Gegnerblog: Liga zwei, 96 und Lautern vor dem Rückrundenstart – Der Blogwart im Gespräch mit „Jaime“ von niemalsallein.de

O ja, Hannover 96 hat die Zweite Liga bereichert. Zum einen sportlich, mehr aber noch durch die Seite „niemalsallein.de„, einen Fan-Blog, wie er im Unterhaus auf jeden Fall, aber wohl auch in der gesamten deutschen Fußballszene seinesgleichen sucht. So akribisch wie „Jaime“ Marius Kunte und  „Kaliban“ Gunnar Lott seziert keiner die Spiele seines Herzensvereins. Blogwart-Leser der ersten Stunde kennen Marius bereits von der Saisoneröffnung, wo er seine ersten Eindrücke von 96 und dem FCK schilderte. Zuletzt brillierte er auf niemalsallein.de mit einer kompletten Analyse aller Zweitligateams zum Ende der Hinrunde, deren Lektüre ebenfalls nur zu empfehlen ist. Mittlerweile hat er diese um einige Porträts von „Zweitligahipstern“ noch wirkungsvoll ergänzt – für FCK-Fans besonders interessant ist seine wohlwollende Betrachtung von Daniel Halfar, auch wenn diese nach dessen eher bescheidenen Hinrunde vielleicht nicht jeder teilen wird. Umso schöner und dankenswerter, dass sich „Jaime“ trotz seiner eigenen ausschweifenden Bloggerei dem Blogwart auch zum anstehenden Rückrundenauftakt stellte. Für Lautern startet diese bekanntlich am kommenden Montag, 30. Januar, um 20.15 Uhr gegen Hannover 96.

Marius, zur Zweiten Liga im allgemeinen: Ist das die erste Saison, in der dich so intensiv mit der Zweiten Liga beschäftigst? Da du Hannover-Fan bist, liegt das halt nahe…

Ja, vorher habe ich die 2. Liga mehr oder weniger ignoriert, wie das der verwöhnte Fan eines Dauererstligisten eben so macht… Ich habe meistens nur auf die Relegationskandidaten und designierten Aufsteiger geachtet oder seltener mal bei etwas interessanteren Teams und Spielern hingeschaut. 96 hat mich dann genötigt, das zu ändern.

In den 1990er Jahren waren mit Wolfgang Frank und Volker Finke zwei damalige Zweitligatrainer wichtige Impulsgeber für die technischen und taktischen Weiterentwicklungen, die sich in den sogenannten „Nullerjahren“ anschließend in der Ersten Liga vollzogen. Auch wenn du alle Zweitligamannschaften sehr differenzierst analysierst – in punkto frische Ideen scheint dich aktuell keine wirklich vom Hocker zu hauen. Oder siehst du doch irgendwo Innovationsgeist, der Schule machen könnte?

Naja, die Möglichkeit zur Innovation sinkt ja mit dem naturgemäß steigenden Grundniveau des Sports. Auch in der ersten Liga, oder generell im europäischen Fußball, gibt es wegen des ziemlich stark gestiegenen Anspruchs in den letzten Jahren nicht mehr so viel Raum für große, umfassende Sprünge. Deswegen würde ich der zweiten Liga diese scheinbare Stagnation nicht allzu negativ auslegen. Strukturiertes Ballbesitzspiel nimmt in der deutschen Fußballkultur einfach nicht die prominente Rolle ein, deshalb wird der von Guardiola ausgelöste Schock wohl auch nur sehr langsam und mühevoll seinen Weg bis in die dauerkonternde Diaspora finden. Wer natürlich auch von diesem neuen deutschen Fußball-Standard recht stark abweicht, ist weiterhin Gertjan Verbeek in Bochum, mit den komplexeren, unterschiedlichen Besetzungen im Spielaufbau und dem eher riskanten Angriffsspiel. Ich würde mir wünschen, dass sich diese Art von Organisation zukünftig noch weiter ausbreitet. Trainer wie Verbeek verpacken dieses klassische Denken von „Automatismen“ und „Eingespieltheit“ ein bisschen sinnvoller, indem es nicht um die Wiederholung fester taktischer Vorgaben geht, sondern um das Ausfüllen konkreter Spielprinzipien für die jeweiligen Spielsituationen. Klingt vielleicht auf den ersten Blick nach Haarspalterei, aber ich finde, dass es ein ziemlich großer Unterschied ist. Mit Sascha Lewandowski ist ein weiterer Trainer, der nach diesem Muster auch in der zweiten Liga verfahren ist, tragischer Weise nicht mehr da. Aber die Tuchels und Nagelsmanns dieser Welt zeigen ja, dass es ein mächtiger Ansatz sein kann, wenn man weiß, was man tut.

