Kohlis Arschkarte: Traditionsverein vs. Retortenklub? Leute, hört doch endlich mal auf mit dem Scheiß

Vergangene Woche, in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den TSV 1860 München, hat es mal wieder ein Kollege versucht. Ob angesichts der vielen neuen Namen, die in den Ligen Einzug gehalten hätten, und der vielen „Traditionsvereine“, die aktuell gegen den Abstieg in die Dritte Liga spielen, sich nicht der Trend abzeichne, dass die Fußballromantik endgültig verloren gehe, wurde FCK-Trainer Norbert Meier gefragt.

„Fußball und Romantik, weiß ich nicht, ob das noch gut zusammenpasst“, antwortete der Coach. „Diese Vereine, die da nach oben gespült wurden, sind da allerdings nicht mit dem Freilos hingekommen. Sie haben sicherlich potente Geldgeber, die gute Grundvoraussetzungen schaffen, aber sportlich müssen sie sich auch alles erst einmal erarbeiten. Von daher ist das nicht mein Thema.“

Gut gegeben, Trainer.

Dieses Lamentieren wegen der „Retortenklubs“, die die armen Traditionsvereine zunehmend nach unten drücken und unseren geliebten Fußball zunehmend unerträglicher, vor allen Dingen volksferner machen – Leute, wie lange wollen wir diesen Scheiß eigentlich noch labern?

Und, jawoll, damit mein Kohli sich durchaus auch selbst.

Die Fußballromantik lebt exakt noch solange, wie die Fans sie im Herzen tragen. Am Freitagabend auf dem Betzenberg haben 28.000 Zuschauer eine eigentlich überforderte Mannschaft in einem absoluten Grottenkick zu einem absolut unverdienten Sieg gepeitscht. Wenn das nicht Fußballromantik pur ist, was ist es dann?

Befassen wir uns dennoch mal mit der Realität – und fragen uns mit nüchternem Blick auf die Bundesliga-Tabelle, was dieses „Die Retortenklubs verdrängen unsere geliebten Traditionsvereine“-Gejammere eigentlich noch soll.

Okay, mit dem RB Leipzig und die TSG Hoffenheim haben sich diese Saison zwei Retortenklubs weit nach vorne geschafft. Gepimpt mit Abermillionen von Konzernen, denen sie gehören. Keine klassischen Volksvereine, fraglos. Aber der eine sorgt in seiner Region für jede Menge Begeisterung – und dafür, dass viel Volk in sein Stadion strömt, er könnte sich Bezeichnung „Volksverein“ also durchaus mal verdienen. Während beim anderen sogar der Trainer öffentlich heult, dass er dessen 30.000-Nasen-Arena nicht vollbekommt, obwohl die Mannschaft doch einen ansehnlichen Stiefel kickt… In diesem Punkt sollten die beiden also schon mal voneinander unterschieden werden, gerade und vor allem von Fußballromantikern.

Denn die sehen sich ja in der Regel auch als die letzten Verfechter „traditionellen“ Sportsgeists, oder? Sollten sie dann nicht auch mal die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass es eben nicht nur die Konzernmillionen sind, die diese Klubs so weit nach vorne gebracht haben, sondern auch die klugen Köpfe, die sie sich ins Boot geholt haben, und die wissen, wie man das viele Geld in sportliche Qualität investiert?  Die zudem eine klare Linie über Jahre verfolgen dürfen und beispielsweise auch auf Trainer setzen, die in dem durchanalysierten Gekicke des 21. Jahrhunderts tatsächlich noch neue Akzente setzen können? Sollten sich die Traditionsvereine nicht viel eher mal fragen, warum solche Köpfe nicht bei ihnen auf der Payroll stehen?

Konzernmillionen allein sind nämlich kein Erfolgsgarant. Das zeigt ein Blick auf die Werksteams aus Leverkusen und Wolfsburg, klassische „Retortenklubs“ also. Diese dümpeln mit ihrem sauteurem Personal gerade in der hinteren Tabellenhälfte der Bundesliga herum.

