Analyseblog: Zum Abschluss macht der Betze Party – während es in den Katakomben schon wieder rumort

Der 1. FC Kaiserslautern schlägt den 1. FC Nürnberg vor einer imposanten Kulisse von 38.423 Zuschauern 1:0, verhindert so den möglichen Sturz auf Relegationsrang 16 und beschließt die Saison auf Platz 13. Soweit die Fakten. Aber wie wollen wir das nun emotional ausschmücken? Wollen wir allen Ernstes von „Happy End“ sprechen – angesichts eines trotz allem klar verfehlten Saisonziels? Von „versöhnlichem Abschluss“ oder einem „späten Schulterschluss“ zwischen Mannschaft und Fans berichten? Sorry, der FCK-Blogwart sieht’s eher so: 38.423 Zuschauer nutzen diesen 34. Spieltag zu einem eindrucksvollen Bekenntnis zum Fußball-Standort Kaiserslautern, und die Elf von Norbert Meier gibt sich lediglich nicht die Blöße, zum Stimmungskiller zu werden und zeigt eines ihrer besseren Saisonspiele.

Mutigster Lauterer war Trainer Norbert Meier. Er stellt zum letzten Gefecht tatsächlich noch einmal auf drei Positionen um und ändert sogar seine zuletzt etablierte 3-1-4-2-Grundformation. Außer dem wegen zehn Gelber Karten gesperrten Marcel Gaus fallen Tim Heubach und Jaques Zoua aus der Startelf. Für sie kommen Naser Aliji und Robert Glatzel, und mit Nicklas Shipnoski gibt ein 19-Jähriger sein Startdebüt. „Das ist natürlich keine einfache Situation für so einen jungen Mann, in so einem entscheidenden reinzukommen. Aber der Shippi hat mich in der Kabine angelacht, da dachte ich, den bringst du mal“, kommentiert Norbert Meier diesen Schritt später in seiner gewohnt trocken-humorigen Art.

ÜBERRASCHUNG: MORITZ AUF DER ZEHN, HALFAR RÜCKT NACH HINTEN

Formiert wird die Elf in einem 4-2-3-1, das bei gegnerischem Ballbesitz zu einem klar strukturierten 4-4-2 mutiert. Weitere Überraschung: Die Rolle des Zehners, der gegen den Ball gemeinsam mit Spitze Glatzel den ersten Störfaktor fürs Aufbauspiel des Kontrahenten darstellt, übernimmt nicht Kapitän Daniel Halfar, sondern Christoph Moritz. „Er ist ein Spieler, der sehr gerne sehr hoch attackiert und weite Weg geht“, erklärt Meier. „Und Daniel Halfar hat weiter hinten, auf der etwas versetzten Doppelsechs, sehr kämpferisch agiert. Ich glaube, das war nicht ganz verkehrt.“

Die Anlage mit dem offensiven Flügelpärchen Osayamen Osawe/Shipnoski scheint dem FCK-Spiel zunächst guttun, die erste Torchance haben aber die Nürnberger. Nach einem Fehler von Stipe Vucur darf Eduard Löwen halblinks in den Strafraum eindringen und einen unbeholfenen Torschuss anbringen – hätte er in die Mitte gespielt, Cedric Teuchert wäre vollkommen frei gewesen…

UND WIEDER MAL MUSS DER GEGNER HELFEN

Danach kommt Lautern besser ins Spiel. Für den Führungstreffer muss allerdings wieder einmal der Gegner Schützenhilfe leisten. Nachdem schon das 1:1 zuhause gegen Heidenheim und der 1:0-Sieg gegen die Münchner Löwen in den vergangenen Wochen nur durch Eigentore möglich wurden, ist es diesmal FCN-Keeper Thorsten Kirschbaum, der zumindest ein halbes Selbsttor fabriziert, als er eine halbhohe Ecke Halfars ins Netz lenkt. Allerdings versucht auch Osawe später, nach einer Ecke den eigenen Schlussmann zu überwinden, doch Julian Pollersbeck ist auf dem Posten. Ob das die Nerven sind?

Ein paar Minuten später faustet Kirschbaum einen Halfar-Freistoß an die Latte – so torgefährlich hat man den Lauterer Kapitän in dieser Saison noch nicht gesehen. Dazwischen hat Glatzel eine Kopfballchance. Was zeigt: Lauterns Offensivbemühungen sind redlich, werden allerdings immer wieder durch dumme Ballverluste unterbrochen. Besonders mit Osawe ist es das bekannte Kreuz: Stets eine Waffe, wenn er nichts als seine Schnelligkeit ausspielen kann, aber ein Bremsklotz, wenn er gezwungen ist mitzuspielen.

IN HÄLFTE ZWEI GLÄNZT NUR MWENE

In der zweiten Hälfte beschränkt Lautern sich dann darauf, den so wichtigen Sieg über die Zeit zu bringen. Nach ungefähr einer Stunde sind die Nürnberger mehrmals nah am Ausgleich, der FCK übersteht die Phase jedoch mit etwas Glück und Pollersbeck. Für die stärkste Lauterer Offensivaktion sorgt Rechtsverteidiger Philipp Mwene, als er 20 Meter vor dem Tor von seiner Seite nach innen und mit links abzieht. Der technisch saubere Effetschuss dreht sich jedoch am langen Toreck vorbei.