Ich verfüge zwar nicht über deine analytischen Fähigkeiten, bin als Lautern-Fan aber gezwungen, schon mehrere Jahre hintereinander Zweitligafußball zu gucken. Ich finde schon, dass gerade in dieser Saison etliche Mannschaften versuchen, das klassische Klischee des Zweitligafußballs zu durchbrechen, von wegen: Hinten massiert stehen, auf Fehler des Gegners warten, Ball gewinnen und so schnell wie möglich die eigene Aktion abschließen – und wenn der Gegner genauso spielt, werden’s halt laaaange 90 Minuten…

Ohne vergleichbare Kenntnisse der zweiten Liga zu haben, würde ich da nicht allzu sehr widersprechen. Ich bin auch der Meinung, dass die grundsätzliche Organisation der meisten Teams im Pressing in den letzten zwei, drei Jahren besser geworden zu sein scheint, und dass das klassische Hinten-rein-Stellen ein bisschen weniger geworden ist. Beim Spiel nach vorne bin ich ein bisschen zurückhaltender, da ist die Neigung zum einfachen Spiel doch noch recht stark ausgeprägt gewesen. Aber es stimmt schon, dass durch Mannschaften wie Aue, Dresden oder die Absteiger ein bisschen mehr Willen zum Fußball spielen gekommen ist. Das wird wahrscheinlich für viele Vereine auch ein Trend für die nächsten Jahre sein. Nur wird es mit der finanziell immer weiter auseinanderklaffenden Schere im Profifußball sicherlich nicht einfacher, in der zweiten Liga in der Hinsicht ins Risiko zu gehen.

Mit Rehm, Korkut, Runjaic und Ruthenbeck sind vier Trainer mit anspruchsvolleren Ansätzen zwar schon wieder Geschichte, aber Verbeek, Dotchev, Keller, Neuhaus, Hollerbach setzen nach wie vor für Unterhaus-Verhältnisse interessante Akzente – die, wie du ja auch schreibst, aufgrund der limitierten fußballerischen Möglichkeiten der Akteure in der Breite eher selten in „schöne“ Spiele umgesetzt werden. Hast du einen persönlichen Favoriten in Sachen Spielkultur, von, fan-bedingt, 96 mal abgesehen?

Ich hab mich von Spielen mit Dresdener Beteiligung meistens sehr gut unterhalten gefühlt, aber dazu musste mein streng analytischer Teil oft ein Auge zudrücken. Dresden definiert sich eben auch über ein etwas wildes und impulsives Spiel. Nach vorne ist das wegen der sehr guten Spieler aufregend, aber das Pressing hat bei mir dann doch öfter Kopfschütteln ausgelöst. Ich habe Aue im Spiel gegen Stuttgart zum Beispiel sehr gerne zugesehen, konnte das aber auch nur, weil mich Ergebnisse oder Tore nicht so sehr interessieren. Generell spielt Aue manchmal sehr gewagten Fußball, aber ich bin der Meinung, dass Risiko-Vermeidung meistens ein sehr irrationaler Ansatz ist. Obwohl ich eben Verbeek so hervorgehoben habe, muss ich noch ergänzen, dass ich das Bochumer Spiel gar nicht so sehr schätze. Ich mag die Herangehensweise, aber in der Umsetzung trifft das nur teilweise meinen Geschmack. Fürth unter Ruthenbeck hatte auch schöne Dinge dabei. Deren Spiele gegen Dresden und Stuttgart gehörten wohl zu dem ansehnlichsten, was man in der Hinrunde finden konnte.

