Bücherblog: Wie die Stradivari unter den Arschgeigen mit dem Fußball lebte – und wie der FCK ihm da hineinhalf

FCK-Teufelsratsmitglied Marcel Reif hat ein Buch geschrieben, beziehungsweise schreiben lassen: „Nachspielzeit – Ein Leben mit dem Fußball“. Und, ja, es ist zu empfehlen, absolut, gerade auch Anhängern des Klubs, um den es in diesem Blog tagaus, tagein geht. Denn es steht zwar nicht übermäßig viel drin über Reifs „Verein für immer“, wie tatsächlich ein ganzes Kapitel überschrieben ist, aber doch einiges, und das ist zum Teil wirklich ergreifend. Wer sich allerdings zu der in den vergangenen Jahren gewachsenen Fraktion derer rechnet, die sich entschlossen hat, Reifs Knautschgesicht nicht mehr zu mögen, es vielleicht sogar so überflüssig zu halten wie den „Pimmel vom Papst“ – so hat es ein „Fan“ mal formuliert –, der sollte besser die Finger davon lassen. Denn wer krampfhaft nach Bestätigungen dafür sucht, dass die Queen Mum der deutschen Fußballreporterszene zu Eitelkeit und Überheblichkeit neigt, findet diese auch in diesem Werk. Garantiert.

Die Wahrnehmung des Marcel Reif als Fußball-Kommentator im Lauf der Jahre böte in der Tat lohnenswerten Stoff für eine medienwissenschaftliche Untersuchung. Im ausgehenden 20. Jahrhundert wurde er in dem Maße beliebter, in dem Heribert Faßbender unerträglicher wurde, er setzte der öffentlich-rechtlichen Reporterbräsigkeit eine kaum nachahmliche Mischung aus Coolness und Kompetenz entgegen. Beim berühmten „Torfall von Madrid“ glänzte er im Duett mit Günther Jauch im ungewohnten Fach der Comedy-Impro. Er heimste den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis ein, und vor allem begleitete seine Stimme, zunächst bei „rtl“, später bei „sky“, über zwei Jahrzehnte hinweg alle bedeutenden fußballerischen Darbietungen mit deutscher Beteiligung.

Was Reif dann jedoch in den so genannten „Nullerjahren“ erfahren musste, ist ihm selbst ein Rätsel geblieben, mit dem er sich auch in diesem Buch beschäftigt. „Arrogant“ genannt zu werden, war da noch das geringste, permanent „Bayern-Sau“ gescholten zu werden, schon weniger. Er galt mal als erklärter Bremen-, vor allem aber als Dortmund-Hasser, wurde in den Stadien beschimpft und bedroht, sein Wagen demoliert, einer seiner „Kritiker“ fand, Reifs Familie solle „brennen“…

Wenn Hass und Idiotie sich vollends ins Skurrile verquirlen, wird’s wenigstens lustig, wie Reif im Buch mit einer Kostprobe aus seiner „Fanpost“ demonstriert, die er in ihrer originalen orthografischen Qualität abdrucken lässt:

„ich hoffe dass du den schwanzgeschmack des fc bayerns schon auf der zunge hast. ich hoffe du kannst beim fc bayern als getränkewart arbeiten und jedem spieler deinen lustttropfen der dir vor lauter fangeilheit abtropft heruntermischen“

Wo kommt er nur her, dieser ebenso wie blinde wie blöde Hass? Im Gespräch mit seinem Ko-Autoren Holger Gertz spürt Reif selbst dieser Frage nach. Dabei fällt den beiden auf, dass der aufkeimende Hass gegen ihn ungefähr mit dem Aufkommen der sogenannten sozialen Medien einhergeht:

„Wenn etwas gekippt ist zwischen dem Publikum und mir, dann hat das tatsächlich mit Facebook und Twitter zu tun. Wie es sich gegenseitig befeuert und aufschaukelt, der eine sagt das, der andere findet, dass das längst schon mal gesagt werden sollte. Gleich mal Fernseher ankotzen. Ich gebe zu, mich hat es beschäftigt, dass ich da plötzlich von diesem Sockel gestürzt bin.“

