Analyseblog: Ein bisschen ärgerlich, aber auch geil – und ein Glatzel, der langsam unheimlich wird

Da kann der FCK-Fan hinterher noch so viele Zahlen, Daten und Fakten studieren, um sich selbst darüber klar zu werden, ob ihm die Darbietung seiner Mannschaft nun gefallen hat oder nicht: Am Ende ist und bleibt es eine Frage nach seiner persönlichen Einstellung zu seinem Lieblingssport. Natürlich lässt sich nach dem 3:3 des 1. FC Kaiserslautern bei der SG Dynamo Dresden hadern, dass die Meier-Männer ihren zwischenzeitlichen Zwei-Tore-Vorsprung nicht über die Zeit gebracht haben. Andererseits kann sich der Fußballfreund aber auch einfach nur daran erfreuen, mal wieder ein richtig geiles Zweitligaspiel gesehen zu haben. Dessen Unterhaltungswert nicht nur für Lautrer Verhältnisse ungewöhnlich hoch war, sondern ebenso für die der gesamten Spielklasse.

Spiel Nummer sechs unter Coach Norbert Meier, Punkt Nummer acht. Klingt jetzt nicht nach berauschender Bilanz, dennoch lässt sich durchaus eine Entwicklung erkennen. Vor allem lässt es sich nicht leugnen, dass der Mann einfach ein Händchen hat: Wenn er wo was wechselt, dann mit meist positivem Effekt.

MEIERS HÄNDCHEN MIT GLATZEL, ALIJI, GAUS, ZIEGLER, PRZYBYLKO

In Dresden änderte er bereits die Startformation auf drei Positionen, einmal freiwillig, zwei Mal gezwungermaßen. Für den verletzten Jaques Zoua brachte er Robert Glatzel – der machte zwei Tore und hätte in der Nachspielzeit fast noch ein drittes erzielt. Für den grippegeschwächten Kacper Przybylkko reichte es zunächst mal nur für einen Platz auf der Bank. Also baute Meier die linke Seite um. Marcel Gaus trug er die offensivere Position auf – worauf dieser zwei Treffer vorbereitete.

Den Defensivpart auf der linken Seite übernahm Naser Aliji. Es war der erste längere Einsatz des 23-jährigen seit dem 2. Dezember, der Partie beim FC St. Pauli – der nur einmütige Auftritt gegen Sandhausen zwei Wochen zuvor bot ihm nicht ernsthaft Spielpraxis. Der feine Techniker, der für einen Zweitliga-Verteidiger eigentlich eine Spur zu grazil ist, passte sich zügig wieder ins Mannschaftsgefüge ein und hatte kurz vor der Pause einen großen Auftritt, als Aias Aosmann FCK-Keeper Julian Pollersbeck bereits ausgespielt hatte, Niklas Hauptmann aber am auf der Linie postierten Aliji scheiterte. Als „ein bisschen Slapstick“ bezeichnete Dynamo Dresden die Szene hinterher, aus FCK-Sicht gereicht sie dem Linksverteidiger durchaus zur Ehre.

Für Marlon Frey brachte Meier wieder Patrick Ziegler. Und der bereitete sehr clever Glatzels ersten Treffer vor, als er nach einer Ecke von Sebastian Kerk am langen Eck frei an den Ball kam, allerdings nicht den Schuss aus spitzem Winkel riskierte, sondern überlegt auf den Keilstürmer in der Mitte passte. Ansonsten bot Ziegler seine übliche Kost: Solide Defensivarbeit auf der Sechs ohne viel Kreativleistung nach vorne. Frey hatte es in den beiden Spielen zuvor allerdings auch nicht viel besser hinbekommen.

Przybylko indes kam in der 75. Minute von der Bank – und erzielte in der 87. Minute das 3:3. Das vierte Joker-Tor im sechsten Meier-Spiel. Wie gesagt: Der Mann hat ein einfach ein Händchen. Über das er sich aber, wie er neulich klar stellte, „nicht definieren“ lassen möchte.

MAL WAS NEUES: GANZ SCHÖN FORSCHES PRESSING IM 4-2-4

Muss er auch nicht. Denn in punkto Spielanlage sind ebenfalls positive Weiterentwicklungen zu sehen. In den ersten 20 Minuten des Spiels beteiligten sich auch die beiden offensiven Flügelspieler schon in der gegnerischen Hälfte am Pressing, in den Spielen zuvor waren nur Zehner Daniel Halfar und der jeweilige Stürmer in dieser Region aktiv. So dass zeitweise eine 4-2-4-Formation entstand. Ganz schön forsch also, und wohl der Erkenntnis geschuldet, dass die Ballbesitz orientierten Dresdner am wirkungsvollsten in ihrem nicht gerade spielstarken Defensivverbund zu attackieren sind. Zumal ihnen mit Sechser Marco Hartmann und Innenverteidiger Florian Ballas zwei Stammkräfte fehlten.

