Gegnerblog: Die Sechziger kommen, aber wie – als hungrige Löwen oder ängstliche Hasen?

Am Freitag (18.30 Uhr) gegen 1860 München – jawohl, die Phrase „Sechs-Punkte-Spiel“ bleibt in diesem Blog weiter auf dem Index, versprochen. Die Löwen also. Seit jeher ein „Freundschaftsverein“ des 1. FC Kaiserslautern, die Fanlager fühlen sich allein schon durch eine historisch verwurzelte Abneigung gegen einen gewissen anderen Verein aus dem Voralpenraum vereint. Kein anderer Klub der Zweiten Liga provoziert diese Saison so viele Medienberichte, die sich um Umtriebe außerhalb des Rasens drehen. Drum soll es hier einmal nicht um Investor Hasan Ismaik gehen, seine Art, als Geldgeber die Geschicke des Vereins zu leiten und die eigentlichen Funktionäre zu Abnickern zu degradieren, seine Visionen, die Sechziger in die Champions League zu führen, seine Stadionneubaupläne an der Grünwalder Straße, die von den Stadtoberen als gar nicht durchführbar angesehen werden, sein Umgang mit den Medien, seine gerichtlichen Auseinandersetzungen mit ehemaligen Mitarbeitern wie Kosta Runjaic und Thomas Eichin und, und, und… nichts da. Reden wir mal nur über Fußball.

In der Winterpause verpflichtete Ismaik mit Vitor Pereira einen neuen Trainer. Einen Portugiesen, für den die sehr spezielle Deutsche Zweite Liga 2017 ähnlich Neuland gewesen sein muss, wie es das Internet noch 2013 für Mutti Merkel war. Das erinnert ältere FCK-Fans mit noch nicht demenzgeschädigten Gedächtnissen spontan an einen gewissen Kjetil Rekdal, der 2007 sein Traineramt beim gerade abgestiegenden Bundesligisten Kaiserslautern antrat und schon bei seiner Vorstellung einräumte, noch nie ein Zweitligaspiel „live“ gesehen zu haben – das aber sei doch auch gar nicht so wichtig, weil seine Mannschaft den Gegnern ohnehin künftig nur noch ihr, also sein Spiel aufzwingen wolle… Das Stirnrunzeln der Skeptiker erwies sich schnell als berechtigt, im Februar darauf war schon wieder Schluss mit Rekdal, als sich der FCK am Rektum der Tabelle wiederfand.

GLAMOUR FÜR DIE LIGA: KLINGENDE NAMEN UND EIN FETTES GEHALT

Der sofort augenfällige Unterschied zu Pereira: Rekdals vorangegangene Trainerstationen seinerzeit hießen Valerenga IF und Lierse SK, Pereira erbrachte bisher Arbeitsnachweise beim FC Porto, bei Olympiakos Piräus und Fenerbahce Istanbul. Das klingt schon anders und sorgt für einen Glamourfaktor, der dem deutschen Unterhaus, denken wir positiv, nur guttun kann. Über Geld wollen wir hier auch nicht weiter reden. Angeblich kassiert Pereira ein Jahresgehalt, von dem selbst mancher Erstligatrainer träumt, „Bild“ berichtet von zwei Millionen Euro netto, die Fanpage „dieblaue24“ vermutet 2,5 Millionen brutto.

Dafür wird einiges von dem Neuen erwartet, perspektivisch soll Pereira den Verein in die Champions League führen. Zunächst aber muss er mit den Löwen die harte Realität der Zweitligasaison 2016/17 überstehen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Bislang ist seine Bilanz als 60-Coach ausgeglichen, andere würden sagen, durchwachsen: Fünf Siege, zwei Unentschieden, fünf Niederlagen.

Immerhin aber haben die Löwen in der Rückrunde schon mehr Punkte (17) geholt als in der gesamten Vorrunde (16), es ist also etwas besser geworden unter Pereira. Dennoch stehen die Sechziger nur einen Zähler vor dem 32-Punkte Quartett, das die Ränge 13 bis 16 ziert und zu dem auch der FCK gehört, und auch der Tabellen-17. Bielefeld ist fünf Runden vor Schluss mit 30 Punkten noch absolut auf Schlagdistanz. Es darf also gezittert werden.