Mal ein kurzer Ausflug in Liga eins, zu RB Leipzig, und zwar rein sportlich betrachtet, ohne das übliche Gebashe: RBL punktet zurzeit mit einem intensivem Fußball, der wenig „sophisticated“ ist: Hochkonzentriertes Pressing/Gegenpressing, Ballgewinn und Vertikalspiel, alles in Höchstgeschwindigkeit. Die 4-2-2-2-Grundformation wird während des Spiels kaum variiert, Gegneranpassungen werden vergleichsweise wenige vorgenommen. In England ist Klopp mit seinem „Vollgasfußball“ derzeit erfolgreicher als Guardiola, dessen Ära die Medien so langsam zu Ende gehen sehen. Könnte sich da ein neuer Trend abzeichnen, weg vom kontrollierten, variablen, top-vorbereiteten und durchdachten Spiel zum „Simplifying“ – oder auch zum „bewusst inszenierten Chaos“?

Nein. Eigentlich rechne ich mit einer eher gegenteiligen Entwicklung, was natürlich nicht heißt, dass in fünf Jahren die Hälfte der Mannschaften tolle Ballbesitzstrukturen auf den Platz bringen wird. Stattdessen denke ich eher, dass die Fähigkeit, im laufenden Spiel den Rhythmus zu wechseln und verschiedene Stilelemente je nach Zusammenstellung der Mannschaft unterschiedlich zu gewichten, der nächste große Wettbewerbsvorteil sein wird. Man konnte das zum Beispiel bei Atlético Madrid im Pressing und beim Guardiola-Bayern im Angriff schon erkennen. Der nächste Schritt müsste eigentlich sein, dass die absoluten Top-Klubs beides innerhalb eines Spiels variieren können, also zu bewussten Rhythmuswechseln fähig sind. Und das wird sehr schlaues Training und viel Vorbereitung verlangen. Zumindest würde ich mir das als Zuschauer und Fußball-Fan wünschen.

Aber ich würde auch der Annahme widersprechen, wonach „Pressingfußball“ weniger Feinarbeit und Vorbereitung benötige als „Ballbesitzfußball“. Man kann beides sehr einfach halten, wird aber in beiden Fällen damit früher oder später auf die Nase fallen. Ich finde die Frage nach dem „Erfolgsrezept“ im Fußball grundsätzlich falsch gestellt, es gibt für mich keinen Grund, warum das Was entscheidender sein sollte als das Wie. Grundsätzlich wird immer das erfolgreich sein, was sinnvoll vermittelt und konsequent gespielt wird und was zu den Spielertypen passt. Das beschreibt ja schon das ganze Wesen von Leipzig: Die konnten wegen ihrer Rahmenbedingungen, über die wir nicht sprechen wollen, ihr Spiel aus dem Boden stampfen, und setzen so ihre ganze Spielweise auf einem anderen Niveau um, als das zum Beispiel der FCK in absehbarer Zeit je könnte.

Das Leipziger Spiel finde ich auch ziemlich anspruchsvoll, nicht nur, weil es die Spieler körperlich und in Sachen Informationsverarbeitung extrem fordert, sondern auch, weil es seinen Erfolg ja gerade den detaillierten Abläufen verdankt. Immerhin spielt Leipzig nicht großartig anders als Leverkusen vor zwei Jahren, nur mit weniger Angriffspressing. Obwohl das Prinzip also alles andere als unbekannt ist, funktioniert es momentan ziemlich gut. Das liegt nicht nur an der Intensität. Und das Dortmunder Ballbesitzspiel etwa in der zweiten Meistersaison kommt mir im Rückblick immer sehr schlecht weg, die waren schon deutlich mehr als eine Mannschaft, die nur auf das Chaos besser eingestellt war als die Gegner. Gegenpressing und Ballbesitz sind schließlich als Konzepte sowieso eng verwandt. Bis heute hat wohl keine Mannschaft so ein konstant herausragendes Gegenpressing gezeigt wie Guardiolas Barcelona. Trotzdem soll nach jeder der ziemlich seltenen Niederlagen seiner Mannschaften die ganze Spielidee gestorben sein. Wie oft muss auf der anderen Seite der Kackfußball noch Spiele verlieren, bis er endlich tot ist?