Der FC Ingolstadt seht sogar vor dem Abstieg.

Dessen Betrachtung ist übrigens besonders interessant: Er wird vom Fan-Mainstream ebenfalls als „Retortenklub“ wahrgenommen. Dabei ist er objektiv betrachtet gar keiner, schon gar nicht hängt er am Tropf von Audi. Lediglich rund 20 Prozent der Gesellschaftsanteile des FC Ingolstadt sind an dieses und andere Unternehmen abgegeben. Aufstieg und Oberhaus-Verbleib wurden mit im jeweiligen Liga-Vergleich recht bescheidenen Etats geschafft, ist also in erster Linie sportlicher Verdienst. Da erst 2004 gegründet, kann man den FC Ingolstadt daher allenfalls als Nicht-Traditionsverein bezeichnen, nicht aber als Konzern- oder Retortenklub.

Wir notieren also: Schon beim Versuch, das vermeintlich Unsympathische zu definieren, das unseren Fußball kaputtmacht, kommt der Fußballromantiker ins Schwimmen.

Davon abgesehen, ist das Maß aller Dinge im deutschen Fußball doch nach wie vor der FC Bayern, oder? Und das ist ja wohl ein „Traditionsverein“. Allerdings einer, der seine Profiabteilung als AG ausgelagert hat, aber das haben mittlerweile viele Traditionsvereine. Und der sich ordentlich von Adidas, Audi und Allianz pimpen lässt. Die aber halten zusammen nur 25 Prozent der AG-Anteile, über den Rest verfügt nach wie vor der Verein. Dagegen ist ja wohl nichts sagen.

Und die anderen Traditionsvereine? Hertha BSC und der SC Freiburg bieten ihrem Anhang richtig starke Spielzeiten. Exzellent im Rennen lagen lange Zeit auch die Traditionsvereine Eintracht Frankfurt und 1. FC Köln. Okay, zum Saisonfinale kacken sie nun ein wenig ab. Das kommt vor. Ist halt Sport.

Wir notieren daher weiter: Die Traditionsvereine sind noch lange nicht tot, und längst nicht alle „Retortenklubs“ reiten auf der Erfolgswelle.

Der Traditionsverein Borussia Dortmund indes, der sogar an die Börse gegangen ist, steht zwar ebenfalls noch weit oben, doch bleibt er heuer ein wenig hinter den eigenen Erwartungen zurück, auch das kommt vor. Und er sieht sich, wohl als erster Fußballklub überhaupt, mit der kaum fassbaren Scheußlichkeit konfrontiert, dass ein kriminelles Schwein Spieler töten wollte, um durch einen anschließend kalkulierten Aktiensturz Spekulationsgewinne zu erzielen. Ist das nicht ein ungleich ungeheuerlicherer Auswuchs der Fußballkommerzialisierung als geldgepimpte Bullen mit Flügeln?

Wie sieht’s denn in der Zweiten Liga aktuell aus? Da drängen sich in der Tat in der unteren Hälfte einige Klubs, die vor ein paar noch eine Klasse höher aufeinander getroffen sind. Those were the days, my friend…

Aber mal im Ernst: Sind die tatsächlich da unten gelandet, weil sie von bösen, bösen „Retortenklubs“ dahingedrängelt worden sind? Oder weil sie eben die kluge Personalpolitik und klare Linie vermissen ließen, die die erfolgreichen Retortenklubs nunmehr erkennen lassen? An die eigene Nase zu fassen, kann manchmal sehr erhellend sein.