IST DOCH SPANNEND: SPIELER, DIE KEIN ANDERER ZWEITLIGIST GEHOLT HÄTTE

Sofort aufgefallen ist das Gespann Ismaik und Pereira mit einer ungewöhnlichen Personalpolitik. Welcher Zweitligist hat sich schon mal im Unterhaus Portugals bedient, um sich zu verstärken? Allerdings: Die aus Portimonense geholten Lumor und Amilton sind unter Pereira Stammspieler, Amilton eher zum Leidwesen der Fans, die lieber weiterhin die Bremer Leihgabe Levent Aycicek in der Startelf sehen würden, zumal Amiltons Scorerbilanz mit zwei Vorlagen bislang nicht gerade berauscht.

Doch Pereira hat nun einmal klare Vorstellungen, wie ein Flügelstürmer in seinem System zu funktionieren hat. Den Ex-Lauterer Karim Matmour etwa sortierte er unlängst aus, weil er für die Außenposition zu langsam und in der Rückwärtsbewegung zu schwach sei und es dessen Alternativposition, die Zehn, in seinem 3-4-3 nicht gäbe.

Aus Porto lieh sich Pereira den 1,97 Meter-Hünen Abdoulaye Ba fürs Abwehrzentrum, der seine Arbeit bislang ganz ordentlich macht. Überhaupt bietet der Defensivverband der Sechzigern bislang den meisten Anlass zur Freude. Mit Felix Uduokhai entwickelt sich da ein sehr vielversprechendes Eigengewächs, mit dem ebenfalls 19-jährigen Marin Pongracic steht ein weiteres auf dem Sprung. Ihm werden auch am Freitag Startelf-Chancen eingeräumt.

STARKE TALENTE IN DER ABWEHR – VORNE DRÜCKT DER SCHUH

Mit diesen beiden, aber auch mit dem sich ebenfalls gut entwickelnden Romuald Lacazette im zentralen Mittelfeld, 2015 aus der B-Mannschaft von Paris Saint-Germain an die Isar geholt, könnte sich in der Tat was aufbauen lassen. Dazu müsste der Franzose aber erst einmal seinen Vertrag verlängern – ein Fall für den neuen Geschäftsführer Ian Ayre, den Ismaik von niemand geringerem als dem FC Liverpool verpflichtete.

Der Schuh drückt die Sechziger vorne. Der für andere Zweitligisten unvorstellbare 2,25 Millionen Euro geholte Christian Gytkjaer drückte zuletzt nur noch die Bank, über den für noch weniger vorstellbare 2,5 Millionen Euro zu Saisonbeginn transferierten Ribamar redet schon niemand mehr. Veteran Sascha Mölders war verletzt, saß zuletzt ebenfalls auf der Bank, am Freitag am Betzenberg wird es wohl wieder mal der nunmehr 37-jährige Ivica Olic richten müssen. Laufen kann der immer noch, fünf Treffer hat er in der laufenden Spielzeit ebenfalls schon erzielt, das letzte datiert allerdings aus dem Februar.

ACHTUNG, BÜLOW IST WIEDER DA

Beim abermals enttäuschenden 1:1 vergangene Woche gegen Sandhausen verblüffte Pereira, in dem er öffentlich eigene taktische Fehler einräumte. Insbesondere musste er sich vorhalten lassen, dass er angesichts der knappen 1:0-Führung auf ein 3-5-2 System und „Angsthasenfußball“ („dieblaue24“) umstellte, und prompt den Ausgleich durch – hallo, Lautern-Fans – Markus Karl kassierte. Ungewöhnlich auch, wie Sandhausen-Coach Kenan Kocak seinen astronomisch besser verdienenden Kollegen in Schutz nahm: „Er muss sich erst an die Liga gewöhnen, an die Sprache und die Mentalität. Deswegen verdient er mehr Respekt und Zeit. Dann kann er erfolgreich arbeiten.“

Den Führungstreffer für die Löwen hatte übrigens Kai Bülow erzielt. Per Kopfball. So erzielte er auch das Tor des Tages auf dem Betzenberg beim Löwen-Gastspiel in der vergangenen Saison. In der Vorrunde, noch unter Runjaic, war der 30-jährige vorübergehend aussortiert worden. Jetzt ist er wieder da. Wer also einen Namen sucht, um die Pfälzer zu besonderer Wachsamkeit zu mahnen, das ist er: Kai Bülow.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s