Generell glaube ich, dass sich Fußballepochen auch ungefähr mit der Volterra-Regel erklären lassen, die man vielleicht noch aus der Schule kennt: Wenn es immer mehr Räuber (z. B. Pressingteams) gibt, wird irgendwann die Konkurrenz untereinander zu groß, und ihre Anzahl sinkt. Dann kann sich die Beute (z. B. „Ballbesitzteams“) erholen und sich solange ausbreiten, bis es irgendwann wieder von vorne losgeht. Im Moment würde ich sagen, dass die Pressingteam-Population als Ganze knapp über den Zenit hinaus ist. Und da es eben einfacher ist, das mannschaftliche Verteidigen zu verbessern, muss es eigentlich irgendwann zu einem Punkt kommen, an dem immer mehr Mannschaften Lösungen mit dem Ball brauchen. Die sehr guten Einzelspieler und vor allem starke Dribbler, die das bisher schon machen, sind jetzt schon sehr teuer und werden sicher nicht günstiger. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass es zwangsläufig auch in der Breite auf mannschaftliche Werkzeuge hinausläuft, mit denen man gegnerische Bollwerke besser knacken kann, egal ob vor dem Strafraum oder im Leipziger Fall um die Mittellinie herum. Auch, wenn es Mehmet Scholl nicht so gerne hören wird, aber es spricht nichts dafür, dass der Fußball für die Spieler und Trainer irgendwann wieder so wird, wie er vor zwanzig Jahren vielleicht mal war.

Kommen wir zu Hannover 96. An deiner Analyse des bisherigen Saisonverlaufs muss hier nix mehr ergänzt werden. Gucken wir daher mal aufs Personal, beziehungsweise auf unser Interview zum Rundenbeginn: Fossum hattest du viel zugetraut, bei dem lief es aber nicht so – weshalb?

Weiß ich auch nicht so genau. Er hat mir zu Beginn der Saison als Stammspieler sehr gut gefallen, und ist dann wohl ein bisschen der mannschaftlichen Instabilität und Konteranfälligkeit zum Opfer gefallen. Danach hat sich das Spiel insgesamt immer weiter von dem entfernt, was einem Spieler wie Fossum entgegenkommt, deshalb bekam er zu Recht kaum noch Spielzeit. Und allgemein ist er eben weder ein Zehner, noch ein Sechser, aber da 96 mit möglichst vielen Stürmern spielen will, gibt es im Mittelfeld nur diese beiden Rollen. Das wusste ich eigentlich vorher und hätte es berücksichtigen müssen… aber Prognosen sind bekanntlich vor allem dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.

Positive Überraschungen aus 96-Sicht sind sicherlich Innenverteidiger Waldemar Anton, dem du dich auch in deinem„Hipster“-Beitrag widmest („der eigentliche heiße Scheiß“). Sarenren-Bazee gilt wohl als „Shooting Star“ der Saison. Von wem erwartest du in der Rückrunde noch mehr, wer hat dich enttäuscht?

Von Sarenren-Bazee kann man abgesehen von Offensivsprints eigentlich nur mehr erwarten, weil er im Pressing oder im geordneten Ballbesitzspiel kaum weniger leisten könnte. Wenn ich es nicht gerade so scheinbar schlüssig erklärt hätte, würde ich vermutlich sagen, dass ich von Fossum mehr erwarte. Tue ich aber, wie gesagt, nicht wirklich. Auch zu anderen Spielern, wie Miiko Albornoz, Sebastian Maier oder Artur Sobiech, von denen ich mir (noch) mehr gute Spiele erhoffe, würden mir noch verschiedene Gründe einfallen, die dem ein bisschen im Weg stehen könnten, so dass ich sie nicht unbedingt erwarte. Martin Harnik wird vermutlich weiterhin Tore schießen und trotzdem nicht genügend gelobt werden, Niclas Füllkrug wird vermutlich mehr Tore schießen und trotzdem zu viel gelobt werden.

