Analyseblog: Keine Ahnung, warum, und scheißegal, wie – aber Lautern gewinnt 1:0

„Ich weiß auch nicht genau, warum wir hier gewonnen haben.“ Zugegeben: Mit einem solchen Satz eine Spielanalyse zu beginnen, ist total bescheuert. Denn eigentlich braucht ab hier niemand mehr weiterzulesen. Denn die folgenden 1200 Wörter erklären ebenso wenig, wieso der 1. FC Kaiserslautern gegen den TSV 1860 München am Freitagabend 1:0 gewonnen hat. Es gibt dafür nämlich keinen vernünftigen sportlichen Grund. Andererseits: Der Satz bringt es so exakt auf den Punkt, dass er nun einmal da oben stehen muss. Gesagt hat ihn übrigens FCK-Innenverteidiger Tim Heubach, zumindest den statistischen Auswertungen zufolge Lauterns Bester.

Taktisch ist das Spiel an sich schnell abgehakt. Norbert Meier probiert tatsächlich, sein in den vergangenen vier Spielen praktiziertes 3-1-4-2 zu variieren, streicht den zweiten Achter, rückt Sebastian Kerk weiter nach vorn. So entsteht ein 3-4-3, auf dem Papier also die gleiche Grundordnung wie bei den Löwen. Allerdings legen die beiden Teams ihr Spiel sehr unterschiedlich an. Die Sechziger bemühen sich um Kontrolle, lassen den Ball über mehrere Stationen laufen, haben dafür mit Romuald Lacazette und Michael Liendl zwei geboten ballsichere Spieler.

3-4-3 GEGEN 3-4-3: IDENTISCH FORMIERT, ABER UNTERSCHIEDLICH INTERPRETIERT

Lautern sucht dagegen schnell den Weg in die Spitze. Offensivaktionen, die zu „mehr“ führen könnten, entstehen nur, wenn Osayamen Osawe sich dank seiner Schnelligkeit ein vertikales Zuspiel ersprintet. „Mehr“ gibt’s 45 Minuten lang allerdings nicht zu sehen. Tim Heubach hat in der 10. Minute die einzige Torschance für den FCK, als er einen verlängerten Eckball hinter dem langen Pfosten aufnimmt und aufs Tor drischt. 60-Keeper Stefan Ortega Morena hat damit nicht wirklich ein Problem.

In Hälfte zwei bringt Meier Halfar für Kerk, schafft wieder eine 3-1-4-2-Formation, was das FCK-Spiel im Ganzen stabiler macht. Weshalb, erklärt der Trainer hinterher selbst: „Wir standen nun insgesamt kompakter. Mit dem Mann mehr in der Zentrale ist es uns leichter gefallen, die Sechziger in der Zentrale zu stören, auch auf die Gefahr hin, dass uns über die Außenpositionen mehr Leid droht.“

Konkret ist das in der 71. Minute der Fall, als Lumor, der linke Außenbahnspieler der Löwen, auf seiner Seite durchbricht, FCK-Keeper Julian Pollersbeck sich ihm beherzt, aber auch exzellent koordiniert entgegenstürzt. Zwei Minuten später köpft 60-Stürmer Christian Gytkjaer eine Freistoßflanke von Halfar ins eigene Netz. Das Tor des Tages.

HALFAR WIRD MATCHWINNER: NICHT FAKTISCH, ABER MENTAL

Zum Matchwinner Lauterns muss Halfar gekürt werden, sofern man nicht so zynisch sein will, dafür den unglücklichen Löwen-Stürmer zu nominieren. Nicht nur, weil Halfarr der letzte Lautrer war, der vor dem Siegtor am Ball war. Er inspirierte sein Team nach seiner Einwechslung mit Leidenschaft, betätigte sich immer wieder als energischer Ballschlepper, auch wenn die meisten dieser Läufe im Nichts endeten. Was ihn irgendwie auch zur Symbolfigur des Lautrer Spiels macht. „Die Mannschaft hat sich reingebissen, den Kopf oben behalten“, lobt Meier hinterher. Viel mehr gibt’s allerdings auch nicht zu loben.

Die spielerische Überlegenheit der Löwen soll hier mal auf ein paar Schautafeln verdeutlicht werden, die sich der Blogwart beim holländischen Statistikblog „11tegen11“ besorgte, den er anlässlich des Spiels in Berlin vergangene Woche bei Union-Blogger Daniel Roßbach von „eiserneketten.de“ kennenlernte. Gerne hätten wir diese sehr hilfreichen Tools nach einer interessanteren Partie vorgestellt.

Hier die „Passgrafiken“ beider Mannschaften:

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Auf den ersten Blick irritierend mögen vielleicht die zentrale Positionierungen der Flügelspieler erscheinen. Die erklären sich dadurch, dass die Grafik eine Art Durchschnittsposition des Spielers während eines Spiels zeigt. Daher taucht ein Flügelspieler, der oft die Seiten wechselt, am Ende in der Mitte auf. Außerdem wird die Situation nach Halfars Einwechslung und der damit verbundenen Umstellung nicht dargestellt.

Für diesen Kick interessant ist die Dicke der Pfeile und der Kreise, die veranschaulichen, wie oft ein Spieler ein Ball war. Deutlich zu sehen: Die Sechziger ließen den Ball wesentlich intensiver laufen. Bei Lautern fanden kaum Pässe der Innenverteidiger auf die zentralen Mittelfeldpositionen statt. Von „Zusammenspiel“ kann eigentlich nur zwischen Marcel Gaus und Christoph Moritz geredet werden.

