Kohlis Arschkarte: Die Zukunft der Traditionsvereine ist düster, der „kicker.tv“-Talk aber auch – die große Fernsehkritik

Als Kohli noch regelmäßig um 18.15 Uhr vor der Glotzkiste saß, liefen kulturell wertvolle Produktionen wie „Schweinchen Dick“ oder „Immer wenn er Pillen nahm“. Heute zwingt ihn nur der Spielplan der Zweiten Liga gelegentlich, bereits um 18.30 oder 17.30 Uhr einzuschalten, ansonsten ist er um diese Uhrzeit in der Regel anderweitig umtriebig. Doch was will er machen, wenn „kicker.tv“ am Frühabend schon zum „Talk“ lädt? Und dann auch noch mit dem Thema „1860, St. Pauli, FCK: Nie mehr 1. Liga?!“ Und, last but not least, ein Teilnehmer dieser Runde Axel Roos ist, ein Held der Generation Kalli? Einschalten halt.

Ja, der Axel. Hatte damals schon nicht so sehr viel Haare. Jetzt sind die wenigen kurzrasierten auch noch grau geworden. Dafür wird er vom Moderationsandroiden Marco Hagemann als „Mister 1. FC Kaiserslautern“ vorgestellt. 17 Jahre Profi bei immer ein und denselbem Verein, abgestiegen, aufgestiegen, zwei Mal Meister geworden.

ACH, AXEL: IMMER NOCH BETZE NACH ALL DEN JAHREN

Was nicht gesagt wird: Er ist von seinem Herzensverein oft genug auch scheiße behandelt worden. In seiner letzten Profisaison hat Meistertrainer Otto R. den Axel einfach links liegengelassen. Das letzte Saisonspiel damals war ein Heimspiel gegen Hertha BSC, in dem es um absolut nichts mehr ging, das 0:1 endete und bei dem man genauso gut auch weißer Wandfarbe beim Trocknen hätte zusehen können. „Rheinpfalz“-Redakteur Hort Konzok fragte Otto R. hinterher, wieso er in diesem ansonsten bedeutungslosen Kick nicht wenigstens Axel Roos die Gelegenheit geben wollte, sich im FCK-Trikot von seinen Fans zu verabschieden, und wurde dafür verbal abgewatscht – ja, so war er eben auch, der Herr Meistertrainer.

In den Jahren danach hat Axel Roos immer wieder versucht, als Scout oder mit diversen Jugendförderkonzepten beim FCK zu landen, wurde aber stets abgekanzelt, mal mehr arrogant, mal weniger. Trotzdem ist der FCK sein Verein geblieben, und allein dieser Umstand belegt, dass ein Traditionsverein nun einmal das Herz einer Region und seiner Menschen ist und bleiben wird, egal, wie viele Arschlöcher an der Spitze sich gegenseitig das Ruder aus der Hand reißen wollen.

BALKEN PFLASTERN DIESEN TALK

Da bräuchte es gar keine „kicker“-Umfrage, in der 75 Prozent aller Befragten erklären, dass der Bundesliga gegenwärtig die Traditionsvereine fehlen. Aber so ein Schnitt auf so eine Balkengrafik tut so einem Talk eben auch mal gut. 60 Minuten in immer die gleichen Visagen von Laberbacken zu gucken, das hielte ja noch nicht einmal Kohli aus.

Apropos Balken: Wessen schnauzbartverzierte Züge sind ungefähr doppelt so oft im Bild wie das jedes anderen Talkers? Natürlich. Der Mann, der schon immer alles gecheckt hat, der einfach Bescheid weiß, weil er in Traditionsvereinen öfter entlassen worden ist als Klaus Kinski Sex hatte. Der sofort mit Sentenzen für die Ewigkeit auftrumpft wie: „Je mehr wir über die Vergangenheit reden, je schlechter wird die Gegenwart, und desto grauenhafter wird die Zukunft“.

Die Kollegen von der „kicker.tv“-Redaktion haben daraus schon einen Teaser geschnippelt, noch bevor die ganze Sendung online gegangen ist. Versehen mit dem Claim „Neururer kritisiert Traditionsvereine.“ Ein anderer Teaser heißt: „Neururer kennt das Problem vieler Vereine.“ Ja, wer auch sonst? Der Pornobalken steht bei Peterle eben für geballte Kompetenz, so wie er bei John Holmes einst für seinen… Lassen wir das Saugenickel jetzt mal fürs Erste.

