Analyseblog: Die Alte Försterei feiert Ostern – doch zu viele FCK-Spieler kommen ohne Eier

Ist der Mann einfach nur saucool oder beherrscht er sich lediglich, so gut er kann, weil er weiß, dass die Angst am Betzenberg nur noch größer wird, wenn auch er Anzeichen von Panik auf seinem Pokerface erkennen lässt? „Die Situation bleibt die gleiche, hat sich seit Beginn der Saison mal mehr, mal weniger verändert“, kommentiert Trainer Norbert Meier scheinbar unaufgeregt nach der 1:3-Niederlage seines 1. FC Kaiserslautern bei Union Berlin, einem Gegner, der den Lauterern nicht nur fußballerisch, sondern vor allem moralisch über 90 Minuten weit überlegen war – und das ist das eigentlich Beängstigende.

Somit steckt der FCK weiter mittendrin im womöglich heißesten Abstiegskampf aller Zweitligazeiten: Mit nur 32 Punkten dümpelt das Team nun gemeinsam mit drei weiteren Mannschaften auf den Tabellenrängen 13 bis 16 herum. Glückt den Bielefeldern am heutigen Montagabend (20:15 Uhr) gegen Aufstiegskandidat VfB Stuttgart ein Sieg – und der ist angesichts der aktuellen Formkurven beider Teams gar nicht so abwegig –, rutscht das Quartett nochmal um jeweils eine Position nach unten. Gestiegen ist an Ostern lediglich die Gefahr für die Roten Teufel, an Himmelfahrt in der Hölle der Dritten Liga gelandet zu sein.

ERSTMAL SARTRE, DANN ZUM SPIEL

Da er in der Vorschau zu diesem Spiel bereits einen Philosophiestudenten interviewt hat, kann der Blogwart nicht anders –  zur Einleitung dieser Analyse muss der große Jean-Paul Sartre herhalten. Und zwar mit dem unsterblichen Satz:

„Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“

Wie wahr, wie wahr. Als am Freitag in diesem Blog zu lesen stand, nach herrschender Lehrbuchmeinung sei eine Dreier-/Fünferkette kein gutes Mittel gegen einen mit drei Spitzen operierenden Gegner, fragten sich nicht nur die User „Hegermeister“ und „Newtrial“ im FCK-Fanforum von „transfermarkt.de“: „Wieso eigentlich?“

Die Antwort ist in diesem Spiel schon in den ersten Minuten zu erkennen: Theoretisch könnte es ja funktionieren, aber in der Praxis ist es ungleich schwerer, mit fünf Mann auf einer Linie gegen drei Angreifer korrekt zu verschieben und zu übergeben als mit vieren. Zumal sich die frei werdenden Kettenglieder stets schnell entscheiden müssen, wer von ihnen sich zu zu welchen aufrückenden Mittelfeldspielern oder Außenverteidigern orientiert. „Wir haben am Anfang nicht gut genug durchgeschoben“, bestätigt Meier denn auch hinterher.

DIE LINKE SEITE ALS ACHILLESFERSE – SCHON NACH 14 MINUTEN SCHLÄGTS EIN

Zu ergänzen wäre da nur: Keinesfalls nur am Anfang, aber da ist es am deutlichsten zu sehen. Vor allem die linke Seite, über die mit Christopher Trimmel und Steven Skrybski zwei der stärksten Eisernen angreifen – gefüttert in der Regel vom halbrechten Achter Felix Kroos – , wird direkt zur Achillesferse. Da Lauterns linker Außenbahnspieler Marcel Gaus sich meist zu Trimmel orientiert, darf Skrybski mit jeder Menge Freiraum in die Gasse starten. Heubach, dessen Individualstatistik eigentlich gute Werte in punkto Tacklings und Kopfballspiel ausweist, rückt ein ums andere Male zu spät raus. Ebenso wenig klappt das Übergeben, wenn Skrybski in die Mitte zieht, was er bekannter Maßen gerne tut.

