicht wirklich Einfluss darauf hat, wie der Kader seines Herzensvereins zusammengestellt wird und wer als nächster Trainer verpflichtet wird, der aber doch immer mal gerne Phantasien entwickelt, wie es in seinem Klub laufen müsste, damit es endlich wieder mal gut liefe – obwohl er diese nur im „FIFA-Manager“ ausleben kann.

Rafelt geht es vordergründig nämlich nicht um kritiklose Beweihräucherung seines Titelhelden, sondern um eine ausführliche Darstellung der Kloppschen Ideen von Fußball und der Art, wie er sie umsetzt. Dabei rückt er die Dortmunder Jahre in den Fokus, hängt am Ende lediglich noch ein eher kursorisches Liverpool-Kapitel an. Dies tut er, wie er schreibt, weil er die BVB-Ära nun einmal aus nächster Nähe miterlebt hat. Doch erweist sich dieser Ansatz auch als unbedingt empfehlens- und nachahmenswert für ein Fußballbuch, da er ungleich interessanter ist als die ansonsten so gerne praktizierte Heldenverehrung. Oder die Darstellung einer einzigen, besonders glorreichen Spielzeit.

Das Betrachten eines Zeitabschnitts über mehrere Jahre ermöglicht es dagegen, einmal aufzuzeigen, wie ein Trainer eine Mannschaft nach seiner Vorstellung zusammenstellen und entwickeln kann, wenn ihm dafür eine angemessene Frist eingeräumt wird. Womit sich bereits ein erster Aspekt ergibt, den Lautern-Fans interessant finden sollten. Verursacht der Satz „Die Mannschaft braucht Zeit“ bei einigen doch mittlerweile allergischen Hautausschlag. Doch ohne geht es nun einmal nicht, und solange der FCK seine Übungsleiter öfter wechselt als mancher Fan seine Unterwäsche, wird sich da einfach nichts entwickeln können – dies schon mal als erste, banale Erkenntnis vorab.

EIGENTLICH EIN DREIERGESPANN: AUGE, HIRN UND GESICHT

Zumal es sich, wie Rafelt ebenfalls bereits auf den ersten Seiten darlegt, bei der Marke Jürgen Klopp eigentlich gar nicht um eine Person handelt, sondern um ein Triumvirat. Seine jahrelangen Mitstreiter, „das Auge“ Peter Krawietz und „das Gehirn“ Zeljko Buvac, sind nahezu gleichberechtigte Partner, deren Bedeutung sich Klopp jederzeit bewusst ist – er übernimmt in der medialen Inszenierung des Dreigestirns lediglich die Rolle des „Gesichts“.

Rafelt ist im übrigen auch kein schreibender Fanboy, wie es, gerade im Ruhrpott, einige lokale Sportjournalisten sind, sondern verfügt über einen eigenen Trainerschein und ist außer als freier Publizist für diverse Medien auch als Analyst und Scout für Profi-Coaches wie Thomas Tuchel unterwegs. Bei spielverlagerung.de bloggt er seit Jahren regelmäßig. Entsprechend akribisch geht er bei der Aufarbeitung der taktischen und systemischen Entwicklung des BVB unter Klopp vor.

Dabei vergisst er aber auch den menschlichen Aspekt nicht und streut öfter Kurzporträts von Spielern an, die unter Klopp ihren Durchbruch geschafft haben. Was insofern unbedingt Sinn macht, als dass sich dadurch zeigen lässt, dass selbst individuell limitierte Kicker zu Deutschen Meistern mutieren können, wenn ein Coach es versteht, sie so einzusetzen, dass die Mannschaft von ihren Stärken profitiert und ihre Schwächen nicht weiter ins Gewicht fallen. Beispiele dafür sind etwa Marcel Schmelzer und Kevin Großkreutz, die niemals mehr so gut funktioniert haben als unter Klopp. Aktuell ergänzen ließe sich etwa noch Felipe Santana, der nach seinem Wechsel auf Schalke gar nicht mehr zurechtkommt.

DIE BASIS: INTENSIVES PRESSING/GEGENPRESSING

Dies ist vor allem aufschlussreich, wenn die Personalpolitik im Zusammenhang Klopps Ideal von Pressing und Gegenpressing betrachtet wird. Also nicht nur das kollektive Bearbeiten des Gegners, um den Ball zu erobern, sondern auch das sekundenschnelle Wiedergewinnen des Leders nach eigenem Ballverlust, durch direktes, energisches und ebenso kollektiv organisiertes „Nachsetzen“.

