Analyseblog: Der erste von drei Matchbällen ist vergeigt – und in der TV-Geldtabelle droht nun noch mehr Verlust

Hat hier unlängst mal jemand gefordert, man müsse von diesem 1. FC Kaiserslautern verlangen, in dieser Saison noch Tabellenplatz 7 erreichen? Muss das ein Blödmann gewesen sein… Okay, vor diesem Spieltag waren es nur zwei Punkte Abstand zu diesem ansehnlichen Rang, aber wie bitteschön hätte der FCK diesen FC St. Pauli schlagen sollen, der zuvor vier Spiele in Serie gewonnen hatte? Nun, so, wie er sich am Freitag präsentierte, jedenfalls nicht, und eigentlich hat die Mannschaft in dieser Spielzeit erst zwei Mal eine Leistung gezeigt, mit der es gegen diesen Gegner vielleicht gereicht hätte: gegen Union Berlin (1:0) und Greuther Fürth (2:0). Wer jedoch die übrigen 29 Spiele gesehen hat, konnte vor diesem 1:2 eigentlich kaum guter Dinge sein. Trotzdem wär’s schön gewesen, die Mannschaft hätte sich zum Saisonfinale nochmal berappelt, nicht nur angesichts des Fünf-Jahres-Rankings für die TV-Geldausschüttung, sondern vor allem den sage und schreibe 35.781 Zuschauern zuliebe, die den Weg ins Stadion gefunden hatten – und sich über ein bisschen Werbung für die nächste Saison sicher gefreut hätten.

„Einen Rückschlag“ hat auch FCK-Trainer Norbert Meier hinterher gesehen. In der Tat: Es sind nicht nur die berühmten individuellen Fehler in den entscheidenen Situationen, die in dieser Partie den Ausschlag gegeben haben, auch im Kollektiv hat sich die Elf über weite Strecken dieser 90 Minuten nicht so bewegt, wie sie es sonst auch in ihren schwächeren Partien einigermaßen hinbekommen hat.

Schon vom Anpfiff weg stehen die einzelnen Mannschaftsteile zu weit voneinander weg, so dass es für die St. Paulianer viel zu leicht ist, die erste Angriffslinie der Lautrer zu überspielen. Erste Angriffslinie? Doch, tatsächlich, zu Beginn der Partie versucht der FCK, früh zu attackieren. Norbert Meier erklärt hinterher sogar, bei seinen Jungs die „richtige Körpersprache“ gesehen zu haben.

WIEDER MAL MANKO: FLÜGEL- UND FLUGBALLVERTEIDIGUNG

Na, ja, vielleicht sprechen die Menschen ja auch nicht alle gleiche Körpersprache, denn am frühen Attackieren beteiligt sich bestenfalls die Hälfte der zehn Spieler, der Rest hält sich zurück. Und kollektives Agieren ist nunmal zwingend notwendig fürs Pressingspiel. Bald schon werden die ersten Störversuche weiter nach hinten verlegt, dadurch steht die Mannschaft kompakter, bringt in den ersten 45 Minuten aber aus dem Spiel heraus kaum noch was zustande.

St. Pauli präsentiert sich wesentlich spielfreudiger. Besonders die Pärchen auf den Seiten zeigen Lautern wiederholt die Schwäche seiner Dreierkette auf: die Verteidigung der Flügel. So deutlich war sie zuletzt im Auswärtsspiel gegen Union Berlin zu sehen, und so stabilisierend Meiers 3-5-2 im letzten Saisonviertel sich auch ausgewirkt hat, gegen Gegner, die so stark über die Außenpositionen kommen, taugt sie nur bedingt.

