Analyseblog: 1:1 gegen F95 – erst Derrick, dann Tatort mit Til Schweiger, aber doch kein richtiger Krimi

Sky“-Spielbegleiter Uli Potofski, als ehemaliger „rtl“-Sportchef eigentlich Pionier der privaten TV-Fußballberichterstattung, bedient sich öfter des Reportersprechs aus dem medialen Pleistozän, als es ihm wohl selbst bewusst ist. FCK-Trainer Norbert Meier könne mit dem 1:1 seiner Mannschaft bei Fortuna Düsseldorf „besser leben“ als dessen Kollege Friedhelm Funkel, behauptete der an sich trockenhumorig programmierte Kommentarroboter am Freitag gleich mehrmals. Weil’s für Lautern doch ein Auswärtsspiel gewesen sei, und ein Punkt in der Fremde leichter erträglich wär als ein zuhause erspielter.

Mal ganz abgesehen davon, dass selbst statistisch betrachtet Heimvorteile heutzutage eine wesentlich geringere Rolle spielen als zu der Zeit, in der Uli P. noch in die Heribert-Fassbender-Gesamtschule ging: Wo kommt sie eigentlich her, die nicht totzukriegende Laberphrase des Mit-Ergebnissen-Leben-Könnens? Weitergelebt wird nach dem Abpiff eines Fußballspiels sowieso, meistens jedenfalls, in Deutschland zumindest, und wenn schon, dann wär doch eher „Wollen“ statt Können angesagt, im Sinne von: das Ergebnis akzeptieren wollen. Und ob das nach dem Düsseldorf-Kick im Lauterer Lager der Fall sein darf, ist, wie meistens, eine Frage der Betrachtungsweise. In der differenzierten kritischen Analyse ergeben sich auch diesmal wieder einige unerfreuliche Aspekte. Aber auch ein paar hoffnungsvolle.

EIN ANFANG WIE IN EINER ALTEN EHE: KEINER ÜBERRASCHT DEN ANDEREN

Wenn sich vor einem Spiel zwei Ligaveteranen so herzlich begrüßen wie die Traineroldies  Meier und Funkel, dann rührt das für ein paar Momente selbst das Herz des abgestumpftesten Fußballbetrachters: Offenbar hat dieser Sport doch noch etwas Menschliches, Gefühliges, Wärmendes… Doch nur wenige Minuten später ist auch schon das Haar in der Suppe gefunden: Zwei, die sich so gut kennen, können sich offenbar nicht mehr gegenseitig überraschen, kennt man ja von langen Ehen.

So jedenfalls sieht das Treiben der Teams in der ersten Halbzeit aus: Fußballerischer Grabenkampf mit dem Unterhaltungswert einer späten „Derrick“-Folge.

Das Spiel des Gegners im Niemandsland des Mittelfelds auf die Seiten leiten und dann abpressen – ist ja nicht so, dass die in Ehren ergrauten Übungsleiter ihren Jungs gar nix beibringen. Und es ist ja auch nicht so, dass Norbert Meier nicht wenigstens versucht, bei seinem Gegenüber ein bisschen Verwirrung zu stiften. Das Offensivquartett in seiner 4-2-3-1-Grundformation präsentiert sich ungemein variabel. Stürmer Kacper Przbylko bewegt sich schon in der Anfangsphase immer mal auf rechts, wo er in Hälfte zwei fest stationiert sein wird.

HALFAR IST JETZT PRESSING-LEADER: DAFÜR KOMMT VON HINTEN NICHTS

Sebastian Kerk taucht mal links, mal in der Mitte auf. Daniel Halfar agiert bei gegnerischem Ballbesitz sogar in vorderster Front und gibt sowas wie den Leader des Lauterer Pressingspiels. Das passt sowohl zu seiner Mentalität als auch zu seinem Spielverständnis, allerdings: Bei Ballgewinn ist der Zehner dann viel zu weit vorne, um gestalterisch wirken zu können, und was die Sechser Patrick Ziegler und Christoph Moritz aus der Kreativzentrale so initiieren, ist der Rede nicht wert.

Und dann ist da noch Osayamen Osawe, der anfangs mal rechts auftaucht, später überall, aber eigentlich doch eher nirgends richtig ins Spiel kommt. So nach einer Viertelstunde zieht mal mit dem Ball einen Sprint aus der eigenen Hälfte an, der erst in Düsseldorfer Strafraumhöhe von Kaan Ayhan gestoppt wird. Das ist’s auch schon vom Engländer. In der Pause nimmt Meier ihn raus.