Wie siehst du die Arbeit von Trainer Daniel Stendel bislang? Entwickelt sich da ein neues deutsches Trainertalent – oder auch „nur“ eins mit dauerhafter Perspektive bei 96?

Das zu beurteilen, fällt mir sehr schwer, weil ein Trainer ziemlich viele Sachen ziemlich gut können müsste, um in Zeiten von Tuchel, Weinzierl und Nagelsmann noch als „deutsches Trainertalent“ durchzugehen. Ich bin nach der einen oder anderen Sorgenfalte während der Hinrunde mit den offensichtlich in der Vorbereitung gelegten Schwerpunkten sehr einverstanden, was dafür spricht, dass Stendel dann doch nicht jedes Lob fachlich ganz überzeugt verteilt hat oder ich ein bisschen zu empfindlich auf lang nach vorne gegurkte Bälle reagiert habe. Den Draht zur Mannschaft hat er allem Anschein nach sowieso. Alles andere ist dann eher eine Geschmacksfrage, aber bei der Bewertung einzelner Spieler bin ich in vielen Fällen seiner Meinung, was nicht immer der Mehrheitshaltung entspricht. Da kann ich dann darüber hinwegsehen, dass mir sein Fußball insgesamt an der einen oder anderen Stelle vielleicht ein bisschen zu „emotional“ ist. Im Idealfall fällt also gar nicht auf, dass es mit der Akzeptanz in einem anderen Verein vielleicht schwieriger wäre, weil er noch ein bisschen hier bleibt. Das würde ja auch erstmal bedeuten, dass der Aufstieg geklappt hat.

Für die „Mainstream“-Experten scheint der Aufstieg von 96 ja nur noch „Formsache“ zu sein, aber das war er ja auch zu Saisonbeginn schon. Es geht aus deiner Beschreibung im Prinzip zwar hervor, aber vielleicht könntest du es für uns noch mal in drei Sätzen zusammenfassen: Wo muss 96 noch zulegen, damit nichts mehr anbrennt?

Das in meiner Wahrnehmung größte Problem mit dem wackligen Mittelteil der Hinrunde, in dem die Standardsituationen fast das einzig Überzeugende waren, lag im strategischen Bereich des Ballbesitzspiels. Stendel will keine ausschweifend vorbereiteten Angriffe, was natürlich seine Vorzüge hat, aber auch zum Überdrehen einlädt und dann am Ende für alle Spielphasen schlecht ist. In der Rückrunde sollte man wie am Anfang und Ende der bisherigen Saison wieder eine bessere Balance zwischen Stendels Ideal vom „emotionalen Fußball“ und Übersicht und Ruhe finden, damit sich die Mannschaft nicht so oft selbst überholt. Dann müsste schon viel Pech dazukommen, um die ersten zwei oder drei Plätze zu verpassen, denn immerhin standen ja auch nach den eher unbeeindruckenden Leistungen nur wenige Niederlagen auf dem Konto.

Widmen wir uns nun dem 1. FC Kaiserslautern, den du aufgrund der 96-Vergangenheit von Tayfun Korkut – und anscheinend auch aufgrund deiner besonderen Sympathie zu ihm – anscheinend besonders beobachtet hast

Naja, ich habe einfach nur eine grundsätzliche Sympathie zu eher stillen, aber offensichtlich schlauen Leuten. Deshalb war ich auch etwas skeptisch, als die Meldung von seiner Unterschrift beim FCK kam. Das ist bitte nicht abwertend zu verstehen, aber zumindest bei mir ist der FCK nicht direkt mit den Attributen „still“ und „offensichtlich schlau“ verbunden, sondern eher mit „laut“ und „impulsiv“. Vielleicht liege ich da auch falsch, sowohl, was Korkut angeht, als auch das Wesen des FCK. Aber ich hatte das Gefühl, dass zu große Unterschiede zwischen den jeweiligen Identitäten liegen, als dass das über längere Zeit funktionieren könnte. Selbst wenn die Entwicklung der Mannschaft extrem schnell und weitgehend reibungslos verlaufen wäre, was ja praktisch nie der Fall ist.