Es sind allerdings auch andere Begründungen denkbar, die banal klingen mögen, aber was für sich haben. Etwa, dass der gemeine Fan zunehmend die Distanz spürte, die Reif zu ihm pflegt und zu der er sich auch bekennt:

„Mit der Fankurve konnte ich wenig anfangen. (…). Angefasst zu werden, hat mich immer in den Wahnsinn getrieben. Meine Aufgabe als Reporter war nicht, die Stimme des Volkes zu sein, sondern den Leuten zu erklären, was da auf dem Platz passiert. Und am besten nicht in einer Sprache, die mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner anfängt und endet. Wenn das einer nicht begreift, dann kann ich es auch nicht ändern.“

Vielleicht hat sich die Masse mit den Jahren auch einfach nur an ihm sattgehört. So, wie sie Delling und Netzer irgendwann nicht mehr ertragen konnte. Die am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit ohne Frage ja auch richtig gut waren. Oder eben Heribert Faßbender. Der auch mal ein richtiger heißer Radioreporter war in seinen jungen Jahren.

Aber da sind eben auch die Unterschiede zu Reif: In ihren späten Jahren hörten sich die Dialoge zwischen Delling und Netzer an, als habe sie ihnen Fozzie-Bär aus der Muppets-Show geschrieben. Und Faßbender war in seiner eigenen ignoranten Selbstwahrnehmung so aufgegangen, so mit seinem Sportschaudirektorensessel verwachsen, dass er sich gar nicht mehr vorbereitete auf die Spiele, die er zu besprechen hatte. Reif dagegen wirkte niemals unvorbereitet. Er hat immer seine Arbeit gemacht. Cool und kompetent, nur vertrugen immer mehr Menschen diesen Tonfall anscheinend immer weniger. That’s life.

In diesem Tonfall hat er nun auch sein „Leben mit dem Fußball“ beschrieben. Beziehungsweise, beschreiben lässen. Da fängt es doch schon an. Dass ein handwerklich top-ausgebildeter Journalist einen Kollegen bemüht, seine verbalen Ergüsse niederzuschreiben, werden ihm manche ebenfalls als Abgehobenheit auslegen. Reif kann da nicht mehr tun, als es ihnen dies im Vorwort zu erklären:

„Allerdings ist Kommentieren eine sehr luftige Kunst, kaum ausgesprochen, ist alles auch schon wieder verflogen. Und jetzt also aufschreiben … Als die Idee zu diesem Buch entstand, habe ich sehr bald und sehr bestimmt gemerkt, dass das nicht mein Metier ist.“

Also hat er Holger Gertz das alles aufschreiben lassen, einen versierten schreibenden Journalisten von der Süddeutschen Zeitung, mit dem Reif seit Jahren gut befreundet ist. Und damit hat er einmal mehr eindrucksvoll bewiesen, dass er nicht nur seine eigenen Qualitäten richtig einschätzen kann, sondern auch die anderer: Gertz schreibt in der Tat so, wie Reif spricht. Beziehungsweise, wie Sprecher Reif schreiben würde, so er es denn könnte. Beziehungsweise wollte.

So ist „ein Leben mit dem Fußball“ nachgezeichnet worden, das nie größer sein will als das Spiel. Überhaupt will es nicht größer sein als irgendwas. Es ist keine richtige Biografie, Reif lässt von sich nur so viel erzählen, wie er will. Schon gar nicht ist es eine „Abrechnung“, weder mit dem Fußball an sich noch mit der Berichterstattung darüber.

