Kohlis Arschkarte: Die Diskussion um RB Leipzig braucht mehr Hirn – und keine nackten Ärsche

Tja, das ist nun wirklich nichts Neues: Der deutsche Sportjournalismus gibt oft genug eine erbärmliche Figur ab. Dies aber auch noch sozusagen plastisch zu visualisieren, in dem sich eine seiner grauen Eminenzen auf dem Leipziger Marktplatz entblößt, geht entschieden zu weit. Exakt das hat nämlich die Queen Mum der Sportreporterszene als „Wetteinsatz“ angeboten, für den Fall, dass die Roten Bullen Meister werden. Das könnte einem FCK-Fan ja am natürlich sittsam bedeckten Allerwertesten vorbeigehen – wenn der Mann, der da seinen nackten Arsch zu Markte tragen möchte, nicht auch noch im „FCK-Teufelsrat“ säße.

Kohlis Vereinsliebe hat in den vergangenen Jahren vieles durchleiden müssen, aber alles überstanden. Aber, ehrlich gesagt: Sich mit einem 1. FC Kaiserslautern zu identifizieren, dessen Funktionäre in der Fremde des deutschen Ostens ihr rotes (?) Teufelshorn vorzeigen möchten, das bereitet ihm jetzt doch ernstere Probleme. Auch wenn der „FCK-Teufelsrat“ nur ein „inoffizielles“ Gremium ist, wie Vorstandschef Thomas Gries bei dessen Installation im vergangenen Sommer betonte. Der Verein will sich mit dessen Hilfe, so hat es der „kicker“ erklärt, „die Expertise von in der Wirtschafts- und Medienbranche erfolgreich tätigen FCK-Fans zunutze“ machen. Irgendwie in Erscheinung getreten ist dieser Teufelsrat, soweit Kohli es verfolgt hat, bislang allerdings noch nicht.

FCK-TEUFELSRAT KOLUMNIERT IM „RED BULLETIN“ – AUS LANGEWEILE ODER WAS?

Dafür schreibt Marcel Unreif – möglicherweise ja, weil er als FCK-Teufelsrat unterfordert ist – nun Kolumnen in dem Red Bull-Verlautbarungsorgan (Achtung, Wortspiel) „Red Bulletin“. Bei der Präsentation des Teufelsrats seinerzeit war der ehemalige Jugendspieler des FCK selbst übrigens nicht anwesend, er ließ nur ein Video einspielen, in dem er Nick Hornby zitierte: „Nicht du suchst dir den Klub aus, der Klub sucht dich aus.“

Welcher Klub hat dich denn nu ausgesucht, werter Marcel? Und: Von wie vielen Klubs wirst du dich noch aussuchen lassen?

Schon klar: Das hat der trotz seines Alters offenbar unreife Marcel doch nur zum Spaß gesagt, und nur, um zu veranschaulichen, dass er an eine Deutsche Meisterschaft des Dosenklubs so gar nicht glaubt. Trotzdem: Der Welt zu zeigen, wo Mann zu kurz gekommen ist, als „spaßigen“ Wetteinsatz anzubieten, ist eines honorigen Seniorjournalisten unwürdig. Da war selbst Max Merkel,  wahrlich kein Feingeist, noch eleganter, als er damals anbot, er singe in der Metropolitan-Oper, falls ein gewisser Rüdiger Abramczik jemals Nationalspieler wird.

WENN’S TATSÄCHLICH SOWEIT KOMMT, ZIEHT ER DEN … EIN – WETTEN?

Abramczik wurde übrigens Nationalspieler, und Merkel hat natürlich nicht in der Met gesungen, getreu dem Adenenauerschen Motto „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“ Marcel Unreif, machen wir uns nichts vor, wird nicht anders verfahren, falls der unwahrscheinliche Fall, dass RB Meister wird, tatsächlich eintritt. Ist auch besser so. Wer will schon wissen, ob sein Gemächt noch zerknautschter ist als sein Gesicht?

Das aber sollte er wenigstens zu wahren wissen.

Was kommt als nächstes? Wird er eine Leipziger Vereinshymne intonieren wie einst der Bazi Gerd Rubenbauer, der sein Bierzelt-Gegröle unter dem Titel „Bayernchampions san mir“ auch noch auf CD brannte, dafür weder in der Gummizelle landete noch von seinem Arbeitgeber abgewatscht wurde, sondern 2003 den „Bayerischen Sportpreis“ erhielt, für „Herausragende Präsentation des Sports“? Okay, wir reden hier über Bayern, das Reich Seehofers, und seinen öffentlich-rechtlichen Rinderfunk, da kann man, muss man aber nicht Waldemar Hartmann heißen, um sich als Sportjournalist fortwährend zum Horst zu machen.

