Analyseblog: Mutig, bissig, intensiv – alles schön und gut, aber das Ergebnis ist sch…

Wer’s partout negativ sehen will, kein Problem: Der 1. FC Kaiserslautern hat sein erstes Pflichtspiel 2017 in Hannover mit 0:1 verloren, ist im elften von nunmehr 18 Spielen ohne Torerfolg geblieben, seit nunmehr sechs Partien ohne Sieg, der Abstand zu den Abstiegsrängen ist nach den Erfolgen der Tabellennachbarn am Wochenende auf bedrohliche drei Punkte geschrumpft. Wie schon im Hinspiel setzt sich Hannover dank der größeren Präzision in den entscheidenden Momenten durch, aber aber auch dank des besseren körperlichen Durchsetzungsvermögens – was  für Betzenberghistoriker bekanntlich viel schwerer hinzunehmen ist. Die Negativspirale scheint sich also trotz Trainerwechsel munter weiter zu drehen. Auf den ersten Blick jedenfalls.

Allerdings: Der FCK hat in Niedersachsen so viele Torszenen herausspielt wie in den vergangenen fünf Partien zusammen genommen, wieder wesentlich „mehr Biss“ gezeigt, oder, fachmännischer ausgedrückt, deutlich mehr Druck auf den Ball ausgeübt. Das lässt hoffen.

OSAWE IN NEUER ROLLE: VIELVERSPRECHEND, ABER AUSBAUFÄHIG

Spiel eins unter Norbert Meier, und er hat den FCK so formiert, wie es nach den ersten Eindrücken von ihm zu erwarten war: Er hat nicht total umgekrempelt, nichts grundlegend neu erfunden, den Defensivverbund stehen lassen, vorne aber, auch bedingt durch die Rückkehr von Kacper Przybylko und Sebastian Kerk, mit Bedacht ein paar Neuerungen installiert. Auffälligste Änderung: Osayamen Osawe agiert nun im 4-2-3-1 auf den Flügeln. Zuerst auf dem rechten, in Halbzeit wird er vorübergehend mal mit Kerk  die Seite tauschen, allerdings ohne Effekt.

Das bereitet zunächst mal Sorgen, ob der gegen den Ball oft undiszipliniert arbeitende Engländer zusammen mit Philipp Mwene die Seite dichtbekommt. Aber: Er fällt in der Rückwärtsbewegung zumindest nicht unangenehm auf. Und vorne profiliert er sich in Hälfte eins sogar ein paar Mal als energischer Balleroberer. Eine Flanke Daniel Halfars köpft er knapp am Tor vorbei, die Annahme eines Flugballs von links sechs Meter vorm Tor missglückt ihm allerdings gehörig – technisch hat er nun mal so seine Schwierigkeiten.

Mit seinen brachialen Sprints setzt Osawe dagegen seinem Gegenspieler Edgar Prib immer wieder gehörig zu, allerdings: Seine Hereingaben von der Seite sind fast durchweg Katastrophen, die im Lauf des Spiels auch noch größer werden. Die letzte Viertelstunde hätte Meier ihm ersparen können. Insgesamt aber eine Umstellung, die für die Zukunft noch einiges verspricht, zumal Przybylko als intelligent ackernder, ballverteilender und beweglicher Zentrumsstürmer eine gute Figur macht.

GUTER FUSSBALL UND STARKE ERSTE HÄLFTE

Überhaupt präsentiert sich der FCK von Beginn an mutig, rückt entschlossen auf, will mitspielen. Meier hat also Wort gehalten und setzt den fußballerisch anspruchsvollen Kurs, den Tayfun Korkut eingeschlagen hat, fort. Dennoch gehört die Anfangsphase den Hannoveranern, die sich bei Lauterer Ballbesitz wuchtig, aber auch organisiert in die Zweikämpfe stürzen. Und die nach sieben Minuten eigentlich in Führung gehen müssen. Eine in den Rückraum zurückgespielte Ecke lupft Oliver Sorg in den Strafraum, Mwene rückt zu spät heraus und hebt das Abseits auf, und Felix Klaus kommt so frei zum Schuss, wie es freier nicht geht, verzieht aber.

Danach 20 wirklich starke Minuten des FCK, mit gut über die Flügel vorgetragenen Kontern, Einschussmöglichkeiten für Przybylko, Osawe und Christoph Moritz. Und Daniel Halfar präsentiert sich endlich als Zehner, der richtig Spaß macht, mit klugen Zuspielen und Durchsetzungsvermögen auf engem Raum. Das Meiersche Vorbereitungstrainung in den Januarwochen ist ihm offenbar blendend gekommen, nachdem er in der Hinrunde nach seiner Verletzung nicht mehr richtig in Tritt gekommen war.