Am Ende steht rauschender Jubel, der reichlich übertrieben wäre, bezöge er sich ausschließlich auf dieses Spiel. Die Pfalz feiert vielmehr den Verbleib in der zweithöchsten deutschen Spielklasse – und vergisst für ein paar Minuten, dass das Saisonziel eigentlich „einstelliger Tabellenplatz“ gelautet hatte.

Verdient ist der Lautrer Erfolg unterm Strich aber, das belegt auch die Statistik, in der die Pfälzer mehr Torschüsse (19:12) und mehr angekommene Zuspiele in der 25-Meter-Zone vorm gegnerischen Tor verzeichnen – und das, obwohl Nürnberg über 60 Prozent Ballbesitz hatte.

Auch in der Aufrechnung der Torchancen nach Qualität – bekanntlich die Spezialität des Statistikblogs „11tegen11“ – haben die Lauterer die Nase vorn:

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Da stehen sich nach 90 Minuten Werte von 1.41 und 0.94 gegenüber. Interessant: Der entscheidende Treffer, Halfars mehr oder weniger direkt verwandelte Ecke, markiert kaum einen nennenswerten Sprung auf der Linie, sein Lattenfreistoß war eigentlich die bessere Chance.

Ebenfalls aufschlussreich ist die Passgrafik:

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Sie berücksichtigt nur die ersten 65 Minuten und dokumentiert einmal mehr die Linkslastigkeit des Lautrer Spiels. Shipnoski und Mwene vermochten sich eigentlich nur durch Einzelaktionen in Szene zu setzen, insbesondere Sechser Robin Koch hatte überhaupt keinen Sinn dafür, es mal über ihre Seite zu probieren.

WAS BLEIBT VON STÖVERS DREIJAHESPLAN?

Während das Publikum draußen Party machte, war die Partie in den Katakomben schnell abgehakt. Wie wird’s in Lautern weitergehen, hieß die Frage, mit der Sportdirektor Uwe Stöver in der Mixed Zone bedrängt wurde.

Stövers Dreijahresplan – diese Saison konsolidieren, nächste Saison weiter aufbauen, übernächste Saison oben angreifen – wirkt schon nach der ersten Etappe obsolet. Der FCK wird tendenziell in der kommenden Saison noch weniger Geld zur Verfügung haben als diese. „Organisch“, das heißt ohne Zusatzeinnahmen durch Transfererlöse, ist nur ein Lizenzspieler-Budget von rund acht Millionen Euro drin – echte Aufstiegskandidaten verfügen in dieser Liga mittlerweile über mehr als das Doppelte.

Ärgerlich ist vor allem, dass zwei Plätze im TV-Gelder-Ranking verloren wurden, an Union Berlin und Greuter Fürth. Dass nicht auch noch St. Pauli vorbeizog, haben die Lautrer den Heidenheimern zu verdanken, die dank ihres Sieges über 1860 München den 6. Tabellenrang eroberten, den die Hamburger dafür benötigt hätten.

Angesichts der knappen Finanzen ist kaum davon auszugehen, dass der von Sporting Lissabon geliehene Abwehrchef Ewerton fest verpflichtet werden kann. „Heute war mein letzter Arbeitstag hier“, gab auch die andere Leihgabe, Sebastian Kerk, zu Protokoll. Er geht nach Freiburg zurück.

DER NÄCHSTE KADERUMBRUCH – IMMERHIN: DREI NEUE STEHEN SCHON FEST

Somit steht wieder ein Kaderumbruch an, so dass von einem kontinuierlichen Weiteraufbau, wie er in einem Dreijahresplan vonnöten wäre, kaum gesprochen werden kann. Dass Marcel Gaus seinen auslaufenden Vertrag noch verlängert, ist nicht sehr wahrscheinlich, auch die Zukunft von Tim Heubach, dessen Kontrakt ebenfalls endet, bleibt offen. Ebenso werden Zoltan Stieber und Jaques Zoua Abwanderungsgelüste nachgesagt. Viel Geld wird mit ihnen allerdings nicht zu verdienen sein.

Der einzige Spieler, der lukrativ verkauft werden könnte, ist Pollersbeck. Und den wird es wohl auch treffen, entsprechende Gerüchte (Wolfsburg?) sind bereits in Umlauf.

Immerhin: Fünf Spieler hat der FCK nach Stövers Angaben bereits neu verpflichtet. Drei davon sind namentlich bereits bekannt – Brandon Borrello (Brisbane Roar/Australien), Gioliano Modica (Dynamo Dresden) sowie Benjamin Kessel (Union Berlin). Die beiden anderen werden in Kürze bekanntgegeben.

Noch nicht recht einordnen lassen sich Gerüchte, dass jetzt doch ein Sportvorstand am Betzenberg etabliert werden soll. Ein erstes Aufkeimen solcher Vermutungen vor ein paar Wochen hatte für einigen Unmut gesorgt, insbesondere bei Sportdirektor Stöver.

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