Das Klischee vom Betzenberg-Fußball hat, glaube ich, für viele Menschen wenig mit Korkuts Spielidee zu tun, weil meiner Meinung nach unterschiedliche Verständnisse von „Mut“ und „Aktivität“ vorliegen. Ich kann schon nachvollziehen, dass einige Fans die tiefen Außenverteidiger im Aufbau, das Zurückfallen des Zehners, das Einrücken der Flügelspieler und die vielen kurzen Pässe ängstlich, bürokratisch oder einfach sinnlos finden, das war in Hannover ja überhaupt nicht anders. Aber zusammen mit dem hohen Pressing oder solchen Kleinigkeiten wie dem Aufrücken der Außenverteidiger und dem Durchschieben der Abwehr ergibt das aus Korkuts Sicht, wenn ich mich da richtig in ihn hineinversetzen sollte, eben gerade das Gegenteil davon, nämlich eine sehr aktiv eingestellte Mannschaft. Dann sagt Korkut also aus Überzeugung, dass seine Mannschaft immer aktiv sein werde und immer mutig ins Spiel gehen würde, aber am Ende sehen wahrscheinlich viele Leute nach ihrem Verständnis das komplette Gegenteil dieser Begriffe. Das ist, denke ich, ein schweres Kommunikationsproblem, das Erwartungen weckt und am Ende die Enttäuschung umso größer werden lässt. Und auch, wenn ich die lokalen Medien oder die Meinungen in der Fanszene nicht verfolgt habe, schien mir immer ein gewisses Maß an Unzufriedenheit dagewesen zu sein.

Dass das aber gerade wegen der jüngeren Entwicklung des FCK und den langfristigen Zielen trotzdem eine sehr reizvolle Aufgabe ist, konnte ich auch verstehen. Am Ende würde ich auch nicht sagen, dass es bis zum Ende so gar nicht funktioniert hätte, denn die besonders wichtigen Spieler kamen erst sehr spät dazu und müssen sich innerhalb des Kaders auch erstmal entwickeln. Aber ich fand die Entscheidung zur Unterschrift vor allem von Korkut so gewagt, dass ich es fast schon wieder als naiv bezeichnen würde, auch wenn das deutlich zu negativ klingt, also vielleicht eher „tollkühn“ oder „waghalsig“ oder sowas. Für den FCK vielleicht nicht so sehr, denn der hatte immerhin in einer schwierigen Phase keinen schlechten Trainer, und die neuverpflichteten Spieler gefallen mir mit Ausnahme von Osawe eigentlich auch alle ziemlich gut. Nur die meisten von denen, die schon da waren…

Generell fließen in deine Betrachtungen kaum „Zweikampfwerte“ ein, was ich gut verstehen kann. Mir sind Statistiken zu „gewonnenen Zweikämpfen“ auch suspekt. Sie decken sich in der Regel kaum mit meinen persönlichen Eindrücken, ich kann mir auch nicht vorstellen, wie diese Analysetools „Zweikämpfe“ definieren… Interessant finde ich in diesem Zusammenhang eine Interview-Äußerung von 1899-Trainer Julian Nagelsmann, das seine Vision vom perfekten Spiel eigentlich gar keine „Zweikämpfe“ mehr vorsähe: Die Passwege des Gegners müssten so zugestellt werden, dass der gar nicht mehr anderes könnte, als einen Fehlpass zu spielen.