Ehe in der 14. Minute bereits das 1:0 über die linke Seite fällt, ist bei Union bereits jeder Angriff über diese Flanke gelaufen. Vorm Treffer passt Skrybski flach in den Fünfer, Philipp Mwene kann sich gegen den ebenfalls starken Damir Kreilach nicht durchsetzen. Zuvor war bereits Sebastian Polter in halbrechter Position frei zum Schuss gekommen – nach einem abgefangenen Eckball der Lauterer übrigens, was ein bezeichnendes Licht auf deren Reaktionsschnelligkeit an diesem Ostersonntag wirft.

DIE ZOUA-CHANCE ALS OMEN: NICHTS WIRD WIE GEGEN FÜRTH

Es läuft eben von vornherein anders als in den drei Spielen zuvor, als Lautern in seinem neuen, einigen wir uns mal auf diese Schreibweise, 3-1-4-2 sich defensiv erfreulich kompakt präsentierte. Ein letztes Omen, das dieses Spiel anders läuft als zuletzt der 2:0-Sieg gegen Fürth, offenbart sich in der zehnten Minute.

Gegen die Kleeblätter hat Jaques Zoua einen 50-Meter-Flugball Tim Heubachs mit geradezu väterlicher Souveränität aufgenommen und zum 1:0 verwertet, so, als, als wäre das Leder ein verlorener Sohn – doch, an Ostern müssen auch mal biblische Metaphern erlaubt sein. Auch an der Alten Försterei dagegen hat der Kameruner eine „Hundertprozentige“ auf dem Fuß – sofern es ihm gelänge, einen der wenigen klugen Pässe von Christoph Moritz ähnlich gefühlvoll zu antizipieren. Diesmal aber verspringt ihm das Rund, als wäre es, äh, ein Geldwechsler, den es aus dem Tempel zu vertreiben gilt? Okay, lassen wir das mit den Bibelvergleichen. Die Lage ist zu ernst.

VON WEGEN „EINIGERMASSEN IM GRIFF“

Nach der Führung bekommt Lautern das Spiel nach Ansicht der meisten Kommentatoren „einigermaßen in den Grif“. Trainer Meier spricht von „Phasen, wo wir es gut gemacht haben“. Union-Trainer Jens Keller dagegen meint, sein Team habe „zurückgeschaltet, ohne dass wir die Kontrolle des Spiels verloren haben“. Das triffts wohl eher. Denn Lautern mag in der Defensive nun stabiler stehen, nach vorne – kann das eigentlich noch irgend jemand lesen? – geht wieder mal wenig bis gar nichts.

Dazu freilich muss angemerkt werden: Osayamen Osawe wird bereits nach 20 Minuten ausgewechselt, eine Verletzung am „Bandapparat der Schulter“ (Meier), wie schlimm, wird sich noch weisen. Osawe, der in der neuen Grundordnung wieder ein Aktivposten geworden ist, weil er mit langen Sprints den Ball nach vorne trägt. Für ihn kommt Kacper Przybylko, und das Netteste, was sich für ihn tun lässt, ist, ihn in diesem Bericht nicht mehr zu erwähnen.

Nur unwesentlich effektiver ist Zoltan Stieber, dem Meier die nach Danial Halfars Ausfall verwaiste halblinke Achterposition anvertraut hat. Der ist da genauso wenig zuhause wie zuletzt Sebastian Kerk, doch im Vergleich zu Stieber hat der aus der ungewohnten Rolle doch etwas mehr rausgeholt. Vor allem ist er robuster – vielleicht wäre es ihm besser gelungen, die Kreise des starken Kroos einzuengen.

GAUS MACHT DEN AUSGLEICH – WER SONST?

Das 1:1 in der 68. Minute jedenfalls „fällt mehr oder minder aus dem Nichts“, wie auch Meier eingestehen muss. Linksfuß Gaus schiebt sich von seiner Seite in die Mitte, wird nicht richtig attackiert und zieht mit rechts ab aufs kurze Eck. Außer Gaus wäre aus dieser Truppe auch keiner für einen Treffer in Frage gekommen. Er ist bester Lautrer. Dass er rackern kann, ist schon lange bekannt, aber dass er nunmehr auch die bessere Passqualität (79,3 Prozent) aufweist als die fußballerisch ungleich veranlagteren Stieber (73.3) und Moritz (74,4) – ist das eigentlich ein Kompliment für Gaus zu werten oder nicht eher beschämend für die beiden anderen?