Auch eine andere Schwäche aus den jüngsten Partien wird erneut offenbar: Der Gegner  kommt nach Freistoßflanken und Eckbällen einfach zu zu vielen Gelegenheiten. Schon in der 8. Minute köpft Marc Hornschuh einen Flugball Waldemar Sobotas ins Tor. Schiedsrichter Felix Zwayer erkennt auf Abseits, zurecht, wie die Zeitlupe bestätigt. Ist allerdings haarscharf gewesen. Riesenkompliment daher ans Schiedsrichtergespann – gerade in der Beziehung ist in dieser Saison schon viel Bockmist gepfiffen worden.

HÄLFTE ZWEI: NACH GAUS-CHANCE HÄTTE NOCH ALLES GUT WERDEN KÖNNEN

Und dennoch: Wenn Marcel Gaus unmittelbar nach der Pause bei der ersten herausgespielten Torchance des FCK Pauli-Keeper Philipp Herwaagen überwindet – die maue erste Hälfte wäre vergessen, die Karten würden neu gemischt und alles könnte noch anders kommen. Die Chance weckt zwar die Kulisse, gibt jedoch der Mannschaft nicht den dringend benötigten Rückenwind.

Symptomatisch hier die Situation unmittelbar nach der Gaus-Chance:

Ewerton gewinnt den Ball, findet direkt den Raum nach vorne, aber ungefähr sieben Mitspieler verpassen es, den Vorwärtsgang einzuschalten, bleiben hinterm Ball. Ewerton muss abbrechen, den Rückpass auf Philipp Mwene spielen, der Moment ist verloren… Alle Welt babbelt heutzutage von „schnellem Umschaltspiel“, das früher schlicht „Konterspiel“ hieß – in der Szene würde man es gerne mal sehen, gerade nach der vorangegangenen Torchance, die die Mannschaft eigentlich doch wieder heißer machen sollte.

So aber kommt es, wie es für St. Pauli schon in den vergangenen vier Partien gekommen ist: Nach einer torlosen ersten Hälfte nutzt die Elf von Ewald Lienen die zweite, um das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden.

ZWEI TORE, ZWEI FEHLERKETTEN

Die Entstehung des ersten Gegentreffers kann wieder mal niemand besser beschreiben als der Trainer selbst: „Das ist schlecht, wenn du drei kopfballstarke Spieler hinten stehen hast und der kleinste der Fünferkette muss dann gegen Bouhaddouz antreten. Da war schon was in der Zuordnung nicht in Ordnung. Philipp Mwene kann man da keinen Vorwurf machen.“

Zu ergänzen wäre noch: Schon vor der Flanke, die Hornschuh  unbedrängt hineingeben darf – Stichwort: schwache Flügelverteidigung – darf Sobota unbeschwert am Strafraumeck kreiseln. Das ist einfach zu viel Freiheit für zu viele Gäste. Dass Torjäger Aziz Bouhaddouz sich dann ausgerechnet am schmächtigsten Lauterer vorbeidrücken darf, ist das absehbarste Übel.

Auch dem zweiten Gegentreffer geht Kollektivversagen voraus. Christopher Buchtmann darf lange marschieren, müsste beim Eindringen in den Strafraum eigentlich von Robin Koch verfolgt werden, doch auch der Rest der Hintermannschaft bewegt sich nicht gut – und Stipe Vucur versäumt es, Bouhaddouz den Passweg zuzustellen. Der gut gestartete Buchtmann nimmt das Anspiel an und vollstreckt. „Wir spekulieren wieder, nehmen die Situation nicht so wahr, wie sie ist“, formuliert es der Trainer.

AUSGLEICHSCHANCEN? OKAY, DIE GAB’S AUCH

Zwischen den Toren und danach hat Jaques Zoua eine Chance, Tim Heubach nagelt den Ball fulminant an den Außenpfosten – wieder mal mit rechts übrigens. Und Gaus macht schließlich nach Mwene-Flanke den Anschlusstreffer. „Da ist das Stadion explodiert“, erklärt Ewald Lienen später. „Wir können von Glück sagen, dass der Treffer nicht zehn Minuten früher fiel.“ So aber ist es zu spät.