Ob der 23-jährige, der zu Saisonbeginn aus Halle kam, in seinem ersten Zweitligajahr vielleicht mal eine schöpferische Pause braucht? Oder findet er im 4-2-3-1 einfach keine Position? Da hat Meier noch zu grübeln. Dass sein Vorgänger Tayfun Korkut in der Vorrunde auf eine Doppelspitze umstellte, nachdem er ebenfalls im 4-2-3-1 in die Saison gestartet war, kam seinerzeit auch Osawe sehr entgegen.

STARTCHANCE FÜR F95: AUCH „DERRICK“ BEGANN IMMER MIT EINEM AUFREGER

Wie auch immer: In Düsseldorf findet der FCK offensiv in Hälfte eins nicht statt, Kerk könnte ums Haar im Strafraum einen verunglückten Schuss Philipp Mwenes erwischen, aber das ist es auch schon. Düsseldorf startet furios, schon in Minute zwei nimmt Ilhas Bebou eine Axel Bellingausen-Flanke von links am langen Fünfer richtig gut an, verdaddelt dann aber. Doch selbst der langweiligste Derrick beginnt schließlich immer mit einem Aufreger, einem Mord nämlich.

Danach ist die Fortuna besser im Spiel, Lautern hat nur ab Minute 25 mal längere Ballbesitzphasen, doch viel passiert auch vor Julian Pollersbecks Kasten nicht. Bebou nähert sich ihm nochmal bedrohlich, kurz vor der Pause versucht’s Lukas Schmitz – fertig.

Hälfte zwei startet mit einer wesentlich druckvolleren Fortuna – doch wie es im Fußball halt so geht: Das erste Tor fällt dann doch auf der anderen Seite. Die Düsseldorfer bekommen eine Kerk-Ecke auf den kurzen Pfosten nicht aus dem Fünfer – und der für Osawe eingewechselte Robert Glatzel bedankt sich.

NACH ERSTEN TREFFER IST DER FUSSBALLGOTT MAL GERECHT – LEIDER

Keine Kunst eigentlich, dieser Abstauber, trotzdem phänomenal, dass der Joker nun schon zum zweiten Mal hintereinander unmittelbar nach seiner Einwechslung sticht. Und Uli P. hat sich die Old-School-Sentenz „Er steht da, wo ein Torjäger stehen muss“ bestimmt nur mit Mühe verkniffen.

Ausnahmsweise ist der Fußballgott dann aber doch einmal gerecht – aus Lauterer Sicht: leider. Der Düsseldorfer Ausgleich kommt nämlich genauso dusselig zustande. Nach einem verunglückten Befreiungsschlag von Ziegler aus der linken Verteidigerposition, der mittig 30 Meter vor dem eigenen Tor bei Adam Bodzek landet, versucht dieser einen Torschuss, den Przybylko abfälscht und so Marcel Sobottka am Sechzehner völlig unvermittelt ins Spiel bringt: Der läuft noch zwei, drei Schritte und lässt Pollersbeck keine Chance. Zuvor hat der junge Keeper einen Bebou-Schuss bravourös an den Pfosten gelenkt.

„Wir müssen nach der Führung ruhiger spielen“, findet auch Trainer Meier hinterher. „Wir können zwei Mal klären, machen es nicht, und dann wirst du bestraft.“ Geschämt hätte er sich nicht, wenn er die drei Punkte mit nach Hause genommen hätte, denn: „Des Guten zu viel gibt es im Fußball nicht, wenn sich die Gelegenheit bietet, musst du sie mitnehmen.“ Ansonsten „müssen wir mit Remis leben, und zwar gut.“ Immerhin:  müssen, nicht können.

ALS WÄR ER LEWANDOWSKI: GLATZEL MACHT DAS 2:1 – FAST

Nach dem Ausgleich hat das Publikum wenigstens was vom Spiel, es entbrennt das, was die Reportergeneration um Uli P. einen „offenen Schlagabtausch“ nennt und dies auch tut. Das Spiel ist nun kein „Derrick“ mehr, sondern eher schon ein „Tatort“ mit Til Schweiger: Mehr Action als üblich, aber halt nicht soviel Hirn wie etwa ein Borowski-Krimi mit Axel Milberg. Fortuna-Kapitän Oliver Fink schießt Pollersbeck an, Rouwen Hennings taucht haarscharf unter einer Bellinghausen-Flanke durch, FCK-Innenverteidiger Tim Heubach lenkt einen Ayhan-Schuss an den eigenen Pfosten – puuh.