Und auch insofern frustrierend, als dass Gaus zu den Spielern gehört, deren Vertrag am Saisonende auslauft. In verschiedenen Fanforen wird bereits geunkt, er lege sich gegenwärtig nur deswegen so in Zeug, um sich für andere Vereine attraktiver zu machen und den Betzenberg im Sommer mit einem besser dotierten Vertrag in der Tasche verlassen zu können…

In der Tat würde ihm das Fußball spielen vermutlich mehr Spaß in einer Mannschaft, die auf einen Gegentreffer so reagiert wie Union. Die Elf dreht sofort wieder auf, produziert sofort wieder Torgelegenheiten – und bestätigt Kellers These, dass sie zuvor lediglich zurückgeschaltet hat. Schon eine Minute später köpft Kreilach eine Kroos-Freistoßflanke ins Netz, worauf Schiri Benjamin Brand auf Abseits entscheidet – zu Unrecht, wie die Zeitlupe bestätigt.

ZWEI FEHLENTSCHEIDUNGEN BRINGEN DIE ALTE FÖRSTEREI ZUM KOCHEN

Kurz darauf klatscht dem grätschenden Gaus im Strafraum eine Trimmel-Flanke an die Hand – und die Pfeife des Unparteiischen bleibt stumm. Wieder zu Unrecht.

Lautern ist nun in der komfortablen Lage, kontern zu dürfen. Dazu fehlt es aber präzisen Zuspielen von hintenraus – und ohne Osawe auch am nötigen Speed. Wie Stieber eine tatsächlich mal eingeleitete Drei-gegen-zwei-Situation verdattelt, spottet jeder Beschreibung.

Union dagegen verarbeitet die schiedsrichterlichen Nackenschläge positiv – „die haben uns erst recht den Kick gegeben“, erklärt der Sechser der Eisernen, Stephan Fürstner, hinterher. Statt zu resignieren, rennen die Berliner weiter an – und werden in der 85. Minute belohnt.

Ausnahmsweise probiert es Union mal über die linke Seite. Außerteidiger Kristian Pedersen gehört zwar zu Spielern mit den meisten Ballkontakten und den präzisesten Zuspielen, hat sich bislang aber fast durchgehend als Ausgangspunkt für Seitenverlagerungen profiliert. Jetzt flankt er mal von seiner Seite – und sein Ball findet den Kopf von Polter.

Der schubst Gegenspieler Heubach zwar, doch nach den Fehlentscheidungen hält der Schiri sich diesmal zurück: „Ich hab mir gleich gedacht, das wird jetzt nicht gepfiffen“, gibt Heubach nach dem Spiel zu Protokoll. Das 3:1 durch den eingewechselten Philipp Hosiner auf Vorlage von Kreilich ist nur noch Formsache.

GEGEN SECHZIG IST JETZT DER GUTE, ALTE BETZE-GEIST GEFORDERT

Was der FCK aus diesem Spiel dennoch mitnehmen könne, wird Meier anschließend gefragt. „Dass wir nicht aufgegeben haben“, antwortet er, allerdings nicht sehr begeistert, beinahe achselzuckend.

Was tatsächlich mit in die Pfalz mitgenommen werden kann: Die Art, wie die Union-Fans in der gerade mal 22.000 Zuschauer fassenden Alten Försterei ihre Mannschaft nach dem Gegentreffer nach vorne peitschten. Exakt diesen Spirit braucht es im nächsten Heimspiel am kommenden Freitag (18.30) Uhr gegen den TSV 1860 Mannschaften, ein Team, das gerade mal einen Punkt vor Lautern steht und mit einem Sieg nach hinten gedrängt werden kann.

Da ist der gute, alte Betze-Geist gefragt, nicht mehr und nicht weniger. Die Tickets kann man sich übrigens bei der Online-Bestellung auf der FCK-Homepage nun auch direkt ausdrucken lassen. Feine Sache. Man muss sie nur nutzen, wenn man diesen Verein nicht untergehen sehen will. 30.000 Zuschauer wieder mal, das wär doch was. Ein Statement zum FCK, gewissermaßen.

In diesem Zusammenhang drängt sich wieder ein Zitat des großen Sartre als Schlusswort auf:

„Vielleicht sind die Zeiten nicht schön, aber es sind die unseren.“

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s