Gegnerblog: „Ich sollte zurück nach Lautern? Davon weiß ich nichts“ – Im Gespräch mit Dimitrij Nazarov

Zwei Mal noch hat der 1. FC Kaiserslautern in dieser Saison Gelegenheit, über die magische 40-Punkte-Marke zu springen. Das erste Mal am Sonntag (15.30 Uhr) beim FC Erzgebirge Aue. Der allerdings ist richtig gut drauf, seit Domenico Tedesco die Mannschaft übernommen hat. Der erst 31-jährige Coach, der von den A-Junioren der TSG Hoffenheim ins Erzgebirge wechselte, ist drauf und dran, der Julian Nagelsmann der Zweiten Liga zu werden. Einer ist unter Tedescos Regie besonders aufgeblüht: Dimitrij Nazarov, ehemaliger Nachwuchsspieler des 1. FC Kaiserslautern. Mit dem FCK-Blogwart unterhielt sich der 27-jährige jedoch nicht nur über seinen Trainer, sondern auch über seinen Werdegang und seine Entwicklung in der Nationalmannschaft von Aserbaidschan.

Dimitrij, vergangenes Wochenende habt ihr nach langer Zeit wieder mal einen Rückschlag erlebt – 0:3 in Stuttgart. Wie habt Ihr das verkraftet vor den beiden entscheidenden Spielen gegen Kaiserslautern und Düsseldorf?

Wir sind immer noch super drauf. Wir wussten, dass das ein Bonus-Spiel ist in Stuttgart. Wir hätten einen perfekten Tag gebraucht, um da was zu holen. Aber wir haben kleine Fehler gemacht, die sofort bestraft wurden. Stuttgart hat nun mal eine besondere Klasse in dieser Liga. Aber wir ärgern uns nicht. Wir haben jetzt noch zwei Spiele gegen direkte Konkurrenten, da gucken wir nach vorne und haben eine breite Brust.

Eure Bilanz mit eurem neuen Trainer Domenico Tedesco bleibt dennoch beeindruckend. Von neun Spielen unter seiner Regie habt ihr fünf gewonnen, nur zwei Mal verloren und zwei Mal Unentschieden gespielt, davor hattet ihr in 23 Spielen nur 17 Punkte geholt. Wie schafft man mitten in der Saison einen solchen Leistungssprung? Was ist das für ein Typ – eher Motivationskünstler oder eher Taktikfuchs?

Die Mischung macht’s. Er ist ein sehr akribischer Trainer, der jedes Detail über den nächsten Gegner herausfiltert und uns über die Woche top einstellt. Vor allem haben wir unsere Heimstärke wieder gefunden, zuletzt vier Mal gewonnen und nur gegen Hannover Unentschieden gespielt. Wir sind zuhause jetzt wieder eine richtige Macht. In unser Stadion passen wegen des laufenden Umbaus zwar nur 10.000 Zuschauer, aber es fühlt sich immer an, als ob 30.000 oder 40.000 da wären. Ein absoluter Hexenkessel.

In diesen neun Spielen unter Tedesco hast allein du sechs Treffer erzielt und zwei Torvorlagen gegeben. Hast du zu dem neuen Trainer einen besonderen Draht – oder setzt er dich anders ein als seine Vorgänger?

Ich spüre einfach sein absolutes Vertrauen. Er hat sofort das Gespräch mit mir gesucht und wir haben uns lange und sehr offen unterhalten. Er hatte schon vor seinem Amtsantritt die letzten Spiele von uns gesehen und mir exakt erklärt, was er von mir will. Wir haben auch unser System ein bisschen umgestellt. Das kommt mir ebenfalls zugute. Ich kann da vorne jetzt sehr variabel agieren und ergänze mich vor allem mit Pascal Köpke sehr gut. Das passt einfach. Als einer der erfahreneren Spieler versuche ich jetzt auch, die junge Mannschaft mit zu führen.

Insgesamt hast du in dieser Saison nun schon neun Tore erzielt. Von den Zahlen mal abgesehen: Würdest du sagen, dass dies deine beste Profisaison ist bisher?

Ich hatte auch in der Spielzeit, als ich es mit Karlsruhe in die Aufstiegsspiele zur Ersten Bundesliga schaffte, ein sehr gutes Jahr. Diese Rückrunde läuft für mich allerdings perfekt. In der Hinrunde war es als Neuzugang zunächst mal etwas schwierig für mich. Der damalige Trainer Pavel Dotchev hatte eher auf die Jungs vertraut, mit denen er aufgestiegen war. Jetzt spüre ich Vertrauen und zahle es zurück. Und die Tore geben natürlich auch Selbstvertrauen.

Du bist in Aserbaidschan geboren, hast in der Jugend erst in Worms, dann in Kaiserslautern Fußball gespielt. Wann und wie bist du denn nach Deutschland gekommen?

Ich war ein Jahr alt, als meine Eltern ihre Heimat verließen. Wir haben zuerst in der Nähe von Kaiserslautern gewohnt, sind dann nach Worms gezogen, wo meine Eltern und meine Geschwister auch heute noch leben. Als Jugendspieler von Worms bin ich dann auch mal gegen den FCK aufgelaufen. Da war ich wohl ganz gut, denn daraufhin hat mich der FCK zu einem seiner Talenttage eingeladen, wo auch diverse Jugendtrainer zuschauten. Die haben mich dann an den Betzenberg geholt und ich habe zehn wunderschöne Jahre dort verbracht. Ich habe sogar meine kaufmännische Ausbildung in der Geschäftsstelle absolviert. Ich kenne den Verein seither in- und auswendig.

