Extrablog: Lichtblick oder Irrlicht? Der Versuch einer positiven Zukunftsprognose

Es ist gute Sitte in diesem Blog geworden, Länderspielpausen für Zwischenbilanzen zu nutzen. Diesmal dürfte es schwer werden, dafür Leser zu finden. Die Enttäuschung nach dem 0:2 in Bielefeld sitzt wohl noch zu tief, als dass der Blick nach vorne oder zurück lohnenswert erscheinen könnte. Andererseits: Gerade in diesen Zeiten braucht es eine differenzierte Sicht der Dinge. Pauschal „alles Scheiße“ finden, kann in dieser Situation jeder. Und es hilft weder dem FCK noch seinem Anhang, eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln.

Betrachten wir zunächst einmal nur die Fakten. Acht Spiele hat der FCK in der Rückrunde bestritten. Die Bilanz: Zwei Siege, drei Unentschieden, drei Niederlagen. Macht neun Punkte. Ist nicht berauschend, andererseits: Behalten Trainer und Team den Punkteschnitt bei, holt die Mannschaft in den noch ausstehenden neun Spielen zehn Punkte, käme so auf insgesamt 38 Zähler. Damit ist noch nie jemand aus der Zweiten Liga abgestiegen, seit diese sich auf drei Absteiger beschränkt hat, also seit der Spielzeit 2008/09. In der Saison 2012/13 musste Dynamo Dresden mal mit 37 Punkten in die Relegation, davor und danach war man auch mit dieser Zählerzahl gerettet.

Wir notieren: Die Lage ist ernst, bietet aber auch keinen Anlass, nur noch in die Tüte zu atmen.

OB IHR’S GLAUBT ODER NICHT: EIN BISSI WAS IST BESSER GEWORDEN

In den acht Spielen unter Meier hat die Mannschaft neun Tore erzielt. Haut auch niemanden um, ist aber eine deutliche Steigerung nach den historisch schlechten elf Treffern in 17 Spielen unter Tayfun Korkut. Besser geworden ist auch die Ausbeute nach ruhenden Bällen, ein großes Manko der Vorrunde. Glückte da lediglich Jacques Zoua mal ein Treffer nach einer Ecke – in Nürnberg am 17. Spieltag –, erfolgten von den neun Toren unter Meier bereits drei nach ruhenden Bällen.

Ebenfalls auffallend: Das gute Händchen des Trainers bei Einwechslungen. Gegen Würzburg und Sandhausen sowie in Dresden steuerte jeweils ein Joker einen Treffer bei, dem Heidenheimer Eigentor beim 1:1 ging ein Lattentreffer des ebenfalls eingewechselten Zoltan Stieber voraus. Auch Meiers entschlossener Doppelwechsel zur Pause auf der Sechs beeindruckte, bewirkte er doch eine deutliche Leistungssteigerung und am Ende den Punktgewinn.

Es ist also einiges besser geworden unter Meier. Der am Betzenberg im übrigen eine bessere Figur macht, als so mancher es ihm zugetraut hat. Sicher pflegt er vor allem gegenüber Medienvertretern eine größere Distanz, wirkt er bestimmter und weniger verbindlich als sein Vorgänger. Was dies aber über seine Qualitäten als Trainer aussagt? Richtig: Grad mal gar nix. Zum „Unsympathen“, als der er in einigen Fan-Foren begrüßt worden ist, macht ihn sein etwas reserviertes Auftreten noch lange nicht. Und überhaupt ist der FCK mit autoritären Trainertypen schon immer besser gefahren.

DAS PROBLEM: DIE TEUFELSSPIRALE DREHT SICH UND DREHT SICH

Wo es fehlt? Der FCK wartet weiter auf einen Auswärtssieg, der letzte datiert vom 29. Oktober, ein 1:0 in Fürth. Und obwohl die Heimbilanz mit sieben Punkten aus drei Spielen ordentlich ist: Da fehlt es noch an einer Handschrift, an einem Offensivstil, der das Publikum wieder begeistert und ins Stadion zurückholt. Schon klar: Den zu etablieren, braucht Zeit. Aber die läuft dem Verein ebenso weg wie die Zuschauer.

Womit wir beim eigentlichen großen Knackpunkt wären: dem Teufelskreis, der eigentlich eine Spirale ist. Der FCK, so hat Sportdirektor  Uwe Stöver schon mehrmals erklärt, will sich diese Saison konsolidieren, nächste Saison weiterentwickeln und in der übernächsten oben angreifen. Ein Dreijahresplan also, im dem eine Spielzeit auf der anderen aufbauen soll. Liest sich ja nett, ist nur in der Realität der Zweiten Liga sehr schwer umzusetzen.