Ja, ich weiß einfach nicht, was genau ein „Zweikampf“ sein soll. Grundsätzlich gibt es ja beim Elf-gegen-Elf hoffentlich nicht viele Kämpfe zwischen nur zwei Spielern. Denn was besonders in unserem „Fußball-Mainstream“ gerne vergessen zu werden scheint, ist ja, dass der Spieler mit dem Ball in den meisten Eins-Gegen-Eins-Situationen teilweise deutlich im Vorteil ist. Wenn es also doch regelmäßig dazu kommt, und das ist im Gegensatz zum Einzelfall für die Statistik die relevante Frage, macht die Mannschaft was falsch. Und selbst wenn man diese Verkürzung hinnimmt, wie man das ja immer muss, bleibt am Ende die Frage, ob es irgendwas aussagt. Ein laut Statistik gewonnener Zweikampf kann sowohl was Gutes, als auch was Schlechtes für die Mannschaft bedeuten, zumindest scheint das bei der aktuellen Definition nicht ausgeschlossen. Das ist bei Passstatistiken, die ja auch zumindest im frei zugänglichen Teil der Datenerhebung nicht besonders viele Informationen enthalten, meiner Meinung nach nicht ganz so schwierig. Kommt der Pass an, ist das grundsätzlich zumindest nicht schlecht.

Warum ich das in diesem Zusammenhang erwähne? In deinem „Hipster“-Beitrag beschreibst du die spielerischen Qualitäten von Halfar und Moritz, lobst auch Halfars Pressingfähigkeit. Dennoch: Gemeinsam mit Stieber, dem du zurecht nachsagst, er sei zu „passiv“, bilden die drei meiner Ansicht zwar ein Mittelfeld, das technisch zu den besten der Liga gehört, das aber auffallend zweikampfschwach ist. Auch Korkut hat hier und da Probleme in der „Zweikampfführung“ erwähnt, die seine Mannschaft hätte. Wie siehst du das?

Auch hier weiß ich nicht, was ich mir darunter vorstellen soll. Es steht ja außer Frage, dass Körperlichkeit in einem von Menschen betriebenen Sport auch eine wichtige Rolle spielt. Vielleicht meinte Korkut damit solche Aspekte wie bei Stieber, der im defensiven Umschalten immer einen Moment zu langsam ist und dann auch in der Nähe des ballführenden Gegners zu zögerlich bleibt und weder wirklich nachhaltig Passwege verstellt, noch zum direkten Balleroberungsversuch übergeht. Vielleicht sind auch mangelnde Robustheit von Mwene, Ring oder auch teilweise Koch gemeint, vielleicht Schwächen bei Kopfballduellen von eigentlich allen ursprünglichen Stammspielern, egal wie groß sie sind. Es kam mir manchmal auch so vor, dass in den letzten Zügen eines gegnerischen Angriffs ein bisschen wenig Körperkontakt aufgenommen wurde und ein wenig letzte Vehemenz gefehlt hat. Aber dass das systematisch so war, würde ich nicht unbedingt behaupten, außerdem ist das auch nicht viel aussagekräftiger als der Begriff „Zweikampfführung“.

Während der Phase, in der das Pressing nicht mehr dauerhaft so hoch interpretiert wurde, gab es schon Spiele, in denen mir ein bisschen Druck auf den Ball gefehlt hat, wenn der gegnerische Pass nicht zum Flügel ging und man den Gegner zuschieben konnte. Vielleicht meinte Korkut ja sowas Ähnliches, dass es mehr hätte sein müssen, wenn nicht das kollektive Pressing schon zur Intensität gezwungen hat. Aber das hätte er, glaube ich, dann auch anders formuliert.

Was unter Korkut permanent schwach war, waren die Standards. Dass es am Spielermaterial lag, weshalb nicht mehr ging, lässt sich nicht sagen: Moritz, Halfar, Stieber können durchaus starke ruhende Bälle schlagen, mit Vucur, Heubach, Ziegler, später Koch, Ewerton und Zoua, waren immer auch genug Spieler auf dem Platz, die im Strafraum Flugbälle gewinnen können. Auch da proklamierte Korkut, das brauche noch Zeit, man arbeite daran, es werde besser.…Sooo viel Zeit aber? In der Vergangenheit haben Mannschaften, die der in Lautern und allgemein eher wenig geschätzte Neururer als „Feuerwehrmann“ übernahm (z.B. Bochum), innerhalb von zwei Wochen bereits deutliche Verbesserungen bei Standards gezeigt. Wie waren nach deiner Erinnerung die Standards unter Korkut in Hannover?