Reif streift die Themen so, wie es seine Art ist, cool, kompetent, lässig. Das hat durchaus auch mal Biss, etwa, wenn er auf die Kommerzialisierung zu sprechen kommt, insbesondere das Gebaren der FIFA beim Finden neuer Turnierstandorte. Exemplarisch erwähnt sei hier die WM-Standortsuche in Südafrika, als Boss Blatter persönlich verfügt haben soll, zwischen Tafelberg und Atlantik, „einem der schönsten Plätze der Welt“ (Reif/Gertz), ein Stadion hinzurotzen:

„Wenn das stimmt, ist das Blatter at his best. Präpotent, ekelhaft, widerlich, großkotzig. Dumm.“

Das hält auch einige interessante Betrachtungen bereit, etwa zu der Art, wie heute Spiele kommentiert werden – so sinniert Reif darüber, wieso niemand mehr die Magie des Schweigens zelebriert, die „Stille nach dem Schuss“, und ruft den Moment aus dem WM-Finale 1974 in Erinnerung, in dem Gerd Müller das 2:1 für Deutschland schießt – und Rudi Michel danach einfach den Mund hält, bis der Stadionsprecher blechern den neuen Spielstand durchgibt. Heute werden alle magischen Momente totgelabert, und Reif lässt den Filmemacher Christian Petzold erklären, weshalb das so ist:

„Sportreporter waren früher noch von der Wirklichkeit beeindruckt, während sie heute versuchen, die Wirklichkeit zu beeindrucken.“

Das wird auch mal anekdotisch, an vielen Stellen sogar. Reif schreibt unter anderem über seine Begegnungen mit Maradona und Diego Simeone. Ergötzlich die Szene, wie Live-Reporter Reif bei der WM in Südafrika fast wahnsinnig wird, als, abweichend vom geplanten Ablauf, plötzlich Nelson Mandela ins Stadion gekarrt wird, der geistige Vater des neuen Südafrika und dieser WM, der sich im gesamten Turnier noch nicht hatte blicken lassen. Die Kollegen in Deutschland wollen aber partout nicht von ihrem heimischen Laber-Talk wegschneiden. Da hilft es auch nicht, dass Reif sich im Funkverkehr mit den renitenten Kollegen aufführt wie die berühmte Loriot-Figur: „Ich bring euch um. Wenn ich euch erwische, bring ich euch um.“

An dem berühmten „Torfall von Madrid“ dagegen hat Reif sich wesentlich weniger delektiert als Publikum und Medien, deswegen ist er damit schnell durch, in einem sehr ergreifenden Kapitel über seinen verstorbenen Freund Michael Palme:

„Zwei Erwachsene haben Spaß und dürfen Kinderkram machen und jazzen sich hoch, und am Ende wird eine Anarchienummer daraus. Das ist Kasperletheater verglichen mit einer Abschiedsrede für einen Freund.“

Doch, „Nachspielzeit“ ist streckenweise sehr amüsant und erhellend. Und geht einige Male wirklich zu Herzen, etwa gleich zu Beginn, wenn Reif etwas von seiner Familiengeschichte preisgibt: Wie sein jüdischer Vater einst von dem deutschen Industriellen Berthold Beitz in buchstäblich letzter Minute vor der Abfahrt ins Konzentrationslager gerettet wurde. Und wie er, der Sportreporter Reif, dem hochbetagten Beitz Jahrzehnte später begegnete, aber kein Wort herausbrachte, dieser ihm nur kurz den Arm drückte und sagte: „Schon gut.“

Und natürlich setzt sich Reif mit dem 1. FC Kaiserslautern auseinander, seinem „Verein für immer“. Auch wenn der ihn später wissen ließ, dass man in seinen Reportagen über ihn die Dankbarkeit vermisse, „dass der Verein ihm einst das Leben rettete“. Eine Formulierung, die Reif keinesfalls zu pathetisch formuliert ist. Wer allerdings denkt, dies hätte auch in seinen Reportagen anklingen müssen, hat nichts von seinem Job und seinem Selbstverständnis verstanden.

Reif kam im Alter von acht Jahren aus Israel nach Kaiserslautern. Sprach kein Wort Deutsch, wurde daher zurück in die erste Klasse versetzt, war darüber todunglücklich  – und isoliert. Bis er den Fußball entdeckte – und der Fußball ihn.