JA, JA, JA: DER „FEHLENDE REALISMUS“ UND DAS ÜBERZOGENE ANSPRUCHSDENKEN

Womit wir auch schon bei der Kernaussage der Sendung sind: Die Traditionsvereine, die derzeit in der zweiten Hälfte in der Zweiten Liga dümpeln, sind an ihrer Situation selbst schuld, weil sie total in der Vergangenheit behaftet sind und daraus wiederum ein „fehlender Realismus“ resultiert, wie „kicker“-Redakteur Carsten Schröter ausführt, ein Sportjounalist der neuen Generation, die um so vieles sexier ist als die Jahrgänge um Kohli mit ihren krummen Beinen, platten Füßen und bierbetankten Wampen: Schlank, gepflegt, mit smartem Augenbrauenspiel, als Werbeikonen für Herrenkosmetik ebenso kompatibel wie für profunde Ballsportberichterstattung.

Der „fehlende Realismus“ wiederum führe zu vollkommen irrem Anspruchsdenken, führt die Runde weiter aus – Hat an dieser Sendung vielleicht ein gewisser Stefan K. mitgescripted? Und dann gibt’s einen Filmeinspieler, in dem die Autoren mit einer fulminanten Bildsprache dem ehemals ruhmreichen 1. FC Kaiserslautern volle Breitseiten mitgeben: Der Klub sei „nur noch ein Schatten seiner selbst, aus dem Deutscher Meister von einst ist ein Sitzenbleiber geworden“, und sogar Thilo Sarrazins Formulierungskraft dient als Inspiration: „Ein Traditionsverein schafft sich ab.“ Dazwischen gibt’s auch mal einen netten Satz: „Mit dem FCK fehlt der Bundesliga auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte“. Man will die Zuschauer in der Pfalz ja nicht mit aller Gewalt vergraulen.

Apropos: Kohlis Blase meldet sich – noch keine Werbepause in Sicht. Kohlis Herzblatt – was war das doch für eine schöne Vorabendsendung – will  was am Computer ausgedruckt haben. Die Katze plärrt nach Futter. Aber Kohli kann jetzt nicht. Er muss weitergucken, weiter naschen am Nektar der Erkenntnis.

IN KNOW-HOW INVESTIEREN, KANN NUR HEISSEN: PETER NEURURER VERPFLICHTEN!

Der Axel versucht mal zu differenzieren: Die anderen gefallenen Traditionsvereine, über die hier geredet wird, sind alles Großstadtklubs. Der FCK nicht. Da fehle es an potenziellen Sponsoren, Infrastruktur et cetera. Daher gebe es nur die Chance, auf die Jugend zu setzen. Oder drauf zu hoffen, dass irgendwann mal ein Scheich vorbeikommt. Oder ein anderer Großinvestor. Aber da kann unter Umständen auch Scheiße bei rauskommen. Siehe 1860 München.

Und schon hat das Peterle wieder das Wort. Das sei überhaupt das Schlimmste: Wenn die Traditionsvereine dann irgendwann mal Leuten in die Hände fallen, die sich nur profilieren wollen, vom Fußball und dem Geschäft aber keine Ahnung haben. Dabei müsse doch das oberste Gebot sein: In Know-How investieren. Irgendwie scheint da im Subkontext mitzuschwingen: In Know-How investieren = Peter Neururer verpflichten. Aber so etwas würde das Peterle niemals offen sagen. Isser viel zu schlau für.

Tja, früher sei halt eben alles etwas ausgeglichener gewesen, fährt das Peterle fort (ob die anderen Gesprächsteilnehmer nicht auch langsam auf den Topf müssen, so wie Kohli?)  Da haben eben alle in erster Linie von den Zuschauern gelebt, die ins Stadion kamen. Da standen die Traditionsvereine, die das Publikum nun mal sehen will, automatisch besser da. Heute spiele das Stadionpublikum nur noch eine untergeordnete Rolle. Die wahre Finanzkraft kommt heute von Sponsoren, Investoren, TV-Geldern… Wer hätte das gedacht?

DEN TV-VERTEILUNGSSCHLÜSSEL MAL HINTERFRAGEN, DAS WÄR DOCH MAL WAS

Apropos TV-Gelder. Der Moderationsandroid merkt an, dass es mit dem neuen TV-Verteilungsschlüssel zwar mehr Geld für die Zweite Liga gebe, die Differenz aber immer noch sehr groß sei, St. Pauli-Geschäftsführer Rettig spreche sogar davon, dass im Oberhaus bald „eine geschlossene Gesellschaft“ entstehe, in die von unten keiner mehr eindringen könne.