Denn dazu müsste im Sommer ein Mannschaftsgerüst stehenbleiben, auf dem weiter aufgebaut werden kann. Vor allem sollten keine Leistungsträger verkauft werden, wenigstens nicht alle. Das aber lässt sich gegenwärtig kaum ausschließen.

IM SOMMER MÜSSEN WIEDER FINANZIELLE LÖCHER GESTOPFT WERDEN

FCK-Finanzvorstand Michael Klatt rechnete vergangene Woche bereits der „Rheinpfalz“ vor, dass der FCK in dieser Saison von 2,6 Millionen Euro Verlust ausgehe, unter anderem in Folge der rückläufigen Zuschauerzahlen. Diese  wiederum sind aufs maue sportliche Abschneiden zurückzuführen, werden sich tendenziell also weiter verschlechtern, wenn der Verein weiter in der Grauzone herumgurkt. Zudem erhöht sich die Stadionpacht in der kommenden Saison um 300.000 auf 2,7 Millionen Euro. Außerdem will Klatt im Sommer eine einst gestundete Pacht in Höhe von 600.000 Euro zurückzahlen.

Es ist also davon auszugehen, dass im Transfergeschäft wieder Millionengewinne erwirtschaftet werden müssen, um diverse Finanzlöcher zu stopfen. Davor braucht von  Investitionen in Verstärkung der Mannschaft niemand zu reden.

Wie unter diesen Umständen ein dennoch positives Zukunftsszenario aussehen kann? Das hat weniger was mit vernünftigem Prognostizieren zu tun als mit naiv-hoffnungsfrohen Phantasieren. Versuchen wir es trotzdem mal.

WIEDER NEUAUFBAU? WO BLIEBE DA DIE WEITERENTWICKLUNG?

700.000 Euro hat der FCK 2017 bereits eingenommen, sofern die kolportierten Ablösen für Alexander Ring und Tayfun Korkut hinkommen. Das ist doch schon mal eine Basis.

Ablösen in einer Höhe, die weiterhilft, dürften sich im Sommer nur mit drei Spielern generieren lassen: Julian Pollersbeck, Robin Koch und Philipp Mwene haben sich auf ein Niveau entwickelt, das sie für Erstligisten interessant macht, die Beträge um die  zwei Millionen oder etwas darüber bieten können. Für alle anderen Kaderspieler sind im Vergleich dazu lediglich Kleckerbeträge zu erwarten.

Werden alle drei verkauft, wäre wohl genug Geld da, um finanzielle Löcher zu stopfen und in kickendes Personal zu investieren, doch wäre der Verlust an sportlicher Qualität enorm. Zusammen mit den Abgängen von Spielern, die unzufrieden sind oder deren Verträge auslaufen sowie der Leihgaben, droht dann wieder einmal ein Neuaufbau – von „Weiterentwicklung“ könnte da kaum noch die Rede sein.

POLLERSBECK-KOCH–MWENE: MINDESTENS EINER MUSS VERKAUFT WERDEN

Und erneut würde mit einer Mannschaft in die Saison gestartet werden, die sich erst einmal einspielen müsste, ebenso wie – mit hoher Wahrscheinlichkeit – die Erstligaabsteiger. Die aber dürften nach dem Verkauf ihrer Leistungsträger noch viel mehr Geld als der FCK im Säckel haben. So dass der einzige Vorteil, den ein klammer, aber etablierter Zweitligist gegen die mutmaßlichen Topfavoriten im nächsten Aufstiegsrennen haben könnte – nämlich, mit einer bereits gewachsenen Mannschaft starten zu können – schon wieder dahin wäre.

Um auf eine positive Entwicklung spekulieren zu können, sollte das Trio daher nicht komplett verkauft werden. Vielleicht bleibt auch nach einem oder zwei Transfers noch ein bisschen was übrig, auch dank der bereits eingenommenen 700.000 Euro. Mehr als eine höhere Ablöse für einen Neuen dürfte dann aber kaum gestemmt werden können.

Die wiederum müsste optimaler Weise für einen Spieler gezahlt werden, der bereits am Betzenberg spielt: den Brasilianer Ewerton. Den routinierten, ballsicheren Abwehrchef zu halten, sollte oberste Priorität haben, um weiter Stabilität in der Defensive zu gewährleisten und einen kontrollierten Spielaufbau von hinten heraus ermöglichen. Die Verantwortlichen haben in der „Rheinpfalz“ bereits verlautbart, dass sie um den Brasilianer „kämpfen“ wollen. Gute Einstellung, aber Kampf ohne Kapital bringt in diesem Fall nichts.

GLATZEL-HEUBACH-GAUS: AM BESTEN VERLÄNGERN

Nächster Schritt, um die personelle Fluktuation in Grenzen zu halten: Die Vertragsverlängerungen mit Robert Glatzel, Tim Heubach und Marcel Gaus. Dass es ein Jammer wäre, wenn Glatzel nach seinem Coming out als Torjäger im Sommer ablösefrei ginge, müssen wir wohl nicht diskutieren.