„Wir haben den Gegner gezwungen, mit langen Bällen zu arbeiten, das ist uns gelungen“, lobte auch Meier den Auftritt seines Teams in dieser Spielphase. Was nach Glatzels Doppelschlag geschah, gefiel ihm allerdings weniger: „Ich weiß nicht, ob wir uns zu sicher gefühlt haben, wir haben Dinge beiseite geworfen, die wir vorher besprochen haben, und wir haben dem Gegner ermöglicht, zu Torchancen zu kommen.“

Im Klartext: Die Lautrer ließen sich von couragiert reagierenden Dresdnern zu stark nach hinten drängen, pressten deren Hintermannschaft nicht mehr so intensiv, die Flügelspieler zogen sich wieder hinter die Mittellinie zurück. Und dann klingelte es leider noch vor der Pause gleich zwei Mal.

GAR NICHT GUT: ZWEI GEGENTREFFER NOCH VOR DER PAUSE

Bei Gegentreffer Nummer eins steht nach einer Rechtsflanke von Marvin Stefaniak Manual Konrad 14 Meter vor dem Tor frei. Die Abwehrspieler markieren die vordere Angriffsreihe am Fünfer ordentlich. Dass Tim Heubach den Flankenball in großer Bedrängnis nicht weiträumiger klären kann, ist nicht das Hauptproblem. Die Lauterer haben es nicht zum ersten Mal in dieser Saison versäumt, den Rückraum abzusichern: Auch in Nürnberg haben sie kurz vor Schluss Guido Burgstaller in ähnlicher Position zum Schuss kommen lassen und so den entscheidenen Treffer zum 1:2 kassiert.

Beim zweiten Gegentreffer schießt Ewerton einen für einen Abwehrspieler seines Formats absolut ungewöhnlichen Bock. Er umklammert Stefan Kutschke einfach zu offensichtlich und stützt sich auch noch leicht auf ihn auf. Da darf Schiedsrichter nun einmal Elfmeter pfeifen. Schade, dass Pollersbeck nur fast noch die Hand an Kutschkes Strafstoß bekommt.

Zur Pause muss der Brasilianer dann raus. Mit einer Fleischwunde, die mit fünf Stichen genäht werden muss. Ob sie einen längere Ausfall nach sich zieht, ist noch nicht bekannt. Gaus dagegen setzt im kommenden Heimspiel gegen Heidenheim auf jeden Fall aus: Er kassierte die 5. Gelbe Karte.

WIE TRÜGERISCH SO EINE BALLBESITZ-STATISTIK DOCH SEIN KANN

In der Zweiten Halbzeit flaut die turbulente Partie für eine Weile ab. Die Lauterer verteidigen weiterhin tiefer als in den ersten 20 Minuten, stehen nun aber sicher. Die Dresdner haben zwar Ballbesitz, aber meist weit weg vom gegnerischen Kasten. Wodurch sich zeigt, wie trügerisch Possession Play-Statistiken sein können: Eine prozentuale Ballverteilung von 67:33, das liest sich, als hätte Bayern gegen Darmstadt gespielt. Tatsächlich ausgesehen hat es so nicht ansatzweise.

Den erneuten Führungstreffer schießen dennoch die Sachsen. Diesmal ist es Kerk, der zu weit vom Mann postiert ist und Aosmann so einen Zuckerpass auf Niklas Kreuzer ermöglicht, den dieser ähnlich überlegt und scharf hereingibt wie Ziegler in Hälfte eins. Diesmal hält Kutschke den Fuß dran. „Ein Tor aus dem Nichts“, konstatiert Norbert Meier. Kurz vor Schluss egalisiert Przybylko nach – allerdings abgefälschtem – Zuspiel von Gaus: „Ebenfalls aus dem Nichts“, räumt der FCK ein.

ES BLEIBT DIE BANGE FRAGE: WAS WIRD AUS GLATZEL?

Was bleibt, ist die Erinnerung an ein endlich mal wieder mitreißendes Fußballspiel. Und an zwei weitere Tore Robert Glatzels, die den 23-jährigen langsam unheimlich erscheinen lassen. In 214 Einsatzminuten dieser Saison hat der Junge nun schon vier Mal genetzt, und die Anhänger stellen sich die bange Frage, ob der FCK den Spätentwickler über die Spielzeit hinaus halten kann.

Wie „Der-Betze-Brennt“ bei Sportdirektor Uwe Stöver erfragt hat, hat dieser sein Angebot für Glatzel schon zwei Mal nachgebessert.  Der Stürmer erklärt sich zwar grundsätzlich bereit, bleiben zu wollen, macht es aber erst einmal weiter spannend. Hart für den Fan, aus Sicht des Profis aber verständlich. So, wie es derzeit läuft, kann er seinen Marktwert mit jedem Einsatz nur noch weiter steigern.

 

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