Analyseblog: Dreckig oder glücklich? Egal – Joker Glatzel sticht gegen starke Kickers

Wie schön: Der 1. FC Kaiserslautern hat sein erstes Heimspiel im neuen Jahr gegen die Würzburger Kickers mit 1:0 gewonnen. Und es war auch ein schön dramatischer Sieg, mit einem späten Tor, von einem Joker vor der explodierenden West erzielt – mehr Betze-Appeal geht nicht. Die Analyse ist dennoch für einen FCK-Blogger eine eher undankbare Aufgabe. Denn nüchtern betrachtet, ist eigentlich nur der Gegner zu loben. Um außer den drei Punkten Positives im FCK-Spiel zu finden, ist wahrlich akribische Spurensuche notwendig. Allerdings: Wer sucht, der findet auch.

So ein bisschen Mitleid für den Unterlegenen schwang hinterher sogar beim Sieger mit, zumindest bei Sportdirektor Uwe Stöver: „Die haben eigentlich alles richtig gemacht. Hoch gestanden, unsere Sechser zurückgedrängt, uns einfach nicht ins Spiel kommen lassen.“ Und wie im zeitgemäßen Spielbesprechungsjargon üblich, mochte der Sportchef nicht von einem glücklichen Sieg sprechen, sondern von einem „dreckigen“, eine Vokabel, die kurz darauf auch Trainer Norbert Meier benutzte.

„WIR KÖNNEN ES“ – NA JA, SO EINIGERMASSEN JEDENFALLS

„Wer Tanzeinlagen mit technisch hochwertigem Fußball erwartete, der hätte vorher wissen müssen, dass der bei den beiden besten Abwehrreihen der Liga wahrscheinlich nicht stattfinden wird“, konkretisierte der Coach. Würzburg sei nunmal total „eklig“ zu spielen. Wichtig sei, dass seine Mannschaft wieder mal das Gefühl bekommen habe, „wir können es“.

„Dreckig“, „eklig“ – die Wortwahl wird den Würzburgern nun wirklich nicht gerecht. Der Aufsteiger spielte einfach gut, für Zweitligaverhältnisse übrigens auch technisch auf anspruchsvollem Niveau – und im Kollektiv bewegte er sich über 90 Minuten um einiges besser als der Gastgeber.

WER HÄTTE DAS GEDACHT? DER METZGER PFLEGT SPIELKULTUR

Wer Bernd Hollerbach noch als Spieler in Erinnerung hat – als solcher machte er eher seinem erlernten Beruf als Metzger Ehre –, kann vor ihm als Trainer nur den Hut ziehen. Der Felix Magath-Schüler lehrt nun gepflegten Fußball. Im FCK-Trikot  flog er seinerzeit in nur einer Halbserie gleich mehrmals vom Platz.

Der FCK hielt das zu Null nicht nur dank seiner mittlerweile gewachsenen Hintermannschaft, die sich bisweilen ganz archaisch in Flugbahnen hineinwerfen musste, um Einschläge zu verhindern, sondern vor allem auch mit einer tüchtigen Portion Glück. So bereits nach vier Minuten, als Rico Benatelli einen von der Grundlinie zurückgespielten Ball sieben Meter vor dem FCK-Tor annehmen durfte, so nach rund einer Stunde, als die Würzburger im Rahmen einer Eckballserie fast schon Powerplay aufs Lauterer Tor aufzogen. Der FCK dagegen vermochte nur auf Momente zu setzen.

„PRITSCHE“, OSAWE, HALFAR – ABER DAS WAR’S AUCH SCHON

Ein erster gelungener ergibt sich bereits nach zehn Minuten, als Osayamen Osawe, in Meyers 4-2-3-1 wieder als Flügelspieler aufgeboten, nach einem Zuspiel von Philipp Mwene sich rechts durchsetzt, flankt und Kacper Przybylkos Kopfball von Kickers-Keeper Robert Wulnikowski gerade noch so von der Torlinie gekratzt wird. Von diesem Erlebnis offenbar beflügelt, gelingt es dem FCK in den nächsten Minuten beinahe, so etwas wie Zugriff aufs Spiel zu bekommen. Aber eben nur beinahe.