Dann aber die Szene, die Pfälzer Augen doch noch einmal leuchten lässt. Glatzel wird von Kerk an der Strafraumgrenze freigespielt. Statt überhastet abzuschließen, lässt der 23-jährige den attackierenden Bodzek fast schon genüsslich ins Leere grätschen, verzögert noch einen Moment und tickst den Ball dann mustergültig an Fortuna-Keeper Michael Rensing vorbei. Das hat fast schon was von Lewandowski. Allerdings: Ayhan kratzt das Ding noch irgendwie von der Torlinie. Deswegen 1:1.

Den jungen Joker jetzt in der Startelf fürs Sandhausen-Spiel am kommenden Freitag fordern, das sollen mal schön andere machen. Auf jeden Fall gehört Glatzel erneut zu den Lauterer Lichtblicken dieses Spiels. Wie auch der abermals bärenstarke Pollersbeck, wie auch Dauerbrenner und -renner Philipp Mwene, den mittlerweile wohl konstantesten Feldspieler dieser Saison.

ERSTE DIAGNOSE: EWERTONS VERLETZUNG IST NICHT SO SCHLIMM

Der gemeinsam mit dem Keeper wohl derjenige von den jungen Kickern ist, der seinen Marktwert bislang am heftigsten nach oben gefahren hat. Wer hätte das gedacht, als der Ösi vergangenen Sommer vom Drittligaabsteiger Stuttgart kam?

Stark auch Ewerton, wie immer ruhender, ballsicherer Pol und ordnende Hand im Defensivverbund. In Minute 81 musste er verletzt raus, wegen anhaltender Rückenschmerzen. Ein längerer Ausfall des Brasilianers würde die Pfälzer brutal zurückwerfen, zumal sich vergangene Woche auch Robin Koch auf unbestimmte Zeit abgemeldet hat. Dass die Kluft zwischen den beiden Stamm-Innenverteidigern und ihren Nachrückern Heubach und Stipe Vucur riesengroß ist, hat sich am Freitag einmal mehr gezeigt.

Laut „Rheinpfalz“ lautet die erste Diagnose: Nicht so schlimm, vielleicht klappt’s bei Ewerton sogar wieder bis Freitag gegen Sandhausen. Das beruhigt fürs Erste.

GAUS DARF ZUFRIEDEN MIT SICH SEIN – VIELE ANDERE NICHT

Ein Fleißkärtchen gibt’s auch für Marcel Gaus. Ordentliche Leistung auf der linken Verteidigerposition, die er eigentlich ja nicht gelernt hat. Klasse auch, wie er sich noch in der Nachspielzeit von links in den gegnerischen Strafraum wackelt und fast noch einmal eine Einschusschance vorbereitet. Nicht zu vergessen allerdings: Vor Bebous Alu-Treffer ist auch er es, der unter dem langen Diagonalball durchtaucht.

Trotzdem kann Gaus zufrieden mit sich sein, im Gegensatz zu denen, die eben nicht genannt wurden. Nach Spiel drei unter Meier darf konstatiert werden: Den hohen Organisationsgrad, den der FCK in seiner stärksten Phase unter Korkut hatte – bei der kleinen Siegesserie zwischen dem zehnten und dem zwölftem Spieltag –, hat die Mannschaft längst noch nicht wieder erreicht. In der Mittelfeldzentrale fehlen Präzision und Präsenz, auf den Flügeln Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins.

Dass Kerk und Przybylko nach ihren langen Verletzungspausen noch um Konstanz ringen, ist verständlich. Bei einem sogenannten „gefühlten“ Erstligaspieler wie Moritz kann man allerdings langsam ungeduldig werden. Und weshalb Stefan Kuntz dem Erstliga-Absteiger Paderborn 2015 stolze 800.000 Euro Ablöse für Ziegler überwies, bleibt eines der großen Mysterien am Betzenberg.

Aber da die Blogwart-Leser nicht knatschig in den Sonntag entlassen werden sollen, hier der Clip von der Glatzel-Chance. Und nicht traurig sein, weil der Ball am Ende nicht reingeht, sondern einfach freuen an der Coolness des Jungen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s