Extrablog: „Manchmal träume ich, ich könnte die Zeit zurückdrehen…“ – Alles Gute zum 50. Geburtstag, Michael Schjönberg!

Es ist der 2. August 1997, fünf Minuten nach fünf, als der Fußballgott beginnt, das  wunderbarste Kapitel der Bundesliga-Geschichte zu schreiben. Von einem „Traum“, der knapp neun Monate später in Erfüllung geht, will damals noch keiner sprechen – denn wer im Fanlager des 1. FC Kaiserslautern wagt in diesem Moment schon zu träumen, dass er im Mai 1998 die Deutsche Meisterschaft feiern wird? Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als die faustdicke Überraschung des 1. Bundesliga-Spieltages, als der Aufsteiger aus der Pfalz beim amtierenden Deutschen Meister Bayern München mit 1:0 in Führung geht – und diesen Spielstand bis zum Schlusspfiff hält. Ciriaco Sforza hat einen Freistoß hoch in den Strafraum geschlagen, Innenverteidiger Michael Schjönberg sich in die Höhe geschraubt und eingeköpft. Der Aufsteiger, der direkt zur Meisterschaft durchmarschiert – das ist nicht das erste Fußballmärchen, an dem der Däne zu diesem Zeitpunkt bereits mitgeschrieben hat. Am 23. Mai 1992 schoss Schjönberg  mit Hannover 96 einen Zweitligisten zum Deutschen Pokalsieger, als er im Elfmeterschießen des Finales gegen Borussia Mönchengladbach den alles entscheidenden Treffer erzielte. Auch dergleichen sollte sich in der deutschen Fußballgeschichte nie mehr wiederholen. Zwischen 1996 und 2001 lief Michael Schjönberg 117 Mal im FCK-Trikot auf, erzielte 13 Tore. In Erinnerung geblieben ist er als echte Leader-Figur, die auch aus Rückschlägen stets positive Erkenntnisse zog: „Man bekommt auf die Schnauze und lernt daraus“, beschrieb er diese Einstellung mal im Interview mit transfermarkt.de . Heute wird Michael Schjönberg 50 Jahre alt. Der Blogwart hat den Helden seiner – damals schon fortgeschrittenen – Jugend in Dänemark ans Telefon bekommen.

Hallo, Mikel, erwartest du zur Feier deines runden Geburtstags heute auch Besuch aus der Pfalz?

Nein. Es ist zwar schön, 50 zu werden, aber es ist doch nur eine Zahl. Ich feiere im kleinen Kreis, mit meiner Familie, in aller Ruhe und Gemütlichkeit.

Laut deinem Facebook-Account arbeitest du jetzt bei „Projekt Braresholm“. Was ist das?

Das ist soziale Hilfseinrichtung für Kinder und Jugendliche. Wir sind gegenwärtig drei Schullehrer und drei Betreuer und kümmern uns täglich um zehn Heranwachsende zwischen 12 und 18 Jahren, die aus problematischen Elternhäusern stammen oder bereits straffällig geworden sind. Die Arbeit macht mir wahnsinnig Spaß. Junge Menschen auf die richtige Bahn zu führen, ist einfach eine gute Sache. Und es ist ein schönes Gefühl, abends nach Hause zu kommen und etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben.

Das heißt, im Fußball bist du derzeit nicht aktiv?

Derzeit nicht. Ich war zuletzt bei einem dänischen Zweitligisten, aber dem ging das Geld aus. Da hab ich aufgehört.

Laut Wikipedia bist du immer noch Assistent von Kjetil Rekdal bei Valerenga Oslo, und zwar seit 2013 schon…

Da hab ich nach zweieinhalb Jahren aufgehört. Sagen wir mal so: Kjetil Rekdal und ich hatten unterschiedliche Auffassungen von Fußball.

Rekdal war ja auch 2007 Trainer in Kaiserslautern, als du Sportdirektor warst. Habt Ihr Euch in Eurer Osloer Zeit mal gemeinsam ein FCK-Spiel angesehen?

Nein. Obwohl wir uns aus Lautern kannten, hatten wir privat eigentlich nie viel Kontakt. Wir hatten immer eine rein professionelle Beziehung.

Und wie schaust du FCK-Spiele heute?

Montags läuft auf Eurosport eine Sendung, in der man auch in Dänemark Spiele der Deutschen Zweiten Liga sehen kann. Da schau ich mir natürlich auch den FCK an. Aber frag mich bitte nicht, wie ich ihn aktuell finde. Das tut manchmal schon weh. Ich hänge immer noch an dem Verein, und das werde ich bis zu meinem letzten Atemzug tun.

Bei „FCK-Fans“ auf Facebook hast du unlängst gepostet, dass du immer noch Gänsehaut bekommst, wenn du die West jubeln siehst. Was sind die ersten Bilder, die dir in den Kopf schießen, wenn du auf deine Zeit in Kaiserslautern angesprochen wirst?

Ach, das sind eigentlich noch nicht einmal Bilder von irgendwelchen Spielen. Eher aus der Kabine, vom Trainingsplatz, vom ganzen Drumherum auf dem Betzenberg. Da gab’s kein Oben und Unten, egal, wer dir über den Weg gelaufen ist, ob Präsident oder Putzfrau: Du hast mit jedem ein Schwätzchen gehalten und auch mal einen Kaffee getrunken. Auch die Zeit in unserem Haus in Stelzenberg war wunderschön. Zwei meiner Kinder sind in der Pfalz geboren. Wir erzählen immer noch davon, wenn wir mit der Familie zusammensitzen. Die Menschen dort haben mir einfach das Gefühl gegeben, dass ich einer von ihnen bin.

