Gegnerblog: Erst Pasta auftischen, dann dem Gegner einschenken – das neue Erfolgsrezept des FC St. Pauli

Lautern gegen St. Pauli. Der Elfte gegen den Zwölften. Oder? In diesem Fall ist es angezeigt, mal nur auf die Rückrundentabelle zu gucken. Und schon heißt es: Der Vierte gegen den Neunten. 27 Punkte haben die Hamburger 2017 bereits eingefahren, einen mehr als Aufstiegskandidat Braunschweig, nur die anderen drei, die gegenwärtig das Ticket in die Erste Liga zu lösen versuchen, sind bislang besser. Und: Die letzten vier Partien hat St. Pauli allesamt gewonnen, mit einem Torverhältnis von 9:1. Am Freitag (18.30 Uhr) erwartet den FCK also eines der aktuellen Topteams der Liga. Und so wenig der Blogwart Überdramatisierungen einzelner Liga-Partien schätzt, hier darf es mal gesagt werden: Wer diese Partie gewinnt, ist alle Abstiegssorgen los.

Nach der Hinrunde kreuzte das Team von Ewald Lienen noch mit elf mageren Punkten auf Rang 18 der Dritten Liga entgegen. Was den Umschwung einleitete, wie der „Schalter umgelegt“ wurde?

DIE NEUEN SIND GUTE ERGÄNZUNGEN – DIE „VERSTÄRKUNG“ KAM VON INNEN

Auf den ersten Blick fällt auf, dass St. Pauli in der Winterpause personell recht ansehnlich nachbesserte. Die Hamburger verpflichteten Johannes Flum, ablösefrei – 2013 war das aufstrebende Mittelfeldtalent noch für zwei Millionen Euro von Freiburg nach Frankfurt gewechselt. 2015 hatte es sich jedoch die Kniescheibe gebrochen und suchte nun wieder nach einer Möglichkeit, Spielpraxis zu sammeln, daher die Übernahme für lau. Aus Bremen lieh sich Pauli seinen ehemaligen Stürmer Lennart Thy, aus Freiburg den norwegischen Nationalspieler Mats Möller Daehli.

Interessant ist allerdings: Nur Zehner Möller Daehli wurde so richtig zur Vollzeitkraft, die beiden anderen kommen meist von der Bank, stehen nur gelegentlich in der Startelf. Andererseits: „Rotation“ ist eine Stärken des wiedererstarkten St. Pauli. Ansonsten müssen andere Gründe für den Aufschwung zu finden sein.

KEINEN „SCHALTER UMGELEGT“ – EINFACH WEITERGEARBEITET

Innenverteidiger Lasse Sobiech, dem Wertungsranking des britischen Statistikportals „whoscored.com“ zufolge der beste Paulianer, versuchte sich nach dem 3:0 gegen Heidenheim am Wochenende in der „Hamburger Morgenpost“ (Mopo) an einer Erklärung:

„Es war ehrlich gesagt so, dass wir gerade keinen Schalter umgelegt, sondern einfach so weitergemacht und gearbeitet haben wie vorher. Wir hatten ja vorher in den vier sieglosen Partien nicht grottenschlecht gespielt und jeweils 15 Chancen gegen uns zugelassen. Daher haben wir uns gesagt, dass wir die Köpfe weiter oben behalten müssen, weil der eingeschlagene Weg der richtige ist. Das hat sich dann auch ausgezahlt.“

Weitermachen wie bisher, das hieß auch: mit Trainer Ewald Lienen. Über die Ablösung des 63-jährigen war nach der mauen Punkteausbeute in der Hinrunde immer wieder diskutiert worden, in erster Linie allerdings wohl eher extern. Unter anderem war auch das Hinspiel gegen Lautern (0:0) bereits zum „Endspiel“ für Lienen ausgerufen worden. Schönes Beispiel also dafür, dass auch das Festhalten an einem Coach zum Erfolg führen kann, Stichwort „Kontinuität“.

INTERESSANTE PERSONALIEN: GONTHER, BUCHTMANN, SAHIN

Stets in der Startelf während der jüngsten Siegesserie: Sören Gonther, der langjährige Kapitän, der vergangenen Sommer vorübergehend zum Wackelkandidaten geworden war und prompt mit diversen Zweitligisten in Verbindung gebracht wurde, auch mit dem FCK. Gegen Heidenheim war der 30-jährige, auch das erwartet man nicht unbedingt von ihm, laut „Mopo“ der „schnellste Spieler auf dem Platz“, erreichte in einer Szene eine Höchstgeschwindigkeit von 33,26 km/h.

Weitere interessante Personalie: Christopher Buchtmann. Der Linksfuß wurde 2012 in Köln aussortiert, ausgerechnet von Paulis Ex-Trainer Holger Stanislawski, und ist in dieser Saison am Millerntor endgültig zum Führungsspieler gereift, der spielen, kämpfen und antreiben kann – auch dank, wie ebenfalls die „Mopo“ herausgefunden hat, diversen Überstunden in der Muckibude. Fünf Treffer hat Buchtmann in dieser Saison bereits erzielt.

Ebenfalls prächtig entwickelt hat sich der rechte Außenbahnspieler Cenk Sahin, eine Leihgabe des türkischen Erstligisten Medipol Basaksehir. Die Kaufoption für eine Million Euro für den 22-jährigen Scorer (vier Treffer, sechs Assists) würden die Hamburger nur allzu gerne zahlen, ob er allerdings tatsächlich nächste Saison am Millerntor kickt, ist fraglich: Auch Leverkusen, Schalke und Wolfsburg sollen auf das Talent bereits aufmerksam geworden sein. Da deutet sich ein fettes Weiterverkaufsgeschäft für St. Pauli an.

DIE SACHE MIT DER PASTA

Ebenfalls charakteristisch für den neuen FC St. Pauli: die zweite Luft. In den jüngst gewonnenen vier Spielen stand es zur Halbzeit jeweils 0:0, erst danach wurde dem Gegner eingeschenkt. Dafür hat Trainer Lienen eine besonders charmante Erklärung parat: „Wir brauchen immer 45 Minuten, um unser Kampfgewicht wiederzuerlangen.“ Denn vor 18.30 Uhr-Spielen hat es sich eingebürgert, dass die Hamburger um 15.30 Uhr nochmal ordentlich Pasta spachteln. Die füllen zwar den Energiespeicher, machen zunächst aber mal schwer…

Sören Gonther dagegen erklärt’s der „Mopo“ weniger originell:

„Wir sind körperlich einfach super drauf. Jeder von uns lebt das hier mit jeder Faser. Und wenn man dann noch so extrem schwierige Spiele wie gegen Würzburg oder in Düsseldorf gewinnt, dann pusht das natürlich. Jeder hat Bock zu spielen.“

Vielleicht sollten’s die Pfälzer auch mit Pasta vor dem Anpfiff versuchen – diese aber eine Dreiviertelstunde früher auftischen.

 

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