Gegnerblog: „Rational muss man zufrieden sein, emotional ist das düster“ – Interview mit VfL-Blogger Tom MacGregor

Kann es eigentlich noch jemand hören? Am Mittwoch (17.30 Uhr) treffen im Vonovia Ruhrstadion – doch, so heißt das jetzt – zwei „Traditionsvereine“ aufeinander. Als ob das in der Zweiten Liga mittlerweile noch etwas Besonderes wäre. Allerdings kann es für Lautern-Fans durchaus interessant sein, Vergleiche mit dem VfL Bochum anzustellen, wenngleich die Betrachtung eher melancholisch stimmt. In Bochum liegt der Abstieg aus der Ersten Bundesliga zwei Jahre länger zurück als in Lautern, von daher ist auch die Entwicklung, die in der Pfalz ebenfalls längst zu erkennen ist, entsprechend weiter vorangeschritten: Mit jedem Jahr im Unterhaus werden die wirtschaftlichen Voraussetzungen, um oben anzugreifen, schlechter, der Anhang jedoch träumt unverdrossen davon, dass der große Coup doch noch einmal gelingt, da kann Frustration auf Dauer nicht ausbleiben. Tom MacGregor verfolgt beim VfL diesen Weg nach wie vor hautnah. Als Fan und Mitgründer von Commando Bochum , in seinem persönlich Blog „Toms Vaueffellwelt“ und als Buchautor . Für den Blogwart hat er mal die Befindlichkeiten einer Bochumer Fanseele ausgelotet.

Wo kommst du eigentlich her, Tom? MacGregor klingt nicht gerade nach Ruhrpott…

Ich hab schottische Wurzeln, bin aber im Ruhrpott aufgewachsen. Allerdings arbeite ich seit ein paar Jahren in Köln, das tut manchmal schon weh. Am Mittwoch zum Beispiel muss ich berufsbedingt mein erstes Heimspiel verpassen. Warum konnte das nicht an einem Samstag stattfinden?

Und wie lange bist du schon VfL-Fan?

Ich bin 1971 geboren, seit 1978 verfolge ich den VfL theoretisch, seit 1982 besuche ich Heimspiele, seit Ende der 1980er Jahre bin ich auch bei Auswärtsspielen dabei. Ich hab unseren legendären Präsidenten Ottokar Wüst erlebt, hab Jochen Abel, Franz-Josef Tenhagen und Thorsten Legat spielen sehen und kann mich natürlich noch gut an die Zeit erinnern, als Kaiserslautern noch eine Mega-Heimmacht war.

Wie bist du bislang mit der Saison deines VfL zufrieden?

Natürlich nicht so sehr. Man muss allerdings auch sehen: Im Mittelfeld der Zweiten Liga herumzukrebsen, ist mittlerweile Normalität für Bochum. Letztes Jahr hatten wir mal einen Ausreißer nach oben, davor haben wir drei Jahre gegen den Abstieg gespielt. Rational muss man eigentlich zufrieden sein. Emotional ist das alles aber ein wenig düster.

Ist derzeit ein Talent in Sicht, das man vielleicht teuer verkaufen kann, so dass der Verein mal wieder investieren kann?

Das ist ja das Problem: Mit Terodde, Bulut und Terrazzino haben wir unsere besten Spieler bereits im Sommer abgegeben. Dazu kommt Verletzungspech. Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir gegen Kaiserslautern nicht verlieren, sonst geraten wir noch in Abstiegsgefahr.

Johannes Wurtz ist doch ein Spieler, der sich gut entwickelt…

Ja, das könnte vielleicht einer sein. Aber er spielt gegenwärtig auf der falschen Position. Das ist eigentlich ein Stürmer, den man lang schicken kann. Er agiert aber auf der Zehn, weil Thomas Eisfeld verletzt ist. Da gehört er nicht hin. Dazu fehlen die Außenverteidiger Stefano Celozzi und Timo Perthel. Letztes Jahr waren wir zuhause noch eine Macht, aber 2017 war das bislang ziemlich bitter. Die Mannschaft hat sich noch nicht gefunden.

Ihr spielt jetzt im 7. Jahr Zweiten Liga, macht also schon zwei Jahre länger die Erfahrung, die wir in Kaiserslautern nun im fünften Jahr machen: Mit jeder neuen Saison wird es schwieriger, die wirtschaftlichen Möglichkeiten zu schaffen, um oben anzugreifen, doch die Fans träumen weiter von der Ersten Liga…

Ja, die Sehnsucht ist auch bei uns nach wie vor da. In Lautern ist sie sicher noch größer, aber in Bochum will man zumindest im Kopf haben, oben angreifen zu können. Da hat sich auch bei uns mittlerweile Ernüchterung breit gemacht, hört man immer öfter, vielleicht schaffen wir es die nächsten zehn Jahren gar nicht mehr. Die Ausgliederung der Profi-Abteilung wird bei uns ebenfalls thematisiert, noch so eine Geschichte, die nicht so ganz ohne ist. Und es wird ja nicht besser. Durch die Neuverteilung der Fernsehgelder werden die Absteiger, die im Sommer aus der Ersten Liga kommen, noch besser gepolstert sein als bisher.

In Lautern stagnieren allmählich auch die Zuschauerzahlen…

Bei uns auch. Obwohl wir mit Neururer bis vor einiger Zeit noch einen Medientrainer hatten, der Fußball als Event in den Medien propagieren konnte, da kamen tatsächlich ein paar Leute mehr. Hinzu kommt: Es gibt kaum noch Westderbys, die Zweite Liga hat sich mit Vereinen wie Heidenheim und Sandhausen nach Süden verschoben, dadurch wird sie für den Westen unattraktiver. Und irgendwann fangen dann auch die jungen Fans, die nachrücken müssten, an, sich zu Vereinen wie Schalke und Dortmund zu orientieren. Das zerstört ebenfalls Zukunftsfähigkeit. Und macht ratlos, weil man da nichts machen kann.

Dabei habt Ihr mit Gertjan Verbeek einen der spannendsten Trainertypen der Liga. Einen, der sich auch trainingsmethodisch von den anderen abhebt, wie kaum ein anderer Abläufe trainieren lässt. Und wenn der VfL unter ihm seine Hoch-Phasen hatte, hat er auch richtig tollen Fußball gespielt. Warum bringt einer wie Verbeek bei Euch keine Konstanz rein?

Wir haben eben nicht nur die besten Spieler abgegeben, auch die Neuzugänge haben nicht so eingeschlagen. Mlapa ersetzt keinen Terodde, Stiepermann und Weilandt ersetzen keinen Bulut, Hagerer und Terrazzino, das muss man klar sehen. Mit Spielern aus der zweiten Reihe kann der Trainer sein anspruchsvolles Konzept nicht umsetzen, da würden sich auch ein Guardiola und ein Klopp die Zähne dran ausbeißen. Dazu kommt, dass Verbeek kein einfacher Typ ist, knorrig und eigen, manchmal auch arrogant, vor allem im Umgang mit den Medien. Klar ist er ein Glücksfall für den VfL, aber um Konstanz reinzubringen, hätte er zu seinem Konzept auch Geld gebraucht.

Und wie geht es jetzt weiter mit ihm und dem VfL?

Man munkelt leider, dass es ihn nach der Geburt seiner Tochter im Sommer in die Niederlande zurückzieht… Morgen wird’s wohl ein 1:1 geben, das ist unser Standardergebnis in dieser Saison.

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