Gegnerblog: „An der Alten Försterei muss ich mich nicht mit Kitscharchitektur rumärgern“ – Interview mit Union-Blogger Daniel Roßbach

Fußball ist ein Spiel für Philosophen. Das wusste Monty Python schon in den Siebziger Jahren , das weiß man in Kaiserslautern seit Andreas Brehme, der mit seither nicht mehr erreichter sprachlicher Wucht deklarierte, dass es eben kein Geheimnis hinter den Dingen gibt („Hast du Scheiße am Schuh, hast du Scheiße am Schuh.“). Von daher kann es nicht verwundern, dass der beste Blog zu Lauterns nächstem Gegner Union Berlin (Sonntag, 13.30 Uhr) von einem Studenten der Philosophie betrieben wird. Daniel Roßbach analysiert die Spiele der „Eisernen“ fachlich und sprachlich auf hohem Niveau, und lässt sich unter dem Reiter „Heiserne Ketten“ auch schon mal von der Muse zum Liederdichter küssen. Mit dem Blogwart sprach er nicht nur übers Spiel am Sonntag, sondern auch über Hintergründe und aktuelle Befindlichkeiten des Aufstiegskandidaten, den soweit oben vor dieser Saison nicht viele auf dem Zettel hatten, auch im eigenen Lager nicht.

Daniel, wie bist du zum Fußball und zu Union gekommen?

Ich bin in Thüringen aufgewachsen, da hatte ich nicht viel Gelegenheit, ordentlichen Fußball zu sehen. Als ich dann im Rahmen meines Studiums nach Berlin kam, war ich frei in meiner Entscheidung: Union oder Hertha? An der Alten Försterei hat mir die Stimmung besser gefallen, das ist für mich das schönste Stadion, das man sich in Deutschland vorstellen kann. Die Ost-Orientierung, die Union ausmacht, mag auch eine Rolle gespielt haben. Außerdem mochte ich mich nicht mit der faschistischen Kitscharchitektur des Olympiastadions herumärgern.

Und warum hast du begonnen zu bloggen?

Ich habe immer schon nebenher journalistisch gearbeitet – und Lust, über Union zu schreiben, weil ich das Gefühl hatte, dass da in der Medienlandschaft was fehlt. Richtig angefangen habe ich dann in der Saison, in der Sascha Lewandowski Norbert Düwel ersetzte. Davon versprach mir einen spannenderen Fußball für die Zukunft. Den wollte ich als Blogger begleiten.

Zur aktuellen sportlichen Situation: Union hatte neun Spiele hintereinander nicht verloren, dabei sechs Spiele nacheinander gewonnen, jetzt ist seit drei Spieltagen kein Dreier mehr geglückt. Woran liegt’s?

Es ist ein bisschen irreführend, die zwei Serien gegeneinander zu stellen. Auch unter diesen neun Spielen waren ein paar, die nicht so ganz überzeugend waren, und bei den sieglosen waren welche, die man nicht hätte verlieren müssen. Von daher würde ich den Leistungsbruch nicht zwischen diesen Serien verorten. Für mich fällt hauptsächlich das 2:2 in Düsseldorf am vergangenen Spieltag unten raus, das war eine deutlich schlechtere Leistung als zuvor. Sie ging auch mit einer taktischen Umstellung einher, die ich nicht ganz nachvollziehen kann.

Kommen wir gleich zu. Aber erst mal: Wie schätzt du die aktuelle Stimmung im Umfeld von Union ein? Auch wenn es zuletzt ein paar Rückschläge gab: Die Saison läuft doch gut, soweit oben hat Euch zu diesem Zeitpunkt ja wohl niemand erwartet.