DAS ALLERSCHLIMMSTE ABER: REIFS WORTE TUN WEH, SIND ABER LEIDER WAHR

Das eigentlich Schlimme ist aber: Marcel Reif sagt in seiner „Red Bulletin“-Kolumne Sachen, über die in der Tat dringend geredet werden müsste, erst recht nach den Ausschreitungen in Dortmund am Wochenende. Nur tut er es halt in einem Medium, in dem ihm der billige Applaus der Kernleserschaft sicher ist – und das, was von dieser Kolumne über diese Zielgruppe hinaus öffentlich geworden ist, ist lediglich sein blöde entblößender „Wetteinsatz“. Dumm gelaufen. Aber selbst schuld.

Schon der Einstieg ist gerade für FCK-Fans heftig:

„Das Gejammere und Heucheln ­angeblicher Traditions­klubs der Fußball-Bundesliga, die sich jahrelang in der Kultur des Ver­sagens und Scheiterns geübt und gegenseitig übertroffen haben, kann ich nicht mehr hören. Wir haben in Deutschland zwar eine freie Marktwirtschaft, aber noch lange keine Chancengleichheit. Auch im Privatleben können sich viele Menschen bestimmte Dinge nicht leisten, und genauso ist es im Fußball. Die Großen spielen ihr eigenes Spiel, die Romantik hat keinen Platz mehr, und mit dem Verliererstolz der Traditionsvereine kann ich schon gar nichts ­anfangen.“

Ganz schön starker Tobak von einem FCK-Teufelsrat, nicht? Denn wer ist hier wohl gemeint? Ja doch wohl auch der Klub, der ihn ausgesucht hat, oder?

Gleichwohl ist es wahr, was da geschrieben steht. So weh es tut.

IST DOCH WAHR: WIR ALLE SIND LÄNGST SCHIZOS

 Unser Klub ist da, wo er jetzt ist, angekommen, weil er in den vergangenen 18 Jahren verdammt viel falsch gemacht hat. Und dass der Hass, der sich gegenwärtig über Leipzig entlädt, zu einem guten Teil im Frust über den eigenen  (Traditions-)Verein wurzelt, ist eine These, die vor allem den Vernünftigen in der Fanszene nahegebracht werden muss, denn bekanntlich ist nur Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung.

Und Fans, denen es mehr um Fußball geht als um den Abbau aufgestauter Aggressionen, gibt es noch genug, auch unter den sogenannten Ultras, obwohl sich die Zahl derer, die keinen Argumenten mehr zugänglich sind, weiter zu mehren scheint. Doch die Ultras pauschal ausgrenzen zu wollen, gleichzeitig aber mit abwertenden Aussagen über RB Leipzig aufzuzwiegeln, wie BVB-Geschäftsführer Watzke es getan hat, führt eben genau zu dem, was am Samstag in Dortmund passiert ist.

Kohli kennt keinen Fußballfan, der gegenwärtig nicht unter ersten Anzeichen von Schizophrenie leidet: Einerseits hasst er die ausufernde Kommerzialisierung seines Sports, andererseits liebt er den Fußball immer noch – und ganz besonders seinen (Traditions-)Verein.

Es hilft aber alles nichts, sondern es muss klar erkannt werden: Red Bull mag der bislang bescheuertste Auswuchs dieser Entwicklung sein, das alleinige Übel ist er nicht. Wir Schizos müssen lernen, mit diesen sogenannten Retortenklubs zu leben, denn sie sind nun mal Realität, und die Traditionsvereine müssen es irgendwie hinbekommen, sich sportlich gegen sie behaupten. Mit Gewalt wird man den Fußball nur noch schneller kaputtmachen.

HILFT ALLES NICHTS: WIR MÜSSEN LERNEN, MIT DER RETORTE ZU LEBEN

Das Publikum lässt sich immer noch lieber von Namen elektrisieren, die die Fußballgeschichte geprägt haben, das belegen die Besucherzahlen ebenso wie die TV-Quoten, nicht zuletzt deswegen muss der FCK in der Zweiten Liga ja so oft montags ran. Und wo das Geld herkommt, ist doch auch uns Schizos im Grunde egal. Das bringt Marcel Reif ebenfalls in seiner Kolumne treffend auf den Punkt:

„Ist es ehrenwerter, wenn ein Investmentfonds aus Katar seine Quellen sprudeln lässt oder Unternehmen wie Gazprom, VW, Wiesenhof, SAP oder Bayer ihre Logos auf der Brust der Stars platzieren oder wie Kühne oder Signal Iduna auf andere Weise präsent sind? Mateschitz ist ja nun wahrlich kein skrupelloser Waffenhändler, und die Verlogenheit, dass der Erfolg gekauft sei, richtet sich angesichts explodierender Umsatzzahlen in München und Dortmund selbst.“

Auch das ist – leider – absolut richtig, Marcel Reif. Nur vertritt diese Meinung nicht in einer Postille, die sich selbst als „international men’s active style magazine“ bezeichnet, sondern vor den Leuten, die davon überzeugt werden müssen. In den Fanclubs des Vereins, der dich ausgesucht hat. Als FCK-Teufelsrat, der diesen Namen verdient.

Ob man dazu Eier braucht? Und ob. Nur vorzeigen muss man die nicht gleich. Und dieses auch nicht, nur so zum Spaß, als Wetteinsatz anbieten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s