Analyseblog: Endlich! Lautern siegt „mit dem Messer zwischen den Zähnen“ – Jetzt kann der Abstiegskampf beginnen

Wow. Der 1. FC Kaiserslautern schlägt Fürth 2:0 und beschließt die zurückliegende „englische“ Woche mit einem Ergebnis, das die in diesen drei Spielen gewachsene Stabilität der Mannschaft auch in Zahlen dokumentiert. Die wird auch bitter nötig sein in den nächsten Wochen, da sich die hinter Lautern stehenden Teams aktuell sehr formstark präsentieren. Wenn Aue heute gegen 1860 München punktet, bleibt der dünne Zwei-Punkte-Abstand auf Relegationsrang 16 bestehen. Und in den nächsten Wochen dürfte sich der qualitativ hochwertigste Abstiegskampf der Zweiten Liga ever vollziehen. Angst? Aber woher denn! Das ist doch, was Fußball geil macht – oder will jemand im Moment allen Ernstes Erste Liga schauen, in der selbst der „deutsche Clasico“ zwischen Bayern und Dortmund nur noch zum „Business as usual“ mutiert ist, wie sich am Samstagabend gerade gezeigt hat?

Vielleicht beginnen jetzt die Wochen, in denen neue Helden geboren werden. Vielleicht steht am 34. Spieltag, im Saisonfinale gegen den 1. FC Nürnberg, wieder mal einer salutierend vor der West. Gestern war dazu die Zeit noch nicht reif. Aber einige Betze-Buben sind, wenigstens für Momente, über sich hinausgewachsen. Haben Dinge gewagt, die ihnen normaler Weise niemand zutraut – und sind belohnt worden. Und das ist schon mal ein guter Anfang, um Heldenstatus zu erreichen.

LINKSFUSS HEUBACH GELINGT GENIESTREICH MIT RECHTS

Das ist zum Beispiel der „Linksfuß“ Tim Heubach, der in der 20. Minute von der Mittellinie mit seinem schwachen rechten Fuß einen 50-Meter-Flugball in den gegnerischen Strafraum schlägt, exakt in die Schnittstelle zwischen linkem Innenverteidiger und linkem Außenverteidiger.

„Der kriegt Geld hier, da muss er so einen Ball schlagen können“, kommentiert Trainer Norbert Meier diesen Geniestreich hinterher wie gewohnt knochentrocken. Und: „Unsere Spieler sind nicht so schlecht, sie müssen nur Selbstvertrauen haben.“

In die besagte Schnittstelle hat sich – das nächste Beispiel – Jacques Zoua orientiert, der Stürmer, der nicht gerade als Genie gilt, was enge Ballannahmen angeht. Diese aber glückt ihm schulbuchmäßig – und er schiebt zum 1:0 ein.

WAS FÜR EIN FEST: MORITZ MACHT MIT FÜRTH DEN MAX

Überragt werden die beiden jedoch von Christoph Moritz, der endlich mal auftrumpft wie der Führungsspieler, der er aufgrund seiner technischen Qualitäten eigentlich permanent sein müsste. Überall auf dem Platz zu finden, insgesamt 12,18 Kilometer in 90 Minuten unterwegs – Bestwert im Lautrer Team. Dazu eine Passgenauigkeit von 83,9 Prozent – da wird er zwar von Robert Glatzel übertroffen (85,7 Prozent), doch der steht nur knapp 20 Minuten auf dem Feld.

Vor allen Dingen aber: das 2:0 in der 39. Minute. Eingeleitet und höchstselbst vollstreckt von – Christoph Moritz. Ein bilderbuchmäßig vorgetragener Angriff nach einer Balleroberung am eigenen Strafraum. Was soll man ihn lange beschreiben? Da ist er:

Interessanter Weise sind dies auch die beiden einzigen klaren Torchancen, die der FCK im gesamten Spielverlauf produziert – und beide werden genutzt. Ebenfalls ein Novum in dieser Saison. Langweilig ist es den 21812 Zuschauern dennoch zu keinem Zeitpunkt. Norbert Meiers Elf überzeugt mit der Art, wie sie die zuletzt neun Mal unbesiegten Fürther bekämpft, kaum etwas zulässt, den Ball über weite Strecken vom eigenen Tor weghält – sieht man einmal von den finalen 20 Minuten ab, in der sie sich hinten reindrängen lässt. „Da haben wir der englischen Woche Tribut gezollt“, analysiert der Trainer hinterher.