Das wiederum findet seine spektakulärste Ausprägung in der 53. Minute. Moritz passt eine zu kurze Abwehr der Münchner aus 20 Metern direkt in den Strafraum auf Gaus, der halblinks im Strafraum positioniert ist. Der wiederum spielt direkt in die Mitte zu Jaques Zoua, der nur noch einzuschieben bräuchte, wenn der Ball richtig „temperiert“ (Meier) wäre. Ist er aber nicht.

Die größte selbst herausgespielte Lautrer Chance des Spiels. Ansonsten werden die Pfälzer nur nach einer weiteren Freistoßflanke gefährlich, die Heubach erwischt, Sechzigs zentraler Innenverteidiger Abdoulaye Ba aber von der Torlinie klären kann.

DIE „EXPECTED GOALS“: VIEL WAR DA NICHT ZU ERWARTEN

Interessant auch die „expected Goals“ (xG), die „11tegen11“ errechnet. Die Holländer beschränken sich nicht darauf, wie andere Statistiker lediglich die Torschüsse und die „Schüsse aufs Tor“ zu ermitteln, sondern fragen auch nach deren Qualität. Die wiederum beziffern sie, rechnen sie über 90 Minuten auf und erhalten so am Ende Vergleichswerte, die aussagekräftiger sind als das übliche „Chancenverhältnis“. In diesem Fall endet die Partie 1.45 : 0.56 für 1860. Banal übersetzt: 60 war ungefähr drei Mal näher am Sieg als Lautern. Eigentlich.

Ebenso begnügen sich die Holländer nicht damit, die Zahl der „angekommenen Pässe“ zu erheben, sondern sie fragen auch nach den erfolgreichen Pässen, die in Tornähe gespielt werden, unterteilen diesen dabei noch einmal in einen 25-Meter-Radius („deep completions“) und einen 15-Meter-Radius („very deep completions“). Auch hier visualisiert die Dicke des Kreises die Dicke der Chance. Und wie man sieht, verzeichnet auch da Sechzig einiges mehr an Volumen.

Bildschirmfoto 2017-04-23 um 07.06.23.png

Die dickste Löwen-Chance hatte übrigens Unglücksrabe Gytkjaer in der 43. Minute – aus eben der halblinken Position, die oben als dickerer Kreis markiert ist. Vorausgegangen war ein Patzer von Stipe Vucur, der den Ball an Amilton verlor.

Kein Wunder also, dass 1860-Trainer Vitor Pereira mit der Ungerechtigkeit des Ergebnisses haderte. Ob er sein Team allerdings auch noch zu seiner Leistung beglückwünschen musste, darf dahingestellt bleiben. Denn aus dem Spiel heraus produzierte seine Mannschaft im Grunde auch nur die beiden geschilderten Großchancen. Ansonsten kam sie lediglich nach Eckbällen zu Kopfballmöglichkeiten, dies aber aus Lauterer Sicht beängstigend oft. Bereits vergangene Woche in Berlin war der Gegner da einfach zu präsent.

DER EIGENTLICHE MATCHWINNER: DAS PUBLIKUM

„Mir ist, ehrlich gesagt, scheißegal, wer die bessere Mannschaft war – wir haben die Punkte.“ Dieser Satz von Trainer Meier ziert jeden Spielbericht, der seit Freitag veröffentlicht worden ist. In derzeitigen Situation mag er angebracht sein. Sollte der Klassenverbleib gesichert werden, sollte im Sommer aber dringend mal drüber geredet werden, mit welcher Art Fußball man künftig auf dem Betzenberg sein Publikum unterhalten will.

Nachdem es zunächst nicht so ausgesehen hatte, kamen am Freitag dann doch noch fast 28.ooo Zuschauer auf den Betzenberg, um dem Verein in diesen wieder mal schweren Zeiten beizustehen – ein wirklich eindrucksvolles Statement, zumal sie ihre Mannschaft auch „in Phasen anfeuerten, wo es nicht so gut für uns lief“, wie der Coach feststellte. Wenn die sich aber für den FCK auch mal wieder richtig begeistern sollen, muss ihnen besserer Fußball geboten werden.

BITTE DIE MANNSCHAFT NICHT GRÜNER MACHEN, ALS SIE IST

Es ist ebenso verständlich, dass Norbert Meier seine Jungs nicht öffentlich in die Pfanne hauen willen. Kleiner machen, als sie sind, braucht er sie allerdings auch nicht. „Wir haben eine sehr junge Mannschaft, wo Spieler dabei sind, die im ersten Jahr im Profifußball überhaupt tätig sind, da merkt man schon, dass diese Situation auch hemmen kann“, erklärte der Coach.

Jung mag ja stimmen, und Philipp Mwene und Osawe müssen sich in dieser Saison erstmals eine Klasse höher behaupten. Das ist sicher nicht einfach, allerdings: Auch die Dritte Liga, aus der sie kamen, war eine Profiliga. Die einzigen wirklichen Profi-Neulinge in der Stammelf sind Pollersbeck und Robin Koch, und die gehören zu stabilsten Kräften  im Team.

Vucur, Heubach, Gaus sind erfahrene Zweitligaspieler, Ewerton und Zoua haben sogar internationale Erfahrung. Und mit Halfar, Moritz, Kerk sowie dem nun auf der Bank kauernden Zoltan Stieber hat der FCK Spieler im Kader, die nicht nur von ihrem Potenzial, sondern wohl auch von ihrem Selbstanspruch her Erstligaspieler sein wollen. Von daher darf man auch was erwarten. Vor allen Dingen mehr.

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