Apropos Kinder: Der Sohn deines ehemaligen Nebenmanns Harry Koch läuft jetzt auch im FCK-Trikot auf. Kriegen wir von deinem Nachwuchs auch mal was zu sehen?

Ich hab drei Mädels, bei denen wird das nichts mehr mit einer Profi-Karriere. Mein Junge ist zwar erst 13, aber Fußball ist nicht sein Metier, der spielt lieber Handball. Harrys Sohn verfolge ich natürlich auch, der ist super, Wahnsinn. Ich kann mich noch gut an Robin  erinnern, wie er ein kleiner Hosenscheißer war. Super auch, wie Harry im Interview gesagt hat, dass er den Jungen gar nicht so sehr anleitet, dass das alles aus ihm selber kommt. Genau so soll das sein.

Da das ein Fußball-Blog ist, kommst du einfach nicht drumrum: Welche Spiele im FCK-Trikot fallen dir als erste ein?

Ich kann mich sehr gut an mein allererstes Heimspiel in Lautern erinnern, gegen Mainz war das, in der Zweiten Liga, und trotzdem waren 40.000 im Stadion. Dann waren natürlich die Spiele gegen Bayern München immer etwas Besonderes. Ich kann mich auch noch an Auswärtsspiel in Gladbach erinnern: Wir führten 2:0, dann schoss der Gegner den Anschlusstreffer und wir gerieten wahnsinnig unter Druck. Aber der Dicke (Torhüter Andreas Reinke – die Red.), Harry und ich standen hintendrin, hauten die Bälle raus und waren ständig am Lachen, bis wir 3:1 gewonnen hatten… Ich meine, natürlich haben unseren Job ernst genommen, aber Spaß gehörte bei uns auch immer dazu. Es hat eben alles gepasst damals. Und dann war da natürlich auch das Spiel, in dem ich ins Tor musste…

Am 13. Mai 2000 war das, im Auswärtsspiel beim SC Freiburg. Du musstest als Feldspieler eine komplette Halbzeit ins Tor. Wie kam das?

Ganz einfach: Erst verletzte sich Stammkeeper Georg Koch, kurz darauf unser zweiter Torwart Uwe Gospodarek. In der Halbzeit saßen wir dann in der Kabine und hatten keinen Keeper mehr. Erst sagte Mario (Basler – die Red.), er geht rein, aber ich dachte mir, der hat nur keinen Bock mehr zu laufen (lacht), also hab ich mich gemeldet. Ich war ja bis zur A-Jugend Torwart, da war das also gar nicht so ungewohnt für mich. Wir verloren dann zwar noch 1:2, aber kurz vor Schluss habe ich noch einen Elfmeter gehalten. Einfach irre war das.

Ein Jahr später bist du Sportinvalide geworden. Da warst du zwar schon 33, aber für einen Profi ist es immer schlimm, sein Karriereende nicht aus freien Stücken bestimmen zu können. Wie war das für dich?

Die Ärzte sagten mir, wenn ich nicht sofort aufhöre, könnte ich mich 50 vielleicht gar nicht mehr richtig laufen. Da blieb mir gar nicht anderes übrig. Natürlich war das zunächst einmal schlimm. Aber dann hab ich mir gesagt: Der Fußball hat mir so viel gegeben, ich bin Meister und Pokalsieger geworden, habe Europa- und Weltmeisterschaften miterlebt, was kann ich eigentlich noch mehr verlangen? Jetzt ist es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Also bin ich Trainer geworden.

Hörst du heute immer noch mal was von eurem Meistertrainer Otto Rehhagel?

Na klar. Der Kontakt ist nie abgerissen. Als ehemaliger Spieler von Otto kannst du ihn immer anrufen, um Rat fragen oder einfach nur ein wenig plaudern. Und natürlich hab ich ihm auch gratuliert, als er 2004 mit Außenseiter Griechenland die Euro gewonnen hat. Das war ein Ding. Typisch Rehhagel halt.

2007 bist du Sportdirektor auf dem Betzenberg geworden. Du hast Erik Jendrisek aus Hannover nach Lautern geholt, den Stürmer, der den FCK zwei Jahre später gemeinsam mit Srdjan Lakic zum Aufstieg schießen sollte. Mit anderen Transfers, Esben Hansen etwa, hattest du weniger Glück. Nach sieben Monaten war für dich aber schon wieder Schluss. Bist du heute noch traurig darüber, dass du nicht mehr Zeit bekommen hast, was aufzubauen?

Ach nein, traurig bin nicht mehr deswegen. Ich war damals Trainer der Zweiten Mannschaft von Hannover, da kam der FCK auf mich zu und fragte, ob ich helfen will. Der Verein hatte mir so viel gegeben, da war das kein Thema, dass ich sofort ja sagte. Es lief  aber nicht. Wir haben Spieler verkauft, konnten aber nicht richtig investieren, dann haben wir ein Haufen Spiele verkackt. Irgendwann wollte der Verein Klaus Toppmöller im Aufsichtsrat installieren, mit Sportdirektorenkompetenz allerdings. Da habe ich das Feld geräumt. Klar hab ich mir gewünscht, mehr Zeit zur Verfügung zu haben. Ich bin aber nicht sauer deswegen. Wenn dieser Verein mich ruft, würde ich jederzeit wieder kommen.

 Was wünschst du dir zu deinem 50. Geburtstag?

Manchmal träume ich, ich könnte die Zeit zurückdrehen und alles noch einmal erleben. Aber dieser Wunsch wird sich wohl nicht erfüllen. Ich wünsche mir und meiner Familie vor allem Gesundheit – und allen, die mich kennen.

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