Osawe wird von Daniel Halfar auf halbrechts in Schussposition gebracht, scheitert aber. Dann nimmt Halfar eine Kopfballverlängerung Prybylkos fast so elegant mit wie Julian Draxler diese Woche bei seinem umjubelten Debüttreffer für Paris St. Germain, wird von Clemens Schoppenhauer jedoch „taktisch“ gefoult. Die leidige Diskussion, ob’s hier statt Gelb auch Rot sein durfte, beendet Halfar hinterher höchstpersönlich: „Gelb ist schon in Ordnung, wer weiß, ob ich durchgekommen wäre.“

MORITZ BAUT ZUERST STARK AB – UND IST IM ENTSCHEIDENDEN MOMENT WIEDER DA

Danach sieht allerdings zusehends trüber aus, was der FCK so zustande bringt. Halt auch, weil, wie Uwe Stöver eingangs schon ausgeführt hat, auf den Sechserpositionen keine Umschaltsituationen mehr eingeleitet werden. Zu energisch drängen die Würzburger dagegen. Vor allem Christoph Moritz, der in Hälfte eins noch einige kluge Pässe gespielt hat, wird einige Male empfindlich abgeblockt und bringt mit solchen Ballverlusten seine Hintermannschaft in Verlegenheit.

Im alles entscheidenden Moment zeigt Moritz dann aber doch, dass außer Halfar nur er den Fuß für den millimetergenauen Pass hat. Er setzt Sebastian Kerk mit einem Zuspiel  zur Grundlinie ein, den dieser einen halben Meter vor dem Aus dann tatsächlich noch erwischt und in die Mitte spielt. Przybylkos Annahme gerät statt zum Torschuss lediglich zur Weiterleitung – auf einen Mann, der eine Minute zuvor gekommen ist und nun zum Helden des Abends wird: Robert Glatzel. Der 23-jährige Ex-Müncher lässt sich nicht zwei Mal bitten und schiebt den Ball zum Siegtreffer rein.

GLATZEL: „EIN TRAUM IST IN ERFÜLLUNG GEGANGEN“

Seit Juli 2015 kickt der ehemalige Sechziger auf dem Betze: 27 Mal hat er bereits für die U23 getroffen, in der Ersten Mannschaft bislang aber kaum Chancen erhalten. Es ist erst seine vierte Einwechslung. Zeitweise war er so frustriert, dass ihm Abwanderungsgedanken nachgesagt wurden. „Ich kann’s immer noch kaum glauben“, stammelt er hinterher in Mikrofone, „ein Traum ist in Erfüllung gegangen“.

Unmittelbar vor seiner Einwechslung habe er lediglich mit Co-Trainer Frank Heinemann gesprochen, „der hat mir noch einige Anweisungen gegeben“. Cheftrainer Meier habe ihn aber bereits am Nachmittag zur Seite genommen. „Da hat er mir gesagt, dass ich heute Abend im Kader bin und er mich wahrscheinlich bringen wird – und dass ich mich reinhauen soll.“ Gesagt, getan. „Ein glückliches Händchen“ attestiert denn auch Kickers-Coach Hollerbach seinem Kollegen. Der freilich betont: „Ich möchte mich nicht über ein glückliches Händchen definieren.“ Gut zu wissen.

AUCH EINE SERIE: DRITTER SIEG VOR MAUER KULISSE

Unterm Strich positiv zu erwähnen sind angesichts dieses Erfolgs, gleich, ob man ihn nun dreckig, glücklich oder auch nur unverdient werten will: Der neuerlich starke Auftritt Mwenes, Max Dittgen, der sich auch bei seiner dritten Einwechslung in Folge als belebendes Element präsentierte – und eben Glatzels Jokertor. Ob es bei dem 23-jährigen für den ganz großen Durchbruch am Betzenberg reicht, bleibt abzuwarten, auf jeden Fall ist der 1,93 Meter-Tank eine sinnvolle Kaderergänzung, der zumindest seinen festen Platz auf der Bank haben sollte, um in Situationen wie diesen ins Getümmel geworfen werden zu können.

Alarmierend: Zum dritten Mal in dieser Saison ist die Zuschauerzahl unter die 20.000er Marke gesackt. Nur 19.943 Besucher verbrachten den Freitagabend auf dem Betzenberg, der drittschlechteste Wert nach den Heimspielen gegen Dresden (19.606) und den VfL Bochum (18.056). Doch wer lange genug hinschaut, findet auch darin Positives: Diese Spiele hat der FCK alle drei gewonnen. Anscheinend klappt’s gegenwärtig vor kleinen Kulissen besser.

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