Überhaupt ist Lienen ein sehr höflicher Gast, wenn es darum geht, die Stärken seiner   Gastgeber herauszustreichen. So ausgeglichen war das Spiel eben nicht, als dass man von einem glücklichen Hamburger Sieg sprechen müsste.

Und das zu belegen, lohnt sich wieder mal ein Blick auf das statistische Bewertungssystem von 11tegen11. Bei profaner Betrachtung des „Torschuss“-Verhältnisses endete die Partie 16:10 für Lautern. Na, da waren die Betze-Buben ja doch nicht so unterlegen, haben sogar Pech gehabt, könnte man da schlussfolgern.

Bei den Holländern, die auch die Qualität der Chancen bewerten und über 90 Minuten zu Vergleichsgrößen aufaddieren, sieht das dagegen so aus:

Bildschirmfoto 2017-05-06 um 09.54.44.png

1,79 : 0,66 für St. Pauli also. Das spiegelt nicht nur den Endstand von 2:1 wider, wer das Spiel gesehen hat, wird zugeben, dass diese Relation auch dem subjektiven Eindruck entspricht.

Der Vollständigkeit halber hier auch die Passgrafik des FCK.

Bildschirmfoto 2017-05-06 um 09.53.02.pngSieht jetzt nicht so viel anders aus als die Grafik vom jüngsten Auswärtssieg beim Karlsruher SC, ist ja auch die gleiche Startformation. Auffallend: Der – die Dreieckspfeile drücken es aus – recht bewegliche Christoph Moritz war zwar einigermaßen oft am Ball, produzierte aber kaum Zuspiele  in die Spitze, auf Kacper Przybylko schon gar nicht, der als Spieler mit den wenigsten wieder mal den kleinsten roten Punkt darstellt.

Moritz musste allerdings schon in der 39. Minute raus. Wegen eines Faserrisses, den er sich schon früh in der Partie zugezogen hatte. Ob die Verletzung eine längere Pause nach sich zieht, ist noch nicht bekannt.

UND NOCHMAL TV-GELDTABELLE: AUCH ST. PAULI DROHT VORBEIZUZIEHEN

In den sozialen Netzwerken erntete der Blogwart am Freitag einiges Kopfschütteln, als er schrieb, der FCK müsse mit Blick auf die berühmte Fernsehgeld-Tabelle unbedingt noch den 7. Tabellenplatz anvisieren. Dazu sei noch angemerkt: Eben auf diesen siebten Rang  war der St. Pauli durch seinen Sieg am Wochenende gehüpft, wenigstens für ein paar Stunden.

Sollten die Hamburger diesen Rang bis zum Rundenende endgültig erobern – und das ist nach nunmehr fünf Siegen in Folge ja wohl nicht abwegig – kommen sie im Fünfjahres-Ranking 2017/2018 auf 155 Punkte. Begnügt sich der FCK dagegen mit dem rettenden 15. Platz, steht er lediglich, wie am Freitag schon errechnet, mit 149 Punkten in der Tabelle.

Heißt nichts anderes als: Nach Berlin und Fürth wäre auch St. Pauli an Lautern vorbei. Drei verlorene Plätze also. Vergeigt in nur einer einzigen Saison.

Es mag blauäugig sein, von dieser Truppe zu fordern, dass sie in den noch den ausstehenden beiden Partien die optimale Punkteausbeute einfährt, aber es ist schlicht und ergreifend geboten. Jeder Tabellenrang höher oder tiefer bedeutet für den Verein bares Geld.

Ein Gedanke zu “Analyseblog: Der erste von drei Matchbällen ist vergeigt – und in der TV-Geldtabelle droht nun noch mehr Verlust

  1. „Jeder Tabellenrang höher oder tiefer bedeutet für den Verein bares Geld.“ – Man sollte meinen, dass dies auch für die Spieler aufgrund von Prämien gilt. Aber das scheint auch nicht zu motivieren…

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