Das kann man sagen. Nach meiner Einschätzung hat sich die Erwartungshaltung im Umfeld sogar langsamer entwickelt als intern, das ist anderswo wohl eher umgekehrt der Fall. Wir wussten zwar, dass nach vorne was möglich ist, erwartet haben wir es aber nicht. Auch wegen ein paar personeller Umstellungen, die sich vor der Saison ergaben, vor allem wegen des Weggangs von Bobby Wood. Von daher haben wir erst einmal ungläubig gestaunt, wie gut alles funktioniert. Als die Fans beim Heimsieg über Würzburg (2:0) Anfang März skandierten, „Scheiße, wir steigen auf“, haben sie das ganz gut zum Ausdruck gebracht.

Wie wäre Union denn auf die Bundesliga vorbereitet? Müsstet Ihr denn nicht wenigstens die Top-Spiele im Olympiastadion austragen?

Auf einen solchen Gedanken würde wohl sehr übel reagiert, sowohl im Verein als auch im Umfeld. Die Alte Försterei wird auf jeden Fall umgebaut, ob man aufsteigt oder nicht. Das machen die Regularien für beide Spielklassen, aber auch die Zuschauerentwicklung notwendig. Und das wird, wie in Aue, wohl während des laufenden Spielbetriebs geschehen müssen. Da aber noch keine Pläne vorgestellt wurden, wird vor 2018 wohl nichts passieren. Falls wir tatsächlich diesen Sommer aufsteigen, bräuchten wir wohl eine Ausnahmegenehmigung, da das Stadion nicht die erforderliche Zahl an Sitzplätzen für die Bundesliga ausweist.

Union hat in den vergangenen Jahren mit Kontinuität was aufgebaut, auch dank seiner Trainer – der Verein hat ein erstaunlich gutes Händchen für Typen, die was bewegen können. Uwe Neuhaus, Norbert Düwel, Sascha Lewandowski, jetzt Jens Keller. Wer zeichnet dafür verantwortlich?

Vor Uwe Neuhaus, der von 2007 bis 2014 Trainer war, gab es diese Kontinuität ja nicht. Die stellte sich erst mit ihm ein, beziehungsweise mit Präsident Dirk Zingler, der 2004 ins Amt kam. Man muss aber auch sehen: Uwe Neuhaus war Trainer und Sportdirektor in einem, eher nach dem englischen Modell. Als er ging, hat man sich schon gefragt, wer das in dieser Doppelfunktion weiterführen könnte, eine Trainerfindungskommission hat sich dann für Norbert Düwel entschieden. Der hatte dann direkt eine sehr schwierige Situation zu lösen, da ein großer Umbruch anstand, unter anderem musste der langjährige Leistungsträger Torsten Mattuschka ersetzt werden. Widerstände gegen Düwel hatten sich da schnell gebildet, auch waren nach Neuhaus die Ansprüche gestiegen. Als in der zweiten Saison der Start missglückte, war er verbraucht. Sascha Lewandowskis Schicksal ist ja bekannt. Mit Helmut Schulte wurde Anfang 2016 dann auch ein Sportlicher Leiter installiert, seitdem ist die Personalunion Trainer-Sportdirektor auch aufgehoben.

Und mit Jens Keller folgte der nächste Glücksgriff ?

Er passt vom Naturell her ähnlich gut wie Neuhaus, gerade auch von seiner Art zu kommunizieren. Er hatte vorher in Schalke auf einem wesentlich höheren Niveau trainiert, kam zu einem ambitionierten Zweitligisten, da entstand eine synergetische Situation geschaffen, von der alle profitieren. Dabei macht er nichts besonders Spektakuläres. Sein größter Verdienst ist, für die einzelnen Spieler Rollen gefunden zu haben, die zu ihren Qualitäten passen.

Kann man auch sagen: Er hat eine spielstarke Truppe mit Spielern formiert, die für den Verein den Vorteil haben, dass sie dem Talentalter schon etwas entwachsen sind und die auf dem Markt schlechter gehandelt werden, als sie tatsächlich wert sind – so dass die Gefahr nicht so groß ist, dass sie von Erstligisten weggekauft werden? Außer Steven Steven Steven Skrzybski vielleicht?