2010 bist du aus Kaiserslautern weggegangen, warst anschließend sogar vier Monate vereinslos, bist du dich der Zweiten Mannschaft von Eintracht Frankfurt angeschlossen hast. Was war geschehen?

Das hatte mehrere Gründe. Im Prinzip wollte der FCK mit mir weiterarbeiten. Das aber hat dann nicht geklappt, weil sie lieber Spieler von woanders her holten, die vielleicht einen größeren Namen hatten. Dabei hatten wir damals eine richtig gute Jugend, die sogar um die Deutsche Meisterschaft spielte. Von der wurden außer mir auch noch einige andere Spieler weggeschickt. Kurz: Wir konnten uns auf keinen neuen Vertrag einigen. Ich bin dann nach Frankfurt, was sich ein wenig hinzog. Über Preußen Münster und den Karlsruher SC habe ich es dann aber doch noch ins Profigeschäft geschafft.

Seit 2014 spielst du auch für die Nationalmannschaft von Aserbaidschan. Kein geringerer als Berti Vogts hat dich geholt…

Richtig. Berti Vogts hatte mich in Münster entdeckt. Wir haben uns dann bei ihm zuhause getroffen, hatten ein sehr gutes Gespräch und er hat mich eingeladen, mal mit ihm nach Baku zu fliegen und mir von den Verhältnissen dort ein Bild zu machen. Das hat mir alles sehr gut gefallen. Allerdings hab ich unter Berti Vogts dann nur noch ein paar Mal gespielt, ehe er von Robert Prosinecki abgelöst wurde. Aber er hat viel geleistet für den Fußball in diesem Land. Berti Voigts hat den Grundstein dafür gelegt, dass Aserbaidschan jetzt im Kommen ist. Die Liga wird immer besser und die Nationalmannschaft ist nicht mehr der Underdog, bei dem der Gegner vorm Spiel nur darüber redet, wie hoch er gewinnen will. Wir haben Norwegen geschlagen, gute Ergebnisse gegen Italien und Kroatien erzielt. Und beim 1:4 gegen Deutschland haben wir die beste Mannschaft der Welt zumindest ganz schön geärgert. Ich bin Teil von diesem Gerüst und fühle ich mich in diesem herzlichen Land sehr wohl. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich alle vier bis sechs Wochen rüberfliegen darf.

Am 10. Juni geht’s in der WM-Qualifikation gegen Nordirland. Welche Chancen rechnest du dir da aus?

Das wird ein sehr entscheidendes Spiel. Deutschland ist Gruppenerster, das ist klar. Nordirland hat als Zweiter zehn Punkte, wir haben sieben, und die haben wir uns hart erarbeitet. Wir tragen die Brust raus und in Baku herrscht eine heiße Atmosphäre, das werden auch die Nordiren spüren. Ich bin sicher, dass wir da was holen.

Von deinen Nationalmannschafts-Kollegen spielen auffallend viele noch zuhause in Aserbaidschan. Sind da welche dabei, die auch für Klubs in Westeuropa noch interessant werden können?

Gute Spieler sind da auf jeden Fall dabei. Zurzeit ist es für uns allerdings ein Riesenvorteil, dass die meisten Spieler noch in Aserbaidschan spielen. Die meisten kommen von Qarabag, eine richtig starke Mannschaft, die auch Europa Leaque-Erfahrung hat und vier, fünf Eckpfeiler stellt. Diese Spieler verstehen sich blind. Plus ein paar andere Einheimische und ein paar Legionäre. Das ergibt eine richtig gute Mischung. Und der eine oder andere hätte durchaus auch das Potenzial, in Deutschland zu spielen.

Wir fällt dir da als erster ein?

Maksim Medvedev von Qarabag, ein sehr stabiler rechter Verteidiger. Er könnte in Deutschland Minimum Zweite Liga spielen. Ein richtig guter Spieler. Aber er ist nicht der einzige.

Dein jetziger Nationaltrainer ist der ehemalige Weltklassespieler Robert Prosinecki. Lernst du von ihm auch noch was, oder ist er als Nationaltrainer nicht so dafür zuständig, Spieler auch individuell noch weiter zu verbessern?

Von einem wie Robert kann man immer noch was lernen. Im Training spielt er ab und zu noch den Kreis mit, da sieht man schon, was er drauf hat. Das ist Wahnsinn, was der aus dem Stand für Bälle spielen kann. Auch das Training mit ihm ist sehr vielfältig. Er lässt sich immer was einfallen. Und immer etwas, was Spaß macht und wo der Ball dabei ist. Entsprechend ist seine Spielphilosophie: Er will Ballbesitz, sich nicht verstecken, nicht nur auf Konter lauern, sondern das Spiel bestimmen. Auch als Mensch ist er überragend. Er ruft mich in Aue öfter an, gratuliert mir, wenn wir gewonnen haben, und ein paar Mal haben wir uns auch in Deutschland schon getroffen. Ich kann mich mit ihm übrigens fließend auf Deutsch unterhalten, er ist ja im Schwabenland aufgewachsen.

Letzte Frage: Als dein Vertrag in Karlsruhe im Sommer 2016 auslief, kursierte das Gerücht, das dir auch Kaiserslautern wieder ein Angebot gemacht hat – War da was dran?

Davon weiß ich nichts. Aber das grundsätzlich viel spekuliert wird im Fußball, ist ja normal.

Umso besser, wenn man nachfragt. Vielen Dank für das tolle Gespräch, Dimitrij – und weiterhin alles Gute für dich. Außer am Sonntag.

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