Ich habe nur während seiner letzten Saison bei 96 die Torentstehung dokumentiert, da waren es bis zu seiner Entlassung fünf Spieltage vor Schluss sieben Tore nach Ecken und noch ein paar weitere nach Freistößen. Was die Eignung des Spielermaterials betrifft, bin ich etwas skeptischer. Vor allem Heubach und Ziegler, aber auch Koch und Ewerton halte ich bei offensiven Kopfballsituationen, um die es dann ja geht, für nicht besonders gut. Vucur ist da vielleicht etwas gefährlicher, aber auch keine Offenbarung. Ob es dann am Ende an zu wenig Training lag, um diese zumindest nicht großartigen Möglichkeiten möglichst auszureizen, kann ich nicht beurteilen. Aber mir persönlich wären offensive Standards in der Situation, in der Korkut vor allem im Sommer mit der Mannschaft war, auch nicht allzu viel Trainingszeit wert gewesen. In Standards steckt sehr viel ungenutztes Potenzial für leichte Tore, aber trotzdem müssen vorher auch einige andere Sachen erstmal stimmen.

Zu Korkuts Rücktritt. Ich habe in meinem Blog bereits geschrieben: Soweit ich das beurteilen kann, war sein Verhältnis zur Mannschaft absolut intakt. Dass ihm ihre sportliche Entwicklung nicht schnell gut voranschritt, kann ich mir nicht vorstellen, er hat immer betont, auch während der Torflaute, dass alles nun einmal seine Zeit brauche. Eine Demission aus „familiären Gründen“ hätte er, der den Medien gegenüber zwar nie etwas Inhaltsschweres offenbarte, aber stets kommunikativ auftrat, sicher anders gestaltet – mit einer persönlichen Erklärung, ohne Details preiszugeben, oder sogar mit einem gemeinsam mit dem Verein verfassten Statement. Dass ihn die anhaltende Ungeduld und die Unzufriedenheit im Fanumfeld frustrierte, halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich, der muss er sich von vorneherein bewusst gewesen sein. Um diesen Abgang ohne ein einziges erhellendes Wort zu erklären, bleiben eigentlich nur Differenzen mit Vorstand/Aufsichtsrat, auch wenn dies von dieser Seite heftig dementiert wird. Oder hast du eine andere Theorie?

Nein, ich habe gar keine Theorie. Man konnte, denke ich, von vorneherein ausschließen, dass er sich für einen anderen Verein freimachen wollte, wie es, glaube ich, in eurem Umfeld hier und da mal vermutet wurde. Ich finde aber auch nicht unbedingt, dass der Ablauf der Trennung gegen irgendwelche privaten Gründe spricht. Eine Erklärung wäre dann ja auch nur die Einladung zum Nachforschen gewesen. Ich will da aber auch nicht spekulieren. Ich halte ihn für ziemlich rational und auch zum eigenen Nachteil konsequent, insofern würde es mich überraschen, wenn es aus seiner Sicht keine starken inhaltlichen Argumente gegeben hätte. Bei 96 sagt man ihm immer noch ziemlich viel Pflichtbewusstsein nach, also kann man, denke ich, eine „Flucht“ vor der unangenehmen Rückrunde ausschließen.

Hast du dich als Analytiker schon mal mit einer Mannschaft von Norbert Meier befasst? Kannst du uns irgendwas was auf den Weg geben, was wir von ihm erwarten können? Ersten, vagen Äußerungen in der „Rheinpfalz“ zufolge soll er auf „Ballbesitz“ und „gepflegte Technik“ stehen…

In der Zeitung tun das komischer Weise fast alle Trainer… Aber nein, so verlockend war es dann für mich doch nicht, Bielefeld oder Darmstadt eingehender zu beobachten. Man sagt ihm in Darmstadt ja nach, er habe den Darmstädter Spielstil nicht weitergeführt. Das wäre allgemein eine gute Nachricht für den FCK.

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