KERK ÜBERNIMMT KURZFRISTIG EINEN UNDANKBAREN JOB – MISSION ERFÜLLT

Dabei hat es eigentlich gar nicht gut angefangen für den FCK. Kapitän Daniel Halfar hat sich beim Warmlaufen verletzt. „Muskuläre Probleme im Oberschenkel“, berichtet der Trainer. Für ihn rückt von jetzt auf gleich Sebastian Kerk ins Team. Als halblinker Achter, eine Position, die er noch nie gespielt hat

60 Minuten versucht er, das Beste draus zu machen, dann macht er Lukas Görtler Platz. Es wär unfair, jetzt statistische Daten heranzuziehen, um Kerks Leistung zu bewerten, denn die sind tatsächlich nicht so toll. Statt dessen soll lediglich konstatiert werden: Er ist in einem insgesamt sehr homogen auftretenden Team weder auf- noch abgefallen, das muss ihm, so kurzfristig an ungewohnter Stelle hineingeworfen, erst einmal einer nachmachen.

NUR IN ZWEI MOMENTEN DARF GEMECKERT WERDEN

Zu meckern gibt’s eigentlich nur, dass Khaled Narey in der 11. Minute nach einem Flugball von Johannes van den Berg am langen Eck sich einfach zu locker an Marcel Gaus vorbei in Schussposition schieben darf. Kurz darauf kann Robert Zulj leichtfüßig durch Lauterns Sechzehner dribbeln und flach nach innen flanken. Wäre der Fußballgott auch an diesem Samstag ein A-Loch gewesen – ob die Pfälzer nach einem Rückstand ihr ohne Frage angegriffenes Nervenkostüm im Griff behalten hätten? Man weiß es nicht, will es nicht wissen und braucht es auch nicht zu wissen.

Interessant: Die „Bild“-Datenbank weist für Fürth über 63 Prozent Ballbesitz aus, die britischen Kollegen von „whoscored.com“ haben sogar 70 Prozent ermittelt. Dennoch gibt es selbst im Fürther Lager keinen Zweifel am verdienten Sieg der Lautrer: „Die sind mit dem Messer zwischen den Zähnen ins Spiel gekommen, wir unbewaffnet“, bebildert Kleeblatt-Trainer Janos Radoki hinterher. „Unser Ballbesitz war nur horizontal, da war kein Gegenpressing.“ Von seinen Spielern hätten nach Ballgewinn „nur fünf  umgeschaltet, fünf standen nur rum.“

3-5-2 KLAPPT IMMER BESSER: MEHR DREIECKE ZUM SPIELEN UND BESSER PRESSEN

Ballbesitz wird eben überschätzt. Was Radoki meint, bestätigen andere Zahlen: Trotz deutlich weniger Ballbesitz ziehen die Lautrer mehr Sprints an (204:184), gewinnen mehr Zweikämpfe (94:88) und setzen sich öfter in Dribblings durch (10:6). Sie verzeichnen zwar weniger Schussversuche insgesamt (9:13), von denen aber kommen mehr aufs Tor (4:2) – und zwei davon sind eben drin, bei den Fürthern dagegen null.

Ebenfalls schön anzuschauen: Das praktizierte 3-5-2-System. Oder 3-3-2-2 oder, bei gegnerischem Ballbesitz, 5-3-2 oder 5-3-1-1 oder wie immer man es darstellen will. Erstaunlich, wie schnell die Abkehr von der Viererkette in Deutschlands Profiligen Einzug hält. Und schön, wie gut sie beim FCK nach nunmehr drei Spielen schon funktioniert. Die nicht mehr linien-, sondern eher wabenförmige Anordnung der Elf schafft im Moment des Ballgewinns sofort Möglichkeiten fürs Dreiecksspiel, ebenso lässt es sich aus ihr heraus viel effizienter in Pressing gehen, um dem Gegner die Passwege zuzustellen.

JETZT KOMMEN DIE HEISSEN WOCHEN: GAUS HAT KEINE ANGST

„In diesem System fühlen wir uns besser, attackieren mehr, agieren mehr, reagieren mehr auf den Gegner, zwingen ihn mit Pressing zu Fehlern“, erklärt auch Marcel Gaus am Ende. Dem im übrigen nicht bange ist vor den nächsten Wochen: „Wir haben alles in der eigenen Hand.“

Stimmt. Nächste Woche geht’s noch einmal zu einem Aufstiegsfavoriten, zu Union Berlin, danach duelliert sich der FCK nur noch mit Tabellennachbarn: 1860 München, Karlsruhe, St. Pauli, Aue, Nürnberg. Drei Partien steigen am Betzenberg, dazu Frühlingswetter. Verdammt, da muss doch auch mal wieder die 30.000-Zuschauer-Marke geknackt werden können.

 

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