Das trifft wohl am ehesten auf Stephan Fürstner zu, der in der Tat am Markt längst nicht so hoch eingeschätzt wird, wie er für die Mannschaft wichtig ist. Die Chancen, Skrzybski über die Saison hinaus zu halten, dürften in etwa genauso hoch sein wie die aufzusteigen. Auch bei Spielern wie Damir Kreilach, Felix Kroos oder Toni Leistner bin ich mir nicht sicher, ob sie bei Union bleiben, wenn wir nicht aufsteigen. Obwohl sie nicht mehr so ganz jung sind.

In Kaiserslautern wird die Personalie Benjamin Kessel zurzeit intensiv beobachtet. Wenn Union die entsprechende Vertragsoption nicht zieht, kann er im Sommer ablösefrei wechseln – und dem Vernehmen nach landet er dann in der Pfalz. Wie schätzt du Kessels Situation ein?

Kessel ist ungefähr genauso alt wie Christopher Trimmel und beide interpretieren die Position des rechten Verteidigers recht ähnlich. Beide Verträge laufen aus, wahrscheinlich wird mit Trimmel verlängert, da er sich diese Saison klar vor Kessel behauptet hat. Kessel war vergangene Saison unumstrittener Stammspieler, zeitweise sogar Kapitän. Im Sommer hat er sich in der Vorbereitung verletzt, dadurch ist er sehr unglücklich aus dem Team gerutscht. Er kommt jetzt nur noch zu Kurzeinsätzen und es sieht nicht so aus, als ob sich da was ändert. Von daher dürfte die Option wohl nicht gezogen werden.

Du hast es vorhin schon angesprochen: Gegen Düsseldorf hat Keller es mal mit einem flachen 4-4-2 probiert, und damit warst nicht nur du unzufrieden. Bislang ist Union mit einem 4-3-3 gut gefahren. Wie denkst du, wird es gegen Kaiserslautern weitergehen? In der Ersten und Zweiten Liga sind derzeit switchende Dreier-Fünfer-Ketten in, auch beim FCK… 

Bislang haben wir im 4-3-3 gut funktioniert. Das praktiziert Union in der Regel in Umschaltsituationen, bei geordnetem Ballbesitz rückt Skrzybski auf die Zehn, so dass ein 4-4-2 mit Raute entsteht. Spieler wie Kreilach und Kroos können ihre Rollen als Sechser, Achter und Zehner interpretieren, auch Trimmel auf der rechten Seite ist recht vielseitig, von daher ist Union durchaus einigermaßen flexibel. Ich denke aber, wenn gegen Kaiserslautern der zuletzt verletzte Fürstner wieder zurückkommt, wird es wieder das bewährte 4-3-3. Sicher ist das jedoch noch nicht.

Normaler Weise schließen solche Interviews mit einem Tipp, wie es am Sonntag aus geht…

Da tue ich mich schwer. Vor allem, wenn ich an das 0:1 im Hinspiel denke, einem der schwächeren Spiele von Union in dieser Saison…

Und meines Erachtens das beste FCK-Spiel unter dem Trainer Tayfun Korkut. Aber seitdem ist viel geschehen…

…und ich hab Kaiserslautern in den vergangenen Wochen nicht gesehen. Im Hinspiel hat Kaiserslautern das gut gemacht, das Zentrum dichtgemacht, so dass unsere Aufbaukette Diagonalbälle auf die Flügel spielen musste, wo Trimmel fehlte und mit Puncec ein gelernter Innenverteidiger agierte. Auch auf der linken Seite kam Pedersen nicht so ins Mittelfeld. Wir kamen nicht ins Umschaltspiel und ohne dieses Element wird es ganz schwer. Mal sehen, wie es am Sonntag ausgeht.

 

 

Ein Gedanke zu “Gegnerblog: „An der Alten Försterei muss ich mich nicht mit Kitscharchitektur rumärgern“ – Interview mit Union-Blogger Daniel Roßbach

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