Was auf den ersten Blick im wahrsten Sinne des Wortes „entfesselt“ aussehen mag, braucht aber gerade im Rückraum, insbesondere auf den defensiven Mittelfeld- und den Innenverteidigerpositionen, Spieler, die reaktionsschnell und sprintstark sind, und dennoch überlegt genug agieren können, um lange Bälle aus der gegnerischen Abwehr erahnen und ablaufen zu können. Personal also, wie Robin Koch und Ewerton es für Zweitligaverhältnisse durchaus in hoher Qualität abbilden könnte. Stipe Vucur, Tim Heubach oder Patrick Ziegler hingegen weniger.

Man braucht für dieses Spiel jedoch nicht auf jeder Position technisch überragende Kicker, wie die Beispiele Großkreutz und Schmelzer zeigen. Das ist insofern interessant, als dass oft gesagt wird, „hoch stehen“ und „das Spiel eng machen“ sei mit einem technisch limitierten Zweitligakader wie dem des FCK ein zu anspruchsvoller Ansatz, die Trainer wären besser  beraten, auf  „tief stehen“ in Verbindung mit „schnellem Umschaltspiel“ zu setzen, wie die meisten Gegner es bevorzugen. Oder auch lange Pässe und anschließende Konzentration auf „zweite Bälle“.

KLOPP UND GUARDIOLA: KEINE GEGEN–, ABER UNTERSCHIEDLICHE ANSÄTZE

Muss also gar nicht sein. Intensives Pressing/Gegenpressing könnte durchaus auch ein Ansatz sein, zumal es einen vielleicht unkontrollierter wirkenden, aber ungleich emotionaleren Fußball hervorbringt – und was könnte besser auf den Betzenberg passen?

Klopp hat diese Art zu spielen in seinen BVB-Jahren zu seinem Markenzeichen gemacht. Pressing/Gegenpressing ist im übrigen auch kein kompletter Gegenentwurf zur „Spielkontrolle durch Ballbesitz“, wie Kosta Runjaic sie wollte und sie zumindest phasenweise auch von Tayfun Korkut angestrebt wurde – und die auf Pep Guardiolas Fußballansatz fußt. Denn auch der Spanier staffelt seine Teams so, dass sie bei Ballverlust möglichst schnell wieder in Besitz kommen. Allerdings ist sein Spiel eindeutig darauf angelegt, dem Gegner den Ball erst gar nicht zu überlassen.

Bei Klopp dagegen wird Pressing/Gegenpressing wesentlich stärker betont, und auch dabei hat er die Akzente im Laufe seiner sieben BVB-Jahre immer mal verschoben, wie Rafelt ebenfalls aufzeigt. Nach dem Gewinn der beiden Deutschen Meisterschaften hat auch er versucht, mehr auf Ballbesitz spielen zu lassen.

WIE BEI KORKUT: ES BEGANN MIT DER RAUTE – UND EINER TORFLAUTE

Und als Klopp 2008 in Dortmund loslegte, hat er sich erst einmal aufs Stabilisieren der Defensive konzentriert. Die in die Jahre gekommene „Opa-Abwehr“ um Robert Kovac und Christian Wörns wurde verabschiedet, dafür installierte er mit Mats Hummels und Neven Subotic zwei Youngster, die allerdings wahnsinnig schnell reiften. Als er nach Subotic mit Mo Zidan noch einen zweiten Spieler seines Ex-Klubs Mainz holte und dafür Mladen Petric nach Hamburg ziehen ließ, meldeten sich sofort kritische Stimmen, ihm ginge es nur darum, seine Lieblinge um sich zu scharen. Tatsächlich folgte er nur fachlichen Überlegungen: Petric war Alexander Frei zu ähnlich, Zidan ein Stürmertyp, der ihm noch fehlte.

Um den Defensivberband zu festigen, installierte Klopp dann erst einmal eine Mittelfeldraute. Damit war die Mitte dicht, doch in den nächsten Monaten fielen wenige bis gar keine Tore mehr für den BVB. Kommt irgendeinem FCK’ler das jetzt vielleicht bekannt vor? Schon klar: Das kann auch Zufall sein. Und ist müßig weiterzuverfolgen, denn wir werden leider nicht mehr erfahren, ob sich diese Korkut/Klopp-Parallele weiter fortgesetzt hätte.