„Meine Rettung war – und ich sage dieses sehr bewusst – der Fußball. Rettung. Jedes andere Wort wäre zu schwach. Meine Mutter hatte gehört, dass beim 1.FC Kaiserslautern schon die ganz Kleinen kicken dürfen, sie meldete mich da an, sie hat mich einfach reingeworfen. Eine Mischung aus Verzweiflung, purer Not und mütterlichem Instinkt. (…) Ich lernte, dass ich eine Bedeutung habe, ich lernte es spielerisch und ohne die Bedeutung des Wortes »Bedeutung« nur zu ahnen. Für das Spiel unserer Mannschaft war ich wichtig. Wie gut ich Deutsch sprach, war nicht wichtig. Solange du deiner Mannschaft hilfst, ist das egal. Die Erkenntnis, ein bereichernder Teil von etwas Größerem zu sein, ist erst mal gar keine Erkenntnis, sondern ein Gefühl, ein großes und großartiges Gefühl. In dem Alter läuft alles über Gefühle, es gibt noch keine Abstufungen, keine Puffer. Angenommen werden oder abgelehnt werden, das sind die Pole. Wenn du abgelehnt wirst, bricht alles zusammen um dich herum. Wenn du angenommen wirst, pumpt dein kleines Herz und du kannst fliegen. Wer in der Schule abgelehnt wird, für den ist der Fußballplatz wie ein Erholungsheim, in dem er all das erlebt, was er sonst nur herbeisehnt.“

Schöner kann man erfolgreiche Integration durch den Sport wohl nicht beschreiben.

Ein anderes Kapitel handelt von Co Prins, seinem großen fußballerischen Idol – neben der Eishockey-Ikone Wayne Gretzky übrigens der einzige Sportler, von dem Marcel Reif sich jemals ein Autogramm erbeten hat. Was FCK-Fans weniger gefallen wird: Reif erklärt auch in diesem Buch nochmal, weswegen es unsinnig ist, als „Traditionsverein“ gegen Auswüchse wie Red Bull Leipzig Front zu machen:

„Herr Mateschitz kann auch nichts dafür, dass man in Kaiserslautern für anderthalb Spiele bei der WM 2006 das Stadion vollkommen bekloppt und überdimensioniert ausgebaut hat. In diesen Steinen ruht die Erste Liga. Die Gebeine einer ganzen Region ruhen da.“ 

Na, ja, dafür, dass die Gebeine da jetzt nicht endgültig zugeschüttet werden, will er doch auch als FCK-Teufelsratsmitglied noch etwas tun, oder?

Leugnen, dass sich der Fußball zurzeit in eine Richtung entwickelt, die den letzten Romantikern nicht mehr gefallen kann, mag allerdings auch Reif nicht. Deswegen rentnert er jetzt auch in der Schweiz herum, und lässt sich nur noch gelegentlich dazu hinreißen, so wie neulich im „Doppelpass“, mal Bayern-Stürmer Douglas Costa abzuwatschen. Ansonsten genießt er es, dass bei den Eidgenossen alles zwei Nummern kleiner ist, da er sich auf der großen Bühne nicht mehr wirklich wohl fühlt:

„Ich merke, dass mich das im Inneren nicht mehr berührt. Wahrscheinlich Resignation, Müdigkeit. Diese Entwicklung hat ein Tempo und eine Dimension, damit kann ich mich nur noch schwer auseinandersetzen. Sie machen das ganz offenbar immer so weiter, die drehen an der Schraube und drehen und drehen. An dieser Stelle fällt mir immer ein alter Handwerkerspruch ein, den ich mal beim Jobben aufgeschnappt habe: Nach fest kommt ab – wenn die Schraube überdreht ist, bricht sie.“

Ausklingen lässt er seine „Nachspielzeit“ ebenfalls typisch Reif. Mit einem weiteren Auszug aus seiner „Fanpost“:

„Unter den Arschgeigen bist du die Stradivari.“

Das ist auch nicht nett, aber es ist originell formuliert. Wohl deswegen darf es da unkommentiert stehen. Und müsste Reif es kommentieren, würde er wahrscheinlich sagen:

„Damit kann ich leben.“

 

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