Gemeint ist: Der neue TV-Verteilungsschlüssel bringt den Zweitligisten in absoluten Zahlen zwar etwas mehr Kohle, lässt die Schere zwischen oben und unten aber noch weiter auseinanderklaffen. Hier wäre anzusetzen: Wenn die Menschen, siehe Umfrage oben, eigentlich lieber Traditionsvereine sehen wollen, warum hat man im Verteilungsschlüssel nicht die Einschaltquoten bei Live-Übertragungen berücksichtigt?

Der FCK muss schließlich deswegen so oft montags ran, weil erwiesener Maßen sich dann mehr TV-Glotzer die Werbeblöcke bei „sky“ und „Sport 1“ reinpfeifen, als wenn Heidenheim gegen Sandhausen liefe. Zum Leidwesen der Fans, die mit in die Fremde reisen wollten, dies aber an einem Montag nicht können. Partizipation an den Einschaltquoten wär doch da irgendwie auch ein Ausgleich, eine Art Schmerzensgeld.

DIE ABWÄRTSSPIRALE DREHT SICH AUCH BEIM TALK

Aber so tief in die Materie einsteigen will die Runde dann doch nicht. Lieber noch ein bisschen über den Kostenapparat lamentieren, den sich der FCK großmannsüchtig selbst aufgeblasen hat, als er WM-Stadion wurde. Klar würde der Laden, im Gegensatz zu anderen, auch voll werden, wenn dem Publikum attraktiver Fußball geboten würde, aber je länger du in der Zweiten Liga spielst, desto weniger Geld hast du, und je weniger Geld du hast, desto… irgendwie dreht sich diese Abwärtsspirale im Leben genauso wie im Talk.

Übrigens: Auch wenn der Zuschauerschnitt des FCK in der Zweiten Liga der 20.000er Marke entgegendümpelt – in Leverkusen gucken auch nicht mehr zu, wenn Bayer unterm Werkskreuz in der Champions League kickt. Hoffenheim-Coach Julian Nagelsmann zeigte sich gerade fassungslos, weil nur 23.000 sein Team gegen Augsburg sehen wollten, obwohl es, das ist neidlos anzuerkennen, guten Fußball bietet und recht überraschend an den Champions League-Plätzen kratzt.

Sollte man nicht langsam mal zu einem „Talk“ laden, in dem es um die Zukunft des Fußballs im Sponsoren- und Investorenzeitalter geht? Denn wie werden sich die Geldgeber verhalten, wenn keiner mehr gucken kommt? Und was heißt hier „kommt“? Aus England werden jetzt auch schon rückläufige Zuschauerzahlen im TV-Bereich gemeldet. Nicht mal mehr in der heimischen Furzmulde sitzend wollen sich die ewigen Elfmeterschießenverlierer  Vereine anschauen, die sie nicht interessieren.

UND AM ENDE BRAUCHEN WIR DOCH ALLE NUR EIER

Aber solche Überlegungen würden in diesem Talk zu weit führen. Wenn die Problemvereine jetzt auch noch anfingen, ihre u23 abzuschaffen, fänden das alle scheiße, weil die Jugend doch die einzige Chance wäre, die ihnen bliebe. Und was bei 1860 abgeht, finden erst recht alle blöd. Überhaupt sind sowieso alle immer eine Meinung, nur dass das Peterle seine halt immer mit drei Mal so vielen Worten formuliert.

Hat irgendjemand mal dran gedacht, dass so einem „Talk“ auch ein wenig Streitkultur gut täte? Kann sich noch irgendjemand daran erinnern, wie der selige Marcel Reich-Ranicki einst im „Literarischen Quartett“ seiner Kollegin Sigrid Löffler vorhielt, sie hätte keine Ahnung von nackischer Mauserei – und wie sie dann fast in Tränen ausbrach? Ja, so kurzweilig konnten sie einst sein, die Hoch-Zeiten des deutschen TV-Talks.

 „Die Würde muss ich mir nicht nehmen lassen“, meint Michael Dinzey irgendwann zur 1860-Problematik. Er ist ehemaliger Spieler von Sechzig und Pauli und der Hader mit diesen Traditionsvereinen hat ihm so sehr die Mundwinkel heruntergezogen, dass seine Unterlippe jetzt vollkommen ausgeleiert ist. Dann zitiert er noch Olli Kahn, Ihr wisst schon, den Satz mit den Eiern.

Stimmt alles irgendwie. Und damit kann Kohli endlich schiffen gehen. War aber schön, den Axel mal wieder gesehen zu haben. Wer auch mal einen Blick riskieren will – bitte sehr.

 

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