Schon wahr: Mit Heidenheim, Sandhausen und Würzburg haben sich einige Städte auf die Landkarte des Unterhauses geschafft, an die der Fan sich erst einmal gewöhnen musste. Auch hinter denen stecken Sponsoren und Sponsorenmodelle, die einige interessant, andere vielleicht sogar inspirierend finden können – Anstoß nehmen können daran aber, bei Licht besehen, nur Blödmänner. Gerade diese Vereine haben sich ihren Erfolg sportlich besonders hart erarbeitet, und zwar mit der „Kontinuität“, nach der so viele derzeit darbende Traditionsvereine streben, die aber kaum einer praktiziert.

Wollen wir als FCK-Fans jetzt tatsächlich mit dem Finger auf diese Klubs zeigen, etwa, weil sie mittlerweile die überzeugenderen Argumente – und sei es mehr Kohle – haben, um einen Robert Glatzel vom Betzenberg wegzulocken? So ein bisschen Stolz sollte sich im Erbgut Fritz Walters ja wohl noch finden lassen.

Der Traditionsverein 1860 München sorgt indessen dank seines despotischen Investors für mehr Schlagzeilen außerhalb des Rasens als darauf.

Der Traditionsverein VfB Stuttgart steht ebenfalls unmittelbar vor der Ausgliederung seiner Profiabteilung. Und Daimler hat schon mal eine Finanzspritze von 41 Millionen Euro angekündigt, um sich elf Prozent der entstehenden Gesellschaftsanteile zu sichern.

41 Millionen. Etwa das Vierfache des Lizenzspieleretats, den der FCK aktuell zur Verfügung hat. 41 Millionen. Mal eben so zum Shoppen am Transfermarkt.

Das sind die Dimensionen, vor denen sich der FCK fürchten muss.

Die Zukunft heißt eben nicht „Retortenklubs verdrängen Traditionsvereine.“ Tendenziell nämlich pumpen die Konzerne ihre Millionen lieber in Traditionsvereine, weil sie über diese mehr Volk erreichen, wegen der Öffentlichkeitswirkung, um die es ihnen ja eigentlich geht.

Und wenn der FCK tatsächlich noch den Anspruch stellen kann und will, in diesem Konzert irgendwie mitzuspielen, muss er sich einen Weg zu solchen Geldern erschließen. Am besten einen „eigenen Weg“, wie es die Vorstände Thomas Gries und Michael Klatt unlängst formuliert haben.

Wenn der gemeine Traditionsvereinsfan derweil weiterhin im RB Leipzig das Sinnbild für allen Übels dafür sehen will, was sein Klub derzeit durchleiden muss – man wird’s ihm nicht mit dem moralisch erigierten Zeigefinger austreiben können, das hat noch nie geklappt. Ebensowenig mit den Knüppeln der Saatsgewalt. Aber es wäre schon mal ein Anfang, wenn Medienvertreter sich mal gewisse Begrifflichkeiten abgewöhnen, mit denen sie Gegensätze propagieren, die es bei Licht besehen gar nicht gibt.

Das könnte die Situation auf Sicht vielleicht ein wenig entspannen – und mithelfen, Gewaltausbrüche sowie wenigstens  die dämlichsten Spruchbänder gegen Retortenklub-Eigentümer einzudämmen.

2 Gedanken zu “Kohlis Arschkarte: Traditionsverein vs. Retortenklub? Leute, hört doch endlich mal auf mit dem Scheiß

  1. Kleine Anmerkung bzgl. FC Ingolstadt 04:
    So unabhängig wie oben beschrieben ist er nicht und war er auch nie.
    Am Anfang hat Präsident Jackwerth (TUJA-Zeitarbeit) Geld reingebuttert, später hat AUDI die komplette Infrastruktur hingestellt. Auch der Aufsichtsrat ist bis auf 2 Personen (besagter Jackwerth und der Bürgermeister von Ingolstadt) komplett mit AUDI-Funktionären besetzt. Nach dem Aufstieg in die 1. Liga hat sich AUDI als Trikotsponsor bewusst zurückgezogen, um dem „Werksklub“-Image entgegenzuwirken.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s