Bei Heubach und Gaus hingegen mag der ein oder andere jetzt vielleicht einwenden, dass es bei beiden „für höhere Ansprüche“ nicht reicht. Dagegen wäre zu sagen, dass die beiden gegenwärtig zur Startelf gehören und sie, falls sie in der kommenden Saison von stärkeren Spielern verdrängt werden, auf jeden Fall immer noch brauchbare Ergänzungsspieler abgeben können. Zudem hat die sportliche Leitung gerade „Mentalitätsprobleme“ im aktuellen Team ausgemacht, da wäre es kein gutes Signal, ausgerechnet mit dem stets willensstarken Gaus nicht zu verlängern.

Den Leihvertrag mit Marlon Frey fortzuführen, dürfte hingegen kaum zur Disposition stehen. Auch bei Sebastian Kerk stehen die Zeichen tendenziell auf Abschied. Die Freiburger Leihgabe hat ohne Frage Talent, hat sich in der Rückrunde zunächst auch gut entwickelt, nachdem sie fast die komplette Vorrunde ausgefallen war, stagnierte zuletzt jedoch gegen Heidenheim und in Bielefeld wieder gewaltig. Wenn Kerk in den nächsten Spielen nicht spürbar anzieht, macht es keinen Sinn, für ihn ebenfalls Ablöse zu investieren. Eine Vertragsverlängerung mit Sebastian Jacob sollte ebenfalls kein Thema mehr sein.

OSEI-KWADWO KEHRT ZURÜCK, KESSEL-WECHSEL SCHEINT RECHT FIX

Nächster Schritt: Die Trennung von Spielern mit laufenden Verträgen, die unzufrieden sind oder dem FCK nicht mehr weiterhelfen können. Stipe Vucur hatte schon im Winter den Verein verlassen wollen, nachdem er nur noch Innenverteidiger Nummer vier war. Daran hat sich auch in der Rückrunde nichts geändert, im Sommer dürfte endgültig Schluss sein. Und bei Patrick Ziegler sollte nach nunmehr zwei Jahren offensichtlich sein, dass der FCK auf der Sechs eine spielstärkere Lösung braucht.

Mit diesen beiden Abgängen hielte sich der Aderlass insgesamt in Grenzen.

Dafür kommt mit Manfred Osei-Kwadwo ein Offensivspieler zurück, der sich bei Großaspach in der Dritten Liga gut entwickelt hat. Wenn Max Dittgen in dieser Saison noch ein paar Schritte vorwärts macht – Talent wird ihm ja von allen Seiten bescheinigt – , verfügt der FCK in der kommenden Saison mit diesen beiden sowie Gaus und Kacper Pryzbylko auf den Flügeln über vorzeigbare Alternativen. Mit Nicklas Shipnoski harrt noch ein weiteres Talent auf Spielpraxis. Auch Daniel Halfar und Zoltan Stieber können außen eingesetzt werden.

Mit Benjamin Kessel hat der FCK bereits einen Spieler an der Angel, der hervorragend passt: In der Defensive flexibel einsetzbar, schnell, kopfballstark. Allerdings ist der Transfer von Union Berlin noch nicht fix.

TROTZ ALLEM: VORWÄRTSENTWICKLUNG IST MÖGLICH

Kommt Kessel, hätten für die kommende Saison lediglich noch Neuverpflichtungen für die Abgänge aus dem Trio Pollersbeck-Koch-Mwene sowie fürs defensive Mittelfeld Priorität. Dazu vielleicht noch ein flexibler Mann für die Offensive. Dieses Personal im ablösefreien Angebot auf dem Markt zu finden, ist sicher nicht einfach, aber auch kein Ding der Unmöglichkeit. Sportdirektor Uwe Stöver hat auf seinen früheren Stationen schon bewiesen, dass er das kann.

Und wenn es dann noch den „gefühlten“ Erstligaspielern Zoltán Stieber und Christoph Moritz endlich gelänge, mal über einen längeren Zeitraum den eigenen Ansprüchen gerecht, vielleicht sogar echte Leistungsträger zu werden, wäre eine Vorwärtsentwicklung trotz aller Auflagen möglich.

Wie? Das ist alles zu vage, zu naiv zusammenfabuliert, liest sich mehr wie Irrlichterei denn als Lichtblick? Nicht zuletzt, weil ja doch immer alles anders kommt? Mag sein. Macht aber mehr Laune, als schmollend in der Ecke zu sitzen und auf der Ansicht zu beharren, nach Bielefeld wär es das Beste, alle würden abhauen, Spieler, Trainer, Sportdirektor, Vorstand.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s