POTENZIAL ERKENNEN UND NUTZEN: BEISPIELE KAGAWA UND DURM

2010 glückte Klopp dann der vielleicht genialste Transfer seiner BVB-Jahre – mit Shinji Kagawa, den er ablösefrei aus der zweiten japanischen Liga holte. Sicherlich ein ungleich besserer Techniker als Schmelzer oder Großkreutz, für einen Zehner aber eigentlich ein eher unspektakulärer Kicker. Aber ein vorzüglicher Kombinationsspieler, der selbst auf engstem dem Raum den Ball stets weiterzuleiten vermochte und der so zum idealen Schlüsselspieler im nun ausgereiften Pressing/Gegenpressing-System wurde, das von nun an bevorzugt im 4-2-3-1 auftrat. 2011 wurde Dortmund überraschend Deutscher Meister.

Spätestens die Personalie Kagawa zeigt eine weitere unbedingte Stärke des  Klopp-Teams, von der man sich der Pfalz mehr als nur eine Scheibe abschneiden könnte: Potenzial früher erkennen als andere, vor allem solches, dass der eigenen Idee vom Fußball zupass kommt. Schon vor Kagawa hatte sich Klopp Erik Durm vorgenommen. Der kickte als Stürmer in Dortmunds Zweiter. Klopp fielen seine Schnelligkeit und seine Laufstärke auf – und sein unbedingter Lernwille. Also schulte er ihn zum linken Verteidiger um – und als solcher wurde Durm sogar Nationalspieler.

Warum wird  das „Umschulen“ bereits „erwachsener“ Spieler nicht öfter praktiziert? Vor knapp 30 Jahren hat Erich Ribbeck den Stürmer Hans-Peter Briegel zunächst zum linken Verteidiger umgeschult, Kalli Feldkamp machte aus ihm anschließend einen Innenverteidiger und Nationalspieler, und später in Italien brillierte die „Walz aus der Pfalz“ als defensiver Mittelfeldspieler…

GÖRTLER ALS ACHTER? WÄR DOCH MAL NE IDEE

Und heute? Wie wär’s damit, Lukas Görtler mal als Sechser oder Achter auszuprobieren? Er ist lauf- und zweikampfstark, verfügt über taktische Intelligenz und schlägt brauchbare Pässe. Als der Stürmer oder Flügelspieler, als der er meistens gebucht wird, fehlt es ihm jedoch oft an Wendigkeit und Schnelligkeit auf den ersten Metern…

Im weiteren Verlauf von „Vollgasfußball“ taucht übrigens auch noch ein Spieler namens Oliver Kirch auf – den holt Klopp 2012 vom Bundesligaabsteiger 1. FC Kaiserslautern zum Meister Dortmund. Für gerade mal 350.000 Euro, weil Kirch in der Pfalz aufs Abstellgleis geraten ist. Klar ist er bei den Schwarzgelben nur Ergänzungsspieler, doch hat er in den folgenden drei Jahren durchaus seine Hochphasen. Zeitweise ist er als Kreativspieler sogar wertvoller als der nach seiner Rückkehr zu Dortmund schwächelnde Nuri Sahin. Ist halt eine feine Sache, wenn ein Trainer Potenzial erkennen und für sich nutzen kann…

Rafelt analsysiert auch den „Absturz“ der Borussia im letzten Klopp-Jahr – und bringt ihn in Zusammenhang mit dem Abgang des Athletiktrainers Oliver Bartlett 2012. Danach häuften sich die Verletzungsprobleme der Borussia, die auch für den vorübergehenden Fall auf den 18. Tabellenplatz in der Saison 2014/15 ursächlich war und die mittlerweile dazu geführt hat, dass das Klopp-Team an seiner Trainingsmethodik einiges modifiziert hat. Ebenfalls ein interessanter Aspekt, der so in der 08/15-Sportberichterstattung nie erwähnt wurde.

DAS SCHLUSSKAPITEL SCHRIEB DER FUSSBALLGOTT: LIVERPOOL GEGEN DORTMUND

Der Fußballgott, der wohl auch für den Europaleague-Spielplan verantwortlich zeichnet, beschert Rafelt schließlich einen Schluss für sein Buch, wie er ihn sich besser nicht hätte ausdenken können: Das Duell Liverpool-Dortmund. Klopp gegen Tuchel also. Was eine finale Betrachtung zweier interessanter Fußballphilosophien ermöglicht, die sich nicht konträr gegenüber stehen, aber doch voneinander abweichen.

Reicht das, um den ein oder anderen Leser dieses Blogs zu überzeugen, dass „Vollgasfußball“ ein lesenswertes, weil inspirierendes Buch ist? Das obendrein einen vergleichsweise allgemeinverständlich geschriebenen Einblick in den „State of the Art“ des modernen Fußballs gewährt. Unbedingte Kaufempfehlung also. Das für FCK-Fans abschreckende Cover ist schließlich schnell überblättert.

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