96: WENIG ZUGRIFF, WENIG BALLEROBERUNG – DOCH DANN KOMMT DER MOMENT

Meist genutztestes Reporteradjektiv zur Pause ist „intensiv“, und das ausnahmsweise zurecht: Es ist ein wirklich gutes, packendes Zweitligaspiel. Auch wenn die Hannoveraner mit der Leistung ihrer Mannschaft nicht so ganz zufrieden sind, schließlich sind sie der Favorit, der nach der Tabellenführung greift. „Wir haben nicht das Maximum aus unseren Möglichkeiten geschöpft“, kommentiert Trainer Daniel Stendel am Ende. „Wir haben dem Gegner zu viele Räume gelassen, es nicht hinbekommen, in der Defensive wie Offensive kompakt zu bleiben, hatten wenig Zugriff, wenig Balleroberung, wenige Momente, unser Umschaltspiel bis in die Spitze durchzuleiten.“

Freilich: In dem einen, entscheidenden Moment gelingt es 96 dann doch. Und welchen Sinnspruch hält das Reporterhandbuch für solche Fälle bereit? Richtig: Das zeichnet eben ein Spitzenteam aus.

Zu den Fakten: In Minute 49 wirft Hannover in der eigenen Hälfte ein. Der FCK macht’s wie immer gut, rückt auf und stellt die Wurfzone zu, allerdings: Patrick Ziegler unterläuft im Duell mit Niclas Füllkrug den von Prib geschleuderten Ball. Die Bürde, als Hauptfehlerquell genannt zu werden, wird er dann jedoch an Robin Koch los. Der junge Innenverteidiger ist schon in Hälfte eins auffällig geworden, als er beinahe ein Eigentor köpfte. Jetzt lässt er das Leder von der Rübe in die Mitte prallen, wo der kluge Ballverteiler Marvin Bakalorz die Chance zum öffnenden Pass auf die rechte Seite nutzt – und dort lauert der Matchwinner: Uffe Bech.

UFFE WER? MUFFE HAT DER DÄNE NICHT – UND WIRD ZUM MATCHWINNER

Ein Däne, für den Hannover im Juli 2015 fette zwei Millionen Euro Ablöse gelatzt hat und der bislang kaum in Erscheinung getreten ist. Verletzungsbedingt erlebt er gegen Lautern erst seinen zweiten Saisoneinsatz. Stendel hat ihn überraschend Shootingstar Sarenren Bazee vorgezogen. Weshalb, darauf hat eventuell 96-Blogger Marius Kunte im Vorschau-Gespräch mit dem Blogwart einen Hinweis gegeben: Das Talent gilt als unlustig im Pressingspiel, FCK-Linksverteidiger Marcel Gaus dagegen als „wenig pressingresistent“.

Könnte also volle Absicht von Stendel gewesen sein, denn in der Tat hat der 24-jährige Däne dem Lauterer Mentalitätsmonster bis zu diesem Zeitpunkt immer wieder stark zugesetzt, sobald er am Ball war. Jetzt bekommt Bech den Ball – und lässt Gaus ins Leere grätschen. „Vielleicht muss Marcel Gaus stehenbleiben“, findet auch Norbert Meier später. Bech jedenfalls kann nun frei auf Pollersbeck zulaufen und das Leder an ihm vorbeischieben.

NACH DEM 0:1: STARKES AUFBÄUMEN, ABER DANN WIRDS WENIGER

Lautern reagiert stark, hat erst durch Mwene eine allerdings wenig erfolgversprechende Schusschance aus halbrechter Position. Ein paar Augenblicke später schlenzt Moritz den Ball an die Torlatte. Es folgen noch ein starker Kopfball Przybylkos nach Mwene-Flanke und ein beherzter Freistoß Kerks aufs kurze Eck. Dann aber erlahmt der Angriffswille der Lauterer zusehends, auch, weil Osawe immer stärker abbaut.

Die Idee, mit Max Dittgen für Moritz einen weiteren Flügelspieler zu bringen und den Engländer zu Przybylko in die Mitte zu ziehen, fruchtet gar nicht. Überhaupt wechselt Meier bis zum Ende nur einmal aus. Hätte Robert Glatzel auf der Bank gesessen, wäre er in der Schlussphase vielleicht eine Alternative für Osawe gewesen.

JETZT GEGEN WÜRZBURG: DA SIND DIE FANS GEFRAGT

Die Floskel „Da wäre mehr drin gewesen“ ersparen wir uns mal, sagen wir lieber: Trotz allem eine Auswärtsniederlage, die Lust macht aufs nächste Heimspiel gegen Kickers Würzburg am kommenden Freitag, 18.30 Uhr.

Und die Lust machen sollte: Denn gerade angesichts der geschrumpften Distanz auf die Abstiegsplätze braucht die Mannschaft jetzt die Unterstützung ihrer Fans. Wird gegen die unangenehm aufspielenden Franken nicht gewonnen, könnte es mit dem Schwung, mit dem der FCK in Meier-Ära gestartet ist, schnell vorbei sein – dann droht Abstiegsk(r)ampf in seinen unschönsten Ausprägungen.

 

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